Legend
textmanual
textsyncope
textmoot
textunknown
textmanual+syncope
textmanual+moot
textsyncope+moot
textmanual+syncope+moot
[View Normalized]
[View Subclasses]

DTA/NER: parthey_msgermqu1711_1828

eval-modemethodtpretrelpr %rc %F %
bytoken moot 2270 5486 2286 41.4 99.3 58.4
syn 1267 3356 2286 37.8 55.4 44.9
syn&moot 1267 3173 2286 39.9 55.4 46.4
syn|moot 2270 5669 2286 40.0 99.3 57.1
bytype moot 927 2221 933 41.8 99.4 58.8
syn 485 1087 938 44.6 51.8 47.9
syn&moot 485 1017 940 47.8 51.7 49.6
syn|moot 925 2285 931 40.5 99.4 57.5
28b G. Partheÿ. EX · LIBRIS · GVSTAVI · PARTHEY ·
acc. ms. 1921. 144
Alexander von Humboldt

Vorlesungen
über
physikalische Geographie.

Novembr. 1827 bis April, 1828.

Nachgeschrieben von G. Partheÿ .
acc. ms.

Physikalische Geographie bei A. v. Humboldt.

1. Vorlesung, 3. November 1827

Als Einleitung in die physikalische Geographie gebe ich eine Übersicht
der Zustände im allgemeinen, in welchen die Materie uns
im Weltraume erscheint, und fange daher mit denjenigen
Körpern an welche in der Lichtbildung begriffen scheinen.
Durch Herschelsche und Frauenhofersche Teleskope bemerkt
man nämlich Nebelflekke, welche einen mehr oder minder
hellen Kern mit einer Lichthülle umgeben zeigen: in dieser
Lichthülle nimt man ein Ab- und Zunehmen der Lichtstärke wahr, eine Ebbe
und Flut; diese mögen zu den primitiven Formazionen, zu
den Uranfängen des Aggregatzustandes gehören. Ihre Entfernung
ist unermeslich: durch die Verfinsterungen der Jupitertrabanten
sind wir im Stande, die Geschwindigkeit des
Lichtes zu berechnen, welches von Rösel zuerst geschah. Olaf Römer, ein Däne

1676 mit dem ältern
Caſsini zu Paris

Das Licht braucht von der Sonne bis zu uns 8 Min. 13 Sek.

von jenen entferntesten Nebelflekken aber 20–30,000 Jahre.
Dies ist alles, was wir von jenen entfernten Weltkörpern
wissen können, wir gehn zu solchen über, welche uns näher
stehn, und in der linsenförmigen Sternschicht selbst liegen,
in der unser Planetensystem sich befindet. Hier finden wir
nun die Doppelsterne, deren man bis jezt 700 entdekt hat:
einige davon drehen sich, wie Bessel gezeigt hat, um einen
gemeinsamen Schwerpunkt, haben sich also noch nicht
selbstständig konstituiren können: man findet deren
3–4 zusammen; ja im Sigma des Orion laufen 16 Sterne
um Einen Schwerpunkt. Auch scheinen hieher diejenigen
zu gehören, welche nur auf der einen Seite leuchten, und
daher in gewissen Perioden der Umdrehung verschwinden und wiederkehren
, wovon wir in der Kassiopeia und sonst Beispiele
finden.

Bei der ungemein grossen Menge von Sternen müssen
wir annehmen, dass die Himmelsräume mit einer lichtschwächenden
Materie angefült sind, die man auch wohl
Aether genant hat: denn sonst würde uns, wie schon Olbers
bewiesen hat, aus allen Theilen des Himmels ein unbegreiflich
scharfes reflektirtes Licht entgegenstrahlen; (ja wir
müssen sogar dem Aether eine Bewegung-schwächende
Kraft beimessen, wie weiter unten gezeigt werden wird.)
Anstatt jenes scharfen Lichtes aber sehn wir am Himmelsraume
eine sehr verschiedene Helligkeit, je nachdem
die Sterne dicht oder dünn vertheilt sind: es kommen
auch mehrere ganz von Sternen entblöste Stellen vor,
wovon ich vor allen die sogenanten Kohlensäkke (von den
Engländern coal-bags genant) anführe: den einen an der
Spize des südlichen Kreuzes, den andern nahe am Südpol,
welche ich beide auf der südlichen Halbkugel beobachtete:
eine andre leere Stelle von 6–8 Graden im Durchmesser
findet sich im Krebs: doch mus ich hiebei eine auffallende
Erscheinung bemerken, dass nämlich die Intensität der
Dunkelheit bei diesen Flekken nicht gleich ist: der im Krebs
ist heller.

Welchen Plaz unser Planetensystem in der linsenförmigen
Sternschicht einnehme, ist nur im allgemeinen zu
bestimmen: nach der neuesten Ansicht steht es dem
Adler am nächsten.

Nach Herschel ist unsre Sternschicht in einer fortwährenden
Bewegung begriffen, und zwar in einer sich nach
allen Seiten hin auflösenden. Unser Sonnensystem bewegt
sich gegen das λ im Herkules.

Über die Kometen hat sich neuerlich die Meinung der
Astronomen sehr geändert, jener Gedanke, dass sie ein
Planetensystem mit dem andern verbinden, ist ganz verschwunden
: man nimt jezt an, dass keine ihrer Bahnen
über den Uranus, ja nicht einmal über den Saturn hinaus
gehe.
Beschränken wir uns nun zuerst auf unser Planetensystem,

so werden wir alle Planeten in 2 Klassen theilen können:
in innere und äussere, d. h. solche, welche innerhalb und
ausserhalb der Bahnen der Ceres, Vesta, Pallas & Juno liegen,
diese 4, welche wir kleine Planeten nennen, sind alle zusammen
nicht so gros als unser Mond, ja die Vesta als der
kleinste, hat eine Oberfläche von 10,000 Quadratmeilen, also weniger
als der preussische Staat. Die 4 innern Planeten, Merkur,
Venus, Erde, Mars haben eine grössere Dichtigkeit: nämlich:

Merkur Venus Erde Mars

Platin Gold Magneteisenstein

sie sind auch deshalb, weil sich ihre Masse mehr konzentrirte,
mondarm, und haben alle zusammen nur einen Mond.

Die 4 äussern sind weit weniger dicht:

und sehr abgeplattet.

Pallas pp. Jupiter, Saturn, Uranus

Bernstein. Naphta Wasser.

Wir haben hier eine Menge von Satelliten,
und die Erscheinung eines Ringes, welcher nichts anderes
ist, als eine Menge knotenförmig verwachsener Trabanten.

Man hat bis jezt von solchen Kometen, welche zwischen
der Erde und der Sonne durchgehn, 400 beobachtet,
rechnen wir aber alle dazu, welche ausserhalb der Erde
ihre Bahnen ziehn, so kann ihre Zahl leicht auf einige
100,000 gesteigert werden, welche alle zu unserm Planetensysteme
gehören.

Die wichtigste Entdekkung in dieser Hinsicht machte vor
wenigen Jahren unser Astronom Encke: er fand, dass ein
Komet in Jahren um die Sonne läuft, bei seinem lezten
Erscheinen hatte er ihn genau vorhergesagt, und man entdekte
ihn auch zuerst in NeuHolland in Paramatta,
fand aber, dass er sich ein wenig verspätet hatte, und
dies führte auf die Bewegung-hemmende Eigenschaft des
Aethers, welche oben erwähnt wurde.

Der Hauptmann Biela fand einen 2ten Kometen, welcher
in Jahren herumläuft, und ausser diesen sind uns noch 2
bekant, welche regelmässig wiederkehren.

Die Abplattung der Erde an den Polen ist bedeutender, als
man früher glaubte, man nahm sie sonst zu 1/305–1/310 an:
jezt weis man, dass sie zwischen 1/289–1/290 liegt. Die spezifische
Dichtigkeit der Erde ist , wie Kavendish zuerst
zeigte, von dem man daher mit Recht sagte, er habe die Erde gewogen.

Die nach dem innern der Erde zunehmende Temperatur
macht es höchst wahrscheinlich, dass die Erde in einer noch unbestimmten
Tiefe flüssig sei: diese Flüssigkeit steht ihrer Dichtigkeit
gar nicht entgegen, eben so wenig als bei den Kometen

ihre Leichtigkeit es hindert, dass die obern Schichten der sie umgebenden

Hülle auf die untern drükken, und dennoch kann
man durch den Kern mancher Kometen Fixsterne der 6–7ten
Grösse erkennen, ja ihre Dunsthülle übertrift alles bei weitem
an Dünnigkeit, was wir von gasförmigen Körpern auf der Erde
kennen: sie sind mehrere 1000 mal weniger dicht als die Erde.
Wir müssen unsre Erde in einer fortdauernder elektro-magnetischen

Spannung annehmen, und es ist sehr wahrscheinlich
, dass diese Spannung durch die Sonnenwärme erhalten
wird, wie dies aus der schönen Entdekkung Seebeck’s vom
Thermomagnetismus und den Beobachtungen der gelehrten
Engländerin, Lady Sommerville über die Eigenschaften
der Sonnenstrahlen hervorgeht.

2. Vorlesung, 7. November 1827

Nachträglich zur ersten Vorlesung:

Im Weltenraume nehmen wir die Materie in 2erlei Gestalt wahr:

1, zu Weltkörpern geballt,

2, als Dunstmasse dazwischen verbreitet.

Die Weltkörper liegen schichtenweis übereinander, und unser Planetensystem
liegt in einer linsenförmigen Sternschicht.

Ein Theil der Nebelflekke läst sich durch starke Fernröhre in Sterne auflösen,
ein andrer bleibt selbst vor dem 40-füssigen Herschelschen Teleskop
unaufgelöst als Nebel: der grosse Nebelflek im Orion,
welcher auch dem blossen Auge sichtbar ist, bleibt stets
unauflösbar, und doch steht er uns höchst wahrscheinlich
näher, als mancher andre auflösbare.
Bei den Doppelsternen ist zu bemerken, dass diejenigen, welche

sich um die andern bewegen, meist ein buntes gefärbtes,
vielleicht verlöschendes Licht haben, und dass ihre Bewegung
von Osten nach Westen ist, im Gegensaze unseres Systemes,
wo alle Bewegung von Westen nach Osten fortrükt.

Unser System besteht aus einem Zentralkörper, um
welchen sich 11 Hauptplaneten und 18 Nebenplaneten bewegen,
der Zentralkörper ist von so ungeheurer Grösse, dass unser
Mond fast 2-mal darin seinen Umlauf um die Erde vollenden
könte.

Die 4 kleinen Planeten, Vesta, Ceres, Pallas und Juno
heissen auch Asteroïden, und obgleich sie wegen der
Unregelmässigkeit ihrer Bahnen,

den Übergang
zu den Kometen zu bilden scheinen, so ist man doch jezt algemein

überzeugt, dass Kometen nie in Planeten und
umgekehrt sich verwandeln können.
Der Komet des Hauptmanns Biela (in Böhmen) könte

uns allerdings gefährlich werden, da man berechnet hat,
dass einer seiner Knoten wirklich in der Erdbahn liegt,
indessen kann uns die grosse Leichtigkeit dieser Weltkörper
von aller Besorgnis befreien: denn man hat nachgewiesen
, dass einer derselben durch das Trabantensystem
des Jupiter gegangen ist, ohne dasselbe im mindesten
in Unordnung zu bringen. Die Dichtigkeit der Kometen
beträgt 1/5000 von der Dichtigkeit der Erde: sie
sind also noch weit dünner, als die dünste Luft, welche
wir unter der Luftpumpe hervorbringen können.

Bei der Dichtigkeit der äussern Planeten ist zu bemerken
, dass der Uranus etwas dichter ist als der
Saturn: nämlich wie Wasser zu Naphta.

Der dem Saturn am nächsten laufende Mond ist
kleiner als Vesta, mithin der kleinste planetarische
Körper, den wir kennen.

Bei allen Messungen im Weltraume ist es weit interessanter
, die Grössen und Zahlen in ihrer relativen Ausdehnung
zu kennen, als in ihrer absoluten: grade wie bei
den Berghöhen. Die Schneekoppe ist ½ mal so hoch als
der höchste Gipfel der Pyrenaeen: der Pik von Teneriffa
½ von der Spize des Himalaya; der Brokken des
Schimboraço. So wird auch eine vergleichende Berechnung
von der Grösse des Weltraumes, wie sie Herschel anstelte,
hier an ihrer Stelle sein. Man seze den Durchmesser
unser Sonnensystems mit den äussersten Kometenbahnen
= 1 Linie; so wird die grössere Axe unsrer
linsenförmigen Sternschicht = 260 Fus gleich sein;
und von uns bis zum fernsten Nebelflek = 4⅓ geogr. Meile.
Die Sehweite des bewafneten Auges ist also 4⅓ Meile, die
des unbewafneten im gleichen Verhältnis 3 Fus.

Man hat Infusorien beobachtet, deren Durchmesser 1/1000
Linie beträgt: diese verhalten sich zu einem Wallfisch von
60–70 Fus Länge, wie der Durchmesser unseres Sonnensystemes zu
der Entfernung desselben von den weitesten Nebelflekken.

Bei allen diesen Berechnungen ist natürlich eine Ungewisheit
vorhanden, welche aber dadurch verringert wird, dass man sie in
ganz bestimte Gränzen einschliessen kann, so kann man mit
Bestimtheit behaupten, das der Sirius 10,000 mal weiter als
Uranus steht, weil seine Parallaxe noch nicht eine Sekunde beträgt
. Bei der Entfernung des Mondes von 51,000 Meilen ist
man nur um 14–15 Meilen ungewis, welches so viel heist, als ob
man bei der Höhe des Brokkens von 3200 um 1–2 ungewis wäre.

Über die geologische Beschaffenheit der Weltkörper hat man
geglaubt, durch die Aerolithen Aufschlus zu erhalten, welche aus
sehr entfernten Gegenden zu kommen scheinen: ohne sonderlichen
Erfolg.

Wenn wir nun zu den tellurischen Verhältnissen übergehn, so
müssen wir zuerst 2 flüssige Hüllen um den Erdkörper bemerken,
die des Meeres und der Luft, wodurch man schon auf die Kugelgestalt
der Erde geführt werden könte. Schon Aristoteles (de coelo)
stelt die Behauptung auf, dass die Erde rund sei, weil man bei
den Mondfinsternissen den Erdschatten rund in die Mondscheibe
eintreten sieht. Aus der Mondbahn selbst hat man auf die Abplattung
der Erde an den Polen geschlossen. Nach Freycinet’s
lezten sehr genauen Messungen ist es erwiesen, dass die Erde am
Südpol nicht mehr abgeplattet ist als am Nordpol, wie
man früher glaubte.

Die Attrakzion der Berge, nach der man in verschiedenen
Gegenden die Schwere der Erde gemessen hat, gab verschiedene
Resultate: in Schottland, 4,7 schwerer als Wasser; am Montcenis
, 4,4. durch Kavendish Erdwage 5,4. nehmen wir aus
allen diesen Angaben das Mittel, so erhalten wir 4,5–5,0:
wir müssen also annehmen, dass im Innern der Erde eine
grössere Dichtigkeit herscht, als wir in den dichtesten Gebirgsarten
antreffen, der Basalt hat nur 3,5 spezifische Schwere. Auch
die Stabilität des Meeres, d. h. die Sicherheit, welche wir haben,
dass es nicht seine Ufer übertritt, ist nur auf der nach innen
zunehmenden Dichtigkeit der Schichten begründet.

Die magnetische Spannung der Erde äussert sich horizontal
und vertikal, oft auch oscillirend, und wird durch die innere
und äussere Erwärmung vermehrt. Die Versuche von
Morecchini in Rom und von Miss Sommerville haben bewiesen,
dass man unmagnetisches Eisen durch Sonnenstrahlen magnetisiren
kann: doch gelingen diese Versuche sehr selten.

Die relative Tiefe der Bergwerke ist zwar sehr verschieden,
doch ist man bis jezt nur auf 900 unter der Oberfläche
des Meeres vorgedrungen.

Eine konstante Erscheinung ist es, dass die tiefer heraufkommenden
Quellen immer die wärmeren sind, wodurch
es um so wahrscheinlicher gemacht wird, dass der Erdkörper
bei wenigen Meilen Tiefe sich im geschmolzenen Zustande
befindet, doch werden die Schichten durch den Druck
gehalten.

Die vulkanischen Erscheinungen sind von 2erlei Art:

1, bleibende, welche als ein Zusammenhang zwischen dem
innern geschmolzenen Kerne des Erdkörpers und der Atmosphäre
zu betrachten sind.

2, temporäre: dahin gehören Erupzionen, Inselbildungen, wie
Zabrina, Methana. Monte nuovo. Ischia. pp. Den Ausbruch
von Chorydo in Mexiko 1759 beobachtete ich selbst sehr genau.

Wenn wir mithin annehmen müssen, dass die Erdoberfläche
früher eine weit grössere Wärme gehabt, so erklärt sich hieraus
sehr leicht das Vorkommen der tropischen Produkte in
den nördlichsten Gegenden; und wir können es ohne Bedenken
aussprechen, dass unsre Erde sich früher in einem chaotischen
Sonnenzustande befunden haben müsse: darauf ging
jene Oxydazion vor sich, die wir noch jezt an der Kruste wahrnehmen
, nachdem aber diese einmal geschehn ist, so schüzt sie
den innern glühenden Kern vor Erkältung, indem sie selbst
vom Zentrum aus gleichmässig erwärmt wird. Fourier hat berechnet
, dass die Temperatur in 1000 Jahren kaum um ½ Grad
Reaumur fallen wird.

Die bleibenden Vulkane bilden Gebirgketten eines körnigen
Gesteins, welches früher fest gewesen ist: in ihrer Nähe
erkennen wir einen Übergang zwischen alten und neuen
Gebirgsarten.

Steigen wir von oben nach unten hinab, so finden wir

1, einen aufgeschwemten Boden mit Thierknochen, die einem
riesenartigen Geschlechte angehören.

2, Kalkstein und Sandstein, ebenfals mit Thierknochen.

3, Thonschiefer, schwarzen Kalkstein, Grauwakke, pp. mit wenigen
Spuren von Organisazion.

4, die 4 körnigen ältesten Gebirgsarten. Granit, Gneus,
Glimmerschiefer, Syenit, mit diesen vermengt: Serpentin,
Trachyt, Porphyr, Basalt, Dolerit.

Dolomit

Steigen wir von unten herauf: so finden wir am tiefsten
im Thonschiefer die ersten Vegetabilien, höher hinauf auch Konchylien
, nicht anders als ob die Natur auch hier von den
unvolkommen zu volkomneren Geschöpfen fortgeschritten
wäre. Im Ganzen aber nehmen wir 2 grosse Zerstörungen
von Wäldern wahr. Die ersten Wälder bestanden aus Monokotyledonen
und dem Material der Steinkohlen, die 2ten
aus Dikotyledonen, wie wir sie in unsern Gegenden haben.
Bei den Versteinerungen finden sich überall Palmen und tropenartige
Farrenkräuter: man hat berechnet, dass bei jener
früheren Vegetazion fast gar keine Dikotyledonen vorgekommen
sind: während jezt die Palmen nur 1/30 der ganzen
Pflanzenwelt ausmachen.

3. Vorlesung, 10. November 1827

Den grösten Theil meines Lebens habe ich dem Studium
der Geognosie, Meteorologie und Pflanzengeographie gewidmet
, ich darf daher wohl hoffen, in diesen Theilen der Wissenschaft
Ihnen ein deutliches Bild davon aufzustellen.
Wir müssen vor allem auf eine chemische und mechanische

Heterogeneïtät in den Bestandtheilen der Erde aufmerksam
machen: hienach wird darzustellen sein, wie die konstanten
Assoziazionen der Gesteine eine Gebirgsart bilden,
welche man mit derselben Mischung in allen Theilen
der Erde wiederfindet. Die Gebirgsarten bilden Gruppen,
welche man Formazionen nent: es ist Werner’s unsterbliches
Verdienst, zuerst auf die Bildung der Formazionen
aufmerksam gemacht zu haben, so finden
sich z. B. immer beisammen:
und dies nent man geognostische Reihen.

Granit, Gneus, Glimmerschiefer,

Basalt, Mandelstein,

Steinkohle, Quarzporphyr, Sandstein.

Die Geognosie ist nichts anderes als die wissenschaftliche
Betrachtung dieser Reihen von Gebirgsarten,
welche man entweder arithmetische oder periodische
nennen könte, je nachdem die einzelnen Gebirgsarten
sich ein- oder mehreremale hintereinander finden.

Es ist ein Triumph der Bergwissenschaft, dass durch
Betrachtung dieser Reihen an manchen Stellen die
Entdekkung des so unentbehrlichen Steinsalzes herbeigeführt
worden ist.

In Hinsicht auf ihre äussere Gestaltung theilt
man die Gebirgsarten in 3 Klassen ein:

1, plattenförmige. z. B. Kalkstein mit Versteinerungen
, und Süswasserthieren; ferner die terziären
Bildungen, mit welchem Namen man diejenigen Flözgebirge
bezeichnet, welche über der Kreide liegen.

2, fragmentarische, wohin der Sandstein gehört.

3, körnige, wie karrarischer Marmor, Granit,
Trachyt, (woraus der Chimboraço besteht) Porphyr.

Bemerkt mus es werden, dass die Flözgebirge an manchen
Stellen ganz fehlen, z. B. in dem ganzen Theile von
Nordamerika, welchen Captain Franklin neuerlich durchwandert
hat: auch in jenen Gegenden am Orinoco, welche
ich in grosser Ausdehnung durchzogen habe.

Das Organische in diesen Gesteinen hat sich nicht
immer gleichmässig ausbilden können, doch bemerken
wir hier ganz unzweifelhaft im Fortschreiten der
Formazionen von unten herauf, von den Gräsern,
Trilobyten, zu den Eidexen, welche mit unsern Krokodillen
Ähnlichkeit haben, bis zu den Vögeln und
Säugethieren hinauf.

Bei den beiden Schichten untergegangener Wälder
mus hier erinnert werden, dass die tiefere Schicht
zwischen den Flöz- und Übergangsgebirgen liegt, und das
unbekante Material zu den Steinkohlen geliefert hat,
das aber ohne Zweifel aus Monokotyledonen bestand.
die 2te höhere Schicht liegt zwischen den terziären Bildungen
und den Flözgebirgen, und hier finden sich unter
den Dikotyledonen die meisten unsrer Waldbäume. Beide
Schichten bilden, so zu sagen, grosse geognostische Horizonte
, nach denen sich der Forscher in allen Himmelstrichen
sogleich orientiren, und die relative Stellung
der vorgefundenen Gebirgsarten zu einander bestimmen
kann. Man kann sich dieselben als isochronisch
in den entferntesten Weltgegenden entstanden
denken.

Früher glaubte man, dass die einzelnen Gebirgsarten
durch gewisse Menstrua im Wasser aufgelöst enthalten
gewesen, und aus demselben durch Niederschlag
abgesezt worden: man sprach von Granitwasser, Gneuswasser
, und hatte, um es grade heraus zu sagen, sehr
unchemische Ideen über ihre Entstehung gefast,
wovon man jezt zurükgekommen ist: denn nicht überall
finden sich Auflagerungen, sondern vielmehr Anlagerungen
der Gesteine. Granit liegt oft höher als die
andern Gebirgsarten, oft findet man ihn
auf gleicher Höhe mit denselben.

Es ist jezt keine Frage mehr, dass im Innern der
Erde viele brennbare Stoffe existiren, welche in
Verbindung mit den komprimirten glühenden Dämpfen
die Erdbeben herbeiführen. Wie wäre es sonst
zu erklären, dass zu derselben Zeit, ja in derselben Stunde wo Lissabon durch
ein Erdbeben unterging, das Meer an den Antillen
weit über seine Ufer hinausgetrieben wurde, und in
Böhmen (ein durchaus konstatirtes Faktum) mehrere
Heilquellen momentan versiegt sind.

Die jezige Erdrinde ist durch Säuren oxydirt worden,
welche sich in der Luft befinden: wenn man eine kleine
Kugel von Potassium in der Luft aufhängt, so wird sie
sogleich ihren Glanz verlieren, indem ihre Oberfläche
durch den Sauerstof der Athmosphäre oxydirt wird.
Wahrscheinlich ist es, dass die körnigen Gebirgsarten
das erste Produkt dieser Oxydazion gewesen sind: wo
wir daher den Granit auf den Höhen finden, da müssen
wir annehmen, dass er dorthin gehoben sei. Auf
den geognostischen Karten sehn wir, dass Granit, Gneus,
Glimmerschiefer sich in grossen elliptischen Formen
über die andern erheben, wie dies sehr auffallend in den
Gebirgen von Kornwall stattfindet: ja man findet
die Spalten der neueren Formazionen mit Granit gefült, welches
sich nur durch Heraufhebung erklären läst, wenn
man nicht ein sonderbares echinus-artiges Aussehn
der Erdoberfläche annehmen will. Der Granit hängt oft
über, ja im südlichen Tyrol liegt Granit auf Kalkstein
auf, und hat eine Penumbra von mehreren 100 Fus
schwarzen Kalksteins gebildet. Diese Verwandlung
läst sich in manchen Fällen auch durch die Kunst
hervorbringen: Hall in England hat gewöhnlichen
Kalkstein in karrarischen Marmor verwandelt, indem
er ihn unter einem ungeheuren Drukke geschmolzen.
Im südlichen Tyrol hat man mitten in Kalkschichten
schöne schwarze Augitkrystalle entdekt, welche zugleich
Thonschiefer und Grauwakke in die Höhe gehoben
haben. Wenn wir also auf den höchsten Gebirgen
Konchylien finden, so sind diese durch Hebung, keinesweges
aber durch Niederschlag aus dem Wasser (wie man
früher annahm) dahingekommen: so fand man auf den
Liparischen Inseln Meerespflanzen im Tuff der Vulkane.
Alles dies, man kan es jezt ohne Zandern ausprechen,
geschah durch die Gewalt elastischer Dämpfe, welche
auch vielleicht bei der Erzeugung der Metalle, wovon
wir alle Gebirgsarten durchzogen finden, mitgewirkt
haben.

Die gänzliche Revoluzion in den geognostischen Ideen
ist von dieser Stadt selbst ausgegangen: wir verdanken
sie dem Herrn Leopold v. Buch, dem verdienstvolsten
Geognosten, der alle Klimaten der Erde, von dem tropischen
Himmel der kanarischen Inseln bis zu den
nördlichsten Gegenden unsrer Zone mit gleichem rastlosen
Eifer durchforscht hat.

Die zweite Stelle nimt die höchst wichtige Entdekkung
ein, dass man mehrere Gesteine, wie Glimmer, Pyroxen pp.
künstlich darstellen könne: dies geschah durch einen
unsrer ersten Krystallographen, Herrn Mitscherlich,
welcher diese Produkte in den Hochöfen erhalten hat.

Die Athmosphäre, welche unsern Erdball umgiebt,
besteht aus Sauerstoff, Stikstof und einem unbedeutenden
Theile Kohlenstof. Die Quantität Sauerstof
scheint auf allen Höhen dieselbe zu sein, wie dies
durch vielfältige Versuche erhärtet worden ist: ich
holte Luft aus einer Höhe von 15000, noch höher kam

Herr Gay Lussac mit einem Luftballon; überall aber

fand man dieselbe Menge Sauerstof.

Wir müssen uns denken, dass unser Luftmeer nach
oben zu Wellen schlägt, und daher erklärt sich die
Veränderung des Barometers im Grossen: ausser dieser
hat man aber noch 2 Ebben und Fluten bemerkt,
welche täglich wiederkehren: der erste höchste Stand
ist von 9–9¼ früh, der 2te um 11 Uhr Abends: diese
Oszillation wird von Stürmen nicht unterbrochen, und
steht auch nicht, wie die Meeresflut, mit dem Monde
in Verbindung: eben so wenig hat die Wärme Einflus darauf
, noch die Verhältnisse von Zenith und Nadir.
In den Tropenländern habe ich diesen Beobachtungen nur
wenige Tage gewidmet, in Deutschland braucht man
kaum 20 Tage, um die Mittelzalen in den Stunden zu
finden.

Nicht minder als dies verdient die Quantität des
Regens, welcher in den verschiedenen Zonen fällt, unsre
Aufmerksamkeit. Man hat berechnet, dass unter den
Tropen jährlich 120 Zoll Regen fallen, bei uns nur 15
und im südlichen England, wo es im Verhältnis sehr
viel regnet, 30–35.

Eine nicht minder wichtige Wissenschaft ist die Klimatologie
, wobei ich hier nur im allgemeinen bemerke, dass
das Klima nicht blos von dem mehr oder minder schrägen
Auffallen der Sonnenstralen abhängig ist, sondern vorzüglich
durch die Wechselverhältnisse zwischen Meer und Land
bestimt werde.

Die starren Theile sind vorzugsweise wärmeerzeugend.
Alle westlichen Küsten unter gleichen Breiten sind
wärmer als die östlichen, und man bemerkt einen auffallenden
Wärmeunterschied zwischen Europa, Nordamerika
und China.

Europa verdankt sein gemässigtes Klima nur dem
Umstande, dass es 1, nichts ist als die West-Küste des

grossen alten Kontinentes

2, dass ihm im Süden ein grosser Kontinent, Afrika
liegt: (so ist Asien kälter, da ihm dieser Kontinent
fehlt, die Südwinde sind daselbst kälter, weil die Sonnenstralen
auf dem Wasser nicht so erwärmt werden
als auf d. Lande.)
3, dass es nicht ganz gegen den Nordpol hinaufreicht,

sondern dass zwischen ihm und dem Nordpol ein eisfreies
Meer sich befindet (welches wieder in Amerika und Asien
fehlt) daher sind die Nordwinde in Europa nicht so kalt
als in jenen Erdtheilen, weil sie nicht über einen eisigen
Kontinent, sondern über ein eisfreies Meer kommen

4, ausserdem gehn auch noch in diesem eisfreien
Meere südliche Strömungen an den Küsten von Skandinavien
aufwärts.

4. Vorlesung, 14. November 1827

Allerdings ist der Einfallswinkel der Sonnenstralen bei der
Klimalehre von grosser Wichtigkeit, doch ist er es nicht allein,
der die Temperatur eines Landes bestimt: je grösser dieser Winkel
wird, um desto geringer ist der Unterschied, den er auf Wärme
und Kälte hervorbringt: von 60–90° ist fast gar keine Verschiedenheit:
daher haben die Länder unter dem Aequator bis 15° drüber und
drunter fast ganz dasselbe Klima.

Im Ganzen hat der Ozean eine wärmere Temperatur, an
seiner Oberfläche, als in der Tiefe. 1, weil nur die durchscheinenden
Theile sich leicht erwärmen 2, weil die kälteren Theile
zu Boden sinken, die wärmeren aber aufsteigen. Wir müssen
im Meere dreierlei Temperaturen annehmen.

1, von oben nach unten nimmt sie überall auf gleiche
Weise ab, und in den Tiefen der Aequatorialmeere herrscht eine
Polarkälte.

2, schon Franklin machte die Beobachtung, dass auf den
Untiefen das Wasser kälter sei, als ringsumher: man könte
also mit dem Thermometer die Gefahr erraten: ich erkläre diese
Kälte aus einer Mischung der obern und untern Schichten,
welche durch die unter dem Wasser befindlichen Spizen von
Inseln (nichts anderes sind die Untiefen) aus ihrem Gleichgewichte
gebracht werden.

3, die Temperatur der Strömungen, deren es im Wasser
wie in der Luft giebt, ist gleichfals von der allgemeinen
unterschieden: ich erinre hier nur an den Golfstrom, der an
der östlichen Küste von Südamerika in die Höhe steigend,
durch die Bocca del Dragone schiest, dann in dem Meerbusen
von Mexiko einen grossen Wirbel beschreibt, durch
die Bahama-strasse wieder herausfliest, und nun sich gegen
die Küste von Irland wendet. Daher findet man nicht
selten Tropenprodukte an die Küste von Schottland getrieben,
und zwar ist dieses seit den ältesten Zeiten der Fall. Vor einem
halben Jahrtausend, wurde Amerika durch Kolumbus entdekt
, vor einem Jahrtausend durch die Normannen, aber
ein noch älteres Faktum hat uns Corn. Nepos in einer seiner
Biographien aufgezeichnet, wo es heist, dass ein keltischer
König Inder erlangt habe, die durch Schifbruch an seine Küste
verschlagen worden. Ohne Zweifel waren dies Eskimaux: denn
unter Indern verstanden die Alten alle Völker von dunkler
Hautfarbe: an Ost-indier ist in diesem Falle ohnehin nicht
zu denken. Auch noch im Mittelalter ist ein lebender Eskimaux
in seinem Boote in Schottland angekommen, und das
Boot wird noch jezt in der uralten Kirche eines kleinen Städtchens
aufbewahrt.

Wir gehn nun zur Betrachtung der organischen Theile unseres
Erdbodens über, und müssen hier zuerst anführen, dass über
das Aufkeimen der organischen Materie, wie über alle Anfänge
der geschaffenen Welt, eine grosse Ungewisheit herrscht.
Unendlich viel Versuche hat man über die sogenante Priestleysche
Materie, die Oszillatorien, Lamelliten, Infusorien pp. angestellt,
und es hat noch nicht einmal bestimt werden können, ob
diese Uranfänge sich in eine vegetabilische und animalische
Masse scheiden lassen, oder ob die animalische durch eine grosse
Anhäufung von vegetabilischer entstehe. Dies ist der schwierigste
Theil der Naturgeschichte, weil er nur auf mikroskopischen
Untersuchungen beruht, wobei der Übelstand
eintrit, dass der eine etwas ganz anderes sieht, als der andre,
und dass Laien fast gar nichts von dem sehn, was den Adepten
deutlich ist: indessen können wir hier unbedingt den Männern
trauen, die sich so lange mit diesen Gegenständen beschäftigt
haben. Bory de St Vincent hat in neuster
Zeit der gröste Verdienst, und Latreille hat in seiner
Naturgeschichte diese mikroskopischen Thiere als ein
4tes Naturreich aufgenommen.

Man glaubte früher, dass zur Hervorbringung jedes
animalischen Lebens Licht erforderlich sei. Lavoisier
erklärte daher auf eine geistreiche Art die Fabel des
Prometheus, welche nur den Saz ausspricht; dass das Feuer
organische Stoffe hervorruft. Man hat sich indessen in
der neusten Zeit überzeugt, dass auch ohne Licht ein organisches
Dasein Statt finden kann: die organischen Stoffe
gehn tiefer als all’ unser Bergbau: beim Sprengen ist
man auf unterirdische Höhlen gestossen, in welche durchaus
kein Licht dringen konte, und die dennoch einige Flechten
beherbergten; in der Tiefe des Meeres, wohin fast so wenig
ein Lichtstral dringt als in die Bergwerke, existiren
grüne Vegetabilien:

ein Gegenstand, mit dem ich mich in meiner frühsten Jugend beschäftigte.

ich schöpfte in den antillischen Meeren
aus einer sehr beträchtlichen Tiefe eine Art von grünem
Fucus. Man kent bis jezt 1000 Species von Eingeweidewürmern
, welche zwar in einer sehr gleichmässigen
Temperatur, aber durchaus ohne Licht leben; in dem neusten
Werke von Rudolphi über die Thierklasse finden wir die
höchst wichtige Entdeckung ausgesprochen, dass in denselben
Organen derselben Thierklasse unter ganz verschiedenen
Himmelstrichen sich dieselben Würmer finden, z. B.
in den Eingeweiden des europäischen Rehes und der afrikanischen
Gazelle.

Kehren wir nun zu den Pflanzenanfängen in’s besondere
zurük, so müssen wir zuerst auf den rothen
Schnee des Polareises aufmerksam machen, welcher aus
jenen nördlichen Regionen zu uns gebracht, mehrere
Jahre in England ausgehalten hat. Man fand, dass die
rothe Farbe von nichts anderem herrühre, als von kleinen
organischen Körnern: anfangs nante man sie:
Uredo nivalis, später gab ihr der grosse Brown den
Namen: Tremella nivea: dieser Pilz vegetirt tief unter
dem Gefrierpunkt, und ist fast immer von Schnee eingeschlossen
; man entdekte nun auch ähnliche Bildungen
an andern Orten in England und Frankreich, und eine
andre Art, von Usneen welche sich in Quellen von 60–68° Reaumur
Hize aufhält. Es giebt kaum einen grösseren Kontrast,
als zwischen diesen mikroskopischen Gegenständen, als
den Anfängen der vegetabilen und animalen Natur, und
den Riesenprodukten der heissen Zone, unter denen sich
die Palmen der Tropenländern von 280–300 Höhe auszeichnen
, welche also den meisten unsrer europäischen Kirchthürme
an Höhe gleichkommen. Ganz ungeheure Exemplare
fand Douglas am Rio Columbia und ich selbst am Orénoco. Doch
auch das nördliche Deutschland hat unter seinen Eichen
und Buchen Produkte von einer sehr bedeutenden Grösse aufzuweisen
.

Bei der Vertheilung der Pflanzen ist nichts bewundernswürdiger
, als die grosse Einheit der Natur, welche
auch hier nach so bestimten Gesezen verfahren ist,
dass man sogar ihre Operazionen der Rechnung hat unterwerfen
können, eine so grosse Übereinstimmung
herscht in der Verbreitung der einzelnen Spezies. Es ist
hinlänglich, in einer bestimten Gegend die Zahl der Arten
einer bestimten Gattung zu kennen, um daraus die überraschendsten
Resultate zu ziehn: indem man nämlich jene
Zahl mit bestimten Quozienten multiplizirt, erhält man
sehr genau nicht nur die Anzahl der Spezies der andern
Gattungen, sondern auch die Zahl der Arten überhaupt, welche
in jener Gegend vorkommen. Noch ist hiebei die auffallende
Erscheinung zu bemerken, dass diese numerischen Verhältnisse
sich keinesweges nach der Zahl der einzelnen Pflanzenindividuen
richten, sondern nach den Formen im allgemeinen.

Zur Karakteristik der Pflanzen gehört es ferner, dass
sie nicht alle über den Erdball gleichmässig vertheilt
sind, sondern dass jeder Form ihr bestimter Wohnplaz
angewiesen ist: gewisse Familien könte man nordische,
andre wieder tropische nennen, wobei jedoch nicht zu
verkennen ist, dass die Gränzen nirgend scharf
gezogen, sondern sehr in einander übergehend sind. Die
Euphorbiaceen und Malvaceen nehmen nach dem Norden
zu ab, die Ericeen und andre werden nach dem Süden
zu seltener. Auch in Hinsicht auf die Längengrade
herscht eine grosse Verschiedenheit in den verschiedenen
Welttheilen: die Vegetazion von Nordamerika ist von
der europäischen ganz verschieden; man hat versucht,
in dieser Hinsicht gewisse Formenlinien zu ziehn, welche
diesen Unterschied angeben sollen. Zu den seltnern Formen
in Nordamerika gehören die Labiaten und Cruciferen,
die sich wieder bei uns in grosser Menge finden.

Es läst sich berechnen, dass die Masse der beschriebenen
und bekanten Pflanzen sich auf 60,000 Spezies beläuft.

Von der grösseren Menge, welche auf dem ganzen Erdboden

sich befindet, läst sich nicht einmal eine Schäzung
machen. Das gröste Herbarium auf der Welt hat Herr
Lambert in England zusammengebracht, und in diesem
finden sich allein 30,000 Phanerogamen. Das ganze Reich
der Vegetabilien läst sich nicht in einzelne grosse Klassen
theilen: denn die Natur kent dieselben nicht, und
hat die feinsten Übergänge von einer in die andre: man
hat daher in neuer Zeit mit grossem Rechte angefangen
, diese gewaltige Masse von Gewächsen in kleinere
Gruppen, in natürliche Familien zu theilen, bei denen es
zwar auch schwer, aber doch eher möglich ist, die gemeinschaftlichen
Kennzeichen zu bestimmen und festzuhalten.

Bei dem Pflanzenleben im grossen drängen sich uns
einige interessante Betrachtungen auf: einige Pflanzen
leben vereinzelt, andre gesellig: einen grossen Unterschied
bemerkt man zwischen dem alten und neuen Kontinente:
während auf dem alten Kontinente unabsehbare Strekken
Landes mit derselben Baumgattung, welche die Wälder
bildet, bedekt sind, so wechselt diese Erscheinung sehr
schnell in Amerika: am Orinoco besteht ein Wald auf
jeder Quadratmeile aus andern Pflanzen, und es ist oft
schwer, hier das Material der Wälder im Ganzen zu
bestimmen. Es braucht hiebei kaum bemerkt zu werden,
welchen entscheidenden Einflus diese starke Vegetazion
auf die Kultur unter den Tropen gehabt hat: während
wir in den Urwäldern ganze Völker von Jägern
und Fischern auf derselben Stufe der Ausbildung
sehn, so müssen wir nicht verkennen, dass das nomadische
Leben, welche wir in den Steppen von Hochasien,
in Arabien, und an andern Stellen der alten Welt beobachten
durch die Abwesenheit von hohen Baumstämmen
bedingt werde.
Es darf ferner nicht übergangen werden, dass da, wo die

Vegetazion ärmer ist, sich eine scheinbare Mannigfaltigkeit
zeigt, weil zwar der Formen im Ganzen weniger sind,
sich aber Repräsentanten jeder Form überal vorfinden
müssen.

Gehn wir nun zu den Thieranfängen in’s besondere über,
so mus vorangeschikt werden, dass die Locumotivität der
Thiere grösser ist als die der Pflanzen: bei diesen findet
sie nur im Eie statt, bei jenen dauert sie das ganze Leben
hindurch. Bei den unförmlichen Gestalten der Acephalen
und Gasteropoden ist sie freilich nur sehr gering: denn
diese scheinen von der Natur angewiesen zu sein, auf der
Stelle zu bleiben, wo sie entstanden. Die Echinus oder
Seeigel bewegen sich volkomner, indem sie lange weisse
Fäden aus mehreren Öfnungen herausstrekken: dennoch
sind sie nur Zoophyten. Eben wegen jener Locumotivität
streifen die Thiere durch mehrere Klimaten, wovon wir auffallende
Beispiele unter den Fischen finden: man trift
dieselben Arten von den Inseln des grünen Vorgebirges bis
zum Kap der guten Hofnung hinunter. Diese Erscheinung
läst sich aber sehr gut erklären, wenn man bedenkt, dass
die Fische in den verschiedenen Tiefen des Meeres alle verschiedenen
Temperaturen antreffen, mithin weniger an das
Klima, welches grade an der Oberfläche herscht, gebunden sind.

Man zälte bis jezt 45000 Insekten,

5000 Vögel

2000 Fische

700 Säugethiere.

Die Säugethiere machen in den meisten Ländern der Vögel
aus: dies Verhältnis muss aber früher ein anderes gewesen
sein. Vor der ersten grossen Umwälzung unseres Planeten
mus es mehr Säugethiere gegeben haben: der Grund aber,
warum wir deren mehr in den Versteinerungen finden, liegt
nicht allein darin, dass sie in grösserer Menge vorhanden
waren, sondern offenbar auch in der grösseren Locumotivität
der Vögel, welche sich leichter retten konten. Verloren
gegangen sind besonders solche Säugethiere, welche sich unsern
Schweinen, Pferden und Elephanten nähern. Wir müssen hier
wiederum die grosse Einheit der Natur bewundern, die eine
solche Übereinstimmung in ihren Bildungen beobachtet, dass es
uns möglich wird, aus einem einzelnen Organe auf alle übrigen,
auf die ganze Gestalt des Thieres mit grosser Sicherheit zu schliessen.
Unter den Amphibien sind verloren gegangen der Megalosaurus,

eine ungeheure Eidexe von der Höhe eines Ochsen, und von 60–70
Länge, während die grösten heutigen Krokodille, welche ich gemessen
habe, nur 22–24′ lang sind; der Pleisiosaurus, ein grosses
Krokodil mit einem Schwanenhalse, der fast die halbe Länge des
Körpers ausmacht: wir müssen uns denken, dass dieses gefährliche
Thier am Ufer im Wasser gelegen, und von da aus mit dem langen
Halse seine Beute erhascht habe; der Ichthyosaurus, den
man in den Juraformazionen antrift: er zeichnet sich durch
seine grossen runden Fischaugen aus, während alle andern Krokodille
kleine geschlizte Augen haben.

Es mus ferner in Betrachtung gezogen werden, dass auf den
Südseeinseln sich fast lauter kleine mausartige Thiere finden,
im indischen Ozean dagegen sehr grosse, z. B. ein Rhinozeros
mit 2 Hörnern. Tief in Sumatra und in der Nähe von
Paris fand man Tapirskelette, und so werden die entferntesten
Länder auf diese Weise mit einander verbunden.

Das höchste Ziel aller Naturbeobachtung ist die Erkentnis unsrer
eignen Natur, daher beschliesse ich das Naturbild, welches
ich bis hieher zu entwerfen versucht habe, mit einer Darstellung
der Menschenraçen. Ob es wirklich einen spezifischen Unterschied
in der Menschennatur gebe, lasse ich noch dahin gestelt
sein, und bemerke nur, dass man zu der Eintheilung in Racen
die verschiedenartigsten Merkmale, wie: Knochenbau, Hautfarbe
, Dermoïdalsystem, Haare pp. gewählt hat.

Cuvier nimt 3 Menschenraçen an: eine weisse, gelbe und schwarze.
Blumenbach hat diesen noch 2 hinzugefügt.

Wie unbestimt alle diese Eintheilungen sind, will ich nur an
einem Beispiele zeigen: im Alterthume hielt man die
Aethiopen für ein einziges grosses Neger-Volk von derselben Bildung:
krauses Haar, eingequetschte Nase, unangenehm aufgeworfene
Lippen waren die Kennzeichen desselben: in neuerer Zeit entdekte
man aber Negervölker, welche keinesweges diese Merkmale
zeigten, deren Bildung sich vielmehr schon der europäischen
näherte.

Man kam nun auf einen Eintheilungsgrund, der allerdings
viel für sich zu haben scheint, nämlich auf die Sprachverschiedenheit
. Meines Bruders, W. v. Humboldt: philosophische
Untersuchungen über die Vertheilung der Sprachen auf der ganzen
Erde beweisen indessen die Gleichheit der körperlichen Anlagen
bei den verschiedenartigen Völkern, so dass zuweilen in einer
und derselben Race die gröste Sprachverschiedenheit herscht,
während in den Sprachen der entferntesten Völker sich Analogien
finden: so bemerkt man eine Sprachähnlichkeit zwischen den Kopten,
den Bewohnern von Kongo und den Vaskischen Völkern.

Bei andern Eintheilungen sind die Namen der Unterscheidungsmerkmale
sehr unbestimt gewählt. So braucht Meiners
den Ausdruk volkomne und unvolkomne Racen, und rechnet die
Chinesen, troz ihrer uralten und ausgebreiteten Kultur, die
Inder, troz ihrer Poesie und Philosophie zu den unvolkomnen:
doch hat er in seinen lezten Jahren diese Meinung geändert.

Man mus also auch hier, wie dies bereits in der Zoologie
und Botanik geschehn ist, die allgemeinen Eintheilungen
verlassen, und sich nur an die Betrachtung kleinerer Gruppen
halten, bei denen man die Merkmale eher fixiren kann.

Wir haben also im Ganzen folgende 6 Abtheilungen durchzugehn.

1, Astronomie.

2, Geognosie. Betrachtung der festen Erdrinde.

3, Klimatologie flüssigen Hüllen. (Meer & Luft)

4, Geographie der Pflanzen.

5, Thiere.

6, Betrachtungen über die Menschenraçen.
5. Vorlesung, 17. November 1827

Nachdem wir nun den Entwurf eines Naturgemäldes vollendet
haben, welches den ersten Theil der Prolegomenen zu meinen
Vorlesungen ausmacht, kommen wir jezt zum 2ten Theile derselben,
welcher das Verhältnis unserer Wissenschaft zur Empirik und
zur Naturphilosophie bestimmen soll: der dritte Theil wird
eine kurze Geschichte der Entstehung des Gedankens von der
Einheit der Natur geben.

Wenn wir uns in dem Naturgemälde von der Entstehung
der wahrnehmbaren Materie Rechenschaft gegeben haben,
wenn wir in der Geognosie die starren Theile des Erdkörpers,
in der Meteorologie und Klimatologie die beiden flüssigen
Hüllen desselben betrachteten, wenn wir endlich von der
Geographie der Pflanzen und Thiere zu den Menschenraçen
übergingen, so wird man diesen Theil, indem er die Gesamtheit
des Geschafnen umfast, nicht mit Unrecht eine
Art von Mikrokosmus nennen können, wobei ich
allerdings fürchten mus, wegen der zu grossen Kürze, vielleicht
manchmal undeutlich geworden zu sein; die
spätere ausführliche Behandlung dieser Gegenstände
wird mir Gelegenheit geben, vieles in ein helleres Licht zu
sezen. Zugleich mus ich hier bemerken, dass es durchaus
nicht meine Absicht ist, von der Wissenschaft nur eine enzyklopädische
Ansicht zu geben, vielmehr hoffe ich, dass wir
uns von der Oberflächlichkeit, der unzertrenlichen Gefährtin
jener Ansicht, immer entfernt halten werden. Allerdings
wird die grosse Fülle der Gegenstände, welche wir zu betrachten
haben, oft eine gedrängte Kürze nöthig machen, bei andern
werden wir länger verweilen müssen: denn es liegt immer nur
in der Unvolkommenheit der Wissenschaft selbst, dass man sie
nicht kurz vortragen kann. Wo schon vieles bekant und untersucht
ist, oder in den Wissenschaften, welche einer mathematischen
Behandlung fähig sind, da ist es leichter, kurz
zu sein, als in solchen, wo es mehr auf eine richtige Beurtheilung
von Thatsachen und Wahrnehmungen ankömt wie

z. B. in der Meteorologie und in der Lehre vom Magnetismus.

Die Natur ist Einheit und Vielheit, sie ist der Inbegrif der Naturdinge
und der Naturkräfte; die Naturkentnis ist mithin die
Kentnis der Dinge neben- oder nacheinander, und somit zerfält
sie in Naturbeschreibung und Naturgeschichte: es tritt
hier der unglükliche Umstand ein, dass im Deutschen in dieser
Hinsicht eine grosse Sprachverwirrung herscht. Meist wird die
Naturgeschichte mit der Naturbeschreibung verwechselt, und es
wäre wohl möglich, dass dies von einer misverstandenen
Übersezung von Plinius Historia Naturalis herrührte: man
gab nämlich Historia durch Geschichte, obgleich uns A. Gellius
in seinen attischen Nächten die Bedeutung dieses Wortes
im altrömischen

Sinne aufbehalten hat (der ganz gewis sich dem griechischen
(von ἱςτορέω, forschen) genau anschlos): er sagt

nämlich: dass der alte Grammaticus Servius Flaccus das
Wort historia definirt habe, als: cognitio rerum praesentium
.

Obgleich nun beide Theile: Naturbeschreibung und Naturgeschichte
an sich streng geschieden sind, so kommen wir doch
oft in den Fall, beide miteinander verbinden zu müssen, wie
namentlich in der Geognosie, wo wir bei dem thatsächlichen
immer auch an das ursächliche denken müssen, wo es uns
nicht genügen wird, bei einer blossen Kentnis von der Lagerung
der Gebirgmassen stehn zu bleiben, sondern wir werden damit eine
Geschichte der grossen Umwälzungen verbinden müssen, wodurch
diese Lagerung herbeigeführt wurde.

Wir werden nie aus den Augen verlieren dürfen, dass die Naturkentnis
an sich 1, eine besondere 2, eine allgemeine ist: denn
die Beziehung dieser Ideen aufeinander hat oft Verwirrung
gegeben: so ist die beschreibende Botanik eine besondere Wissenschaft
im Vergleiche mit den Naturwissenschaften im allgemeinen;
sie wird uns von den einzelnen Erscheinungen der Pflanzenwelt,
wie sie als Thatsachen neben einander stehn, Rechenschaft geben;
sie wird es nicht verschmähen, uns von dem ungeheuren Drachenbaum
in Orotava zu erzälen, welcher seit 500 Jahren, seit der
Epoche seiner Entdekkung, beinahe dieselbe Dikke behalten hat,
und noch immerfort Blüten und Früchte trägt von der noch
grösseren Adansonia, welche 40 Fus, nicht Umfang, sondern Durchmesser
hat, in deren Stamm eine kleine Höhle ausgehauen ist,
die der Kommune des umwohnenden Völkchens zum Versamlungsplatze
dient. Die Geschichte der Botanik aber werden wir eine
allgemeine nennen können, insofern sie nämlich tief in die Geschichte
unseres Erdkörpers selbst eingreift. Sie mus bis auf
das Keimen der Pflanzen zurückgehn, und wird nicht umhin
können, eine Menge geologischer Verhältnisse bei dieser Gelegenheit
zu berühren: sie wird uns mit den beiden grossen Abtheilungen
der Pflanzen bekant machen, je nachdem dieselben mit
einem oder zwei Saamenlappen keimen: ich meine die Monokotyledonen
und Dikotyledonen: zu den ersten gehören hauptsächlich
die Palmen, Gräser und Farrenkräuter, zu den 2ten unsre gewöhnlichen
Waldbäume.

Nach den Objekten kann man die Naturgegenstände entweder
für sich betrachten, und dies mit grosser Abstrakzion, oder auch
als ein Ganzes, welches nur in verschiedene Zonen über den
Erdkörper vertheilt ist, und dieser lezte ist grade die Wissenschaft
, von welcher ich versuchen werde, Ihnen in dieser Vorlesung
einen Begrif zu geben.

Das erste Aufkeimen des Gedankens von einer Einheit der
Natur findet sich bei dem verdienstvollen englischen Naturforscher
Bernhard Varenius, der 1650 seine Geographia generalis herausgab.
Newton selbst verschmähte es nicht, eine neue Ausgabe davon
mit Erläuterungen und Zusäzen zu vermehren. Man findet
darin schon die Anfänge zu einer vergleichenden Geographie.
Der gröste Triumph der neuern Zeit ist die Erforschung und Entdekkung

vom Zusammenwirken der verschiedenartigsten Kräfte und
das Aufeinanderbeziehn und Erklären der entferntesten Erscheinungen:
so hat man aus dem Mondumlauf 1, auf die Abplattung der Erde an
den Polen mit solcher Sicherheit geschlossen, als es nur immer durch
Rechnung und Messung bestimt werden konte. 2) auf die Unwandelbarkeit
der Tageslänge seit Hipparch’s Zeiten, also fast seit 2000
Jahren. 3) auf die Unwandelbarkeit der Temperatur des Erdkörpers,
welcher seit jener Zeit nicht ½° Wärme (Reaumur) verloren haben
kann: die Quantität Wärme, die er empfing und wieder ausstralte
, ist also ganz dieselbe geblieben; so ist man mit einem
Stükke Doppelspath im Stande gewesen, zu entscheiden, ob das
Licht der Kometen ein eignes oder ein fremdes sei; so hat
durch die Höhe der Ebbe und Flut den Grad der Anziehung bestimt
, die der Mond auf unsre Erde ausübt, d. h. man hat die
Nutazion der Erdaxe berechnet, wonach sich die kleinen Ellipsen erklären
lassen, welche von den Fixsternen aljährlich am Himmel beschrieben
werden.

Bei der grossen Menge von Gegenständen, welche unsre Wissenschaft
umfast, war es schwer, ihr einen guten Namen zu geben.
Physiologie würde nach unsern Begriffen zu enge sein, obgleich
dieser Ausdruk bei den Alten einen umfassenderen Sinn hatte;
ungefähr wie bei den Engländern noch jezt alle Ärzte Physiker heissen
, und alle Physiker mit zu grosser Höflichkeit Naturphilosophen
genant werden.

Den wahren Namen finden wir in einem postumen Werke
von Kant (seiner physischen Geographie) wo er unsre Wissenschaft
in der Einleitung: die Weltbeschreibung nent, indem sie die
kosmischen und tellurischen Zustände auseinandersezen soll.
Ich will hier zugleich auf das klassische Werk von Karl Ritter,
seine vergleichende Erdbeschreibung aufmerksam machen, in der
er sich bei den algemeinen Betrachtungen nicht nur zu der Höhe
der höchsten Abstrakzionen erhebt, sondern auch im Einzelnen
den Einflus der Erdoberfläche auf das Wohlsein und Schiksal
der Völker überhaupt, vortreflich und befriedigend dargestelt
hat.

Indem wir aber die Weltbeschreibung auf eine solche Höhe
stellen, müssen wir nie vergessen, dass sie immer nur Materialien
zu einer eigentlichen Naturphilosophie liefert, in der auch die
Naturbeschreibung, deren lezter Zweck ein vernunftmässiger Begriff
der Natur ist, eine untergeordnete Stelle einnimt.
Vor nichts werden wir uns bei unsern Untersuchungen mehr zu

hüten haben, als vor der Aufstellung von falschen Thatsachen, denn
nichts ist gefährlicher zu bestreiten, und bringt grössere Unordnung
hervor: man findet sie nirgend häufiger als in der Medizin
und Klimatologie.

Zwei Tendenzen unseres Zeitalters sind merkwürdig: die empirische
und philosophische: bei der ersten sehn wir eine grosse Aufhäufung
von Thatsachen, ohne dass dabei auf den Sinn des Ganzen Rüksicht
genommen wird; bei der 2ten sehn wir, dass Beobachtungen und
Versuche verachtet werden: indem sie alles a priori erklärt, könte
man die Chemie mit unbenezten Händen treiben: sie baut nur einen
dogmatischen Schematismus auf, der durchaus zu keiner Realität
der Kentnisse führt. Es solten aber Naturphilosophie und Empirie
nie im Widerspruche stehn, und jeder Forschende solte sich bestreben
, sie in ihrer Durchdringung zu erkennen. So ist man z. B.
allerdings überzeugt, dass es so wenig einen Lichtstoff giebt, als

einen Wärme- und Schallstoff: dennoch mus man dies bei den

mathematischen Hypothesen in diesen Wissenschaften annehmen,
um sie der Rechnung zu unterwerfen: ja es sind hiebei solche
Voraussezungen nicht nur unschädlich, sondern sogar nöthig.
Wir kommen nun zum dritten Theil unserer Prolegomenen, welcher

eine kurze Geschichte unserer Wissenschaft bei den abendländischen
Völkern geben soll: bei den andern ist uns zu wenig davon bekant,
als dass wir sie genau verfolgen könten.

Eine begeisterte Ahndung des Algemeinen müssen wir auch bei
den sogenanten wilden Völkern voraussezen, wenn wir bei ihnen
das Gefühl des Naturganzen erklären wollen, jenes Naturganzen
von dem wir eine vernunftmässige Erkentnis bei den mehr gebildeten
Völkern vorfinden: so wie der Horizont sich allen Wissenschaften
erweitert, so rükt diese Erkentnis näher und näher.

Bei den Völkern welche den sogenanten Naturzustande näher
sind, gleichsam wie Pflanzen an den Boden geheftet, bei diesen
gewint jede Erscheinung der Natur eine Bedeutsamkeit, welche
sich bis auf die ärmsten Theile herab erstrekt. Lichtvoll entwikkelt
finden wir diese Ansicht in Prof. Ehrenberg’s Schrift über
den Karakter der Nordafrikanischen Wüsten.

Die sogenanten Urvölker sind beinahe eine modische Sitte
geworden, bei der wir uns nicht aufzuhalten haben: man
rechnete nach und nach dazu die Semiten, die Atlanten, Kelten,
die Bewohner von Irak, endlich die Inder, während man nach allen
Beobachtungen annehmen kann, dass die Erkentnis einer Natureinheit
sich bei allen wilden Völkern gleichmässig entwikkelt hat. Ja wenn
ich eine Hypothese darüber aufstellen solte, so würde ich mich mehr
zu der Meinung hinneigen, nach welcher alle wilden Völker (unter
denen ich einige Jahre meines Lebens zugebracht habe) vielleicht
Trümmer einer untergegangnen Kultur sind. Einen Urwilden wird kein
Reisender je gefunden haben: dagegen findet man allerhand auffallende
Kentnisse bei den sogenanten Wilden: sonderbar übereinstimmende
Namen der Sternbilder, und dessen, was man im Monde sieht bei
Völkern, die in ungeheuren Wäldern leben, und den Himmel nur wie
durch einen Schornstein beobachten können: da man doch voraussezen
mus, dass diese Ideen auf den grossen Savannen entständen sein
mögen: es ist natürlich, dass das einzig Geregelte, was diese Wilden
um sich sahen, der Lauf der Sterne, auf sie gewirkt haben mus,
eine natürliche Astronomie ist daher gar nicht wunderbar: die
Abtheilung des Jahres braucht nicht von einer Nazion zur andern
übergegangen zu sein: es war nur nöthig, den wiederkehrenden Aufgang
der Sonne und des Mondes in Bezug auf einen Baum
zu beobachten, der am Horizonte stand.

Der Wunderglaube an eine Naturweisheit hat sich bei gebildeten

Völkern auf eine sehr übereinstimmende Weise gefunden, die Inder

verehren den nördlich gelegenen Himalaya, und es geht bei ihnen die
Sage, dass die Braminen aus den Norden hergekommen seien.
Bei den Chaldaeern und Hellenen sind alle Religion-geheimnisse
aus dem Norden herabgekommen. Sonderbare mythische Personen
finden wir in Amerika vom Norden kommend, und im Osten und
Westen der Andeskette Reiche stiftend. Man ist so weit gegangen,
hierin eine Kentnis der magnetischen nach Norden wirkenden
Kräfte finden zu wollen. Pythagoras kehrte zu den Hyperboraeern
zurük, Pindar führt an, dass man den wilden Oelbaum
an den Quellen des Ister fand. Ich erinre noch an den kaukasischen
Prometheus, endlich an Zamolxis, welchen Herodot als
eine Gottheit, die Pythagoräer als einen Sklaven darstellen, und
welchen zulezt der Kirchenvater Origenes unter den Druiden nent.

Wir dürfen daher das Gefühl von der Einheit der Natur bei allen
wilden Völkern voraussezen, welches sie in die Namen von mythischen
Personen und Heroen einkleideten: ebendeshalb ist auch die epische
Poesie am frühsten ausgebildet worden: auch grosse Naturkentnisse
im einzelnen mögen bei ihnen verbreitet gewesen sein; auf keinen
Fall können wir ihnen eine Erkentnis der Natureinheit zutrauen.
Wir wollen daher die Druiden nicht um ihre bunten Glasstükke
beneiden, welche wahrscheinlich nichts anderes gewesen sind, als
Knöpfe, eben so wenig wie die Etrusker um ihre elektrischen
Kentnisse.
6. Vorlesung, 21. November 1827

In der Geschichte der Entstehung des Gedankens von der Einheit
der Natur, werden wir 6 grosse Epochen feststellen können.

1, die Ionische Naturphilosophie, und die Dorisch-Pythagorische
Schule.

2, die Züge Alexanders nach dem Osten.

3, die Züge der Araber nach Osten und Westen.

4, die Entdekkung von Amerika.

5, die Erfindung neuer Organe zur Naturbeobachtung d. h. Fernrohr, Thermometer, Barometer. v. 1591–1643.

6, Cook’s Weltreisen, welche den Grund zu späteren physikalischen Expedizionen legten.

Es mus nun der Unterschied festgestelt werden zwischen
der Schule der Ionier und der des Pythagoras, welche mehr
einen dorisch-italischen Karakter angenommen hat.
In der ersten, der ionischen Schule, finden wir zuerst Thales,
welcher annahm, dass die Erde aus dem Feuchten entstanden sei,
Anaximenes meinte: aus der Luft, und Anaximander nahm
einen Grundstoff zwischen Wasser und Luft an. Wir sehn also hier schon
die Idee des Verdikkens und Verdünnens, der Attrakzion und Repulsion
ausgesprochen. Man dachte sich indessen damals noch nicht
jeden Planeten als ein für sich abgeschiedenes Ganze, kante
auch weder die relativen noch absoluten Entfernungen der Himmelskörper
: sondern man glaubte, dass ein Feuerhimmel die ganze Himmelskugel
umschlösse, nach der Beobachtung, dass die Flamme, als
das allerleichteste, von der Erde aufstrebend, überall die höchste
Stelle einnehmen müsse.
Von Herrn Schleiermacher

& Ritter haben wir schäzbare
Untersuchungen darüber.
Das Feuerartige im Anblikke der Planeten

sei daher nichts anderes, als das Hervorleuchten des Feuerhimmels
durch einen Schlitz. Indem aber alle 3 Philosophen annahmen
, dass alles aus Einem Grundstoffe entstanden sei, hatten
sie eine Ahnung davon, dass das Raumerfüllende im allgemeinen
auf eine unabänderliche Einheit der Natur zurükgeführt werden
könne. Nächst diesem Grundstoffe nahmen sie 2, 3, 4 Elemente
an, und diese lezten 4 Elemente haben sich durch viele Jahrhunderte
hindurch erhalten, ja man hat sie in neuester
Zeit wiederum in die Naturbeschreibung einführen wollen;
wie mir scheint, mit wenigem Glükke. Er darf nicht übergangen
werden, dass die Ionische Schule in manchen Einzelheiten
richtige Beobachtungen angestelt hat: so untersuchte schon
Diogenes von Apollonia die Respirazion der Fische, (einen Gegenstand
, dem ich einen grossen Theil meiner Studien widmete)
und er gelangte zu einem ganz richtigen Resultate.
Die Schule des Pythagoras, welche durch Pherecydes mit

der ionischen Schule verbunden wird, liefert uns das älteste
Beispiel von einem weitverbreiteten Bunde, dessen Mitglieder
sich überall zusammenfanden. Pythagoras selbst wurde
bei den Neupythagoräern, den Gnostikern und Neuplatonikern
eine völlig mythische Person, indem man ihn bald mit
seinem goldnen Schenkel Wunder thun lies, bald ihn zu
den Hyperboräern und Druiden hinaufführte. Eine Eigenthümlichkeit
seiner Geselschaft war es, dass auch Frauen
an den Pythagorischen Bunde Theil nehmen konten. Das
sicherste und beste, was wir über die merkwürdige Erscheinung
des Pythagoras und seine Lehre haben, finden wir beim
Philolaus, über den die Herrn Boeckh und Ideler so schöne
Untersuchungen angestelt haben. Hienach läst sich aussprechen,
dass die Philosophie des Pythagoras eine Philosophie der Maasse
und der Harmonie war; der erste schwache Versuch des menschlichen
Geistes, das numerische Element auf die Naturkunde
anzuwenden: ferner war eine mathematische Symbolik damit
verbunden.
Die Neupythagoräer, welche schon in die kristlichen Zeiten

fallen, haben wenig von dieser ursprünglichen Lehre behalten:
so stellt Plutarch den Pythagoras mit Numa zusammen,
obgleich es erwiesen ist, dass fast ein Jahrhundert zwischen
ihnen liegt. Es ist nicht zu läugnen, dass Copernicus dies
System kante, und dass es auf seine so wie auf Kepler’s Ideen über die Stellung
der Planeten eingewirkt hat.

Nach Philolaos befindet sich in der Mitte des Weltgebäudes
ein grosser Weltheerd: die Sonne ist ein Spiegel, welcher
die Stralen desselben auf die Erde reflektirt. Die Ekklipsen
werden durch eine Gegenerde bewirkt, welche man später
mit Amerika verwechselt hat. Ein Anklang dieser Vorstellung
findet sich in Platons Timaeus, diesem phantasiereichen
Systeme, wieder.

Bei den empirischen Untersuchungen Platons können
wir nicht genug seinen Scharfsinn bewundern. Er erkannte
den Zusammenhang des unterirdischen Wassers
und Feuers: er stellte die Idee auf: dass im Innern
der Erde ein Feuerstrom, der Pyriphlegeton, sei,
der durch die Vulkane mit der äussern Lufthülle in
Verbindung stehe. Plinius nante nach dieser Vorstellung
die Vulkane: Schornsteine: obgleich diese Ansicht vom
Pyriphlegeton später häufig misverstanden wurde, so
liegt sie doch unsrer heutigen Theorie von dem glühenden
Erdkerne zum Grunde. Platon betrachtete ferner
das Mittelmeer von den Säulen des Hercules, bis zum
äussersten Phasis als eine grosse Niederung, woran die
Griechen, wie er sich spöttisch ausdrükte, gleich Fröschen
wohnten. Zugleich mischte er freilich manche Fabeln
von einem grossen westlichen Kontinente, des untergegangnen
Atlantis ein. Er bemerkte, dass die polyedrischen
Körper aus einer bestimten Anzahl Flächen bestehn
, und warf die Frage auf, auf welche Art
die Zahl derselben bestimt und begränzt werden könne.
Er unterscheidet schon die Gebirgsarten, und theilt sie in
solche, die aus dem Feuer und aus dem Wasser entstanden sind.
Den zweiten grossen Hauptmoment in der Entwiklungsgeschichte

des menschlichen Geistes bezeichnet
der Zug Alexanders. Obgleich er die Tropenklimaten
nicht berührte, so wurden doch die Griechen durch
ihn mit vielen Tropenprodukten bekant: denn die
Länder am Indus haben einen Kontinentalzusammenhang
mit Indien. Pflanzen und Thiere gehn
von Norden nach Süden über, ohne dass man eine
bestimte Gränzlinie ziehen kann: so gehn die zarten
Kolibri-arten in Amerika höher hinauf als die nördliche
Breite von Memel und Riga. Vor Alexanders
Zuge kanten die Hellenen die Tropenprodukte nur
aus dem Handel. Herodot kante die βαμβοῦδα, das
Bambusrohr, und, was sehr merkwürdig ist, er erwähnt
der Versteinerungen, welche man in seinen Knoten
findet. Ctesias, welcher Leibarzt in Persien war,
hat zwar den Fehler mancher Reisebeschreiber, dass er
der Wahrheit oft zu nahe tritt, doch macht er uns mit
manchen Tropenprodukten bekant. Sehr scharfsinnig
meint Herr v. Schlegel, dass vielleicht die Lesung des
Ctesias den Alexander zu seinem grossen Zuge angefeuert
haben mögte.

Zum Glük sind uns so viele Relazionen von diesem
Zuge erhalten worden, dass wir im Stande sind, ihn
sehr genau zu verfolgen. Zu den neuen Dingen, welche die
Griechen kennen lernten, gehörten Bäume von einer solchen
Höhe, dass die Pfeile nicht bis zu ihrem Gipfel hinaufreichten
. Man fand die Frucht der Bananen. (Musa
paradisiaca) und eine Menge von Thiergestalten (es
kann hier bemerkt werden, dass die Architektur in
dem mit Thieren überfülten Indien ihren Typus nach
Thieren gebildet: dagegen in dem bewässerten pflanzenreichen

Aegypten nach den Pflanzen) man fand am

Indus die Elephanten, welche als titanische Ochsen
angeführt wurden: man wurde auf die Monson-winde
aufmerksam, welche in bestimten Jahreszeiten nach
entgegengesezten Richtungen wehen. Nearch glaubte
im Indus nicht blos wegen der Krokodille den
Nil zu sehn, sondern hauptsächlich wegen des periodischen
Steigens und Fallens des Flusses, das
man unrichtig aus dem geschmolzenen Schnee, nicht
aber aus den tropischen Regengüssen herleitete.
Was die Menschenraçen anbetrift, so bemerkte man
zuerst, dass die Aethiopen nicht alle von gleicher
Farbe und Gestalt wären, sondern dass sie sich
in verschiedene Stämme theilten. Siehe Lassen’s
geistreiche Schrift über das Pendjab. Alexander
selbst drang nicht eigentlich bis in das kultivirte
und sehr bevölkerte Indien vor, wohl aber nach
ihm Seleucus Nikator, der einen gewaltigen Eroberungszug
bis an den Ganges unternahm, von welchem
er unter andern 500 Elephanten mitbrachte, und es
läst sich nicht mit Unwahrscheinlichkeit vermuthen,
dass dies dieselben waren, welche unter Pyrrhus
nach Italien hinübergeführt wurden.

Dass die Griechen von den Chaldäern viel in der
Himmelskunde lernten, hat Herr Ideler erst kürzlich
in seiner Chronologie gezeigt, wo er auch bemerklich
macht, dass eine eigne Priesterkaste zu diesem
Behufe beim Belustempel angestelt war. Die
Aussage des Plinius, dass Kallisthenes dem Aristoteles
1900 beobachtete Ekklipsen übersendet habe,
dürfen wir in Zweifel ziehn, da Aristoteles nirgend
etwas davon erwähnt.

Wenn wir auch nicht annehmen wollen, dass,
wie Plinius sagt, im Heere Alexanders 1000 Schüzen
und Vogelfänger angestellt gewesen, um alles
was ihnen vorkam, für Aristoteles zu schiessen, so
müssen wir doch sein Werk als die schönste Frucht
von Alexanders Zügen ansehn. Indessen sezt er doch
die blosse Naturbeschreibung an die Stelle des Gedankens
von der Einheit der Natur, und hat in dem,
was uns von ihm geblieben ist, eine nüchterne Tendenz
: vielleicht fehlen uns aber die allgemeineren
Werke von ihm: das beste in dieser Hinsicht ist sein
Buch: de coelo. In den Problemen hat er viele

tiefe

Bemerkungen über Wärmeleitung, womit ich mich
auch sehr viel beschäftigt habe. Sein Hauptwerk ist
die Naturgeschichte, in dem sich der Geist des Sammelns
, der ihm vor allen eigen ist, besonders
ausspricht. Auch hatte er in seiner schönen Villa
eine auserordentliche, für die damalige Zeit gewis
einzige Naturaliensamlung.

Später wurde nach diesem Muster in Alexandrien
ein Museum angelegt, bei welchem Lehrer aus allen Fächern
der Naturkunde angestelt waren, von denen Galen uns berichtet
, dass man sie zu gut bezalt, und dadurch ihrer wissenschaftlichen
Thätigkeit Eintrag gethan habe. Bald entstand auch eine
Bibliothek in Alexandrien; und die meisten Städte Vorderasiens
folgten diesem Beispiel. Als später Streitigkeiten zwischen
den ägyptischen und syrischen Herschern entstanden, verboten
diese die Ausfuhr des Papyrus, wodurch ein grosser und
empfindlicher Papiermangel entstand; um diesem für
die Zukunft vorzubeugen, legte man an vielen Orten Papyruspflanzungen
an, und so erklärt sich die sonderbare
Erscheinung, dass jezt der Papyrus in Aegypten ganz fehlt,
während er in Sizilien bei Syrakus vorkömt. Ein neuer
verdienstvoller Reisender in Aegypten, Herr Passalacqua,
fand ihn wohlerhalten in einem Grabe zu Theben.

Unter den römischen Schriftstellern verdient Strabo eine
ausgezeichnete Stelle, der in Augustus Gefolge die meisten
Provinzen des römischen Reiches durchwanderte: von ihm
haben wir eine physische Erdbeschreibung, worin vortrefliche
Beobachtungen vorkommen: so giebt er sehr richtig an, dass
man aus der Gestalt der Thiere und Pflanzen das Klima
bestimmen könne: so untersucht er die an sich irrige Meinung
, dass in Asien die Palmen fehlen.

Nicht minder zu schäzen ist Diodor von Sizilien, obgleich
er in den Zahlen nicht immer zuverlässig ist, und eher
zuviel als zu wenig sagt: doch hat er richtige Ansichten
über die Thier- und Pflanzengestaltungen.

Plinius 37 Bücher sind das grosartigste Unternehmen
der alten Welt in wissenschaftlicher Hinsicht:
doch kann es uns nicht entgehn, dass der Plan zu
mächtig für die Ausführung war. Dazu kömt noch, dass
Plinius ein vornehmer Mann war, der nicht immer selbst arbeitete
, sondern vieles durch seine Sekretarien machen lies: deshalb
fehlt dem Ganzen eine zwekmässige Anordnung, und
man mus mit manchen Angaben behutsam sein, da seine
Auszüge nicht immer genau sind. Er selbst gesteht, dass
er des Materiales zu viel habe, und wiederholet sich auch
nicht selten z. B. wo er von den Menschenraçen spricht.
Es konte ihm bei seinen umfassenden Kentnissen nicht entgehn
, und er spricht die Idee deutlich aus, dass ein gemässigtes
Klima die Ausbildung des menschlichen Geistes am meisten
begünstige, während zu grosse Kälte an den Polen ihn austrokne
, zu grosse Hize unter den Tropen ihn versenge.

Unter Hadrian kam der ganze Wust der morgenländischen
Theosophie nach Rom, der Kaiser selbst begünstigte die ägyptischen
Religionen am meisten. Die Gnostiker führen uns
wieder auf die Idee von der Einheit der Natur zurük: denn es ist
nicht zu läugnen, dass sie Chemie studirten, und gewis manche
schönen Entdekkungen machten.

7. Vorlesung, 24. November 1827

Sie lernten hierin von den Phoeniziern
und Aegyptern, von denen es bekant ist, dass sie sich ganz besonders
mit dem Studium der Natur der Stoffe beschäftigten: so wie
denn auch altes, was man in den ägypt. Gräbern findet, eine tiefe
chemische Kentnis verräth. Vom Kaligula weis man, dass er eine
grosse Neigung zur Goldmacherei hatte, und aus dem Schwefelarsenik
das edle Metall herzustellen glaubte. Diese Thorheit
griff nach und nach so weit um sich, dass Diokletian sich
veranlast fand, ein eignes Edikt gegen die Chemiker zu erlassen
, welche Gold machen wolten. Beiläufig kann hier der Etymologie
des Wortes Chemie erwähnt werden: wir finden zuerst:
Χημαῖα im Plutarch de Iside, wo er damit Aegypten bezeichnet,
als das Land des Cham: die Ableitung von Χυμὸς, Saft, Geschmak
, scheint daher nicht so annehmbar: als die andre von

τεχνὴ Χημεῖα, die ägyptische Kunst, die Kunst aus dem Lande Cham.

Zwar wurde in den späteren Kaiserzeiten das Gefühl von der
Einheit der Natur durch mystische Ideen verunreinigt, doch
ist nicht zu verkennen, dass die arabische Revoluzion dadurch
vorbereitet wurde. Die Schwächung des römischen Reiches
nach aussen, gehässige Streitigkeiten über manche religiöse
Gegenstände und Unduldsamkeit von allen Seiten verbreiteten
ein völliges Dunkel über das Abendland, während Griechenland
, obgleich zum Theil denselben Mängeln unterliegend, sich
einen Schein des Lichtes bewahrte.

Es ist eine schöne Entdekkung, welche Klaproth in den chinesischen
Annalen machte, dass an der Gränze von China, am
Baikalsee und in Kaschgar ein indo-germanischer Stamm gelebt
habe, mit blauen Augen und blonden Haaren. Abel-Rémusat
bestätigte dies aus andern Quellen, und fand zugleich,
dass dieser indo-germanische Stamm durch die Chinesen bei einer
Gesandschaft aufgereizt wurde, sich auf die Hio-gnu, einen türkischen
Stamm zu werfen, und was sehr merkwürdig ist, schon
100 Jahr vor Christo: wir sehn also, dass die Völkerwanderung keinesweges
plözlich hereinbrach, sondern mehrere Jahrhunderte hindurch
sich vorbereitete. Die Hio-gnu warfen sich auf die Hunnen,
einen finnischen Stamm, diese endlich auf Gothen und Alanen, die zu
den germanischen Stämmen gehören.

Die 3te Epoche, welche durch den Einfall der Araber bezeichnet
wird, hat ohne Zweifel die in Schwachheit versunkene Welt
wieder aufgefrischt: die Araber waren ein semitischer Stamm,
und warfen sich, nachdem sie 50 Jahre in Arabien herumgezogen
waren, zuerst auf Aegypten. (Es mus bemerkt werden, dass schon
früher eine solche Invasion Statt fand. Der General Rühle von
Lilienstern hat es wahrscheinlich gemacht, dass die uralten
Hyksos nichts anderes waren als ein erobernder semitischer Stamm).
Kaum haben sie aber ihre vaterländischen Gränzen verlassen, so
verbreiten sie sich mit solcher Schnelligkeit nach allen Seiten,
dass sie nach wenigen Jahren von den Ufern des Ganges bis an die
äussersten Säulen des Hercules herschen. Sie selbst vergleichen
sich in ihren Gedichten mit einem Wolkenzuge, der sich nur an den
Bergen lagert, um von neuem der Richtung des Windes zu folgen.
Ihrem Karakter nach sind sie im algemeinen unwissend aber nicht
roh, und haben eine grosse Liebe zur Natur: bei den westlichen
Stämmen zeigt sich zuerst eine gründliche Untersuchung der Natur:
ja wir können sagen, dass die Art unserer heutigen Naturbeobachtung
bei den Arabern anfängt.

Schon vor Muhammed hatten sie eine wissenschaftliche
Kentnis der griechischen Aerzte, deren einige, aus der Schule von
Edessa und Athen sich in Mekka befanden. Die Dichtkunst
stand damals in ihrer höchsten Blüte: es waren dichterische
Kampfspiele in Mekka und Okkat angeordnet, welche, nicht
unähnlich den olympischen, zu bestimten Zeiten gehalten wurden.
(Gedichte des Antar. Hamaza von Freitag herausgegeben). Den
höchsten Flor des Reiches kann man unter den Haschiniten &
Abassiden annehmen, wo auch die gelehrten Schulen von
Mosul und Bagdad gestiftet wurden. Diese erhielten ihren
ersten Glanz durch griechische Flüchtlinge, wie es denn von allen
dankbar erkant werden sollte, dass Griechenland, von jeher selbst im Stande
der tiefsten Versunkenheit, Stralen der Zivilisazion nach
allen Seiten ausgesendet hat.

Die Araber beobachteten den Himmel, wie die Pflanzenwelt, und
verbesserten die Fehler der astronomischen Tafeln durch genauere
Beobachtungen. Sie haben die indischen Zahlen in Europa eingeführt
, welche wahrscheinlich im 13ten Jahrhundert über Persien nach Arabien
eingewandert, von daher den Namen arabische bekommen haben.
Wie wichtig die Erfindung war, durch diese 9 Zeichen und den Werth
der Posizion alle möglichen Gruppen von Zalen ausdrükken zu
können, wird am besten klar, wenn man sich vorstelt, welche
unendliche Beschwerde es hat, mit römischen Zalen nur die
geringste Rechnung auszuführen.

Die Araber hatten eine richtige Kentnis der Refrakzion oder
Stralenbrechung: sie besassen aber auch mehrere höchst wichtige
jezt verlorne, griechische Schriftsteller: so hatten sie z. B. das Werk
des Timochares, aus dem Hipparch die Kentnis von der Vorrükkung
der Nachtgleichen schöpfte. Sie hatten eine arabische Übersezung
von Ptolemäus Werk über die Refrakzion: ich habe den
einzigen uns übrig-gebliebenen Kodex genau untersucht, und Herr
Delambre hat sehr wichtige Auszüge daraus gegeben. Unter
den Khalifen gab es nicht nur viele Übersezer, sondern einen
eignen Übersezer-ausschus, der die meisten griechischen Schriftsteller
(leider erst aus dem syrischen) in das arabische übertrug.
Da ihr Geist durchaus auf das Praktische gerichtet war, so hatten
sie allerdings, besonders im 11ten Jahrhundert grosse beobachtende Astronomen
, die aber in ihren Theorien weniger glüklich waren: denn
allen Völkern des Islam ist die Freiheit des Geistes durchaus
versagt, und die schöne Kentnis der Wissenschaften ging nie in
das Volk über, sondern blieb wie in einer Mönchskaste abgeschlossen.

Zu ihren chemischen Entdekkungen gehört 1, die Auffindung
der Säuren: sie kanten Salpetersäure und Königswasser (deren
Entdekkung man fälschlich dem Raimundus Lullus zuschreibt
sie gebührt dem grossen Moussa Schafr el Sofi.)

2, das Destilliren: sie kanten Alkohol und Naphta, so wie Queksilberoxyd
. Die Destillazion des Rosenöles fält später: dasjenige
Rosenöl, was man in dieser Epoche hatte, erhielt man, indem man
Rosenblätter mit Baumwolle in Kontakt brachte, welche dann
mit dem Geruch ganz impregnirt wurde.

Wir bemerken 2 Reflexe des arabischen wissenschaftlichen Lichtes:
den einen gegen die Mongolen hin, wo einer der mongolischen
Herscher einen Sternkatalog anfertigen lies, den andern nach
Spanien, wo der König Alfons in Toledo (mit einer Toleranz
die man jezt schwer in Spanien begreifen würde) einen grossen
Kongres von kristlichen, jüdischen und sarazenischen Astronomen
versammelte, durch welche die berühmten Alphonsinischen Tafeln
herausgegeben wurden. Der Historiker Marianna sagt bei dieser
Gelegenheit: er verlor die Erde, um den Himmel zu gewinnen. Die
glänzende Epoche der arab. Herrschaft begint 640. mit der Eroberung
von Aegypten, und schliest 1236 mit der Einnahme von Cordova.

Einen schwächeren Abglanz der arabischen Forschungen sehn wir im
Raimundus Lullus, einem Spanier in Majorka, der im 13ten Jahrhundert den
Grund zum Illuminatismus legte, in dessen Schriften man aber nichts
als einen mystischen Spuk findet, der die ars magna hies.

Höher steht Roger Baco, der Dr mirabilis, von dem eine völlige
Reform in der Naturlehre ausging: er hatte das Schicksal,
wegen Zauberei verklagt, und von den Franziskanern in den Kerker
geworfen zu werden.

Die 4te Epoche, welche wir mit der Entdekkung von Amerika bezeichnen
, wurde vorbereitet, durch das Aufblühen des italischen Handels,
und durch die Erfindung der Buchdrukkerkunst. 1436. Die klassische
Litteratur verbreitete sich immer mehr: denn auch schon früher war
die Verbindung zwischen Griechenland und Italien nie ganz aufgehoben
; Apulien blieb lange Zeit unter den Byzantinern, ja Robert
König der Normannen schikte eigne Gesandte nach Konstantinopel,
um Handschriften von guten Autoren zu erhalten. Wir erinnern
hier nur an folgende Namen: Petrarca, Boccaccio, Lascaris, Poliziano,
Bessarion, und an die Akademie der Medizäer in Florenz, welche besonders
den Klassikern gewidmet war. Durchaus ungegründet ist die Behauptung
, dass das Studium der klassischen Autoren, von dem der
Natur abgehalten habe, vielmehr wurden dadurch viele einzelne
Kentnisse erneuert.

Schon im Jahre 1003 waren skandinavische Schiffer nach Neufundland
gekommen, wo sie eine Art Weinstok (der Vitis vinifera
bis zum Verwechseln ähnlich) gefunden hatten: im Jahr 1390 besuchten
die Gebrüder Zeen einen grossen Kontinent, und obgleich ihre
Nachrichten über die einzelnen Länder sehr dunkel sind, so kann man
doch mit Gewisheit aussprechen, dass sie einen Theil der vereinigten
Staaten müssen gesehn haben. Früher hatte der Venezianer Marco
Polo viel zur Umwälzung in den naturhistorischen Ideen beigetragen,
indem er nicht nur die nördlichen Theile von Asien bereiste, sondern
auch seinen Rükweg durch das Tropenklima von Sumatra und
Java nahm; aber was ist der Einflus einzelner Reisenden im Vergleich
mit dem Leben, man könte sagen, ganzer Völker, der Spanier & Portugiesen
, welche nach Amerika hinüberzogen.

Die Entdekkung von Amerika mus zu einer Zeit, wo von den azorischen
Inseln an bis nach Ostasien in der alten Welt noch so vieles
unbekant war, von derselben Wichtigkeit gewesen sein, als ob wir
jezt, bei unserm Stande der Wissenschaft, die abgekehrte Seite des
Mondes entdekten.
Nicht unwichtig ist es, dass um dieselbe Zeit die schönsten Gebilde

der griechischen Kunst aus dem Schoosse der Erde ans Licht kamen:
von 1498–1506 fand man den Laokoon, den Apoll, & den Torso.

Zugleich musten auch M. Luther und Kalvin auftreten, um den
Geistern eine neue Freiheit und Stärke (beide sind Eins) zu geben.

Copernicus neues Weltsystem wurde um 1543 bekant, obgleich es erwiesen
ist, dass er es schon 15 Jahre früher vollendet hatte: es heist:
de orbium coelestium revolutionibus: er glaubte, nur das System
des Philolaos herzustellen, obgleich dieser keinesweges die Sonne
sondern einen grossen Weltheerd, ἑςτία, als Mittelpunkt
des Weltgebäudes annahm: ihn begeisterte, wie Ideler bewiesen
hat, eine Stelle aus dem Werke des M. Capella
de nuptiis philologiae & Mercurii. Die Meinung des Aristarchos
von Samos, wie sie sich im Arenarius des Archimedes
findet, und die mit Copernicus am meisten über einstimt
, kan dieser nicht gekant haben, weil der arenarius erst
1 Jahr nach Copernikus Tode entdekt wurde. Ideler’s
geistreiche Untersuchungen mus man hierüber immer
zur Hand haben.
Eine Menge neuer Erscheinungen boten sich den neuen

Ankömlingen in Amerika dar. Man fand einen grossen
ununterbrochenen Kontinent, in dem unter dem Aequatore,
ewiger Schnee auf den Bergen lag: (die Himalayaberge
und die Mondberge kante man noch nicht) dies führte
auf eine genauere Bestimmung der unteren Schneegränze in den
verschiedenen Klimaten, die man nach ihrer relativen
Höhe über dem Meere unterscheiden lernte. Man fand
verschiedene Pflanzen- und Thierformen nach dem Verhältnis
der Höhe und Breite: ja es kam zu sehr wunderlichen
Diskussionen über die Entstehung der grossen reissenden
Thiere. Man sah ein abgeschlossenes System von Völkern
in Amerika, die zwar unter sich sehr verschieden, doch
durch den eigenthümlichen Bau der Bakkenknochen,
noch mehr aber durch eine gewisse grammatische Analogie
der Sprachen verbunden sind. Man bemerkte, dass
grade in den heisseren Gegenden die Amerikaner blasser
sind, in den höher gelegenen kälteren dagegen schwärzer:
man warf die Frage auf, warum es in Amerika keine Neger
gebe. Alles dies muste gründliche Untersuchungen über
die Menschenraçen im algemeinen anregen und vorbereiten.
Zugleich eröffnete sich eine neue Ansicht über die Natur
des vulkanischen Feuers: noch nirgend hatte man, so wie
hier in der Andeskette eine lange Reihe von Vulkanen
nebeneinander gesehn: man faste damals die irrige Meinung
der Wasserausbrüche, durch den Augenschein verleitet.
Sobald nämlich vor dem Ausbruche der Krater von innen
sich erwärmt, so dringt eine Menge geschmolzener Schnee
durch die Spalten hinein, der alsdann bei der Erupzion
mit grosser Gewalt hervorgeschleudert wird: daher: Volcanos

de agua. Man wurde aufmerksam auf die grossen Meeresströmungen

, namentlich auf den Golfstrom, von dem oben die
Rede war, und suchte den Grund derselben zu erforschen.
P. Martyr de Angiera in seiner Oceanica giebt davon
eine eben so gründliche als anschauliche Beschreibung.
Ein ganz neuer Himmel wurde entdekt: man fand die
Magellanischen Wolken, 2 grosse Nebelflekke, und erkante,
dass sie durchaus von der Milchstrasse abgesondert waren.
Ideler hat gezeigt, dass man sie schon bei den Arabern
kante, denen es nicht entging, dass man dieselben nur im
südlichsten Arabien, nicht aber im nördlichen Persien
erblikken könne; man entdekte die schwarzen Kanopen
des Magellan, jene dunklen Flekken, die zu so vielen Meinungen
Anlas gegeben haben.

Zwei Bücher sind für diesen Theil vorzüglich zu nennen,
welche man nur aufzuschlagen braucht, um sich einen Begrif
von der grossen Umwälzung zu machen, welche damals in
naturwissenschaftlicher Hinsicht vorging. 1, Acosta’s
Naturgeschichte ist für die Verbreitung der Pflanzen besonders
wichtig und Petrus Martyr de Angiera für die klimatischen
Zustände.

Die Passatwinde, welche regelmässig von Osten nach Westen
wehen, führten natürlich auf eine algemeinere Kentnis
der Luftströmungen. Schon der Entdekker, Kolumbus fand,
dass die magnetische Abweichung nicht immer dieselbe
sei, und in seinem neuerlichst herausgegebenen Reisejournale
ist sorgfältig von ihm der Tag bemerkt, wo er diese
merkwürdige Erscheinung zuerst wahrnahm.

Diese ungeheure Zunahme von Kentnissen in jedem Fache
der Wissenschaft muste nothwendig die ergraute scholastische
Philosophie stürzen, welche bis jezt jeder freieren
Untersuchung die lähmendsten Fesseln angelegt hatte: einen
bedeutenden Anstos dazu gab Jordano Bruno, ein arger
Pantheist und sinlicher Epikuräer, der in London, Paris
und Ingolstadt Naturwissenschaften lehrte, und das
sonderbare Schiksal hatte, von Calvinus verkezert, und
von der Inquisizion in Venedig verbrant zu werden.

8. Vorlesung, 28. November 1827

Die algemeine Umwälzung in den Wissenschaften, welche durch
die Entdekkung von Amerika hereinbrach, wurde vorbereitet
durch die gründlichen Studien der Araber in der Chemie und
Physik. Sie waren es, welche eine Tafel der Monddistanzen
anfertigten, ja sie hatten eine Art von nautischen Ephemeriden
berechnet, deren sich kastilische Schiffer mehrere 100
Jahre vor Kolumbus bedienten.

In Amerika fand man eine so grosse Menge edler Metalle,
dass man auf neue Arten sann, sie auszuscheiden, und dies
führte auf die Entdekkung des Amalgamirprozesses, den man
bei den Arabern nur unvolkommen gekant, und wenig oder
gar nicht in Ausübung gebracht hatte. Wie mächtig die
Entdekkung von Amerika auf die Gemüter der Zeitgenossen eingewirkt
, sehn wir aus 2 Briefen des Petrus Martyr d’Angiera
, den einen über diese Entdekkung, den andern über die
Kirchenreformazion, welche uns beide glüklicherweise erhalten
sind, vom Januar 1493. (folgen die Stellen.)

Dass um dieselbe Zeit die scholastisch-dogmatische sogenante

aristotelische Philosophie gestürzt wurde, und einer

reineren Naturanschauung Plaz machte, war unstreitig mehr
das Werk der ganzen fortrükkenden Zeit, als Einzelner: doch
müssen 3 Männer hier genant werden, deren Wirken und
Schriften von entscheidenden Einflusse waren. 1, Jordano Bruno,
dessen bereits Erwähnung geschehn: er beschäftigte sich zuerst
mit dem Copernikanischen System, und kam dann auf die
pantheistische Idee, das ganze Weltall für ein grosses
Thier zu halten.
2, der Kanzler Baco von Verulam in seinem Werke: de augmentis

scientiarum, 3, der Italiäner Campanella de philosophia
instauranda. Baco’s Werk ist meist voll von praktischen Anweisungen
, wie man die Wissenschaften betreiben solle, dagegen hat
er weniger durch eigne Beobachtungen und Versuche geleistet, die
sich in grosser Volkommenheit bei Campanella finden.

Die 5te Epoche von 1590–1643 ist durch die Entdekkung neuer physikalischer
Instrumente bezeichnet, durch welche die natürlichen
Sinne des Menschen gestärkt und geschärft wurden: wir
heben hier besonders 4 Organe heraus: das Fernrohr, das
Barometer, das Thermometer und die Infinitesimalrechnung.
Das Fernrohr wurde 1590 von Janssen in Mittelburg erfunden,
und bis zum Jahre 1611 hatte man schon folgende wichtigen
Entdekkungen gemacht: die Jupitertrabanten: die Phasen der
Venus, höchst wichtig zum Beweise für das Kopernikanische
Weltsystem, den Ring des Saturn, die Mondberge und die
Sonnenflekken.

Das Thermometer um 1600 erfunden machte aufmerksam auf
die Verschiedenheit der Klimate, und ihren Einflus auf die
allgemeinen Vegetazionsverhältnisse: doch wurde es erst 100
Jahre später von Reaumur dahin vervolkomnet, dass es bei
genauen Temperaturmessungen anwendbar war.

1643 fand der grosse Torricelli das Barometer, und der
geistreiche Philosoph Pascal wandte dasselbe auf die Messung
der Berghöhen an.

Das wichtigste Organon aber ist das 4te, die Analysis
des Unendlichen. In dem Streite, welcher sich darüber
zwischen Leibnitz und Newton erhob, behauptet Leibnitz,
die Entdekkung schon 1676 gemacht zu haben, erschienen ist
sie aber erst 1684. Die Anwendung davon auf Astronomie
und Physik war von der grösten Wichtigkeit, und da die
Beobachtungen sich nun immer mehr häuften, so ging die
Wissenschaft mit Riesenschritten vorwärts.

Man beobachtete nun auch die Luftströmungen genauer,
nicht blos in ihrem regelmässigen Wiederkehren, wie sie
unter dem Namen der Etesien und Monsonen schon den
Alten, namentlich auf Alexanders indischem Zuge bekant
geworden, sondern auch in ihrem unregelmässigen Steigen und
Fallen. Dampier und Halley sahen die Luft zuerst als einen
grossen Ozean an, der nach oben zu Wellen schlägt.

Um 1700 zog man zuerst die magnetischen Linien, indem
man alle diejenigen Punkte der Erde, auf denen die Nadel
eine gleiche Inklinazion zeigt, durch Linien verband, und
Halley hat um diese Arbeit das gröste Verdienst.

Jemehr wir uns der neuern Zeit nähern, um desto schwerer
wird es, ein Naturbild mit der nöthigen Vollendung zu entwerfen
: denn die Beobachtungen und Erfahrungen werden
immer zahlreicher und wichtiger: wenn wir aber darauf sehn,
das Gleichnamige immer streng zusammenzuhalten, so werden
wir nicht anstehn, mit den Weltreisen Cooks die 6te Epoche
oder den lezten Ruhepunkt zu bezeichnen. Durch diese erste,
eigentlich physikalische Expedizion wurde die geographische
Kentnis des Erdkörpers vollendet. Neuholland wurde zwar nicht
erst entdekt, aber doch ein grosser Theil desselben umschift und
geographisch bestimt. Die magnetischen Linien wurden nicht
allein nach ihrer Deklinazion, sondern auch nach ihrer
Inklinazion genauer bestimt. Die Temperatur des Meeres
wurde untersucht und festgestelt. R. Forster in Halle hat
das Verdienst, alle Beobachtungen in ein Naturbild zusammengestellt
zu haben, das zwar nach dem jezigen Stande der
Wissenschaft uns nicht mehr befriedigen kann, aber für die
damalige Zeit von dem höchsten Interesse, auch durch den inwohnenden
Geist höchst achtungswerth war. Allerdings
waren manche Zweige der Wissenschaften noch nicht ausgebildet
: in der Geognosie und Hygrometrie (für welche
Saussure nachher so viel gethan hat) war man noch nicht
weit genug vorgerükt.

Die lezten Expedizionen von Freycinet und Duperrey, welche
als eigentliche physikalische Reisen zu betrachten
sind, hatten nicht neue Länderentdekkungen zum Zwekke,
sondern nur das Zusammenbringen einer grossen Anzahl von
Beobachtungen aus allen Zonen und Klimaten, und haben in dieser
Hinsicht die glänzendsten Resultate geliefert: auch hatte
man für sie ganz neue physikalische Instrumente erfunden.
Die Figur der Erde wurde mit grosser Sorgfalt gemessen, und
man fand das Resultat, dass die Erde am Südpol nicht
mehr abgeplattet ist, als am Nordpol, was man früher
wegen des vielen Eises glaubte. Es wurden auf dieser Expedizion
von Stunde zu Stunde, Hygrometer, Barometer und
Thermometer beobachtet, nicht blos auf dem Schiffe und
auf dem Lande, manchmal auch in der Tiefe des Meeres.

Was die Landreisen anbetrift, so sind dieselben in neuster
Zeit nicht so ausgedehnt, als im Mittelalter: damals
war es keine Seltenheit, dass ein Europäer die äusserste
Gränze von China erreichte, dann nach Timbuktu gelangte,
und endlich in Corduba ankam: allein der Nuzen der
neueren eingeschränkten Landreisen ist viel bedeutender.
Für Asien nenne ich nur Niebuhr und Pallas, für Europa
Saussüre; für das Kap der guten Hofnung Barrow und
Lichtenstein, für das Innere von Afrika: Bruce, Hornemann,
Mungo Park, Burkhardt, Denham und Klapperton.

Durch die Entdekkung der geognostischen Reihen, wobei
Werner ganz besonderes Verdienst hat, ist man dahin gekommen
, die Gebirgformazionen mit grosser Sicherheit bestimmen
zu können. Zugleich machte die vergleichende Anatomie
so grosse Fortschritte, dass man im Stande war, aus den
geringsten fossilen Überresten auf die Bildung des ganzen
Thieres schliessen zu können: es müssen hier genant werden
: Cuvier, Brogniart und v. Schlottheim. Man entdekte
ferner die terziären Bildungen, welche über den Flözgebirgen
liegen, und wurde aufmerksam auf das ausgebreitete
Nez der Vulkane in allen Zonen man fand einen Zusammenhang
derselben mit dem Trachyt, einer Art von
Syenitporphyr: man bemerkte die Hebung der Inseln und
Berge, und gewann eine genauere Erkentnis der vorweltlichen
grossen Revoluzionen unseres Erdkörpers. Leopold
von Buch dehnte diese Hebung auf ganze Kontinente aus;
Schon Celsius fand, dass der Wasserspiegel an der schwedischen
Küste niedriger werde, während er in Pommern unverändert
bleibe, und man kann diese Erscheinung nicht anders als durch
eine Hebung des ganzen schwedischen Kontinentes erklären.
Man bestimte die Erschütterungskreise der Erdbeben genauer,
und fand einen unterirdischen Zusammenhang, der sich durch
alle Welttheile ausdehnt.

Wie man Italien überal zuerst nennen mus, wo von der
Ausbreitung der menschlichen Kentnisse die Rede ist, so finden
wir wieder in neuer Zeit in diesem Lande eine der merkwürdigsten
physikalischen Entdekkungen, die Voltasche Säule, welche
noch viel wichtiger wird, durch die Anwendung davon, welche
Berzelius und Davy auf die Zerlegung der Stoffe machten.
Man fand die Metalloide der Alkalien, und erkante, dass die
Erdarten selbst nichts anderes sind, als Metalloxyde. Oerstädt
machte die wichtige Entdekkung von der Identität der magnetischen
und elektrischen Kraft. Seebek fand den Thermomagnetismus
. Becquerell bewies, dass jede chemische Erscheinung
mit einer elektrochemischen Wirkung verbunden sei.
Er entdekte die kleinsten Quantitäten von Säuren, welche man
kaum durch Reagenzien bemerken konte, durch den Kompas.
Arago endlich fand, dass man überall durch Rotazion Elektrizität
hervorbringen könne, nicht blos in festen Körpern,
sondern auch in Wasser, sogar in Eis.

Trotz dem bleiben manche Erscheinungen: das Nordlicht,

Wolkenbildungen, das Gewitter, namentlich der Gewitterregen, immer noch in

ein unerklärliches Dunkel gehült. Le Roi in Montpellier,
de Luc, Erman, Dalton & Gay Lussac haben in diesem Fache
ausgezeichnete Entdekkungen gemacht.

In der Optik und Astronomie sind die Bemühungen von
Dollond, Herschel und Frauenhofer von dem grösten Einflusse
gewesen: man fand am Ende unseres Planetensystems den
Uranus mit 5 Monden, 2 Kometen, den Enckeschen und
Bielaschen, die in sehr verlängerten Ellipsen um die Sonne
gehn; jene Doppelsterne, welche die Bewegung zweier selbstleuchtenden
Körper um einander darstellen, endlich die Nebelsterne
. Zugleich entdekten Malus und Arago die farbige
und unfarbige Polarisazion des Lichtes, welche uns in den
Stand gesezt hat, die physikalische Beschaffenheit der Weltkörper
zu untersuchen und aufzufinden.

Auch in der Kentnis der Polargegenden sind wir durch
die lezten Expedizionen weiter vorgerükt: zwar fehlen noch
26 Breitengrade bis zum Pole, doch ist Wedell schon 3
Grade südlicher als Cook hinaufgekommen.

Die Entwiklung der menschlichen Intelligenz hat mit der
Entwiklung der Kentnis des Weltganzen nicht immer gleichen
Schritt gehalten: früher war sie fast allein um das
Bekken des Mittelmeeres versammelt, in neuer Zeit hat
sich aber die Zivilisazion weiter ausgebreitet, aber nichts
weniger als gleichmässig: dazu komt, dass die Fortschritte
in den einzelnen Wissenschaften meist stossweise geschehn.

Der Karakter der neueren Zeit ist die Tendenz nach
einem allgemeinen vergleichenden Naturstudium, und
wir können sagen, dass wir hierin mit den himlischen
Körpern fast zu Ende gekommen sind. Seit Kepler bis
Laplace hat man sich mit der Bestimmung ihrer Geseze
beschäftigt, und man kann sagen, dass sie das höchste
Problem der Mechanik des Himmels in seiner schönsten
Auflösung darbieten.

man berechnet den Eintritt der

Jupitertrabanten in den Schatten

bis auf 8–10 Sekunden Zeit

Auf der Erde dagegen hat man
noch keinen vernunftmässigen Einklang bestimmender
Geseze auffinden können, weil die chemische Verschiedenheit
der Stoffe so sehr in Anschlag kömt, von der man
alles numerische, was man vielleicht festgestellt haben
könte, sorgfältig scheiden mus. Auch hier komt man
zu der Erkentnis, dass, je tiefer man in die Natur eindringt,
um desto freier werde die Ansicht des Ganzen, und die
Naturbeschreibung kann nur dann etwas wahrhaft
grosartiges werden, wenn sie ganz in sich vollendet ist.

9. Vorlesung, 1. Dezember 1827

Quellen der Wissenschaft und Litteratur der Cosmographie.

Die Quellen unserer Wissenschaft sind doppelter Art: sie bestehn

1, in dem Studium der Natur selbst. 2, in dem was
sich darüber in Schriften findet: denn ein Einzelner kann
selbst nur wenig sehen, er mus daher das zu Hülfe nehmen,
was andre vor ihm gesehn haben: dabei ist es aber nothwendig,
dass er immerfort prüfend selbst beobachte, wenn er die Beobachtungen
andrer verstehn will. Wir müssen indess hiebei wohl unterscheiden
, dass der Lehrer und die Studirenden 2 verschiedene
Zwekke zu verfolgen haben. Jener, der Lehrer mus sich vorbereiten
durch ein genaues Studium aller Reisebeschreibungen bei allen
Völkern und in allen Sprachen: er mus alle einzelnen Abhandlungen
durchgehn, die in seinem Fache erscheinen: denn nur aus dem
speziellen kann das generelle hervorgehn. Dabei darf er nicht
versäumen, gleichzeitig die Natur in allen ihren Erscheinungen zu
beobachten. Diese, die Studirenden, denen es nicht möglich ist,
in alles Einzelne einzudringen, müssen sich an Samlungen
halten, und die in denselben aufgestelten Reihen mit Hinblik
auf das Ganze durchgehn. Für das Studium nenne ich daher
hier nur algemeinere Werke:

Varenius geographia generalis. der Verfasser hat einen sehr
schönen Plan, verwechselt aber das spezielle mit dem generellen.

Bergmann physikalische Erdbeschreibung.

Mitterbacher physische 〃.

2 Werke über physikalische Geographie, die unter Kant’s Namen
nach seinem Tode herausgekommen, von Rink und Volmer
besorgt sind.

Auch des grossen Werner ungenügend nachgeschriebene Hefte
hat man nach seinem Tode zu voreilig herausgegeben.

Lameterie Théorie de la terre. 4 Bde.

Malte Brun Géographie universelle. 1812. er verwechselt auch
das spezielle mit dem generellen, und mus sehr behutsam
studirt werden: denn er schöpft nicht aus eigner Anschauung
, und ist in den facta manchmal unsicher.

Hochstätter physikal. Geographie 1820.

Munke 1820. auch von ihm den schönen
und sehr ausführlichen Artikel Erde in Gehler’s physikalischem
Lexikon.

Link. Betrachtungen über die Urwelt, wovon ich Hofnung
machen darf, dass wir bald den Beschlus erhalten werden.

Laplace Système du Monde: für Inhalt und Form ganz
unvergleichlich; ihm ist in keiner Litteratur ein ähnliches
Werk an die Seite zu sezen.

Schubert und Littrow astronomische Schriften. Wenn ich
hier die Schriften von Bode nicht nenne, so geschieht dies
nicht, weil ich seine ausgebreiteten Verdienste für die Wissenschaft
verkenne, sondern weil seine Werke sich auf einen
ganz speziellen Zweig, auf die Kentnis des gestirnten Himmels
beziehn.

v. Hof. Geschichte der durch Überlieferungen nachgewiesenen
Veränderungen der Erdoberfläche, 2 Bde. 1820–24. ein vortrefliches
Werk: dem man in keiner Sprache etwas gleichstellen kann.

Ukert mathematische und physische Erdbeschreibung der
Griechen und Römer. 1816–21.

Schneider eclogae physicae. für das Alterthum.

Wenn wir bei den Alten wahrnehmen, dass sie nie den Einflus
beachtet haben, den der Anblik der unbelebten Natur
auf den Menschen ausübt, so komt dies nur daher, dass der
Mensch und das Studium desselben ihnen das Höchste und
Einzige schien. Die Naturbetrachtung scheint den Indo-germanischen
Stämmen eigenthümlich zu sein. Doch finden wir auch einzelne
Beispiele davon bei den Alten. Plinius hat uns eine schöne Beschreibung
seiner beiden Villen, Laurentinum und Tuscum hinterlassen. Nie aber
wurde es ein eigner Zweig der Litteratur, sondern immer nur als
Hintergrund aufgestelt, um den lebenden Figuren mehr Licht zu
geben, wie wir dies ja auch durchgängig auf den historischen Bildern
in Pompeji wiederfinden. Man könte glauben, dass bei den germanischen
Stämmen das rauhe Klima und die Entbehrung einer
schönen Natur während eines grossen Theiles des Jahrs auf die
Naturbetrachtung geleitet hätte: dies scheint aber nicht der
einzige Grund zu sein: denn die südlicheren Inder und Perser
haben sie ebenfals. In neuer Zeit finden wir die erste ästhetische
Behandlung der Naturszenen beim Kardinal Bembo, in
einer eignen kleinen Blumenschrift, die er beim Aufsteigen
auf den Ätna verfaste: Ätna dialogus. (eine der seltensten Aldinen)

Büffon’s Schilderungen der Natur haben eine gewisse Kälte, weil
er nicht aus eigner Ansicht schöpfte.

G. Forster hat zu Cook’s Reisen ein sehr geschmakvolles Naturbild
entworfen, in dieser Art das erste und vortreflich.

Bernardin de St Pierre Paul et Virginie.

Chateaubriand Atala und Réné. Reise nach Griechenland.

Göthe, dessen Werke ein tiefes Gefühl für die Natur durchdringt,
in der Metamorphose der Pflanzen und Morphologien.

Freilich ist man hier auch auf grosse Abwege geraten, in den sogenanten
poetischen Reisebeschreibungen: denn um grosse Gegenstände
zu schildern, ist es immer gefährlich, sich des poëtischen
Schmukkes zu bedienen: die Hauptsache liegt darin, dass der, welcher
das Bild aufstelt, ganz in demselben aufgeht, und sich selbst der
Betrachtung entzieht.

Wir dürfen bei dieser Gelegenheit die Landschaftmalerei nicht
übergehn, in so fern sie sich mit der karakteristischen Darstellung
der einzelnen Pflanzenformen und der Physiognomie der Natur
überhaupt beschäftigt. Bei den Alten war dies auch nur
Nebenwerk, und sie bedienten sich zur Darstellung der anorganischen
Natur gewisser feststehender Typen.

Den Anfang der Landschaftmalerei finden wir in der niederländischen
Schule bei den Schülern Van Eyck’s: namentlich versuchte
H. v. Bloss die Figuren sehr zu verkleinern, um dadurch
die Landschaft mehr hervortreten zu lassen: doch ist seine Nachahmung
der Natur mehr ängstlich als heroisch. Bei den Italiänern
sind zu nennen: Tizian, Bassano und A. Caracci. Doch
auch bei diesen findet sich keine genaue Nachahmung der exotischen
Natur: auch sie hatten für manches konvenzionelle Formen,

z. B. für die Dattelpalmen, welche doch aus Nordafrika nach

Sizilien und Italien hinübergewandert waren.

F. Koes war der erste, welcher 1642 in Brasilien treue Naturgemälde
anfertigte.

Hodges brachte herliche Zeichnungen von Cook’s Reisen mit, und
ging nachher mit Lord Hastings nach Ostindien, wo er ebenfals
schöne Arbeiten lieferte.

Daniel, oriental sceneries und Reise von Portsmouth nach Calcutta.

Rugendas war neuerdings in Brasilien, und hat ausgezeichnete
Landschaften zurükgebracht, die sich in Schleisheim befinden.

Durch alles dies werden unsre Weltansichten vermehrt und vergrössert
, und wenn ich von mir selbst angeben soll, was mich zuerst
zur Unternehmung von weiten Reisen angetrieben, so war es: G.
Forsters Schilderung der Südseeinseln, der Anblick des grossen Drachenbaumes
, der sonst hier im botanischen Garten sich befand, und
Hodges vortrefliche Zeichnungen, die ich bei meiner frühsten Reise
nach England zu sehn Gelegenheit hatte.
Nachdem wir mit diesen Betrachtungen die Propädeutik geschlossen

, gehn wir zur Wissenschaft selbst über, und beschäftigen uns
hauptsächlich zuerst mit 3 Gegenständen:

1, Betrachtungen über die Anhäufung der Materie nach dem Maasse der absoluten Grösse.

2, nach der Verschiedenheit ihrer chemischen Natur.

3, nach dem Maasse ihrer räumlichen Entfernung.

Die Betrachtungen über die absolute Grösse sind oft in Spielereien ausgeartet
, wie wir im Arenarius des Archimedis schon ein Beispiel
finden, wenn dieser nicht in andrer Rücksicht merkwürdig wäre: es
wird darin das Volumen eines Sandkorns mit dem Volumen der Sonne
verglichen. Wir wollen eine ähnliche aber doch andere Betrachtung
anstellen, um uns die absolute Grösse der Weltkörper deutlich zu
machen. Der Durchmesser der Vesta, als des kleinsten Planeten,
beträgt zwischen 59–60 geographische Meilen. Wir haben oben gesehn, dass
es gar nichts unwahrscheinliches hat, die Aërolithen als kleine
Weltkörper zu betrachten, die nicht zu unsrer Athmosphäre gehören
: der Durchmesser des grösten derselben, den ich in Südamerika
gemessen, beträgt zwischen 4–5 Fus: wir stellen also folgende
Proportionen auf: Durchmesser d. Vesta zu dem der Sonne = 1:3300.

Durchmesser d. Aërolithen zu dem d. Vesta = 1:270,000.
Herschel hat mit grosser Genauigkeit gezeigt, dass der Durchmesser

der Veja wenigstens 34 mal grösser sein mus als der der Sonne:
und hienach wäre:

Durchmesser d. Veja : Durchmesser d. Vesta = Vesta : 2 Meteorsteinen.

Der innerste Trabant des Saturn ist noch kleiner als Vesta, und
sezt man diesen statt der Vesta in die Proportion: so verschwindet
der Unterschied zwischen Aerolithen und jenen Weltkörpern ganz:
denn 135,000 Aërolithen nebeneinander gesezt, geben schon einen
solchen kleinen Satelliten oder Kometen, dagegen verhält sich der Durchmesser
eines Aerolithen zu dem der Veja wie 1:20,000 Millionen
und 212,000 Vesta-Durchmesser neben einander bilden einen Weltkörper
wie Veja. In diesem Zusammenhange also läst sich jede
Anhäufung der Materie unter demselben Gesichtspunkte
betrachten.

Ausser diesen kompakten Massen giebt es auch dunstförmige
Anhäufungen der Materie. 1, jene Lichtpyramide,
welche man bei uns nur selten im März und Oktober nach
Sonnenuntergang von der Sonne aufsteigen sieht, das sogenante
Zodiakallicht, das man früher für die Atmosphäre der
Sonne hielt, man glaubt aber jezt, dass es wirklich leuchtende
Theilchen sind, die sich von der Sonne abgetrent haben,
und deren Ausdehnung weit über die Erdbahn hinausreicht.
Ich habe das Thierkreislicht, welches zuerst von dem
grossen Cassini gesehn wurde, in Valencia in Spanien und dann auf d. hohen Bergen in Amerika genau beobachtet,
und bemerkt, dass es nicht immer gleichförmig sondern
oft stossweise in Lichtwellen ausgestralt wird.

2, noch in Nebel aufgelöste Weltkörper oder Nebelflekke;
ich meine nicht jene scheinbaren, die sich bei verstärkter
Vergrösserung in Sternhaufen verwandlen, sondern wirkliche
planetarische, die sich nicht auflösen lassen: man ist
bei diesen von Vergrösserungen von 70–80 Durchmessern zu 800–900
fortgeschritten, und hat immer dasselbe matte Licht gefunden.

Je stärker man an andern Orten die Vergrösserung genommen
hat, um desto mehr Sterne treten hervor, so dass das
Himmelsgewölbe im eigentlichen Sinne aus einem Teppich
von dichter oder dünner gewebten Sternen besteht: es
müste also überall eine wahre Sonnenhelle von so vielen
Sonnen reflektirt werden: dies brachte Olbers zuerst auf
den Gedanken, zwischen den Weltkörpern eine lichtschwächende
Materie anzunehmen; und diese ist nichts anders
, als eben jene dünstförmigen Stoffe, die sich noch nicht
zu Weltkörpern gebalt haben. Ferner berechtet zu dieser
Annahme die Retardazion des Enkeschen Kometen, die
sich auf 40 Minuten beläuft. Dieser Komet bewegt sich von
der Merkur’sbahn bis zu der des Jupiter.

10. Vorlesung, 5. Dezember 1827

Schon Halley warf die Frage auf, ob nicht in jedem Punkte
des Himmels ein leuchtender Körper stehe, welche bejaht
werden mus: dies brachte auf den Gedanken einer feinen im
Weltall verstreuten Materie, die man Aether nante. Ohne
denselben würde die Sonne nur an ihren Flekken erkenbar
sein, und die Planeten würden wie dunkle Scheiben
am Himmel fortrükken.

Die Betrachtungen über die Anhäufung der Materie
nach der Verschiedenheit ihrer chemischen Natur müssen
wir damit beginnen, dass wir die Körper nach der Art ihrer
Verdichtung in starre, tropfbarflüssige und elastischflüssige
eintheilen. Manche Körper können aus dem tropfbarflüssigen
Zustande in den festen übergehn, wie das Wasser,
an den Polen findet man das Eis konstant wie eine Gebirgsart
anstehend, ohne dass es je in den tropbarflüssigen Zustand
zurükkehrt. Zu den tropfbaren Massen gehört das Meer,
dessen Wasser nach eignen Proporzionen zusammengesezt ist,
und tropfbar sind gewis noch manche Stoffe im Innern
der Erde: bei einer Tiefe von 48 Meilen würde man schon 1600° R.
Wärme haben, wobei das Eisen schmelzen würde. Vom Queksilber
wissen wir, dass es sich im blossen Kontakte mit der Luft
verflüchtigt, und eine Queksilberathmosphäre bildet, und vielleicht
war es bei den Uranfängen unseres Planeten in diesem
Zustande, und hat sich nachher niedergeschlagen: so schweben
vielleicht, uns unsichtbar eine Menge Stoffe an der Gränze
unserer Athmosphäre herum, die aber von den ewig auf- und
abgehenden Luftströmen in Bewegung erhalten, und am
Niederschlage gehindert werden.

Der Mond scheint blos starr zu sein, wie ein Aërolith,
ohne vom tropfbar- und elastisch-flüssigen etwas an sich
zu haben, wenigstens müste seine Athmosphäre dünner
sein, als die dünste Luft, welche wir unter der Luftpumpe
darstellen können. Man hat es als die beiden Karaktere aller
Nebenplaneten angegeben, dass sie in der selben Zeit sich um
sich selbst und um den Hauptplaneten drehen, und dass
sie keine Athmosphäre haben, von diesem lezten findet sich
aber eine Ausnahme bei einigen Jupiterstrabanten, wo man
sonderbare Verdunkelungen und Erhellungen wahrnimmt.

Andre Weltkörper sind gasförmig, wie man dies jezt
allgemein von den Kometen annimt, durch deren Kern
man Sterne der 6–7 Grösse erkant hat: wir kennen aber immer
nur die mitlere Dichtigkeit derselben, weil selbst bei den elastischen
Schichten die obern auf die untern drükken müssen.

Die planetarischen Nebelflekke, welche Herschel entdekt
hat, scheinen aber noch dünner zu sein als die Kometen.

Über die chemische Verschiedenheit der Körper können
wir zwar nur bei unserem tellurischen Systeme mit Gewisheit
etwas bestimmen, wir bekommen aber doch durch
die Aerolithen eine Idee von der Beschaffenheit entfernter
Weltkörper: die vortrefliche Arbeit des Prof. G. Rose
über die Aërolithen hat gezeigt, dass sie gröstentheils Gebirgsarten
enthalten, wie sie auf unsrer Erde vorkommen:
und selbst von diesem Erdkörper kennen wir nur eine dünne
Rinde, die man bis jezt in 51 einfache Körper zerlegt hat,
welche in sehr ungleicher Quantität darin vertheilt sind:
am häufigsten kommen vor Sauerstof und Kieselsäure, am
wenigsten Vitriol und Kali. Der meiste Sauerstoff befindet
sich nicht, wie man sonst glaubte, in der Luft, sondern
in den festen Massen, welches durch Davy’s & Berzelius
Versuche bewiesen wurde: die Kalkerde allein, eine der am
meisten verbreiteten Erden, enthält 28 Theile Sauerstoff.

Bei den flüssigen Massen welche unsern Erdkörper umgeben

finden wir eine geringere Mannigfaltigkeit in der
Zusammensezung der Stoffe, als bei den festen. Die Athmosphäre
enthält ¾ Stickstof, 1/1000 Kohlensäure, (die sich
jedoch nach den Jahreszeiten zu ändern scheint) und ist
also die gröste Vorrathkammer von Stikstof die wir kennen.

Eine noch dünnere Rinde um die Erde bildet die organische
Natur, welche nur bis zu einer sehr geringen Tiefe in
den Erdkörper eindringt: auch findet bei den Pflanzen
und Insekten im Innern der Erdklüfte eine schnelle
Ausartung statt, die auch wohl von ihrer unbequemen
Lage herrührt.

Bei den Anhäufungen der organischen Stoffe müssen
wir bemerken, dass sie ihren Mischungszustand nicht
ändern, so lange sie ein Ganzes bilden: sobald sie aber getreut
sind, dann erfolgen chemische Veränderungen: wir
müssen daher annehmen, dass sie in ihrem Innern bestimt
abgeschlossen, und mit hinlänglichen Kräften ausgerüstet
sind, um die chemischen Verwandschaften zu bezähmen.

Die Betrachtungen über die Anhäufung der Materie
nach dem Maasse ihrer relativen Entfernungen führen
nur zuerst auf die Entfernungen der verschiedenen Gruppen
untereinander.

Alle Völker und alle Sprachen unterscheiden die Begriffe
Himmel und Erde, auf denen der ganze Kreis
alles Sichtbaren sich bewegt. Wir beschränken uns zuvörderst
auf die Erde, und werfen 2 Fragen auf:
1, welcher Himmelskörper ist der Erde je am nächsten

gekommen: kein andrer als nach unsern Erfahrungen der
nächststehende, der Mond, welcher 48000 geographische Meilen entfernt
ist. Kein Komet kam der Erde näher als auf 6
Mondweiten, und zwar der von 1770, wäre dieser so dicht
gewesen, als unsre Erde, so würde er unser Jahr um
3 Stunden verlängert haben: man merkte aber nicht die
geringste Veränderung. Hiebei müssen wir jedoch unterscheiden
, zwischen einer Annäherung an die Erdbahn
und an die Erde selbst. Der Bielasche planetarische
Komet könte uns in dieser Rüksicht am gefährlichsten
werden, er war 1826 nur 2 Mondweiten von der Erdbahn
entfernt. Er komt ferner in Betracht, ob es möglich
sei, dass die Erde in einen Kometenschweif zu stehn kommen
könne. 1783 sah man einen sehr auffallenden Heerrauch,
3 Monate hindurch ging die Sonne ohne Stralen wie eine
rothe Scheibe auf und unter; und den Mond sah man
oft gar nicht: die Meinung war daher damals algemein,
dass die Erde in einem Kometenschweif gestanden habe, bis
neuerlich Arago darauf aufmerksam machte, dass in
diesem Falle der in Europa beobachtete Heerrauch auch
jenseit der atlantischen Ozeans vorhanden gewesen sein
müste: da dies aber erwiesenermaassen nicht der Fall
war, so muste er eine andre Ursach haben: denn die
Bewegung der Erde um sich selbst ist so ungemein schnell,
dass der Komet, auch bei eigner schnellster Bewegung
doch um die ganze Erde herum einen Parallelkreis zwischen
dem 44–55ten Grade der Breite beschrieben haben müste.
Der Komet von 1819 hatte einen ausserordentlich schnellen
Gang, und es ist von Olbers und Dirksen berechnet worden
, dass er am 26ten Junius bei der Sonne vorbeigegangen
ist, und obgleich ein grosser Streit darüber entstanden, ob es
möglich sei, diesen Durchgang zu beobachten, so war dies
doch entscheidend für die geringe Dichtigkeit der Kometen,
dass man gar keine Veränderung am Sonnenlichte wahrgenommen
hat. Damals allerdings hätte sich der Kometenschweif
, wenn er lang genug war, mit unsrer Athmosphäre
mischen können. Es steht in vielen älteren Schriftstellern
die Behauptung, dass ein Jahr nach der Eroberung von
Konstantinopel, also 1454, ein Komet den Mond verfinstert
haben soll: dies beruht auf einem Misverständniss
des Phrantza, eines Maitre de Garderobe am byzantinischen
Hofe, der sehr weitläufig alles, was damals dort
geschah, berichtet, und dessen Chronicon von den Jesuiten
misverstanden worden ist. Kries hat die Handschrift
untersucht und gefunden, dass er blos erzält; es sei ein
Komet erschienen, zur Zeit als der Mond verfinstert war.

2, die 2te Frage ist die, welche 2 Himmelskörper ausserdem
sich untereinander am nächsten kommen: dies ist der innerste
Saturntrabant und der Saturn: diese beiden sind nur
um eine halbe Mondweite von einander entfernt, also
27300 Meilen (übrigens ist der Mond der fünftnächste
Trabant: 3 vom Saturn und 1 vom Uranus sind ihren
respektiven Planeten näher.) Die Berechnungen über den
Kometen von 1770 haben gezeigt, dass er zweimal, 1767 und
1779 durch die kleineren Jupiterstrabanten gegangen ist.
Diese Trabanten sind im ganzen 33000 Meilen von dem Jupiter
entfernt: der Komet mus ihnen also wenigstens
bis auf 1600 Meilen nahe gekommen sein, welches ¼ unserer
Mondweite beträgt. Der Komet von 1680 kam der
Sonne auf Mondweiten nahe, also nicht ganz so nahe,
als der durch die Jupitertrabanten ging, welcher uns das
Beispiel der grösten Nähe 2er Weltkörper giebt.

Den Saturnring können wir als einen Komplexus von
Trabanten betrachten, woher auch wohl die ungeheure
Grösse und Höhe der Berge darauf kömt, deren einer an

Grösse dem Merkur gleich kömt. Die Entfernung des

Ringes vom Saturn beträgt nur 5800 Meilen.

Man könnte versucht werden, die Doppelsterne, welche
so nahe beisammen stehn, für noch näher zu halten,
dies wäre aber ein grosser Irthum: die nächsten, welche man
beobachtet hat, sind 5 Sekunden von einander entfernt,
und doch beträgt ihr relativer Abstand wenigstens die
Weite von der Sonne bis zum Saturn.
Bei den dunstförmigen Massen, welche Herschel durch sein

stärkstes Teleskop in ungemesnen Weiten am Himmel wahrnahm
, findet sich die merkwürdige Erscheinung, dass oft
2 bis 3 Kerne in einer Dunstmasse liegen.

Unsre Kommunikazion mit den entfernteren Weltkörpern
beruht nur auf 3erlei Mittheilungen:

1, durch die Lichtstralen, bei deren Geschwindigkeit wir
gar nicht das gewöhnliche Maas nach Meilen anwenden
können, sondern nur nach der Zeit rechnen müssen: das Licht
braucht vom Uranus Stunden vom Sirius 3 Jahre, von den
äussersten Gränzen unserer linsenförmigen Sternschicht
2400 Jahr, von Herschels entferntesten Sternflekken 30–
40,000 Jahr. Die Versuche der Engländerin Sommerville
haben es wahrscheinlich gemacht, dass der Verkehr des
Lichtes mächtig dazu beiträgt, die magnetische Spannung
auf der Erde zu erhalten.

2, durch die Attrakzion welche natürlich bei dichten Massen
stärker ist, als bei dünnen: sie mus aber bei allen,
auch den entferntesten, deren Licht 30,000 Jahre bis zu
uns braucht, stattfinden: ist aber für unsre Erde und für unser
ganzes Sonnensystem völlig unmerklich. Die Perturbazion,
so weit wir sie berechnen können, geht nur bis zum
Saturn. Sie zeigt sich entweder a, translatorisch, indem
das Zentrum der Erde aus seiner Stelle gerükt wird,
oder b, durch Veränderung der Erdaxe, von denen aber
die Erdbewohner so wenig etwas merken, als von der
Bewegung der Erde selbst. Sie äussert sich aber z. B. durch
die Ebbe und Flut im Meere, welche man dem Monde und
der Sonne gemeinschaftlich zuschreiben mus; ferner durch
die Ebbe und Flut im Luftozean, die man 4 mal in 24 Stunden
beobachten kann.

3, durch die Aërolithen, von denen wir oben bemerkten,
dass sie wahrscheinlich von der Gränze unseres Planetensystems
herkommen.

11. Vorlesung, 8. Dezember 1827

Wir kommen nun zum astronomischen Theile unsrer
Wissenschaft, der sich in Betrachtungen über die
tellurischen und nichttellurischen Körper abtheilen läst.
Wir beginnen mit den nicht-tellurischen, und sehn im algemeinen

auf das, was entdekt ist, nicht wann und wie
es entdekt ist. Laplace Système du Monde ist hierfür vortreflich
, und löset die Fragen der höhern, himlischen Mechanik
auf eine überraschende, oft unerwartete Weise. Ganz
speziel könte man diesen Theil unserer Wissenschaft die
physische Astronomie nennen, nämlich die Lehre von der
natürlichen Beschaffenheit der Weltkörper, wobei das
wenige zur Sprache kommen wird, was wir von den physischen
Eigenschaften, der Oberfläche pp. derselben wissen.

Es darf nicht übersehn werden, dass unsre Lage auf
der Erde die allergünstigste für die Kentnis des Weltgebäudes
ist, insofern wir auf einem nichtleuchtenden
Weltkörper wohnen. Wohnten wir in der Photosphäre
der Sonne, so würden wir von der Existenz der Gestirne
gar nichts wissen: eine Annäherung an einen solchen
Zustand finden wir auf der Erde selbst: und zwar nicht
etwa unter den Polen, sondern in dem schönen Tropenklima von
Peru, wo der Himmel mehrere Monate des Jahres hindurch
von wässrigen Dünsten so verhüllt ist, dass man die Sonne nur
als eine rothe Scheibe, wie im denkwürdigen Jahre 1783 bei uns,
aufgehn sieht, und die Stelle, wo der Mond steht, oft gar nicht
unterscheiden kann. Dieser Mangel würde aber auf die Ausbildung
des Menschengeschlechtes den wesentlichsten Einflus haben.
Der Ideenkreis würde sich in einem eingeschränkten Raume
bewegen, während er jezt die entferntesten Weiten mit Schnelligkeit
durchfliegt: es würde dies zugleich grossen Einflus
auf die religiösen Gesinnungen haben: denn es ist nicht zu
leugnen, dass die religiöse Begeisterung durch das Gesezmässige
in der Bewegung der Himmelkörper hervorgerufen werden
mus. Alle tellurischen Messungen würden sich nur höchst
unvollkommen und unbequem ausführen lassen: denn sie
gründen sich eines Theiles zwar auf die trigonometrischen
Messungen an der Oberfläche selbst, anderes Theiles aber, und
zwar hauptsächlich, auf die Vergleichung der Erdpunkte dieser
Messungen mit entsprechenden Messungen der Mondbahn.
Es würden nur allerdings noch die Pendelversuche übrig bleiben,
um die Gestalt der Erdkugel zu bestimmen, aber wer weis,
ob man ohne vorhergegangene allgemeine Kentnis auf diese
Versuche verfallen wäre. Die Lage der Länder gegeneinander würde
durch die Magnetnadel bestimt werden können, aber die Abweichungen
derselben würden sich nicht so leicht als jezt auffinden
lassen, weil man nichts hätte, um sie damit zu vergleichen.
Die Schiffahrt würde ihrer sichersten Stüze, der Sternbeobachtung
beraubt sein, und die höhere Mathematik, insofern sie auf
die Berechnung der Bahnen jener entfernten Weltkörper angewendet
wird, würde ganz fehlen. Wir sehn also, dass die Kentnis
der Gestirne nicht allein vom grösten Einflus auf die Gefühle,
sondern auch auf die Kultur der Menschen ist.

Wenn im allgemeinen unsre Erde als ein mittlerer Planet die günstigste
Lage für Sternbeobachtungen hat, so wird dies unter dem
Aequator ganz besonders der Fall sein, indem man hier die Sterne
der nördlichen und südlichen Hemisphäre sehn kann, und zugleich
, bei den übereinanderliegenden Klimaten die Freiheit
hat, auf einem hohen Berge die Sterne durch eine dünnere
Luftschicht genauer zu beobachten. Der Gang, welchen die Kultur
bisher auf unserm Erdboden genommen, hat es noch nicht
möglich gemacht, Beobachtungen unter dem Aequator anzustellen
, indem hat neuerdings der junge Herschel den Entschlus
gefast, mit den Instrumenten, welche er von seinem unsterblichen
Vater
geerbt, nach dem schönen Tropenklima zu
gehn, um daselbst die Sterne zu beobachten.

Trotz aller Sorgfalt können wir den Täuschungen bei den Beobachtungen
nicht entgehn. So erscheinen unserm Auge nur
die Sonne und der Mond als Scheiben, alle andern Himmelskörper
als strahlende Punkte: selbst die Planeten werden erst
vor dem Fernrohr zu kleinen Flächen: dagegen verlieren die
Fixsterne ihre Stralen, und der Anblick der Himmels ist deshalb
durch ein Fernrohr trauriger, als der mit blossen Augen
, wie man sich denn schon durch Kartenblatt, worin man ein
kleines Loch macht, überzeugen kann, dass die Fixsterne in
einen kleinen leuchtenden Punkt zusammenschrumpfen.
Unter den Tropen ist der Anblick des Himmels nach den
Jahreszeiten ein sehr verschiedner; zu der Zeit, wo lange eine
gleichmässige Wärme in der Athmosphäre geherscht hat,
ist der Anblick des Himmels ein planetarischer, (die Sterne
leuchten mit milderem Lichte) ohne deshalb trauriger zu
sein, wenn aber die Regenzeit eintreten soll, und die wässrigen
Dünste, welche die Athmosphäre vorher aufgelöst enthielt
, anfangen sich zusammenzuballen, dann funkeln die
Sterne mit einem weit stärkeren Lichte.

Eine andre Täuschung entsteht aus der Dilatazion und den
Polygonalfiguren der Sterne. Es giebt nämlich für jedes
Auge eine Entfernung des deutlichen Sehens, die nach den Individuen
verschieden ist. Steht nun ein Gegenstand vor oder hinter
dieser Entfernung, so ist es natürlich, dass der Stralenkegel vor
oder hinter die Netzhaut falle, also zu früh oder zu spät von
derselben durchschnitten werde: auf diesem undeutlichen Sehen beruht die scheinbare
Vergrösserung der Sterne: hierauf beruht es, dass beim Anblik
des dreitägigen Mondes, der helle Theil desselben grösser
zu sein scheint, als die dunkle Scheibe. Man nent dies beiden
Sternen den Zerstreuungskreis. So hat Jupiter 40 Sek. Durchmesser
Mars 6 Sek, durch den Zerstreuungskreis wachsen sie bis zu 4
Minuten an. Eben so bei den Fixsternen. Veja hat nach Herschel
Sek. Durchmesser, und erscheint uns in einer Grösse von
4 Min. Uranus dagegen, bei dessen Grösse die Gränze des Maximum
4 Sek. beträgt, erscheint so klein, dass es wenige Menschen
giebt, welche das Glück hatten, ihn mit blossen Augen
zu sehn. Wir sehn hieraus, dass auf die Intensität des Lichtes
hauptsächlich Rüksicht genommen werden mus. Alkol, das
Reuterlein, über Miza im Schwanz des grossen Bären bildet
einen Doppelstern, den junge Leute mit blossen Augen sehn
können. Viele andre erblikken ihn aber nicht, obgleich er ein
Stern fünfter Grösse ist, und sie andre Sterne 5ter ja 6ter
Grösse sehr deutlich erkennen. Alkol ist nämlich nur 3 Min.
von Miza entfernt, und kömt daher in dessen Zerstreuungskreis
, der beinahe 3 Min. beträgt.

Wenn der Mond bei einem Fixsterne vorüber geht, und ihn
bedekt, so nent man dies eine Sternbedekkung oder Okkultazion
. Bei diesen für die Bestimmung der Länge äusserst
wichtigen Beobachtungen zeigt sich ein eignes Phänomen,
dass nämlich der Stern einige Sekunden lang am Monde zu
kleben scheint, während er doch, nach der Kugelgestalt des
Mondes, in einem Augenblikke an ihn treten und verschwinden
solte: es ist aber falsch, wenn man glaubt, dass dies von
einer Dilatazion des Mondrandes herrühre, weil diese ja
im Fernrohre aufhört: vielmehr ist es eine Beugung der
Lichtstrahlen, von der unten die Rede sein wird.

Die Polygonalfiguren der Sterne, welche einen andern Grund
der Täuschung abgeben, findet man bei Fixsternen und Planeten
. Venus, mit einem Durchmesser von 1 Min. zeigt sie uns
noch sehr deutlich, und von ihr, bis zum Monde, der ½ Grad
im Durchmesser hat, haben wir leider keinen Übergang. Es mus also
die interessante Frage unentschieden bleiben: wie gros müste ein
Stern nach seinem scheinbaren Durchmesser sein, um ihn mit blossen
Augen als Kreis zu sehn? Eine Nachricht aus dem Mittelalter sagt
uns, dass ein auflodernder Stern im Skorpion erschienen sei, der
¼ des Monddurchmessers gehabt habe, und nach wenigen Monaten
wieder verschwunden sei. Sein scheinbarer Durchmesser müste also
7–8 Min. gewesen sein. Von den Polygonalfiguren wird aber nichts
erwähnt. In eben solcher Ungewisheit lassen uns die Araber, welche
1006 einen Kometen beobachteten, der 4 mal grösser als Venus war.
Auf andern Planeten müste die Frage entschieden werden können:
die Sonne erscheint auf den kleinen Planeten mit einem Durchmesser
von 10 Min, auf dem Jupiter von 6 Min.

Das Zukken der Strahlen ist nach Beschaffenheit der Augen
verschieden, und Versuche damit macht man besser an Lichtern,
die in bedeutender Entfernung aufgestellt sind, als an Sternen
selbst. Deshalb hat man den Leuchtthürmen eine rotirende Bewegung
gegeben, nicht blos weil ein verschwindendes und wiederauftauchendes
Licht sich dem Gesichte leichter darbietet, sondern
auch um die Flamme des Leuchtthurms von den aufgehenden
Sternen zu unterscheiden.
Um hier meine Erfahrungen zum Vergleiche anzuführen, so

sehe ich bei Sternen 1ter Grösse nur 7 Stralen, von denen die oberen
in einem Winkel von 60°, die unteren nur von 45° geneigt sind.
Die meisten Menschen sehn 8 Stralen, je nach der Konstrukzion
des Auges: denn dass blos hievon die Zahl und Neigung der Stralen
abhängt, läst sich beweisen; wenn man nämlich das Auge dreht,
d. h. rechts oder links den Kopf neigt, so dreht sich der Stern mit:
eben so, wenn man das Auge zudrükt, so fahren die Stralen sehr
weit auseinander, und erreichen von 4, eine Länge v. 40 Minuten.

Ja wenn man den Finger vor das Auge hält, so gehn sie bis

an denselben, und werden von ihm unterbrochen.

Eine ähnliche Bewandnis hat es mit der Suppression der
Stralen: wenn man nämlich den Kopf senkt, in vertikaler
Richtung, so verschwinden die obern, und umgekehrt, wenn man
ihn hebt, verschwinden die untern.

Es läst sich hieran eine Bemerkung über die Hieroglyphik
der Aegypter knüpfen: man hat nämlich bei ihnen gefunden
, dass die Zahl 5 durch einen Stern ausgedrückt
wird, und dass alle Sterne, die man abgebildet sieht,
in 5 Stralen ausgehn, man kann also voraussezen, dass die
Konstrukzion der Augen bei dem grösseren Theil der Nazion
von der Art war, ihnen 5 Stralen bei den Sternen zu zeigen.
nach Horapollon
Das Funkeln der Sterne ist nicht, wie man früher glaubte,

eine Folge der Dünste in der Athmosphäre oder der Translazion
der Stralen (woher man die Undulazion des Sonnenrandes
leiten könte), sondern es beruht auf andern optischen Erscheinungen
, für die man in dem neusten System der Optik einen
sehr befriedigenden Grund gefunden hat. Schon der verdienstvolle
englische Astronom Mitschell beobachtete, dass die scheinbare
Grösse des Sterns sich beim Funkeln vermindert, und das dies Intermittiren
bis zu 5 mal in einer Sekunde vorkomme, allein er
fand nicht die rechte Erklärung davon, indem er ein intermittirendes
Licht annahm: nach den neusten Entdekkungen glaubt
man, dass dies Phänomen mit der Interferenz des Lichtes
zusammenhange, nach der 2 Lichtstralen, wenn sie in entgegengesezter
Richtung auffallen, sich zerstören können. Frauenhofer
fand im Spectrum seiner Gläser Banden von weis
und schwarz, welche regelmässig auf einander folgen, und man
kann nun den Saz aussprechen, dass Licht zu Licht Dunkelheit
giebt:

Grimaldi in Bologna

denn die schwarzen Banden zeigten sich nur
da, wo 2 Lichtstralen auf einander trafen, und sich mithin
zerstörten: durch die Beugung der Lichtstralen, indem sie
durch einen engen Raum gehn, entstehn farbige Franzen,
die man am besten erhalten kann, wenn man einen Lichtstral
durch das Fenster bei einem dünnen Faden vorbei in ein dunkles
Zimmer auf eine helle Wand leitet: es entsteht
alsdann auf der hellen Wand ein dünner Schatten des Fadens,
dessen Schattenränder, was sehr merkwürdig ist, nicht
blos äussere, sondern auch innere farbige Franzen haben.
Der Dr. Thom. Young (der schon vor Champollion die Entzifferung
der Hieroglyphen fand) entdekte, 1803 dass man durch einen
vorgesezten Schirm die schwarzen Streifen auf der einen
Seite fortschaffen kann. Arago machte eine andre schöne
Entdekkung, wobei er sich dikker Gläser bediente. Fresnel
endlich, der den Wissenschaften zu früh entrissen wurde,
hat in diesem Felde viel geleistet. Er stelte 2 Spiegel
in einem bestimten Winkel untereinander, und fand, dass
das reflektirte Licht auch schwarze oder weisse Banden
bildet, je nachdem die Lichtstralen einzeln auffallen, oder
2 zusammengenommen sich zerstören, und dass Papier, welches
man mit Chlorsilber bestrichen hat, an denen Stellen,
wo die schwarzen Banden sich zeigen, (also 2 Lichtstralen auffallen
) nicht violett gefärbt wurde, sondern dass dies nur durch
die Wirkung einfacher Stralen geschah, welche mit gleicher
Geschwindigkeit ihren Weg zurüklegen.

Man ist also jezt zu dem alten Undulazionsystem, von
Huygens (das erst später von Euler aufgestelt wurde, und mit
Unrecht von ihm den Namen bekommen hat) zurükgekehrt,
wonach das Weltall mit einem Lichtäther angefült ist, der
durch die leuchtenden Körper in Bewegung gesezt wird. Das
Emanazionsystem von Newton kann auf die neueren Entdekkungen
nicht angewendet werden.

Dies führt uns nun wieder auf das Funkeln der Sterne
zurük, wobei man annehmen mus, dass durch die verschiedene
Geschwindigkeit der Stralen Finsternis & mithin Intermittiren hervorgebracht wird.

12. Vorlesung, 12. Dezember 1827

Man kann sich auch hier an die wellenförmige Bewegung des
konzentrischen Kreises erinnern, welcher entsteht, wenn man
einen Stein in’s Wasser wirft. Wenn die beiden Wellenbewegungen
so aufeinander stossen, dass grade die eine hinaufgeht
, während die andre hinuntergeht, so wird Ruhe in der
Mitte eintreten. Wenn nun der Stern seine Stralen durch
ungleichförmig gemischte Luft führt, so werden 2 Strahlen
ungleiche Geschwindigkeit erlangen, und dadurch sich selbst
zerstören. Hieraus läst sich auch erklären, warum das Funkeln
geringer wird unter den Tropen und auf hohen Bergen

als in mehr temperirten Zonen und auf Ebnen. Bei meinem

Aufenthalte in Amerika habe ich bemerkt, dass
unter den Tropen die Sterne funkelnd werden, wenn die
Luft sich erkältet (nicht wenn sie feucht wird); das
Beginnen der Regenzeit kündigt sich auf diese Weise
an, wegen einer grösseren Elektrizität der Luft. Bei
den leuchtenden Scheiben bemerken wir das Funkeln
nicht, weil hier ein Lichtpunkt den andern ersezen
kann. Mit der Interferenz hängen ferner zusammen:
die Erscheinung, dass ein Stern an dem Monde zu kleben
scheint, wenn dieser an ihn tritt; die farbigen Ringe und
schwarzen Flekke, und endlich die Erscheinung, dass bei
einer totalen Sonnenfinsternis ein grosser Ring mehrere
Sekunden lang sichtbar bleibt.

Mit blossen Augen sehn wir nur die Sterne 1ter bis 7ter
Grösse. Nach Herschels Beobachtungen ist es wahrscheinlich
, dass Sterne 6ter–7ter Grösse 10 Siriusweiten von uns
entfernt sind, und folglich 30 Jahre gebrauchen, ehe ihr
Licht zu uns gelangt. Man hat lange behauptet, dass
man von finstern Orten aus, auch bei Tage die Sterne
sehn könne: allein dies scheint falsch zu sein. Ich wenigstens
habe sie nie gesehn aus den vielen Schachten, in
denen ich gewesen bin, und habe auch nie einen Menschen
gefunden, der sie gesehn hat. In der Pariser Sternwarte
war es ein Betrug des Astronomen Concierges. Die Führer
auf dem Montblanc behaupten, die Sterne auf dem Gipfel
dieses Berges bei Tage gesehn zu haben, allein auf gleichen
und noch grösseren Höhen Südamerika’s ist dergleichen
nie vorgekommen. Es giebt übrigens Menschen, die stärkere
Augen haben, als andere: so versichert Benzenberg, dass er
einen Herrn v. Eschwege in Göttingen gekant habe, der bei Tagee
den Regulus (einen Stern erster Grösse) sah, und andre, die
die Jupitertrabanten mit blossen Augen sahen (Encke
versichert, dass er auch die Jupitertrabanten mit unbewafnetem
Auge sehn kann.) So haben Herr Bonpland und ich den

Jupiter noch 18 Minuten nach Sonnenaufgang unter

den Tropen gesehn. Venus möchte noch am leichtesten bei
Tage erkant werden, wodurch es indess erschwert wird, sie
zu sehn, ist der Umstand, dass man selten den Platz,
wo sie zu suchen ist, genau anzugeben vermag, und durch
das Suchen eine Beweglichkeit des Auges bewirkt wird,
die das Auffinden erschwert. Scheiben sieht man unter
einem Winkel von 1 Min: Baumstämme von 15–18 Sek.
Ableiter von 25 Sek. Ich sah Herrn Bonpland in weissen
Kleidern auf dem schwarzen Trapezitgestein des Chapuza
, unter einem Winkel von 5–6 Sek. wozu indes der
Umstand beförderlich war, dass jener sich bewegte. Warum
aber, so mögen wir nun fragen, sieht man denn bei Tage
die Sterne durch Fernröhre? Die Sterne werden durch dieselben
ja nicht grösser, sondern kleiner. Die Ursache liegt
in der Schnelligkeit der Bewegung so erklärt es sehr
treffend Arago. Das Ausschliessen des äusseren Lichtes
aus den Röhren trägt wohl etwas dazu bei, allein es
ist nicht unumgänglich nöthig, wie man schon daraus
sieht, dass man auch durch die älteren Luftfernröhre
die Sterne gesehn. (Luftfernröhre sind die älteren Fernröhre
, welche man so ungeheuer lang machte, dass
man sie nicht mehr mit einer Röhre umgeben konte.
Man hatte deren von 250 Fus Länge: sie bestanden
alsdann blos aus einem Objektiv und einem Okular,
die man mit grossen Winden näherte oder
entfernte. Dominique Cassini wolte unter Ludwig XIV
eines von 600 Fus Länge machen, wovon indess nur das
Okular fertig ward. Natürlich, dass bei solchen gewaltigen
Anstalten, das Volk viel aufmerksamer auf einen Astronomen
ward als jezt!)

Man sagt häufig, dass die Zahl der Sterne, die man mit blossen
Augen sehn könne, 5000 sei, allein Herschel hat gezeigt,
dass es von Sternen 1–6ter Grösse wenigstens 11000 giebt. Sterne 6ter

Grösse allein zälte Herschel 8076; 7ter Grösse 14000.

Das teleskopische Sehen ist nicht blos merkwürdig, wegen der
vielen neuen Erscheinungen, die man dadurch gefunden, z. B. den
Ring des Saturn, die Sonnenflekken, sondern am wichtigsten
ward es, als man es mit messenden Instrumenten in Verbindung
sezte: so ward es nicht blos für die physische, sondern
ganz besonders auch für die mathematische Astronomie
gewinnreich. Diese Verbindung machte zuerst 1634 Morin in
Paris, weiter ausgeführt wurde sie 1664 von Picard. Einen andern
Vortheil bringen die Nachtfernröhre als Kometensucher, die nur
4–5 mal vergrössern, aber ein grösseres Objektiv haben. Hiedurch
entsteht ein grösserer Lichteindruck, der durch eine stärkere
Vergrösserung, also auch Verzerrung verloren gehn würde.

13. Vorlesung, 15. Dezember 1827

(Über die optische Erscheinung der Interferenz sehe man Annales de
Chimie I, 1816. pag. 199. 239. das gekrönte Mémoire von Fresnel über die
Diffrakzion 1819. Thomson’s Chimie übers. v. Rifaud 1821. Suppl.bd.
Fischer mechanische Naturlehre IIter Bd.)

Bei der Eintheilung der Astrognosie müssen wir darauf sehn,
dass die geballte und ungeballte Materie im Weltenraume in
Inselgruppen vertheilt ist, zwischen denen sporadisch einzelne Sterne
zerstreut liegen: diese Überzeugung gewint man aber erst durch
die Fernröhre, was wir mit blossen Augen sehn, gehört alles zu der
Insel unseres Sonnensystems, welches wiederum aus 11 Hauptplaneten
und 18 Nebenplaneten besteht. Die Entfernung von der Sonne
bis zum Uranus ist der 100ste Theil von der Entfernung der Sonne bis
zum äussersten Kometen. Trotz dem ist unser Sonnensystem sehr
unwichtig und unerheblich für die linsenförmige Schicht: denn
wenn man auch annimt, dass der äusserste Komet 80000 Jahre
zu einem Umlauf um die Sonne braucht, so würde doch unser
Sonnensystem mit den Kometen 37000 mal der Länge nach in unsrer
Sternschicht Platz haben. Wir sehn in dieser linsenförmigen
Schicht eine Graduazion der Anhäufung der Materie, beginnen
, (wie in der Geschichte mit der mythischen Urzeit) hier
bei den äussersten Gränzen des Sichtbaren, und schreiten dann
bis zu unsrer Erde fort: so würden z. B. die Einwohner eines
kleinen Koralleneilandes in den Sozietätsinseln, dieses Eiland
am genausten kennen, weniger würden sie wissen von den
ihnen zunächst liegenden Sporaden, noch weniger von den entferntesten
Sozietätsinseln. Doch mus ich hiebei bemerken, dass
alles, was ich vortragen werde, nicht nur blosse Vermuthungen, sondern
wirkliche Beobachtungen sind; vor 30 Jahren würden es
nur Vermuthungen gewesen sein, jezt können wir aber die absoluten
Zalen in ziemlich enge Gränzen der Gewisheit einschliessen
, indem wir die Fehler berechnen, die bei denselben vorkommen
können.

Wir beschäftigen uns also
Schon oben haben wir bemerkt, dass einige Nebelflekke dem
blossen Auge sichtbar sind, und zwar mit Sternen gemengt,

z. B. der Flek im Gürtel der Andromeda, der sich wie ein

Stab zu beiden Seiten ausbreitet; die Krippe im Krebs,
ein Sternhaufen, auf den man sehr früh aufmerksam wurde,
schon im 17ten Jahrhundert hat man ihn beobachtet, und gemessen
wurde er zuerst von S. Magus.
a, mit den entferntesten Gruppen.

b, mit unsrer linsenförmigen Sternschicht.

c, Planetensysteme.
Huygens untersuchte den

Nebelflek im Schwerdte des Orion sehr genau, aber der
wahre Kolumbus dieser Räume ist Herschel, ihm folgten
Messier und Méchin. Herschel hatte die erste Idee von der
körperlichen Gestalt dieser entfernten Weltkörper: er hat
das Senkblei in die Tiefen des Himmels (coelum profundum
) geworfen. Er fand, dass die Nebelflekke sich in auflösbare
und unauflösbare theilen lassen: zu den ersten gehört
die Milchstrasse, in der sich alles in Sterne auflösen läst:
schon Huygens hatte 1724 diese Idee von auflösbaren und
nicht auflösbaren Nebelflekken, war aber nicht im Stande,
die Milchstrasse mit Fernröhren von 150–200 Länge
aufzulösen: zu den zweiten gehören die meisten andern
Nebelflekke. Nun könte man freilich sagen, dass es an
den Unvolkommenheit unsrer Instrumente liege,
und dass wir mit stärkeren Vergrösserungen doch am Ende
dahin gelangen würden, sie in einzelne Sterne aufzulösen,
dagegen streitet aber die Analogie. Denn im Falle diese
Nebelflekken auflösbar wären, so würden doch, indem man
von einer Vergrösserung von 150 mal zu 1800 Mal fortschreitet
, einzelne Sterne daraus zum Vorschein kommen, wie dies
bei den auflösbaren wirklich der Fall ist, dagegen bemerkt
man hier nichts als ein einförmiges mattes Licht, auf
welches die Vergrösserungen keinen Einflus haben. Bei einigen
bemerkt man einen nach dem Innern zunehmenden
glänzenden Kern (ganz anders als bei einem Stern, der in
einen Nebel versenkt ist.) oft stehn auch deutlich kleine
Sterne in der Mitte; nicht etwa vor oder hinter dem
Nebel, welches wir daraus abnehmen können, dass sie
sich mit demselben fortbewegen. Im Ganzen zält man 3000
Nebelflekke, von denen wenige nur auflösbar sind: zusam̃en
genommen würden sie einen Raum von 600 Vollmonden
einnehmen. Von der Entfernung derselben können wir uns
kaum einen Begrif machen. Nach Herschels Berechnung
, oder vielmehr Schäzung ist der nächste nicht
auflösbare Nebelflek an 8000 Siriusweiten von uns
entfernt, und sein Licht braucht 24000 Jahre bis zu uns, der
lezte ist vielleicht 300,000 Siriusweiten entfernt, und Herschel
ahndete ihn kaum in seinem 40-füssigen Teleskope.

Wir können die Nebelflekke auch Dunstwolken nennen, wovon
wir ihrer Gestalt nach 3 Arten unterscheiden:

1, kernlos, rund, von gleicher Färbung, dies sind die sogenanten
planetarischen.

2, solche, worin eine Zusammenziehung des Lichtes statfindet,
die sich nach dem Rande zu verdünt. Die Verdikkung
findet sich immer in der Mitte, nie am Rande.

3, solche in deren Innern Sterne sichtbar sind: auch
Sternhaufen mit Nebel untermischt, wie der in der Andromeda
. Von diesen haben einige 12–15 Sek. Durchmesser,
so viel als die meisten unsrer Planeten. Sie müssen also
nach einer ungefähren Schäzung einen Raum wie von
der Sonne bis zum Uranus einnehmen. Herschel glaubte,
dass sie wegen ihrer ungeheuern Entfernung für uns ohne Bewegung
wären, und wolte deshalb die Lage aller Sterne darauf
beziehn. Ihre Formen sind sehr verschieden. Als Herr South
nahe bei Paris in Poissy sich eine Sternwarte erbaute,
hatte ich Gelegenheit, einen grossen Theil derselben zu beobachten
, und fand sie pinselartig, kammförmig, einige
wie Kometenschweife, andre in kleinen Gruppen, die sich
durch eine Reihe von Graden forterstrekten. So findet sich
zwischen α und β der Leier ein Ring mit kleinen teleskopischen
Sternen, der die Aufmerksamkeit der Astronomen
gar sehr rege gemacht hat: er wurde zuerst von Darginais
in Montpellier entdekt: dann von Herschel und
andern genauer untersucht.

Es findet in diesen Räumen auch Bewegung statt, welche
alles an Schnelligkeit übertrift, was wir kennen, und
wogegen sogar die Geschwindigkeit des Lichtes nicht in
Betracht kömt. So ist es erwiesen, dass der Nebelflek
im Orion auseinandergeht. Herschel beobachtete ihn nur
von 1774–1810, und in dieser kurzen Zeit bemerkte er, ohne
einmal die früheren Beobachtungen von Huygens mit
in Anschlag zu bringen, mehrere Veränderungen. Sterne 8er Grösse
die sonst in ihm standen, haben sich von ihm entfernt.
Manche Flekken bestehn aus runden Massen mit einem
Ringe, nicht unähnlich dem des Saturn, welche wahrscheinlich
auch eine rotirende Bewegung haben. Herschel war
im Stande, Stufen der Verdichtung anzugeben: er sah einen
auch zwei Kerne und verschiedene Formazionen in der
Hülle: 600 von den 3000 Flekken sind in der Mitte verdichtet.

Wir gehn nun zu unsrer linsenförmigen Sternschicht
über, welche man auch wohl einen Nebelflek genant
hat, aber nur uneigentlich: denn die ganze Milchstrasse
läst sich in einzelne Sterne auflösen: dennoch wäre es
falsch, wenn man behaupten wolte, dass in denselben sich
keine nebelartigen Massen befänden. Das Zodiakallicht
gehört zu den Materien, in welchen ein beständiger
Lichtprozes vorgeht; es erstrekt sich bis über die Bahn
des Mars hinaus. Um die Form unsrer Sternschicht
zu bestimmen, haben wir die verschiedene Lichtstärke
der Sterne, welches eine grosse Genauigkeit giebt. Dass diese
Lichtstärke immer von grossem Einflusse gewesen, sehn wir
aus der Verehrung, welche die einzelnen arabischen Stämme
(nach Idelers Untersuchungen) den verschiedenen
Sternen, wie Canopus, Achernar pp. zolten: aber erst in der
Alexandrinischen Schule, ging man zur messenden Astronomie
über. Vom Hipparch haben wir den ersten Sternkatalog
, worüber uns Plinius eine kurze aber wichtige
Bemerkung mittheilt: er sagt, dass grade zu Hipparch’s
Zeiten ein hellleuchtender Stern verloren gegangen sei,
wodurch Hipparch zuerst auf den Gedanken gekommen, alle
Sterne zu zälen, und ihre Lichtstärke zu bestimmen: es
war dies ohne Zweifel ein eben solcher Stern, als der, welcher
im Mittelalter auflodernd und verschwindend gesehn wurde.
Hipparch bestimte die Sterne bis zur 6ten Grösse, und sein
Katalog ist ganz in den Almagest des Ptolemaeus übergegangen
und darin enthalten. Die Anwendung einzelner
Buchstaben für die Bestimmung der Lichtstärke der Sterne
ist von der grösten Wichtigkeit geworden. T. Beyer (Mayer)
kam zuerst auf eine solche Skala, nach der α stärker als β, β
stärker als γ pp. leuchtet, und wandte sie auf die Karten
an. Vergleicht man nun diese alten Karten mit dem jezigen
Stande des Himmels, so findet man, dass sie nicht mehr
damit übereinstimmen, ein Stern der mit δ darauf verzeichnet
ist, wird uns vielleicht als α erscheinen: es ist
also klar, dass entweder solche heller gewordenen Sterne
uns näher gekommen sind, oder dass ein Lichtprozes
in ihnen vorgegangen ist. Ich beobachtete die Sterne der südlichen
Himmelskugel nach La Caille’s vortreflichen Karten,
und fand manche Abweichungen in der Lichtstärke. Ferner
sind auch die photometrischen Messungen in so fern wichtig,
als sie über die Grösse der Sterne entscheiden, und
sich manche interessanten Beobachtungen daran knüpfen lassen.
Lambert fand, dass das Licht des Vollmondes zwischen
277,000 und 300,000 Mal schwächer sei als das der Sonne.
Olbers fand, dass der Aldebaran 400,000 mal schwächer sei
als der Vollmond, und dass die Sonne uns so hell wie der
Aldebaran erscheinen würde, wenn sie 311,000 Erdhalbmesser
von uns entfernt wäre, also nur der Siriusweite.
Beim Vollmonde hat ein Theil der Athmosphäre von der
Grösse des Mondes 900,000 mal weniger Licht als die
Vollmondscheibe selbst: Venus (nach Lambert) 3000 mal
weniger als der Vollmond.

Unendlich gros ist die Verschiedenheit zwischen der intensiven
Lichtstärke selbstleuchtender Weltkörper, und dem
schwachen reflektirten planetarischen Licht: ein Stern
erster Grösse, der als Scheibe kaum 1/20 ja 1/50 Sek. im Durchmesser
hat, funkelt mit bedeutender Helligkeit, während
Uranus, der 4 Min. im Durchmesser hat, äusserst schwer
mit blossen Augen gesehn werden kann. Man kam daher
zu der Annahme, dass die Grösse der Masse an sich auch
den Lichtprozes herbeiführe, und diesen bedinge; zum
Gegenbeweise fand aber Herschel leuchtende Nebel, die noch
gar nicht zu kompakten Massen gebalt sind. Das Zodiakallicht
könte vielleicht ein eignes Licht haben. Die dunkle
Mondscheibe ist nicht ganz schwarz, sondern wird von dem
Lichte erhellet, das von der Erde auf sie reflektirt wird:
dieses Licht kann aber nicht bis zur Venus reichen, und
dennoch zeigt die dunkle Venusscheibe einen Lichtprozes,
indem sie phosphoreszirend sichtbar wird.

Die Lichtstärke an sich ist schwer zu messen, doch hat
man sich auf die Art geholfen, dass man nicht die beiden
Lichter, sondern die beiden Schatten miteinander vergleicht,
welche z. B. von Wasserstofgas und von Öl geworfen werden.
Dies ist die Methode des Grafen Rumford: da das Abnehmen
der Lichtstärke sich verhält, wie die Quadrate
der Entfernung, so kann man die Rechnung darüber mit
grosser Genauigkeit führen. Älter ist die Methode von
Lambert, welcher Kerzenlicht und Sonnenlicht auf eine
Wand projizirte, und dann beide verglich, doch ist dies
jezt nicht mehr in Anwendung, da es viel leichter ist,
die Gleichheit der Schatten zu bemerken, als die des Lichtes.
Eine sehr schöne Methode wandte Herschel an, welche zuerst von
Grandjean de Fouchy 1732 bei Gelegenheit der Jupitertrabanten
, (welche für die Bestimmung der Länge so sehr
wichtig sind) angegeben wurde. Der verdienstvolle Bailly,
der als ein Opfer der Revoluzion gefallen ist führte sie weiter
aus, und Herschel hat sie zu ihrer Volkommenheit gebracht.
Es ist dies die Methode der Diaphragmen, wobei das Objektiv
theilweise bedekt wird. Herschel richtete zuerst 2 Spiegelteleskope

von gleicher Stärke auf einen Stern erster Grösse, und überzeugte sich,

dass er in beiden gleich gros erschien: dann richtete er
das eine Instrument auf einen Stern, der ihm vielleicht
viermal kleiner schien, und verschleierte hierauf das Objektiv
bei dem Stern 1ter Grösse so lange, bis beide Sterne ihm
genau dieselbe Grösse zu haben schienen: er bestimte nun
den Flächenraum des verschleierten Theiles, und konte

danach sehr leicht die relative Lichtstärke beider

Sterne berechnen.

Für die Reflexionsinstrumente (wie Spiegelsextanten)
habe ich eine Methode angegeben, die auf dem Schieben
des Fernrohres beruht. Man bringt nämlich die beiden zu
bestimmenden Sterne in den bedekten und unbedekten Theil
des Spiegels zusammen, und schraubt das Fernrohr so
lange fort oder zurük, bis beide Sterne von gleicher Lichtstärke
erscheinen: die Verrükkung des Fernrohres giebt dann
ein sehr genaues Maas für die relative Lichtstärke.

14. Vorlesung, 19. Dezember 1827

Als Berichtigung mus bemerkt werden, dass man den Nebelflek im
Orion nicht mit blossen Augen sieht, sondern nur einen grossen Sternhaufen
im Schwerdte desselben. Herschel minor hat ein eigenes Mémoire
über diesen Nebelflek herausgegeben, und bewiesen, dass die
Veränderungen in demselben von Huygens bis Legentil müssen vorgegangen
sein: er hatte zugleich die glükliche Idee, eine Karte desselben
zu entwerfen, wonach man nun alle künftigen Veränderungen
darin, die man mit Recht Weltbegebenheiten nennen kann, mit
Genauigkeit wird nachweisen können. Zugleich kann hier bemerkt
werden, welchen Vorzug die Frauenhoferschen Instrumente vor allen
früheren haben. Herschel sah an einer bestimten Stelle dieses
Nebelflekkes nur 4 kleine Sterne beisammenstehen. Struve hat
durch einen Frauenhoferschen Refraktor den 5ten dazu entdeckt.

durch sein 40-füssiges Teleskop.

Durch die von mir angegebene Methode, im Spiegelsextanten
die Lichtstärke der Sterne zu messen, ist endlich der Streit entschieden
worden, ob der Kanopus oder Sirius heller leuchte.

Es liegt in der menschlichen Natur, alles weniger bekante sich
schöner zu denken als es ist, daher hielt man den Kanopus
lange Zeit für heller als Sirius, weil nur wenige ihn gesehn,
und seine Lichtstärke nicht gemessen war. Ich habe gezeigt, dass
er sogar nach etwas schwächer ist als Sirius, und sich zu diesem
verhält, wie 98:100.

Sirius = 100.

Kanopus = 98.

α Centaur = 96.

Fomalhaut = 94.

An unsrer nördlichen Hemisphäre sehn wir nur 14 Sterne 1ter Grösse
und an der südlichen ungefähr ebensoviel. Auch bei den
nächstfolgenden Grössen ist der Unterschied nicht bedeutend.
Struve fand:

an d. nördl. Hemisph. an d. südlichen Hemisph.

Sterne 1ter Grösse 9 5

2 Grösse 26. 27.

3 76. 101.

4. 195. 181.
Gewöhnlich ist aber auch, wenn Sterne eine ungleiche Lichtstärke

haben, die Art ihres Leuchtens verschieden. Frauenhofer
hat darüber ganz herliche Betrachtungen gemacht: er hat
verschiedene Lichter durch ein Prisma fallen lassen, und das
Spektrum stark vergrössert beobachtet: er bemerkte darin sehr
auffallende schwarze Streifen, welche zwischen den farbigen
stehn: aus seinen Untersuchungen scheint hervorzugehen, dass
das gleichartige Licht, auch wenn es reflektirt wird, dieselbe
Wirkung hervorbringt: so sind die Spektra ungleich für Sonnen-
und Mondlicht, und dies scheint zugleich zu beweisen, dass
im Monde gar keine Phosphorescenz mehr statt findet:
dagegen sind Ofenfeuer, elektrisches Licht, und Sternlicht
ganz verschieden. Pollux verhält sich wie die Sonne: Kastor
wie Sirius. Auch für das blosse Auge giebt es nicht nur
verschiedene Grössen der Sterne, sondern auch verschiedene
Farben, welches schon von den Alten bemerkt wurde.

Die Perser in den Zendschriften theilen die Sterne in rothe
und weisse. Antares und Aldebaran, welche die beiden
Aequinokzialpunkte bei ihnen bezeichnen, heissen roth:
dagegen Fomalhaut und Regulus, welche die Solstizialpunkte
andeuten, weis: alle vier sind die Stelle regie.
Bei den beiden ersten würde die Lage ziemlich gut passen,
bei den beiden lezten dagegen ist ein Irthum von mehr
als 10° Graden obwaltend. Bethagaize an der Schulter des
Orion ist gleichfals roth. Sirius hies bei den Römern
roth, jezt ist er weis, es scheint also, als ob der Verbrennungsprozes
seit jener Zeit auf ihm stärker geworden
wäre: auch sein Stand hat sich verändert: bei den Aegyptern
erschien er, nach Idelers Untersuchungen, in der
Morgendämmerung am 20ten Julius (denn 1461 ägyptische
Jahre sind gleich 1460 julianischen); er hies bei ihnen Seth
oder Soth; sie kanten aber die Präcession der Aequinokzien
noch nicht.

Zahl der Sterne.

1, die man mit blossem oder bewafnetem Auge sieht. 2, die
man in unsern Breiten, am Aequator oder an den Polen
sieht.
Man giebt die Zahl der Sterne 1–6ter Grösse, die man mit blossen

Augen sieht, gewöhnlich auf 5000 an, dies ist aber ungenau.
Herschel zälte den Sternkatalogus in Bode’s Uranographie,
und fand 8000 von denen allein 6700 zu den Sternen 6ter Grösse gehören
. Die Ungewisheit kömt daher, dass man nicht leicht
die Sterne 6ter und 7ter Grösse unterscheiden kann. Struve zälte den
Hardingschen Sternkatalogus und fand von 1–6ter Gr. 12000
Sterne: ein gutes Auge sieht gewöhnlich noch Sterne 7ter Grösse
und diese dazu gerechnet, beträgt die Zahl der mit blossen
Augen sichtbaren: 14200. Nun enthält aber die Erd- oder
die Himmelkugel 41,000 Quadratgrade: es kömt also von
den 14200 Sternen 1–7ter Grösse noch nicht ein Stern auf 12 Mondflächen
, und deshalb ist es gar nicht zu verwundern, dass die
Okkultazionen im Ganzen seltener sind, als man glaubt,
wenn man den Mond durch die Menge von Sternen hinziehn
sieht. Hipparch und Ptolemaeus kanten nur 1022 Sterne 1–7

Grösse, jezt haben wir von der 5 und 6ten Grösse allein, 15 mal mehr.

Es entsteht nun die Frage: wieviel von allen diesen Sternen
sind bestimt, und wieviel überhaupt bekant. Bode hat in
seiner Uranographie 17240 angeführt. Lalande (der Oheim
und Neffe) haben 40,000 durch das Fernrohr laufen lassen.
Rechnet man diejenigen hinzu, welche Harding und Bessel
beobachtet haben, so kann man die Zahl der bestimten Sterne
auf 120,000 angeben: aber gut bestimt sind vielleicht nur
8–9000, welche sich meistens in des treflichen Piazzi Sternkatalog
finden. Es ist eine sehr gute Idee der hiesigen
Akademie der Wissenschaften, dass sie es unternommen
hat, den Himmel in mehrere Zonen zu theilen, und die
ersten Astronomen aufgefordert, je eine Zone zu übernehmen
, und ganz genau zu untersuchen, so wie alle darin
liegenden Sterne zu bestimmen. Dies würde nicht blos
für die Kometen sehr wichtig sein, die man in immer
grösserer Anzahl auffinden würde; sondern auch für
die etwa noch vorhandenen Planeten: denn es scheint nach
so vielen neuen Entdekkungen, dass unser Planetensystem
noch nicht erschöpft ist. Kommen wir nun auf die
nicht bestimten, teleskopischen Sterne, so ist ihre Menge
ganz unglaublich. So sah Herschel am 22. Aug. 1792 als
er die Milchstrasse beobachtete, in 40 Minuten Zeit an 258,000
Sterne durch sein Teleskop laufen: diese Zahl ist keinesweges
blosse Schäzung, sie kann vielleicht um 1/15 oder 1/16 falsch sein,
aber nicht um oder . Littrow glaubt, dass man auf jede
Quadratminute Einen Stern rechnen könne, also im Ganzen
148,000,000 Sterne: von diesen kleinen teleskopischen Sternen
würden 200 auf die Grösse eines Vollmondes kommen.

Zu den Sternen des südlichen Himmels rechne ich alle diejenigen
, welche man unter 37½° Nordbreite also in Rhodus,
Madeira und Südspanien zu sehn bekömt. Man hat sich
erst seit 2 Jahrhunderten mit dem südlichen Himmel beschäftigt,
und ihn genauer studirt. Die Alten kanten ihn nur bis zum
Krebs, den man in Syene, als der äussersten südlichen
Gränze, sehn kann. Die Aegypter hatten zwar Kolonien in Meroë,
auch kante man die Fahrt durch die Enge von Bab-el-Mandel
nach Indien: die Nachrichten aber, welche durch diese seltenen
und nur von Kaufleuten unternommenen Fahrten zu den
Griechen herüberkamen, sind sehr unsicher und unbedeutend:
durch die Vorrükkung der Nachtgleichen, welche in 35,000 Jahren
eine ihrer Evoluzionen vollendet, können wir nachweisen, dass
man bei den Alten mehr vom südlichen Himmel gesehn hat,
als jezt; die schönen südlichen Sterne fliehen uns: man sah
sonst das südliche Kreuz in Alexandrien sehr deutlich.
Die Entdekkung von Amerika ist für die Sternkunde und namentlich
für die Kentnis des südlichen Himmels von der grösten Wichtigkeit;
und wie einst Posidonius nach Kadix ging, um den Kanopus besser
zu sehn (nach einer verwirten Idee von der Immersion der Stralen)
so ging Halley (aber mit besserem Grunde) nach Helena, um den
südlichen Himmel zu beobachten. Die besten Beobachtungen lieferte
Lacaille am Kap der guten Hofnung: jezt befindet sich Herr
Fallow dort, der auch schon einen guten Katalog geliefert hat,
welcher zeigt, dass die Lichtstärke der Sterne sich sehr verändert hat.
Am südlichen Himmel, von der Breite von Madeira an gerechnet,
glänzen 6 Sterne 1ter und 12 Sterne 2ter Grösse. Die der 1ten Grösse sind:

Canopus.

Achernar.

α im Kreuz.

2 in den Füssen des Zentauren und β im Schiffe Argo.
Im Ganzen ist die Gruppirung der Sterne, die Landschaft des Himmels

am südlichen Theile schöner als am nördlichen: die Gruppen sind
mehr getrent, daher finden sich grössere Kontraste von vollen und
leeren Stellen: schöne Gruppen bilden: der Schütze und die südliche
Krone: das Schiff und der Kanopus. die grosse und die
kleine magellanische Wolke, und 2 schwarze Flekken. Nach der
Reihe des Sichtbarwerdens folgen sie so:

1, Kanopus unter 37½° den man in Karthago & Alexandrien sieht.

2, Füsse des Zentauren

3, Achernar im Eridanus.

4, das südliche Kreutz.

5, die beiden schwarzen Flekken: coal-bags.

6, die Magellanischen Wolken.

So ist es aber nicht immer gewesen. α Crucis war sonst (zu Eratosthenes
Zeit) in Alexandrien 6°34 über dem Horizont
sichtbar, jezt steht es 3° unter dem Horizont: auch die Stellung
hat sich so wunderbar verschoben, dass die Reihefolge des Sichtbarwerdens
verändert worden ist: auch hat, wie schon bemerkt, der
südliche Himmel ein eigenthümliches planetarisches milderfunkelndes
weisses Licht, wodurch er sich vom nördlichen unterscheidet.
Leuchtende Nebel finden sich im Schiffe, im Schützen in der Krone,
dagegen steht der Pfau, so wie Achernar in einem leeren,
fast ganz von Sternen entblösten Raume. Lacaille theilte
zuerst das Gebiet des südlichen Himmels in Provinzen, und
gab ihnen Namen: daher ist der nördliche Himmel ein
mythischer, der südliche ein industrieller. So wichtig auch die
Buchdrukkerwerkstatt, die Luftpumpe pp. für die Ausbildung des
menschlichen Geistes gewesen, so passen sie doch wenig zu den
schönen alten mythischen Namen der nördlichen Hemisphäre.
So heissen die Plejaden (wo?) das Einmaleins, und die Mönche
in Salzburg sezten das Wappen ihres Bischofs, der das Land
am meisten unterdrükte, an den Himmel. In Kumana gab ich
mir viele Mühe, beide schwarzen Flekken zu sehn: konte aber
nur den einen gut erkennen, der andre war nie recht deutlich.
α Crucis ist in den einen schwarzen Flek gesenkt: der 2te Flek
mus wenigstens 28° hoch stehn, wenn man ihn deutlich sehn
will: ich sah ihn erst bei den Katarakten der Orinoco, unter 3–4°

Nordbreite, und nachher öfter, da ich bis 15° Südbreite herabgekommen

bin: ich konte ihn sehr genau messen, da er besonders von
der einen Seite sehr scharf umgränzt ist: ich fand seinen grösten
Durchmesser = 3° ungefähr 6 Mondflächen breit. Lacaille meint,
diese Flekken entständen blos aus der Wirkung des Kontrastes,
weil die umgebenden Stellen reicher an Sternen sind: allein dies
scheint nicht der Fall zu sein, und schon Forster hatte darüber
die richtigste Meinung, der ich ganz beipflichtete. Wenn man sich
denkt, dass das Himmelgewölbe aus mehreren Sternschichten
gewebt sei, so sind diese schwarzen Flekken ein Durchbruch
desselben, gleichsam längere Röhren, die in die Schichten hineingehn
, und uns in die äussersten Gränzen des Weltraumes einen
Blik werfen lassen, von deren Entfernung wir gar keinen Begrif
haben können, da nicht einmal das Licht davon bis zu uns
gelangen kann. Eine andre Bewandnis scheint es mit der kleinen
Insel zu haben, die man nicht weit vom Schwan in der
Milchstrasse findet: diese erscheint wirklich nur des Kontrastes
wegen dunkel, weil die nächsten Räume so sehr hell sind. Ebenso
entdekte Herschel eine dunkle Öfnung im Skorpion, Lalande
im Ophiuchus. Herschel meinte, dass das Loch im Skorpion
wohl daher kommen könne, dass der nächststehende grosse
Haufe die Krippe, alle Sterne aus der Öfnung durch Anziehung
weggenommen habe, und diese Erklärung hat etwas für sich: denn

wenn Herschel mit seinem grossen Teleskope den Himmel fegte, (wie

er es nante) so konte er schon ahnden, wann eine solche leere
Stelle kommen würde: dies geschah immer, nachdem mehrere
dichte Haufen durch den Gesichtkreis dahingerauscht waren.

15. Vorlesung, 22. Dezember 1827

Wenn ich mich bei der Beschreibung unserer linsenförmigen Sternschicht
länger aufhalte, so geschieht dies blos darum, weil
man nicht alles davon in den Lehrbüchern zusammenfindet,
sondern weil viel in einer Menge von einzelnen kleinen Schriften
zerstreut ist: es gehört zu den Aufgaben der Weltbeschreibung,
alles dies mehr zusammenzufassen, als es in der messenden und
beobachtenden Astronomie geschehn kann.

Die magellanischen Wolken standen zu Eudoxus Zeit im
Südpole selbst, sind aber jezt wegen der Vorrükkung der Nachtgleichen
daraus gewichen: sie kreisen um den Südpol, wie
der grosse Bär um den Nordpol: ihr Glanz komt dem der
Milchstrasse gleich: ich habe sie sehr häufig beobachtet, da ich
aber auf meiner Reise keine sehr stark vergrössernden Fernröhre
mit mir führen konte, so habe ich nicht entscheiden können,
ob sie sich auflösen lassen, oder nicht, obgleich ich wohl einzelne
Sterne darin bemerken konte; eben so mus noch ausgemacht werden,
ob sie innerhalb oder ausserhalb unserer linsenförmigen Sternschicht
liegen. Die gröste hat in der längeren Axe 3–4° Ausdehnung. Die
Griechen kanten sie nicht, wohl aber die Araber: Herr Ideler hat
gezeigt, dass man sie bei ihnen die weissen Ochsen nante. 1515
wurden sie von Magellan zuerst gesehn. Horner, ein ausgezeichneter
Astronom, der Herrn v. Krusenstern auf seiner Reise um die
Welt begleitete, meint, dass diese weissen Wolken früher da gestanden
haben möchten, wo jezt die beiden sternleeren Flekke
sind, da sie ungefähr dieselbe Grösse haben: ich kann aber diese
Meinung nicht theilen, und glaube, dass sie ohne alle Beziehung
auf einander sind. Das südliche Kreuz war schon den Griechen
bekant, da es aber auf ihre Phantasie nicht den Eindruk machte,
wie bei den christlichen Völkern, so hatten sie es nicht von den
Füssen des Zentauren abgesondert. Seit der Entdekkung von
Amerika wurde es wieder bei den nördlichen Völkern bekant;
und wie gros der Eindruk war den es auf die Phantasie der
ersten Entdekker von Amerika machte, sieht man daraus, dass
Orviedo es in sein Wappen sezte. Schon Acosta führt den Nuzen an,
den man auf Reisen davon ziehn kann, um in der Nacht die Zeit
zu bestimmen. Die beiden grossen Sterne der längeren Axe
haben nämlich ungefähr dieselbe Rektaszension, daher steht
das Kreuz um Mitternacht senkrecht, und hierauf beziehn sich
die Worte, welche man so oft von den Reisenden in diesen Gegenden
hört: es ist schon spät: das Kreuz neigt sich. Hier
mus auch der vielbesprochenen und bestrittenen Stelle des Dante
im Purgatorio erwähnt werden, welche man immer auf das
südliche Kreuz gezogen hat:

Io mi volsi a man destra, e posi mente
All altro polo, e vidi quattro stelle
Non viste mai fuor ch’ alla prima gente.
Goder parea lo ciel di lor fiammelle;
O settentrional vedovo sito
Poiche privato sei di mirar quelle!

denn obgleich Dante 1321 starb, so konte er doch auf seinen
langen Reisen Nachrichten darüber von Venezianischen und
Genuesischen Schiffern bekommen haben, die im arabischen
Meerbusen Handel trieben. Schwerlich hat er die Notiz
in arabischen Schriftstellern gefunden, wie einige behaupten.
Schon der Pater Corsali zog diese Stelle auf das südliche Kreuz; andre
Erklärer auf die mystische Idee der 4 weltlichen Tugenden.

Wir kommen nun zu einem wichtigen Theile unsrer Wissenschaft, zu
der Winkelmessenden Astronomie für die entferntesten Fixsterne
und Doppelsterne.

Schon Galilei warf die Fragen auf: was wir eigentlich Doppelsterne
nennen? ob beide Sterne zu einander gehören? ob sie physische
oder optische Doppelsterne sind? und hatte die ganz richtige
Meinung, dass sie zur Findung der Parallaxe dienen könten durch
die Veränderung ihres optischen Ortes. Herschel nahm diese Untersuchung
wieder auf und leistete sehr viel darin: er zeigte, zuerst
1782, dass sie in einer innern Beziehung zu einander stehn: neuerlich
hat Bessel dies mit noch grösserer Bestimtheit erkant: er beschäftigte
sich besonders mit dem 61ten Sterne des Schwans, welcher ein
Doppelstern ist, und fand, dass beide Sterne auf gleiche Weise von
einer eignen Bewegung affizirt werden.

Wir betrachten bei den Doppelsternen ihre Zahl, Natur, Farbe,
Bewegung und Schnelligkeit.

Die Zahl derselben hat sich seit 2 Jahren ungemein vermehrt: Herschel
, South und Bessel zusammen haben 800–1000, von denen
nur 675 genauer untersucht und beschrieben sind. Aber in dem schönen
Katalog von Struve, der erst vor einigen Wochen erschienen ist, finden
wir 3112 Doppelsterne verzeichnet, welche er, bis auf 74, alle selbst
beobachtet hat, und 2300 sind ganz neu von ihm entdekt. Die
Resultate, welche sich aus seinem Werke ziehn lassen, sind von der
äussersten Wichtigkeit:
er hat gefunden, dass unter den Sternen 1ter bis 3ter Grösse auf Sterne
ein Doppelstern kömt; dagegen unter denen 6 und 7ter Grösse kaum auf
12 Sterne 1 Doppelstern: aus der natürlichen Ursach, dass die entfernteren
Sterne nicht so leicht für uns zu finden sind, als die näherstehenden
grösseren. Nimt man aber alle Sterne 1ter–7 Grösse zusammen
, so kömt auf 11 ein Doppelstern. Da Struve nur 3000

Doppelsterne fand, so gäbe dies im Ganzen 33,000 Sterne, welches

mit unseren früheren Resultaten recht gut übereinstimmt. Aus
dieser Berechnung läst sich also der Schlus ziehn, dass wenn die
Doppelsterne blos Zufall, d. h. optische Doppelsterne wären, sie
unter kleinen und grossen gleich vertheilt sein müsten: da
dies aber nicht der Fall ist, so sind wir zu der Annahme berechtigt
, dass sie alle, oder doch die meisten, wirkliche, d. h.
physische Doppelsterne sind.
Ihre Natur können wir bis jezt nur wenig beurtheilen,

. Kastor ist ein Doppelstern 2ter
und 4ter Grösse wovon der kleinere schön indigoblau ist: auch der Polarstern
ist ein Doppelstern: der kleinere ist ein Stern 11ter Grösse, und es kann schon
für ein Fernrohr als Probe gelten, ob man dadurch diesen kleinen
Stern unterscheiden kann. β in der Leyer ist 4 fach; ja ς (sigma)
im Orion ist 16 fach: die ersten Beobachtungen über die Doppelsterne haben
wir von 1736 von Bradley, und 1759 von Maskeline: so dass man
über den 61ten Stern im Schwane nun schon genaue Beobachtungen von 71 Jahren
hat.

Ihre Farbe zeigt grosse Verschiedenheiten, und läst sich durch den
Kontrast sehr deutlich unterscheiden: man kann mit Sicherheit
aussprechen, dass der grössere Stern nie bunt, sondern immer weis
ist: es finden sich allerdings manchmal 2 Sterne verschiedener
Grösse, die bunt sind: alsdann dreht sich aber nicht der eine um den
andern, sondern beide umeinander: man findet sie blau, gelb, indigo
grün pp. und könte dadurch auf die Komplementarfarben geleitet
werden. Die schönen Versuche Göthe’s über die subjektiven Farben
sind bekant, wonach eine Farbe die andre fordern würde, und also
die Verschiedenheit nur in unserm subjektiven Sehen liegt: diese
lassen sich aber auf die Doppelsterne nicht anwenden:
Diese Versuche vindizirt

Seebeck.
denn die grösseren

Sterne sind manchmal roth, blau auch weis, wobei diese Theorie
der Komplementarfarben nicht past. Die Farben der Doppelsterne
zeigen sich ganz gleichmässig bei allen Beobachtern und in den verschiedensten

Teleskopen, wodurch wir natürlich zu einer grossen

Sicherheit in den Bestimmungen gelangen. Sehr merkwürdig ist
es, dass auch unauflösliche Nebel farbig sind: der in der Andromeda
ist unzweideutig von röthlicher Farbe: vielleicht wird der
Verdichtungsprozes durch dieses Farbenspiel angedeutet. Am seltensten
scheint die blaue und grüne Farbe zu sein: denn man hat
sie nie bei isolirten Sternen gefunden, nach den Untersuchungen
des jüngern Herschel.

Ihre Bewegung geht oft um einen gemeinschaftlichen Schwerpunkt,
im Gegensaze zu unserm Planetensystem, wo der Schwerpunkt
aller Planeten in der Sonne als dem leuchtenden Körper liegt.
Bei manchen Doppelsternen ist der Unterschied beträchtlich, obgleich
sie gewis beide leuchtend sind: bei 2 oder 3 liegt er ausserhalb der
Sterne selbst. Es geht also eine Veränderung der Distanz und
des Positionswinkels vor, und daher komt die wunderbare Erscheinung
, dass es auch Okkultazionen 2er Fixsterne giebt:
welches bei ζ Herculis vorkömt: dies war früher ein Doppelstern, seit
1795 aber ist der kleinere hinter den grösseren getreten, und man
sieht nur noch Einen: nach 12 Jahren ungefähr müste er auf der andern
Seite wieder hervortreten.

Ihre Schnelligkeit ist ausserordentlich gros, und kann bis auf 10–12°
in einem Jahre gehn: bei Kastor beträgt sie alle Jahre 1°: oft ist
sie auch abwechselnd z. B. bei Ψ im grossen Bären, wo sie sich von
6–12° in einem Jahre verändert, je nachdem einer der grossen Sterne
näher oder entfernter steht: in der Nähe des Zentralkörpers geht
alle Bewegung schneller, wie wir an den Kometen sehn; Ψ im grossen
Bären wird in 58 Jahren seinen Kreislauf vollendet haben. In
unserm Planetensystem ist alle Bewegung von Westen nach Osten,
doch finden sich manche Kometen, welche eine Ausnahme machen:
auch die Doppelsterne gehn nach allen Richtungen und oft von Osten
gegen Westen.

Von der Entstehung neuer Sterne.

Es ist auffallend, dass gewisse Gegenden des Himmels gleichsam
ein vulkanisirender Weltraum genant werden können, weil in
ihnen noch jezt bedeutende Veränderungen vorfallen: fast alle neuen
Sterne zeigen sich in der Gegend zwischen der Kassiopeia, dem Schwan,
Adler, Ophiuchus und Skorpion. Die meisten neuen Sterne sind
nur von kurzer Dauer, sie leuchten heller als Sterne 1ter Grösse,
verschwinden aber nach wenigen Monaten oder höchstens einem
Jahre. Ihr Farbenwechsel ist sehr merkwürdig. Zuerst sind sie weis,
und gehn dann durch mehrere Farben, bis sie verschwinden, als ob
hier das verlöschende Licht durch Farbenwechsel angedeutet würde.
So viel wir nachweisen können, haben sie nie Ortsveränderungen
erlitten. Bei allen, welche von Tycho de Brahe, Kepler, Kassini pp.
beobachtet sind, hat man durchaus keine Parallaxe gefunden.
Das älteste Beispiel davon ist im Adler: hier loderte ein Stern
auf 389 nach Chr. so stark als Venus, aber nur 3 Monat sichtbar
; ein andrer im Skorpion wurde von den Arabern beobachtet:
er war ¼ so gros als der Mond, und leuchtete 4 Monate.
ein andrer in der Kassiopeia, 1572 entdekt: er war so stark
als Venus; erst weis dann gelb, roth, zulezt bleifarbig; er war
auch bei Tage sichtbar, und leuchtete 16 Monate; er war an
demselben Orte schon 2 mal vorher beobachtet worden, nämlich
945 und 1264: dann 1572. seine Periode liegt also zwischen 319
und 308 Jahren, und er müste um 1880 wiederkommen; der grosse
Cassini fand 1670 in der Kassiopeia 5 neue Sterne, von denen 2 verschwanden
, 3 aber blieben und noch zu sehn sind; 1604 beobachtete
Kepler einen andern im Ophiuchus, und bemerkte dabei, dass
alle solche Sterne mit dem stärksten Lichte anfangen: dann werden
sie gelb, safran, purpur, und blasroth: grade im Jahre 1604 waren
Mars, Jupiter und Saturn in Konjunkzion, dies führte Kepler auf
manche mystische Ideen, und er hielt diesen neuen für den Stern
der Weisen. Münter hat neuerlichst die Aufmerksamkeit der Astronomen
auf diesen Gegenstand gelenkt. Ideler hat bewiesen, dass 747
nach Rom eine Konjunkzion von Jupiter und Saturn in den Fischen
Statt fand: Dionysius sezt den Anfang unserer Zeitrechnung in das
Jahr 754. daher zälen wir immer 6 Jahr zu wenig; 1670 erschien
ein neuer Stern im Fuchse, der vom Pater Antelm zuerst
gesehn wurde, er war 3ter Grösse und leuchtete 3 Monate; 1671 loderte
er wieder auf, und verschwand auf immer. Um kleines mit
grossem zu vergleichen, so ist es hier, als ob der Meeresboden sich
periodisch erhöbe. In den Plejaden hielt man lange einen Stern
für verloren, weil man mit blossen Augen nur 6 von gleicher Grösse,
oder aber 8 und 9 sieht: davon ist Alcyone 3ter Grösse. Ovid in den Fasten
meint, dass der eine davon komme und gehe. Die Griechen hatten
hierüber den Mythus, dass der 7te Stern, Elektra, die Tochter des
Atlas, bei der Zerstörung von Troja sich vom Himmel weggeschlichen
habe, und nachher als Reuterlein im grossen Bären wieder
zum Vorschein gekommen sei.

heist bei d. Griechen
Alopex.

Es giebt auch Sterne, welche zwar nicht verschwinden, aber doch
ihre Lichtstärke verändern. Algot in der Medusa geht in 3 Stunden
von der 1ten–4ten Grösse über, die ganze Periode ist von 2 Tagen
20 Stunden, 40 Sekunden; 1783 fand Goudry dass η im Antinous
in 7 Tagen von der 3ten zur 4ten Grösse übergehe. Andre
Bewegungen sind unregelmässiger also auch gewaltsamer. Fabrizius
entdeckte 1596 Misa im Wallfisch als einen veränderlichen
Stern, dessen Periode Cassini auf fast 1 Jahr (334 Tage) bestimte
, während welcher er von der 2ten zur 3ten Grösse übergeht, und
dann ganz verschwindet; der im Schwan 1600 von P. Antelm
und Kepler beobachtete hat 19 Jahr geschienen, dann kam er
1655 wieder als ein Stern 3ter Grösse, und blieb dann unverändert
als ein Stern 6ter Grösse am Himmel; 1686 entdekte
Kirch einen veränderlichen Stern, welcher seitdem auch geblieben ist.
Kastor war sonst heller als Pollux, jezt ist es umgekehrt, eben so mit
einem Sterne im Adler; im Viereck des grossen Bären ist δ
jezt der schwächste Stern, zu Tycho’s Zeiten war er 2ter Grösse:
ja man kann annehmen, dass alle 7 Sterne ihr Licht verändert
haben. Méran erklärte diese Erscheinung durch die Linsengestalt
der Sterne, welche im Rotiren grösser und kleiner erscheinen:
andre wollen, dass es auch dunkle Sterne gebe, in denen ein sehr
schwacher oder gar kein Lichtprozes vorgehe; dies führt uns auf
die alte Idee der Gegenerde, aus dem Philolaos.

16. Vorlesung, 29. Dezember 1827

Bei den algemeinen Bemerkungen über unsre Sternenlinse
müssen wir 1, die Entfernung der Fixsterne von der Erde selbst
betrachten 2, die Gruppirung der Gestirne unter einander, ferner
die Frage zu erörtern suchen, ob die Milchstrasse durch Projekzion
oder wirklich durch Zusammenstellung von Sternen entstanden
ist. Wir kommen dabei auf ganz einfache Schlüsse: so
ist es klar, dass wenn alle Sterne uns gleich nahe wäre, so müsten
sie auch unter sich von ungleicher Grösse sein: wahrscheinlicher
ist es, dass sie uns nicht gleich nahe, aber auch nicht alle
gleich gros sind. Sterne 1ter Grösse können einen ungeheuren Durchmesser
haben, aber es wird auch kleinere geben: nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung
mus man eine mittlere Grösse der
Sterne annehmen, und dann werden die entfernteren die kleineren
sein: wenn 17 Sterne zusammen stehn, so ist die Wahrscheinlichkeit
50,000:1, dass sie einander wirklich näher
sind, und sich nicht blos auf diese Weise projiziren.

Herschel machte die erste Stern-aichung, indem er mit seinem
grossen Teleskope den Himmel fegte, und in einem kleinen
Viereck, welches durch Diaphragmen gebildet wurde, die Sterne
zälte: er wählte zu dieser Operazion die längeren und kürzeren
Visionsradien unserer Sterneninsel, und fand, dass die Sternenmenge
, welche an der Milchstrasse am dichtesten ist,
immer mehr abnimt, je weiter man sich von derselben
entfernt, und an den Polen derselben am dünsten erscheint:
er fand in einem Quadrat von 4 Min. Durchmesser nahe an
der Milchstrasse 550–600 Sterne, entfernt davon kaum 5–6.
Sie ist daher höchstwahrscheinlich Folge der Projektion: überdies
wäre es ein sehr wunderbarer Zufall, wenn unsre kleine Erde,
und unser ganzes unbedeutendes Planetensystem grade so in
die Mitte des All gestelt wären, dass jene Massen von zusammengerükten
Sternen einen grösten Kreis um uns beschreiben
solten. Die Pole der Milchstrasse fallen in die an sich armen
Sternbilder der Wage und des Wassermannes, oder genauer
in das Haupthaar der Berenike beim Arktur, und in die
Bildhauerwerkstatt beim Fomalhaut; ferner sieht man
bei jedem wirklichen Sternhaufen, so zu sagen einen innern
Grund der sternanhäufenden Kraft; jeder derselben ist nach
innen zu dichter als nach aussen, und man hat kein Beispiel
, dass er am Rande dichter wäre, als in der Mitte: bei der
Milchstrasse aber sind grosse und kleine Sterne miteinander
verbunden. Die grosse Axe unserer Sternlinse beträgt 800
Siriusweiten, die kleine nur 140–150. Herschel glaubte anfangs
dass unsre Sternschicht von sternleeren Räumen umgeben sei,
indem er den reinen Himmel dahinter zu sehn meinte:
später fand er aber Nebelflekke, welche nicht blos unserer
Sterneninsel nahe zu stehn scheinen, sondern vielleicht sogar
mit ihr in Berührung stehn: hierüber aber läst sich
schwerlich Gewissheit erlangen, alles bleibt Wahrscheinlichkeit.
Unser Planetensystem liegt zwischen dem Adler und Sirius,

aber nicht in d. Mitte: sondern in einer Entfernung wie 5:3; wenn unsre Linse 800 Siriusweiten

im Durchmesser hat: so haben wir von uns in der Richtung
nach dem Adler 500; nach dem Sirius nur 300. Herschel
beobachtete die Bifurkazion und mehrere auslaufende
Trümmer der Milchstrasse, und schlos daraus, dass die Linse
sich in einem Zustande der Verwüstung befinden müsse.

Lange ehe Herschel so glüklich war, die Milchstrasse in
einzelne Sterne aufzulösen, wurde diese Idee von mehreren
ausgesprochen. Manilius im Astronomicon hat eine
Stelle darüber; auf dem spekulativen Wege kam Kant
darauf, in seiner allgemeinen Naturgeschichte 1755, in
Lambert’s kosmologischen Briefen ist sie 1766 ausgesprochen,
Herschel bestätigte sie durch seine Entdekkungen 1790.

Die Milchstrasse, Galaxias, Via lactea, bei den Arabern
der Flus, von den Mönchen die Jakobstrasse genant, theilt
sich bei β vom Schwan in 2 Arme, eben in jener Gegend, wo
wir oben die grossen Revoluzionen am Himmel bemerkt haben;
ein auslaufender Zipfel findet sich bei den Füssen der Zentauren
; sie hat eine Breite von 2–17°, und erscheint am
schönsten zwischen Orion und dem südlichen Schiffe, am
schwächsten beim südlichen Kreuz in der Nähe der beiden
grossen schwarzen Flekke. Eine grosse Zone von Nebelflekken
geht durch die Jungfrau, das Haupthaar der Berenike
, durchschneidet die Milchstrasse nicht weit von der
Kassiopeia, und geht herunter bis nach der Bildhauerwerkstatt
. Diese Zone hat uns vielleicht manche Sterne entzogen
, welche früher zur Milchstrasse gehörten.

Bewegung der Sterne.

Wir bemerken bei allen Fixsternen eine eigne Bewegung, welche
unabhängig ist von der Projekzion und von der Aberrazion des Lichtes
: unabhängig von der Nutazion der Erdaxe, und von der Praezession
der Aequinokzien: ausserdem verändern die Sterne ihre Stelle
untereinander, indem unser ganzes Sonnensystem sich gegen ω
Herculis fortbewegt: dies wäre also Folge der Translazion: allein
andere Bewegungen gehören den Fixsternen selbst zu, wie sich
aus den Ortsbestimmungen der Sterne untereinander ergiebt.
Ich untersuchte bei meinem Aufenthalte auf der südlichen Halbkugel
die seit Lacaille nicht beobachteten Sterne, und bestimte
ihre Veränderungen; Fallow, der seit einiger Zeit auf Kosten der
englischen Regierung am Kap der guten Hofnung beobachtet,
bestätigte meine Resultate volkommen. Aus denselben ergiebt
sich, dass die Sterne erster Grösse auf der südlichen Halbkugel
nur eine sehr kleine eigne Bewegung haben, welche kleiner als
die des Arktur und Sirius ist: so ist auch Aldebaran auf
unsrer Hemisphäre sehr schwach an Bewegung; und es scheint
dies von den Massenverhältnissen der Sterne untereinander
abzuhängen.
Die absolute Entfernung der Fixsterne von uns und untereinander

ist uns nicht bekant: allein wir kennen die unteren Gränzen der
Entfernung, und können damit uns begnügen: da es hier, wie in
der Statistik keine absolut-richtigen Zahlen giebt, aber dennoch
die Berechnungen richtig sind, insofern sie annähernd den wahren
Werth angeben. Wir müssen hier kurz der Parallaxe der Sterne
gedenken. Wenn wir nämlich nach jedem beliebigen Fixsterne
aus den entgegengesezten Punkten der Erdbahn Gesichtlinien
ziehn, so geben diese nicht die mindeste Konvergenz. Hieraus
läst sich berechnen, dass die nächsten Fixsterne wenigstens 4
Billionen Meilen entfernt sein müssen. Um dies näher zu beleuchten
, mag folgende Dedukzion dienen: der optische Ort eines
Gegenstandes C ist der Punkt einer hinter C liegende Fläche,
der uns durch C verdekt wird; verändert nun das Auge seinen Standpunkt
, so ist es klar, dass auch C auf einen andern Punkt der hinter
ihm liegenden Fläche fallen wird, und die Quantität, warum sich
der optische Ort von C verändert, wird uns das Maas seines Abstandes
vom Auge geben: da nun bei den Fixsternen der optische
Ort sich durchaus nicht verändert, wir mögen sie nun von
dem einen oder dem andern Endpunkte der Erdbahn aus betrachten, (also
von den beiden Enden einer Basis von 40 Millionen Meilen) so
kann man mit Gewisheit berechnen, dass sie uns nicht näher
stehn können als 4 Billionen Meilen: daher ist Parallaxis (von παραλλάδδω,

alternare, abwechseln) der Abstand 2er optischen Orte, und daher sagt

man: die Parallaxe der Fixsterne ist Null, weil ihr optischer Ort
sich nie verändert, wir mögen uns auf der Erdbahn befinden, wo
wir wollen; Ausser dieser Parallaxe der Erdbahn giebt es eine
Horizontal-parallaxe, welche sich auf Sonne, Mond und die
Planeten bezieht, und welche gleich ist: dem Winkel, unter welchem
z. B. vom Monde aus der Durchmesser der Erdkugel
gesehn wird: da dieser sich recht gut messen läst, so ist bei
Beobachtung von Monddistanzen zur Bestimmung der Länge
nöthig, dieselben geozentrisch zu machen, das heist, sie auf
den Mittelpunkt der Erde zu reduziren.

An unsern grossen Repetizionskreisen können wir weniger als
1 Sekunde in Bogen unterscheiden, und doch beträgt die
Parallaxe der Erdbahn, oder die Konvergenz 2er Linien, welche aus
entgegen gesezten Punkten der Erdbahn nach einem Fixsterne
gezogen werden, noch nicht 1 Sek. daher kann man die untere Gränze
der Fixsterne auf 200,000 Erdweiten bestimmen. Diese Unbeweglichkeit
der Fixsterne diente im Anfange als ein mächtiger
Grund gegen das Kopernikanische System, indem man
von der ungeheuren Entfernung der Fixsterne keinen Begrif
hatte: später entdekte man die Aberrazion des Lichtes, und
hielt diese für die Parallaxe: Corbeau schrieb sogar über
diesen Gegenstand ein kleines Werk: Copernicus triumphans.
Später veranlaste die Parallaxe einen langen Streit zwischen
2 englischen Astronomen: Brinkeley in Dublin beobachtete mit
einem sehr guten Instrumente Lyrae und Deneb im Schwan:
er wolte eine Parallaxe von Sek. gefunden haben: allein
seine Arbeit wurde völlig vernichtet durch die Bemühungen
von Pond in Greenwich, wo ich mich einiger Pendelbeobachtungen
wegen grade befand, als er seine Arbeit anfing. Er hatte ein
sehr gutes Fernrohr von 12 Fus Brennweite, an einem von den übrigen
Gebäuden abgesonderten Orte aufgerichtet, damit es so wenig
Störungen als möglich erleiden mögte: dies war genau gegen den
Zenith gestelt, und er beobachtete Sterne von der verschiedensten
Lichtstärke: sein Resultat war: dass die Parallaxe noch
nicht 0,2 Sek. beträgt.

Auch der Durchmesser der Fixsterne ist uns nur der unteren
Gränze nach bekant: das beste Mittel dazu bieten uns die
Okkultazionen von Sternen durch den Mond: es entspricht
nämlich einer Sekunde im Bogen eine halbe Zeitsekunde: hätte
also der Stern mehr als eine Bogensekunde im Durchmesser, so
würde die Okkultazion auch beinahe eine Zeitsekunde einnehmen:
nach allen Beobachtungen aber verschwindet der Stern augenbliklich
: also kann er nicht eine Sekunde im Durchmesser
haben. (Das Kleben des Sternes an der Mondfläche hängt hiemit
nicht zusammen: es beruht auf der Deviazion der
Lichtstralen.) Zwar hat Herschel die Veja als eine kleine
Scheibe von Sek. Durchmesser gesehn, und hienach wäre
ihr wahrer Durchmesser 34 mal grösser als der der Sonne.

Zu den ersten, welche diese Untersuchungen eröfneten,
gehören Huygens und Halley, seitdem sind die Beobachtungen
der Fixsterne ein Gegenstand der winkelmessenden
Astronomie geworden: die photometrischen Messungen haben
nur wenig dazu beitragen können, und sind erst später ausgebildet.

Schon Aristarch von Samos wuste, dass die Erde um die Sonne
geht, und dass die Fixsterne feststehn, wie die Sonne. Siehe den
Arenarius des Archimedes, der keine blosse Spielerei ist sondern
ein Versuch, wie man grosse Zalen anschaulich ausdrükken könne
: Thales sprach die Meinung aus, dass die Fixsterne
Sonnen wären. Heraclides Ponticus hatte die richtige
Meinung, dass die Fixsterne Welten wären, wie die unsrige,
und aus Luft, Erde und Wasser bestehn, welches um so merkwürdiger
ist, da man im Alterthume jenen himlischen Körpern
gewöhnlich nur die leichteste, die Feuersubstanz zuschrieb.
Bei den Pythagoräern finden wir sogar eine Stelle über das
Rotiren der Sterne.

Wir kennen also, (um alles zusammenzufassen, was wir über

unsre Sterneninsel wissen,) die Existenz der Sterne und

Nebelflekke: Herschel hat hier entschiedenes Verdienst: sein

40-füssiges Fernrohr ist wegen der ungeheuren Lichtstärke

von dem grösten Nuzen gewesen, allein es giebt die Umrisse
nicht genau genug an: daher konte er auch die Trabanten
des Uranus durch dasselbe nicht finden. Wir kennen ferner
die untere Gränze der Sternenzahl: von 1–7ter Grösse giebt es an
120,000. auch von der Farbe derselben sind wir unterrichtet:
die Gestalt der Sterne ist uns völlig unbekant, dagegen kennen
wir die Gruppirung derselben, und die Bewegung dieser Sterngruppen
: wir kennen ferner das minimum ihrer Entfernung
und ihrer Durchmesser: wir unterscheiden planetarische und
kometenartige Weltkörper: ungewis ist die Projekzion und
die Gränze unserer Linse; ungewis: ob alle Nebelflekke entfernter
sind, als Sterne der 6–7ten Grösse: ungewis: die Dimension
unserer Sternschicht selbst.

17. Vorlesung, 2. Januar 1828

Von unserm Sonnensystem in’s besondere.

So genau als dieses, kennen wir durch wirkliche Beobachtungen
nichts ähnliches im übrigen Himmelsraume. Unsre Sonne
ist wahrscheinlich den Fixsternen sehr ähnlich: allein Planeten
sehn wir bei andern Fixsternen nicht, sondern die sie etwa umgebenden
Sterne sind selbstleuchtend. Wir sehn bei den Planeten eine
doppelte Erleuchtung, nämlich bei den Hauptplaneten den Reflex der
Sonne, und bei den Nebenplaneten den Reflex des Lichtes von den
Hauptplaneten. Es giebt bei den Nebenplaneten noch ein drittes Licht,
welches sich z. B. am Monde zeigt, wenn er bei einer totalen Mondfinsternis
doch nicht ganz verschwindet.

Unser Sonnensystem besteht aus einer weit grösseren Zahl von
Weltkörpern, als man bisher geglaubt, nämlich aus 1 Zentralkörper
, 11 Hauptplaneten, 18 Nebenplaneten, 2 Kometen, die in der
Bahn der Kometen eingeschlossen bleiben, einer unzähligen Menge
Kometen, die weiter hinaus schweifen, aus einer grossen Zahl von
Aërolithen, und endlich aus dem Zodiakallicht selbst. Die Hauptplaneten
haben noch den Namen Irrsterne behalten als Gegensaz
zu den Fixsternen. Die Idee, dass die Sonne in der Mitte stehe,
ist schon in den ältesten Zeiten ausgesprochen worden. Es sind
also 6 Hauptkörperarten, aus denen unser System besteht,
indessen sind die Kometen von diesen allen die wichtigsten
geworden, weil wir durch sie die Entfernung messen gelernt
haben.

Die Planeten werden nicht blos durch das Sonnenlicht erleuchtet
, sondern sie haben auch ein eignes phosphorisirendes
Licht, so dass man, wie oben bemerkt wurde, die dunkle Scheibe
der Venus gesehn hat. Ausserdem findet sich diese Erscheinung
wahrscheinlich auch am Uranus, weil er, bei seiner grossen Entfernung
und bei seinem kleinen Durchmesser dennoch von
uns gesehn wird; Mars hat ein trübes röthliches Licht, da
die andern Planeten doch alle weis erscheinen. Saturn ist
graulich weis, Merkur und Venus am weissesten. An den
Jupiterstrabanten hat man die blaue und orange Farbe wahrgenommen
. In der Stellung des Planetensystem’s ist man
verschiedenen Ordnungen gefolgt. Die kleine Periode der
Woche ist dadurch entstanden, dass die Planeten nicht sowohl
den Tagen, als vielmehr den Stunden vorstehn. Unerachtet
die Alten nur 5 Planeten kanten, so ahnten doch schon
viele, dass es mehrere gebe: so Artemidor und Simplicius,
welcher leztere meint; es gäbe viel häufiger Mondfinsternisse
als wir sie erklären könten, und diese entständen dadurch,
dass dunkle, unsichtbare Planeten zwischen ihn und die
Sonne träten.

Reihenfolge der vorzüglichsten neuen Entdekkungen:

1610 die 4 Jupiterstrabanten.
im Jahr 1655 der 6te Saturntrabant von Dom. Cassini.

1671. der 7te

1672. der 5te

1684. der 3te und 4te

1781 der Uranus von Herschel: schon früher hatte man

ihn gesehn, aber für 1 kleinen Fixstern gehalten.

1787 der 1te und 2te Uranustrabant von Herschel.

1789. der 1te und 2te Saturntrabant .

1790–94 die andern Uranustrabanten 4–6. von Herschel.

1801. die Ceres von Piazzi.

1802 Pallas Olbers.

1804. Juno Harding.

1807. Vesta Olbers.

1818 der Komet von Encke.

1826 Biela.

Von den Entfernungen der Planeten.

Wir werden hier wiederum durch Nebeneinanderstellung
der hauptsächlichsten numerischen Verhältnisse am deutlichsten
werden.

Die Erde ist von der Sonne 108 Sonnendurchmesser entfernt,
also 20½ Millionen Meilen. Der Jupiter ist 1030 Sonnendurchmesser
entfernt: Uranus fast um das doppelte, nämlich
19 Erdweiten, also 2000 Sonnendurchmesser, oder 400 Millionen
Meilen. Der Komet von 1811 ging 22 mal weiter von der
Sonne weg als Uranus. Dennoch ist der Abstand des Uranus
noch nicht 1/1000 von der Siriusweite.

Die Grösse der Planeten steht in keinem Zusammenhange
mit ihren Abständen: 3 mal werden sie grösser und,
2 mal kleiner, wenn wir vom Uranus zu zählen anfangen.
Der kleinste aller Monde ist der innerste des Saturn,
der gröste der dritte des Jupiter. Wenn wir die Abstände
der nächsten und entferntesten Trabanten vergleichen: so
erhalten wir folgendes Resultat:

Saturn hat die am wenigsten entfernten Monde, Halbmesser
. Jupiter’s Monde sind 13, Uranus’ 19 Durchmesser
ihres Hauptplaneten entfernt. In absoluter
Entfernung steht der 7te Saturntrabant am weitesten von
seinem Planeten ab. Dagegen sind in unserm Systeme die
beiden nächsten Weltkörper: Saturn und sein erster Trabant.
In der pythagoräischen Schule meinte man, die Abstände der
Planeten wären den Harmonien analog, die sich in einer
musikalischen Skala angeben lassen.

c e g c e g c

1 2 3 4 5 6 7

Kepler hat zuerst diese
Abstände in eine Reihe gebracht, und behauptet: zwischen
Mars und Jupiter müsse ein neuer Planet entdekt
werden, welches durch die Auffindung der Asteroiden gerechtfertigt
wurde.

Bewegung der Planeten.

Alle bewegen sich um die Sonne von Westen nach Osten,
dagegen die Kometen nach allen Richtungen. Gegen den
Sonnenäquator sind am meisten geneigt: Pallas um 17°8
Juno 11°. Alle Bahnen der Uranustrabanten stehn senkrecht
auf dem Uranusäquator. Je grösser bei einem Planeten
und seinen Monden die Neigung ist, um desto seltener sind
die Verfinsterungen. Bei allen Monden ist die Umlaufzeit
um den Planeten gleich der Rotazion um ihre Axe: d. h.
sie bewegen sich im derselben Zeit um sich selbst, in der sie um
den Planeten gehn. Die stärkste Exzentrizität der Bahn
hat Juno: dann Mars, Jupiter, Venus. Eine grosse Exzentrizität
verbunden mit starker Neigung der Bahn sind Eigenthümlichkeiten
der Vesta und Venus.

18. Vorlesung, 5. Januar 1828

[Noch nicht seit 50 Jahren hat man 15 neue Weltkörper in unserm
Systeme entdekt: nämlich 5 Planeten, 8 Satelliten & 2 Kometen]

Dichtigkeit der Planeten.

Genau kennen wir sie nur von 7 Planeten, und hiebei hat man
das Gesez wahrgenommen, dass sie mit den Abständen von der
Sonne abnimt: Uranus ist etwas dichter als Saturn. Kepler
meinte, dass die Sonne als ein Zentralkörper auch die gröste
Dichtigkeit haben müssen: dies ist aber nicht der Fall: sie hat
nur die Dichtigkeit der Salpetersäure = 1,2, [wenn wir für alle
diese Betrachtungen die Dichtigkeit des Wassers = 1,00 sezen]
beim Merkur ist sie nicht genau bekant, doch können wir
wenigstens die untere Gränze angeben, welche = 17, oder den
Platinakörnern, nach andern 20 bis 21. Venus = 5,2. Erde
4,8 oder 5,4 [die lezte Zahl ist wahrscheinlicher] Mars 3,3
dann folgen die Asteroïden: dann Jupiter = 1,08, ungefähr wie Wasser,
Saturn = 0,47, wie Tannenholz; Uranus 0,9 wieder wie Wasser, doch
herscht bei diesem entfernten Weltkörper Ungewisheit. Troz dieser
Dünnigkeit würde es fehlgeschlossen sein, wenn man sich diese
Weltkörper wirklich flüssig dachte, sie können alle sehr fest sein,
wenn sie z. B. aus Sodium, einem leichten Metalle bestehn: so ist

Bimsstein ein sehr harter, fester Körper, und wiegt nur 0,7. Bei

Obsidian und glasigen Laven haben wir eine noch auffallendere
Erscheinung; dem Feuer ausgesezt, werden sie zellig, wie ein Wespennest
, und schwimmen auf dem Wasser. Auch vom Mandelstein
giebt es in Mexiko eine so spongöse Art, dass er auf dem Wasser
schwimt. [Daher konte Cortez leicht die Häuser von den Pferden zertreten
lassen, da ein grosser Theil des alten Mexiko von dieser leichten
Masse gebaut war.]

Masse ist die Zahl der wägbaren Theile. Dichtigkeit ist die
Masse, dividirt durch das Volumen. Die Planeten ziehn also nach
der Quantität ihrer materiellen Theile an. Die Masse hat man
nur durch Erfahrung und Beobachtung der Perturbazionen bestimmen
können: die Dichtigkeit wird dann durch die Grösse bestimt. Um
aber die Grösse zu haben, muste man vor allen den Durchmesser kennen,
das Rochonsche Mikrometer ist hiebei von grossen Nuzen gewesen:
sehr genau kann man ihn auch messen, durch Anwendung eines
Bergkristalls, der in das Fernrohr eingesezt wird, und dessen doppelte
Bilder die Grösse bestimmen. In der neuern Zeit hat mein
Freund, der grosse französische Astronom, Arago, sich um diese Messungen
das entschiedenste Verdienst erworben. Laplace nahm dieselben in
sein grosses Werk auf. Gaus hat neuerlich durch analytische
Rechnungen die Jupitersmasse sehr verbessert, vorzüglich geleitet
durch die Störungen der Pallas.

Sehr schwer ist die Dichtigkeit bei den Kometen zu bestimmen, da sie
nur gasförmige Körper zu sein scheinen: nur von einem kann man
angeben, dass er 1/5000 von der Dichtigkeit der Erde zu haben scheine.

Einen grossen Unterschied in allen Stükken finden wir zwischen den
äussern und innern Planeten: die innern haben eine 5 mal grössere

Dichtigkeit als die äusseren. Kepler meinte, dass dieselbe wie die

Quadrate der Abstände abnehme: dies ist aber zuviel gesagt.

Die Sonne ist 825 mal grösser als alle übrigen Planeten zusammen
, und hat 560 mal mehr Masse: dagegen gehören ¾
der ganzen Planetenmasse dem Jupiter zu: die Masse des
Jupiters und Saturn zusammengenommen verhält sich zu der der
übrigen Planeten zusammen, wie 20:1. Auf der Erde sind wir,
vermöge unserer Stellung zwischen Venus und Mars weniger dem
Perturbazionen des Jupiter und Saturn ausgesezt, welche sonst sehr
bedeutend sein würden. Die Satelliten sind nicht immer dünner
als die Planeten: die Erde zum Monde = 1:0,47. von den Saturnmonden
sind 3 dichter als Saturn, und einer der Jupitermonde ist
1,7 [also beinahe zwei]mal dichter als Jupiter.

Die innern Planeten sind von geringerer Grösse, auch nicht so sehr
von einander verschieden, als die äusseren: sezen wir die Dichtigkeit
der Erde = 1: so ist die von
die äusserste Gränze schwankt daher zwischen 1 und 0,1, dieser
Unterschied könte sehr gros scheinen, allein wir sehn, dass er bei
den äusseren Planeten noch viel bedeutender ist:

Merkur

Venus

Erde

Mars

= 0,5.

diese sind sehr
ungleich untereinander, und daher ist ihre mittlere Grösse zu der
der Erde wie 780:1, und die äussersten Gränzen schwanken zwischen
1333 und 77 oder 1 und 0,05.

Die innern Planeten schwanken in ihrer Dichtigkeit zwischen Platin
und Magneteisenstein: die äussern sind ungefähr wie Wasser.
Mars, der dünste der innern Planeten ist noch 3 mal dichter als

Jupiter, der dichteste der äussern. Die innern Planeten haben
fast alle eine Rotazion von 1 Tage, Mars von 24½ Stunden, obgleich
Herschel bei ihm eine Abplattung von 1/15 annimt.

Die äussern Planeten haben 17 Satelliten und 1 Ring, der eigentlich
nichts ist, als zusammengebakne Satelliten: die innern haben
nur einen (unsern) Mond. [Der bei der Venus vermuthete ist
nicht vorhanden.]

Alle äussern Planeten haben Zonen oder Streifen: man hält diese
Banden für Verdikkungen der Athmosphären.

Die Schiefe der Ekkliptik ist bei der Venus = 72°

bei Merkur, Mars und Erde zwischen 20–28°

Uranus steht mit der Axe senkrecht auf seiner Bahn,

Jupiter dagegen in einem Winkel von 3°, wir hätten also hier 2
Planeten, welche fast entgegengesezt gestelt sind.

Die Rotazion der Planeten hat man erst sehr spät gefunden:
die von Jupiter, Venus und Mars im 17 Jahrhundert durch den grossen Dom.
Cassini zw. 1665–71. Saturn’s durch Herschel 1789. Merkur’s durch
Schröter 1800. Die Abplattung des Mars wurde durch Herschel auf
1/15 bestimt; obgleich der langsame Umlauf dagegen zu sprechen
scheint: sie hängt am meisten von der innern Dichtigkeit ab.
Bei der Erde ist die Abplattung genau 1/290.

Jupiter 1/14, beim Saturn 1/11, beim Uranus unbestimt, vielleicht

sehr beträchtlich.

Klimatische Veränderungen auf der Erde.

Man hat besonders astronomische Ursachen für das Phänomen
gesucht, dass man unter allen Breiten in der Erde Palmenformazionen
findet: man glaubte 1, anfangs, die Ursach läge in den
Sonnenfakkeln, welche immer den Sonnenflekken vorauszugehn pflegen
: allein die veränderliche Lichtstärke der Sonne scheint nicht
hinreichend zu diesen Veränderungen: es ist sicher, dass die nordischen
Gegenden früher wärmer waren.

Die 2te Ursach könte in der veränderten Schiefe der Ekkliptik
gelegen haben: wir haben von den Chinesen über diesen Punkt
Beobachtungen von 2600 Jahren, welche durch den Jesuiten Bobi
zu uns gekommen sind: nach diesen ist die Schiefe der Ekkliptik
beständig im Abnehmen gewesen, und man könte schliessen, dass
sie vielleicht einmal = Null werden könne, wodurch ein ewiger
Frühling auf der Erde entstehn würde. [Man hat sogar eine
Stelle des Herodot hieher gezogen, wo er sagt, dass die Aegyptischen
Priester ihm erzählt, die Sonne sei 2 mal da aufgegangen, wo sie
gewöhnlich untergehe: allein Ideler hat die Stelle aufgeklärt, und
gezeigt, dass hier von der Hundsternperiode die Rede ist von 1461
Jahren: die Stelle mus also so gefast werden: dass die Sommer-
und Winterwende 4 mal in die entgegengesezten Zeiten gefallen seien,
welches, wegen des Nichtinterkalirens bei den Aegyptern eine Periode
von 11340 Jahren giebt, und diese durch 8 dividirt giebt ungefähr
1460, als die obenangeführte Hundsternperiode, mit einigen Jahrhunderten
Unterschied, die man als Rechenfehler bei den vielen angeführten
Priestergenerazionen ansehn kann.]

Allein Laplace fand, und zeigte es durch siegende Gründe, dass
die Schiefe der Ekkliptik nicht ununterbrochen abnehmen wird, sondern
dass sie periodisch ist: die Periode selbst ist zwar ungewis, weil sie
ungeheuer gros ist: aber das Maximum der Veränderung kann nur
° sein, welches auf das Klima gar keinen Einflus haben kann:
[Cadix würde an die Stelle von Toledo kommen pp.]

Eine andre Erklärung war die [als man sah, dass die Periode der
Ekkliptik auf 25000 Jahr bestimt sei] dass eine grosse Zertrümmerung
durch einen Kometen, die Veränderung der Erdaxe herbeigeführt
: denn obgleich die Kometen sehr dünn sind: so kömt
doch viel auf die Richtung des Stosses an: Diese Erklärung ist
daher möglich richtig: allein wir müssen untersuchen, ob die
Klimaten dadurch so sehr verändert werden können, dass die Tropenprodukte
unter die Pole versezt werden.

Durch die Lage der Ekkliptik wird die Sonnenstärke an einem bestimten
Punkte zu einer bestimten Zeit auf der Erde bestimt: wenn die
Jahreszeiten gleich werden, so wird auch Tag und Nacht gleich. Die
Umlaufzeit um die Sonne bestimt die Länge der Jahreszeiten.
Die sind die Elemente der astronomischen Klimatologie, welche
aber durchaus nicht mit den physischen Erfahrungen übereinstimen:
denn bei 45° Sonnenhöhe ist keinesweges die Wärme gleich dem
Mittel zwischen der Wärme bei 70° und 20°, weil bei 20° viele Lichtstralen
zurükgeworfen, nicht aber absorbirt werden: ein merkwürdiges
Gesez ist dieses, dass die Erwärmung dieselbe ist bei 70° und 90° Sonnenhöhe
: dagegen von 20° bis 40° nimt die Erwärmung beträchtlich
zu. Als Extreme der Neigung des Aequators gegen die Bahn haben
wir Jupiter mit 3° Schiefe der Ekkliptik. Venus 72° Uranus 90°: je
grösser die Schiefe ist, desto grösser ist der Unterschied der Jahreszeiten
, oder der grösten und kleinsten Meridianhöhe der Sonne
über irgend einem Punkt.

19. Vorlesung, 9. Januar 1828

Nachträglich: beim Plutarch sagt Anaxagoras von Klazomenae,
er glaube, dass die Erdaxe früher senkrecht auf der Erdbahn gestanden
habe. In unserm jezigen Erdzustande fliehen uns die Tropen.
Beide Erklärungen, dass die Erde früher mit ihrer Axe senkrecht
auf der Erdbahn gestanden, oder dass die Neigung 90° betragen habe,
sind gleich unstatthaft, um daraus das Vorkommen der Tropenprodukte
in allen Breiten zu erklären. Im ersten Falle (I) würde für
jeden gegebenen Punkt der Erdoberfläche die Sonne um Mittag immer
denselben Stand haben, unter 70° Breite (also sehr nahe am Pole)
würde sie noch 20° hoch stehn, unter 50° noch 40° pp. welches man
sehr uneigentlich mit dem Namen eines ewigen Frühlings bezeichnet
hat: hiebei läst sich aber nachweisen, dass dennoch das
Palmenklima nicht höher als das südliche Frankreich hinaufreichen
würde. Im 2ten Falle (II) würde es noch weit schlimmer um
die Palmen stehn: denn an jedem Orte würde die Sonne einmal im
Zenith, und einmal im Nadir stehn, man würde überall einen
sehr langen Tag, und eine eben so lange Nacht haben: daher würde
die Zeit in welcher Palmen wachsen könten, nur sehr kurz sein,
man würde Palmen von 14 Tagen und 6 Wochen haben, nicht
aber Stämme, die nach unserer Rechnung 60–70 unserer Jahre
zum Wachsthum gebraucht.

Es ist ein glückliches Resultat meiner Reisen, dass wir über
das Palmenklima genauer unterrichtet worden sind, und seine
Gränzen nach Höhe und Breite bestimter gezogen haben, vorzüglich
ist dies durch die Auffindung der Bergpalmen geschehn. Die baumartigen
Farrenkräuter finden sich bis zu einer Höhe von
400–800 Toisen: dennoch beträgt die mittlere Temperatur dieser
Gegend 14°–17° R. (während die von Berlin nur 7° beträgt)
sie gehn bis nach Madeira unter 33° Nordbreite, dagegen
findet sich auf der südlichen Halbkugel die Diksonia antarctica
(auch ein baumartiges Farrenkraut) bis auf Van
Diemensland unter 42° Süd Breite. Die mittlere Temperatur
von Madeira, welche wir sehr genau durch Herrn von
Buch’s Untersuchungen kennen, ist immer noch 16° R.;
von Diemensland kaum 10° R., also nicht viel von dem Klima
von Mailand verschieden. Das baumartige Schilf, welches
oft in den Versteinerungen vorkomt, geht nur bis zu einer
Höhe von 800–900 Toisen, und braucht eine Temperatur von
15° R. Von den Bergpalmen verdienen besonders 3 unsre
Aufmerksamkeit. 1, die Wachspalme, Ceroxylon anguicola andicola,
aus deren Rinde ein klebriger Saft, ganz ähnlich dem
Wachse, ausschwizt: diese fand ich noch bei 1500 Toisen (9000)
Höhe, welches beinahe den höchsten Spizen der Pyrenäenkette
gleichkommen würde, in einer Temperatur, wie die von
Mailand 10° R.

2, Kunthia montana bei 200 Toisen Höhe.

3, Eudoxia frigida, bei 1400 .

Bei allen Palmen ist es bemerkenswerth, dass sie nicht sowohl
eine grosse Hize erfordern, als dass sie sehr leicht
durch die Kälte leiden: man findet keine Palmen
mehr auf 1700 Toisen Höhe; denn dies ist die unwirthbare
Region der Paramos in der Andeskette, deren mittlere
Temperatur kaum 5°–6° beträgt: in einem Klima, wo die

nur einmal im Jahre bis auf sinkt, kann

keine Palme mehr gedeihen, selbst nicht bei +2°–3° R.
Sie erfordern wenigstens eine mittlere Temperatur von 10°
und diese geht nur bis 44 oder 45° Nordbreite.
Über die Athmosphäre der Planeten.

Man hat lange geglaubt, dass alle Stoffe bei jeder Temperatur
gasförmig werden, und jeden Körper umhüllen können:
allein Faraday hat durch sehr schöne Versuche gezeigt,
dass dies nicht der Fall sei: wenn man eine Goldplatte
im Sommer bei 18° R. über Queksilberdämpfe hält, so wird

das Gold nicht mehr von ihnen beschlagen, es giebt also hier

eine Gränze der Temperatur, wo dies Phänomen sichtbar ist
und aufhört.

Die erste Frage, welche wir hiebei aufwerfen können, ist:
wie hoch ist unsre Luftathmosphäre? Man hat den
Versuch gemacht, sie durch die Dämmerung vor und nach
der Sonne zu messen, indem man den Einfallswinkel der
Stralen bestimte, und hienach fand man sie 8–10 Meilen
hoch; allein nach dem Mariotteschen Gesez, (welches man
eigentlich das Boylesche nennen solte) würde in einer solchen
Höhe die Queksilbersäule kaum ½ Linie betragen, welches
wir unter der Luftpumpe schon ein vacuum zu nennen gewohnt
sind. Bei den höchsten Höhen, welche man auf der
Erde theils durch Besteigung von Bergen theils durch
einzelne glükliche Luftfahrten erreicht hat, fand schon die
Hälfte des gewöhnlichen Luftdrukkes statt, wollte man
also diese Verdünnung progressive bis zu 10 Meilen steigern,
so würde unsre Athmosphäre am Ende so sehr verdünt
werden, dass die lezten Theile kaum mehr von der Erde
angezogen werden würden, wir müsten also fürchten, einen
Theil derselben zu verlieren.

ungefähr 1 deutsche
Meile

Es hat sich über diesen Punkt
ein grosser Streit zwischen den Physikern und Mathematikern
erhoben. Laplace glaubte, dass man sich nur die
Athmosphäre durch die Annahme erklären könne, dass
in grösseren Höhen die Elastizität der Luft schneller
abnehme, als unten, und so hätte die Erde einen grossen
Theil der Mondathmosphäre angezogen, von der wir fast
gar keine Spuren mehr bemerken: allein Wollaston sagte
dagegen, dass in diesem Falle die andern grösseren Planeten
uns eben so wohl unsre Athmosphäre entzogen haben müsten
: er bewies gegen Laplace: dass, wenn ein Theil unsrer
Athmosphäre in den Weltenraum sich verloren hätte, wir
ihn am allerersten an der Sonne als eine verdikte Athmosphäre
bemerken müsten. Nun haben aber Kater in Ostindien, und
Vidal in Toulouse die Venus in Konjunkzion mit der Sonne,
und besonders die Okkultazionen der Venus genau und vielfältig
beobachtet, und durchaus keine Veränderung des wahren
Ortes gegen den scheinbaren gefunden, welches allerdings
hätte eintreten müssen, wenn man an der Sonne
eine Spur von Athmosphäre wahrnehmen könte, wodurch
die Lichtstralen gebrochen, also von ihrem wahren Wege
abgelenkt werden. Hieraus schliest Wollaston, dass unsre
Athmosphäre eine bestimte Gränze habe, und immer gehabt
haben müsse. Noch genauere Beobachtungen geben die Jupiterstrabanten
: bei diesem vermuthete man früher auch eine
Athmosphäre: allein dann müste der Gang der Trabanten,
wenn sie vor die Jupiterscheibe treten, verlangsamert werden,
aus dem obigen Grunde von der Brechung der Lichtstralen
in der Jupiterathmosphäre: allein von dem ist nichts zu bemerken
, vielmehr glaubt man jezt, dass die Zonen im Jupiter
von andern Flüssigkeiten herrühren, welche zwar auch sehr
beweglich, aber doch näher an der Oberfläche des Planeten
sich befinden.

Von den Bergmassen auf den Planeten.

Ehe man die höchsten Punkte der Himalayakette kennen
gelernt und gemessen, hielt man die Spizen der Cordilliren für
die höchsten Berge der Erde, und glaubte darin eine merkwürdige
Übereinstimmung mit den übrigen Planeten zu
finden, wo sich auch die höchsten Höhen auf der südlichen
Halbkugel befinden. Schröter (dessen Messungen indessen
nicht ganz verbürgt werden können) fand auf der Venus
Berge von 26000 Toisen, auf dem Merkur von 19000 Toisen.
Die Berge auf dem Monde, welche wir nicht nur obenhin,
sondern mit recht sehr grosser Genauigkeit kennen, sind
ungefähr von gleicher Höhe mit der Himalayakette. Die
Spizen: Dörfel und Leibnitz haben 4100 Toisen, sind aber
gegen den Mondhalbmesser viel bedeutender als die unsern,
indem sie 1/214 desselben ausmachen: dagegen der Diawalageri
im Himalaya von 4170 Toisen Höhe nur 1/746 des
Erdhalbmessers ausmacht: man schlos daraus, dass die elastischen
Dämpfe, denen man die Bildung der Gebirge
zuschreibt, auf dem Monde, als dem kleineren Planeten mit
grösserer Kraft könten gewirkt haben, als auf der grösseren
Erde.

Wir haben oben gesehn, dass in Hinsicht der Neigung
der Axen, der Dichtigkeit, der Grösse, ebenso wenig, wie
der Exzentrizität der Bahnen und der Abplattung,
die Planeten irgend einem bestimten Geseze folgen: das
Gesezliche für uns fängt erst an, wenn alle diese Eigenschaften
als etwas faktisches gegeben sind, und jene Geseze
welche Kepler, von einer Ahnung getrieben, feststellte, musten
erst von Newton durch die Annahme einer Zentralbewegung
mathematisch bewiesen werden.

Es ist merkwürdig, dass 5 grosse Astronomen in ununterbrochener
Reihe den ungeheuren Zeitraum von der Entdekkung
von Amerika bis zu Friedrich II einnehmen:

1, Kopernikus geb. 1473 1543

2, Tycho de Brahe geb. 1601.

3, Kepler geb. 1571.

4, Galilei geb. 1564 1642, in demselben Jahre, wo

5, Newton geboren wird. 1724.

Wenn Kopernikus der Schöpfer unseres Weltsystems genant
werden kann, indem er die Ideen des Philalaus von
neuem anregte: so brachte dagegen Tycho de Brahe
die beobachtende Astronomie auf eine Höhe, welche man
früher nicht gekant hatte. Galilei erwarb sich besonders
grosse Verdienste um die physische Astronomie,
Kepler endlich fand die vornehmsten Geseze durch Analogie
und Indukzion.

Bei den merkwürdigen 3 Keplerschen Gesezen können wir
uns nur wenig aufhalten:

1tes Gesez: Die Planeten bewegen sich in Ellipsen, in
deren einem Brennpunkte die Sonne steht.

2tesGesez. Die Sektoren der Flächen, welche man durch 2
Linien nach einem Brennpunkte gezogen, bilden kann,
verhalten sich wie die Zeiten der durchlaufenen Bahn.
(Dieses Gesez entdekte er eigentlich zuerst, es heist: das
Gesez von der Gleichung der Bahnen. Es bezieht sich nicht
allein auf die Ellipse, sondern auf alle krummen Linien.)

3tes Gesez. Die Quadratzalen der Umlaufzeiten verhalten
sich wie die mittlere Entfernung der Planeten vom Zentralkörper
; er kam auf dies lezte Gesez durch phantastische
Ideen von einer Übereinstimmung der Entfernungen
nach der diatonischen Skala, und fand es nur nach langem
unsichern Herumtappen: in seiner Harmonice mundi
hat er uns den Tag aufbehalten: am 15 May 1618 kam er
auf das 3te Gesez, verrechnete sich aber bei der Anwendung
auf die Himmelskörper, bis er nach 2 Monaten mühseeligen
Forschens den Rechenfehler fand, und das Gesez bestimt
aussprechen konte. Sehr naiv beschreibt er die Angst, in
der er während dieser Zeit schwebte, wo er gleichsam durch
einen dunkeln Instinkt die Richtigkeit des Gesezes erkant
hatte, aber es mit den Rechnungen nicht übereinstimend fand.

20. Vorlesung, 12. Januar 1828

Weltkörper unseres Sonnensystemes selbst.

1, Planeten a, innere b, äussere.

2, Kometen, planetarische und andere.

3, Aërolithen, welche beim geognostischen Theil abzuhandeln sind.

Von der Sonne.

Schon oben wurde bemerkt, dass wenn man sich alle Planeten
zusammen in eine Kugel geballt denkt, die Sonne doch noch
825 mal mehr Volumen und 560 mal mehr Masse hat.
Ihr Durchmesser beträgt 109¾ Durchm. der Erde: sie ist von
uns 20,871,000 Meilen entfernt, und da der Mond von uns
nur 150,000 Meilen entfernt ist: so kann man leicht berechnen,
dass er seinen Umlauf beinahe 2 mal in dem Sonnenkörper
vollenden könte. Obgleich solche numerische Spielereien nicht
nach meinem Geschmakke sind, so dienen sie doch oft dazu, eine
Sache zu verdeutlichen, ich will daher noch anführen, dass eine
Kanonenkugel, welche mit einer Wurfkraft von 1500 Fus in der
ersten Sekunde abgeschossen wird, von Paris bis Berlin 18 Minuten
brauchen würde, von der Erde bis zum Monde 9 Tage,
und bis zur Sonne 9 Jahre.

(Das Sonnenlicht braucht nach den genausten Untersuchungen
von Delambre, bis zur Erde 8 Minuten 13 Sek.) Lagrange hat
berechnet, dass die Mondvulkane uns sehr gut Aërolithen
zuwerfen könten, wenn ihre Wurfkraft nur 4 mal grösser
wäre als die der gedachten Kanonenkugel.

Die merkwürdigste Erscheinung auf der Sonne sind die Sonnenflekken
, man bemerkt sie zuerst an dem östlichen Rande,
sieht, wie sie von Osten nach Westen sich bewegen, und meist
nach 13 Tagen verschwinden: man hat daraus die Rotazion der
Sonne sehr genau auf 25,12 Tage berechnet. Das älteste Beispiel
, wo diese Flekken erwähnt sind, findet sich in den chinesischen
Annalen 321 nach Chr., wo man bemerkt hat, dass sehr grosse
Flekke in der Sonne sichtbar gewesen sind; eben so 626 und 635
wo die arabischen Astronomen die schwarze Merkurscheibe in
der Sonne zu sehn geglaubt haben: dies war aber gar nicht möglich
wegen der Kleinheit des Merkur, sondern sie sahen Sonnenflekken
: aber auch Abulfaradsch, Averroës und selbst Kepler
wurden dadurch getäuscht. In Peru, wo die Garūa, oder ein
dichter Nebel die Sonne monatelang verhült, waren schon bei
der Entdekkung im 16. Jahrhundert den Einwohnern die Sonnenflekken
bekant. Nach den Untersuchungen des Herrn v. Zach, war der
Engländer Harriot der erste, welcher sie als wirkliche Flekken erkante
am 8. Dezember 1610. Auch Joh. Fabrizius, der Sohn eines
ostfriesischen Predigers hatte sich gegen Ende 1610 ein neuerfundenes
Teleskop in Holland angeschaft, und entdekte die Sonnenflekken:
da er aber nicht auf die einfache Idee eines Blendglases kam,
so quälte er seine Augen entsezlich, um ohne Blendung in die
Sonne zu sehn. Gewöhnlich schreibt man die Entdekkung dem
Jesuiten Scheiler in Ingolstadt zu. Kepler spricht ausführlich
darüber, und führt an, dass der Prior dem Pater Scheiler gesagt
habe, die Flekken wären nicht in der Sonne, sondern in seinem Auge.

Die Flekken sind durchgehends kohlschwarz, mit aschfarbenem
scharfbegränztem Rande: wenn man die Sonnenscheibe einer Vergrösserung
von 300–400 mal unterwirft, so erscheint sie völlig wie
gegittert: sie ist nämlich ganz mit hellen Adern durchzogen, zwischen
denen viele dunkle Flekke stehn; die lezten bewegen sich, aber die Adern
nicht. Die grösseren Flekken entfernen sich vom Sonnen-Aequator
nur um 30°. Zuerst erscheint gewöhnlich eine Lichtfakkel, dann
2 Stunden darauf 1 schwarzer Flek mit einer Penumbra, welche
volkommen scharf begränzt ist. Es ist eine Entdekkung von
Watson 1773, dass die Penumbra, wenn der Flek in der Mitte
der Sonne steht, ringsum gleich gros ist, dass er aber, an der
Seite, wo der Flek verschwindet, breiter wird; also grade umgekehrt,
wie es sich nach perspektivischen Gesezen verhalten solte, wenn
alles in einer Fläche läge.

Es ist die gewöhnliche Meinung, welche auch noch in Bode’s
sehr lehrreichen Schriften vorkömt, dass die Sonne selbst nicht
leuchtend sei, sondern eine Photosphäre habe, in welcher durch
eine Anhäufung des Lichtes die Fakkeln hervortreten: die
Flekken wären dann ein Theil des sichtbar gewordenen dunkeln

Sonnenkörpers, und die aschfarbene Penumbra eine Projekzion der

Sonnenathmosphäre. In diesem Falle würde aber die Penumbra
sich sehr unbestimt verlaufen, und nicht scharf abgränzen, wie
es durchaus immer der Fall ist.

Da diese Erklärungsart nicht past, so müssen wir also zu
einer Hypothese unsre Zuflucht nehmen, nach welcher der Sonnenkörper
von 2 Wolkenschichten umgeben ist, von denen die nächste
an der Sonne aschfarben, die fernere aber hell sein kann. Nun ergiebt
sich alles auf eine einfache Art. Befindet sich das Auge
in g: so ist a b der Durchmesser des

Sonnenflekkens, c e die Ausdehnung der

Penumbra, befindet sich dagegen das
Auge in h (oder was dasselbe ist,
rükken die Sonnenflekken gegen den Rand,)
so wird i k der Durchmesser des Sonnenflekkens
und d f die Penumbra: während diese
also auf der einen Seite um die Entfernung c d abnimt, so
wächst sie auf der andern um e f, und bringt die verlangte
Projekzion hervor.
[Die Meinung, dass die Sonne nicht selbst leuchtend, sondern ein

dunkler Körper sei, hielt man noch vor 40 Jahren für so toll,
dass sie einem jungen Menschen in Oxford das Leben rettete. Dieser
hatte nämlich in einer Dissertazion behauptet, die Sonne sei dunkel,
wurde nachher wegen Verfälschungen zum Tode verurtheilt, und
sein Advokat konte ihn nur dadurch retten, dass er jene Dissertazion
als augenscheinlichen Beweis der Tollheit anführte. ]

Über das Entstehn der Sonnenflekken kann man nur anführen, dass
wahrscheinlich auf dem Sonnenkörper sich Gasarten oder ähnliche
Fluida entwikkeln, beim Aufsteigen die beiden Wolkenschichten
trennen, den Sonnenkörper sichtbar machen, und jene Projekzion
hervorbringen, wie sie in der Figur angedeutet ist. Rasche
in Dresden fand vor ungefähr 10 Jahren, dass manchmal der aschfarbene
Rand 2er Flekken sich dekt: dieser Rand kann mithin
nicht in derselben Fläche liegen wie der schwarze Kern.
Herschel war der Meinung, dass eine grosse Menge Sonnenflekken
auf der Erde Wärme erzeugen: er machte daher eine lange Reihe
von Beobachtungen, und gab Tafeln heraus, in denen die Erscheinung
derselben mit den jährlichen Kornpreisen in England zusam̃engestelt
war, welches anfangs paradox klingt; es ist aber gewis,
dass der Sonnenschein einen grossen Einflus auf das Wachsen des Getreides
, also auch auf seinen Preis hat. Aus diesen Tafeln ergab
sich nun zwar kein genauer Zusammenhang der Sonnenflekken mit
der Erndte, aber doch ein periodisches Wiederkehren derselben,
wie man es auch beim Nordlicht beobachtet hat, welches
indes damit in keinem Zusammenhange zu stehn scheint.

Die Sonnenstralen sind von dreierlei Art:

1, nichtleuchtende, wärmende.

2, magnetisirende.

3, leuchtende.

Schon Mariotte entdekte die unsichtbaren Wärmestralen;
Rochon (dem wir die Erfindung des sehr nüzlichen prismatischen
Mikrometers verdanken) fand 1776, also lange vor Herschel, dass
der violette Stral fast gar nicht erwärmt, der rothe aber sehr
stark. Herschel endlich machte die merkwürdige Entdekkung,
dass das Maximum der Wärme da ist, wo gar kein Licht
hinfält, ausserhalb des rothen Strales. Seebek fand noch
kleine Verschiedenheiten hierin, bisweilen fält das Maximum
der Wärme näher, ja es gelang ihm, dasselbe bis in den rothen
Stral hineinzurükken. Man könte noch eine chemische Eigenschaft
der Sonnenstralen annehmen, indem sie den Kohlenstof des Pflanzen
enthüllen, und dadurch die grüne Farbe hervorbringen: deshalb
ist unter den Tropen das Grün so intensiv und dunkel, weil mehr

Sonnenstralen auf die Pflanzen fallen. Scheele fand, dass das

Chlorsilber vom violetten Stral geschwärzt wird, nicht aber vom
rothen. Gay Lussac & Thénard zeigten, dass eine Mischung von
Hydrogen und Chlor augenbliklich und mit Heftigkeit explodirt,
wenn ein violetter Stral darauf fält, beim rothen aber nicht:
man kann also die Erscheinung hervorbringen, wie man will,
je nachdem man die Mischung in rothe oder violette Flaschen
einschliest. Seebeck fand, dass Barytphosphor im violetten Stral
leuchtet, im rothen aber sogleich verlischt. Young, Fresnel
und Arago brachten durch 2 auf einander fallende Sonnenstralen
Finsternis hervor, wovon oben die Rede war. Morecchini endlich
und Miss Sommerville fanden die magnetisirenden Stralen,
welche auf das Eisen wirken: beim violetten Stral sind die
elektrischen Versuche am lebhaftesten. Baumgarten hat
diese Versuche wiederholt, und sich dabei eiserner Nägel
bedient: er erkante, dass die verschiedene Glättung derselben
nicht ohne Einflus auf das Phänomen ist.
Man war einige Zeit der Meinung, dass der Durchmesser

der Sonne durch das fortwährende Ausströmen von Licht
kleiner werden, und die Scheibe überhaupt an Helle verlieren
müsse: ein sehr schäzbarer Astronom, Herr von Lindenau,
glaubte dies gefunden zu haben: allein es ist kein Zweifel
dass nicht die Sonne, sondern die Augen des englischen
Astronomen Nestley nach dessen Beobachtungen Lindenau
seine Berechnungen anstelte, abgenommen hatten.

Nach Lambert und Bouguers Versuchen ist die Lichtstärke
der Sonne 300,000 mal grösser als die des Vollmondes;
wenn die Sonne unter 66° oder 19–20° Höhe steht: so verhalten
sich die Quantitäten Licht, welche wir in beiden Fällen erhalten
, wie 2:3. Daher ist unter den Tropen einer der
ergreifendsten Eindrükke die ungemeine Lichtstärke, welche
nach allen Seiten hin sich verbreitet.

Lange war die Frage unentschieden, ob die Sonne an
den Rändern heller ist oder in der Mitte. Am Rande
sind die Stralen enger, daher glaubte Bouguer lange, dass
die Ränder wärmer wären: allein schon die Dikke der Sonnenathmosphäre
, durch welche der Stral gehn mus, würde dies kompensiren
, Kepler hielt daher die Mitte für wärmer.
Eine spätere Entdekkung ist es, dass die Quantität
des Lichtes, welche zurükgestralt wird, von der Neigung
der stralenden Fläche abhängt, und sich zur Fläche verhält
wie die sinus der Winkel. Ganz neuerlich ist indes ausgemacht
, dass die Sonne in der Mitte eben so licht ist als an
den Rändern; es wurde durch die kolorirte Polarisazion
welche Arago entdekte, bewiesen; man sieht nämlich durch
einen Bergkristall, dessen Seiten parallel dem Einfalswinkel
der Stralen geschnitten sind, 2 Bilder in den Komplementarfarben
z. B. roth und grün. Läst man nun 2 Sonnenbilder
so aufeinander fallen, dass der Mittelpunkt
des einen in die Peripherie des andern fält:
wodurch man also Stralen aus der Mitte der
Sonne und von dem Rande übereinanderbringt, so
wird man in der Mitte bei c immer weis erhalten, zum
Beweise, dass beide Stralen von gleicher Beschaffenheit
und Stärke sind. Auf ähnliche Art konte man auch
beweisen, dass dasjenige, was das Licht der Sonne ausstralt,
ein gasförmiger Körper, und keine feste Masse ist: bei gasförmigen
Körpern nämlich wird das Licht nicht polarisirt,
wohl aber bei festen: um den Versuch recht schlagend zu
machen, richtet man den Bergkristal zuerst auf ein rothglühendes
oder selbst geschmolzen-flüssiges Eisen: dann auf
eine Lampe von Wasserstofgas, endlich auf die Sonne: man
findet, dass die Sonne sich grade so verhält wie die Lampe.

Gaus kam durch diesen Versuch auf die Erfindung seines
Heliotropes, der bei geodätischen Messungen von der grösten
Wichtigkeit ist: während man früher grosse Signalstangen
aufrichtete, nach denen visirt wurde, so bedient man sich
jetzt eines kleinen Spiegels, der das Sonnenlicht zurükwirft,
und nicht grösser ist, als die Spiegel auf den Sextanten:
das Sonnenbild erscheint darin bei Tage wie ein Stern 3–4ter
Grösse, und Gaus konnte es bis auf 7–9 Meilen erkennen.

Dandos sah Körper, welche sich auf der Sonnenfläche sehr
schnell vorbei bewegten, und wohl nichts anders waren, als
Aerolithen: ein englischer Astronom hielt sie für Vögel
in unserer Athmosphäre, welche vor dem Fernrohr vorbeigefahren
, ohne zu bedenken, dass eine Schnelligkeit von 40–50
Meilen in der Sekunde wohl einem Aerolithen, aber keinem
Vogel zuzumuthen sei.

Das Schwanken des Mittelpunktes der Sonne, welches durch
die Anziehung der Planeten hervorgebracht wird, ist äusserst
unbedeutend, und beträgt kaum 60 Meilen; wenn es
ausserhalb des Sonnenkörpers fiele, so würden wir dieselbe Erscheinung
wie bei den Doppelsternen haben, wo oft 2 um einen
gemeinschaftlichen Schwerpunkt sich drehen.

Eine andre, äusserst schwierige Frage ist die von der
Translazion unseres Sonnensystems in eine andere Gegend unserer
linsenförmig-abgeplatteten Sternschicht: man nahm an,
dass es sich gegen λ Herculis hinbewege: da dies aber mit
der eignen Bewegung der Fixsterne zusammenhängt, so werden
wir wohl noch lange in Ungewisheit darüber bleiben.

21. Vorlesung, 16. Januar 1828

Von den Planeten.

Man theilt sie in obere und untere, je nachdem sie nach der Sonne zu
innerhalb der Erdbahn oder ausserhalb derselben kreisen. Zu den
unteren gehören Merkur und Venus, zu den äusseren alle übrigen.
Bei den unteren Planeten mus man wiederum die obere und
untere Konjunkzion unterscheiden. In der obern Konjunkzion stehn
sie (von der Erde aus gesehn) jenseit der Sonne: dann erscheinen ihre
Scheiben im vollen Lichte, ihr Durchmesser dagegen ist wegen der
grösseren Entfernung kleiner; in der unteren Konjunkzion, wo sie
zwischen der Erde und der Sonne stehn, und mithin einen scheinbar
grösseren Durchmesser haben, zeigen sich die Phasen, dieses höchst
wichtige Phänomen.

Vom Merkur.

Der Merkur ist bei uns sehr schwer mit blossen Augen zu sehn,
weil er sich selten über 29° von der Sonne entfernt. Kopernicus
bereute es noch auf seinem Sterbebette, ihn nie gesehn zu haben;
selbst der grosse Delambre, welcher so viele Jahre sich mit der
beobachtenden Astronomie beschäftigte, hat ihn nur 2 mal in
seinem Leben gesehn. Dagegen unter 30–35° Nordbreite, in Babylon
und Aegypten, kann man ihn sehr leicht entdekken.
Seine Lichtstärke ist grösser, als die des Jupiter; sein Durchmesser
variirt von 4–11½ Sekunden, und beträgt 580 Meilen, er
ist grösser als der des Mondes; Umlauf 87 Tage. Bahn sehr
exzentrisch, nur von den Asteroïden in dieser Hinsicht übertroffen.
Entfernung von der Sonne 8,000,000 Meilen (die Entfernung der Erde von
der Sonne ist 21,000,000, des Mondes von der Erde, 51,000 Meilen).
Schon die Aegypter glaubten, dass Merkur und Venus sich um die
Sonne bewegten, und es ist nicht zu läugnen, dass grade die grosse
Sonnennähe des Merkur auf Kopernicus System vielen Einflus
gehabt habe. Seine Rotazion ist sehr spät, erst um 1800
bestimt, und zwar nicht durch seine Berge, obgleich diese nach Schröter’s
freilich nicht ganz zuverlässigen Messungen bis 58,000
Fus Höhe haben, sondern durch eine Folge von Beobachtungen
der Athmosphäre, welche Merkur zu haben scheint, und welche
bei den Phasen eine Dämmerung hervorbrachte. Noch genauer
hat Harding die Rotazion durch Beobachtungen von Flekken und
Streifen bestimt, welche er darauf wahrgenommen. Dennoch
bleibt es immer zweifelhaft, ob er eine Athmosphäre habe, und
ob nicht das, was man sieht, andere Flüssigkeiten sind, welche
sehr nahe an der Oberfläche sich befinden. Monnier will die

Athmosphäre beim Durchgange durch die Sonne gesehn haben: ich

konte bei dem von mir in Lima beobachteten Durchgange nicht
das mindeste entdekken. Der erste Durchgang wurde von Gassendi
beobachtet, nachdem ihn Kepler vorausgesagt hatte; Halley ging
deswegen nach St Helena: man hat bis jezt 21 Durchgänge beobachtet
, der nächste wird 1832 im April vorkommen: der folgende
1835, welches Jahr zugleich durch eine andre himlische
Erscheinung merkwürdig ist: man erwartet nämlich alsdann
den grossen Halleyschen Kometen.

Von der Venus.

Man schreibt dem Parmenides aus der pythagoreïschen Schule
die Entdekkung zu, dass es derselbe Stern, nämlich Venus
sei, welcher als Morgen- und Abendstern, Lucifer und Hesperus
am Himmel erscheint. Der grosse Lambert berechnete, dass die
Lichtstärke der Venus nur 3000 mal schwächer sei, als die des
Vollmondes. Durchmesser 86 mal kleiner als der der Erde.
Die Berge sind, wie auf der Erde in Ketten vertheilt, nicht wie
auf dem Monde, wo sie um den Rand von Kratern herumliegen.
Schon Lahire äusserte die Meinung, dass sie höher sein müsten,
als die der Erde: Schröter bestimte sie auf 7 Meilen, und
will auch eine Dämmerung, also eine Athmosphäre darauf
entdekt haben: er faste seine Beobachtungen in einem grossen
Werke zusammen, dem er den eleganten Titel gab: Aphroditographische
Fragmente (für den Merkur: Cynthiographische Fragmente;
für den Mond: Selenotopographische Fragmente). Über die Umdrehung
der Venus ist ein langer Streit zwischen Cassini und Bianchini
entstanden: man hat die Gestalten der südlichen Hornes in
den Phasen dazu benuzt, um die Rotazion auf 23 Stunden 21. Min.
zu bestimmen. Was man von einem Venusmonde gesagt hat,
ist eine blosse Fabel. Fontana wolte ihn 1645 gesehn haben,
und Lambert nahm sich die unnüze Mühe, sogar Tafeln dafür
zu berechnen. Zwar wollen beim Durchgange 1769 einige Astronomen
mehrere Stunden nach dem Austritt des Venus den
Mond derselben vor der Sonnenscheibe gesehn haben: allein schon die
Angabe dieser Zeit zeigt hinreichend, dass sie sich geirrt haben
müssen. Die Phasen der Venus gaben einen der schönsten Beweise
für die Richtigkeit des Kopernikanischen Systems, und gehören zu den
frühsten Entdekkungen durch die neu-erfundenen Fernröhre.
Die Reihe der Entdekkungen ist kurz folgende:

1, Sonnenflekke. 3, Ring des Saturn.

2, Jupitertrabanten. 4, Phasen der Venus. 1610.
Da es in jener Zeit Sitte war, die neuen Entdekkungen durch

einen Logogryph zu bezeichnen, wo eine gewisse Anzahl von
Buchstaben das Geheimnis enthielten: so mag hier angeführt
werden, dass Galilei in seinem Nuncius sidereus die Entdekkung
des Saturnringes so verzifferte:

Altissimum planetam tergeminum observavit.

Und die Phasen der Venus:

Cynthii figuram aemulatur mater amorum.

Kepler sagte den ersten Durchgang der Venus voraus, und
Horrox beobachtete ihn, ein junger Astronom, welcher leider
sehr früh starb, und von Newton höchlich geschäzt wurde.
Halley machte zuerst auf die Wichtigkeit der Durchgänge
für die Messungen über Entfernung der Sonne pp. aufmerksam.

Schon 1761 ging Maskeline nach St. Helena, um einen Durchgang

zu beobachten: aber der wichtigste ist der von 1769. Cook
unternahm dafür seine 2te Weltumseglung, und blieb lange
auf Otaheiti, wo Wales den Durchgang beobachtete. Der
Pater Hell wurde nach Lapland geschikt, und Chapter
nach Kalifornien. Zulezt endlich hat Encke alle diese
Beobachtungen von neuem berechnet und zusammengestelt, um
die Sonnenparallaxe so genau als möglich zu bestimmen: sie
variirt jezt zwischen 8 Min. 5 Sek. und 6 Sek. (8,5–8,6) oder
zwischen 21,577,000 und
21,755,000 Meilen; dies beträgt immer noch 3 Mondabstände
, aber es ist gar nicht viel, wenn man die ungeheure
Grösse und Entfernung der Sonne bedenkt: das Mittel der Unsicherheit
ist 1/232 der ganzen Entfernung, welches so viel sagen
will, als ob man bei der Höhe der Schneekoppe von 4950 Fus
um 20 Fus ungewis wäre. [Den Abstand des Mondes von
der Erde kennen wir 13 mal genauer als den der Sonne, er ist
bis auf 15 oder 16 Meilen bestimt: also beträgt hier das Mittel
der Ungewisheit 1/3300 der ganzen Entfernung.]

Von der Erde.

Wir berühren hier nur die Erscheinungen, welche mit der
Astronomie in Verbindung stehn, d. h. solche, bei denen die
Erde in ihrer Eigenschaft als Planet in Betracht komt.
Von 1683, (wo man zuerst auf diese Erscheinung aufmerksam war)
bis 1718 glaubte man (und dieser Meinung folgten Kassini
und Maraldi) dass die Erde am Aequator abgeplattet sei: dies
ergab sich aus den damals freilich unvolkommenen Messungen:
allein der Irthum kam daher, dass wirklich an jenen Stellen,
wo man die Gradmessungen vornahm, Ungleichheiten in der Figur
der Erde sich fanden. Später wurde Condamine nach Amerika
geschikt, um einen Grad zu messen, und Maupertuis nach Finnland
; die Messungen des lezten sind verbessert durch einen Dr
Schwanenberg, der sie wiederholte, und grosse Differenzen fand:
nach Maupertuis beträgt der 66te° Nördlicher Breite 57,400 Toisen,

Schwanenberg 51,188.

doch hat Rosenberger neuerlich gezeigt, dass der Fehler Maupertuis
nicht so sehr gros sei, und dass wohl ein Theil davon
auf Schwanenbergs Rechnung kommen könne, welcher keine
Kreise von Frauenhofer, sondern von Lenoir hatte.

Die Vergleichung zwischen Peru & Lapland giebt für die Abplattung 1/330
die Frankreich & Lapland [304] 1/304
Die genauen Pendelmessungen geben sie noch grösser auf 1/289.

Die Anziehung des Mondes läst auf 1/305 schliessen, Duperrey’s
neuste Untersuchungen auf 1/289. Die Schwankung ist also
nur zwischen 1/305 und 1/289. Die Grösse der Irrung in der Figur
der Erde ist 593 Toisen, oder 3600 Fus; = 1/18 der Abplattung.
Die Exzentrizität der Erdbahn ist jezt im Abnehmen, so wie bei

den meisten Planeten, ausser bei Merkur, Mars und Jupiter,
wo sie im Zunehmen ist.

Für die Rotazion der Erde hat man 3 Beweise:

1, die Abplattung selbst, welche nicht da sein würde, wenn die
Erde still stände.

2, die Verschiedenheit der Pendellänge.

3, der Fall der Körper.

Wäre die Rotazion 17 mal schneller, als sie ist, so würde die
Schwere am Aequator = Null sein, d. h. kein Körper würde
mehr fallen; wäre sie aber noch grösser, so würde sie die Anziehungskraft
der Erde besiegen, und alle Körper würden weggeschleudert
werden.

Man behauptete zuerst gegen das Kopernikanische System, dass wenn
die Erde sich drehe, so müsse ein Körper, den man von der Spize
eines Thurmes fallen lasse, nicht am Fusse desselben ankommen
, sondern (da die Erde während dessen von Westen nach Osten
fortgerükt sei) er müsse etwas gegen Westen zurükbleiben: es
wurden viele Versuche darüber gemacht: allein man konte
nichts von dem Zurükbleiben bemerken, bis endlich Newton
darthat, dass ein Körper, der von der Spize eines Thurmes
fält, in dem Augenblikke des Abfals eine grössere Wurfkraft
habe, als wenn er unten am Fusse sich befände, weil er nämlich
um die ganze Höhe des Thurmes weiter vom Mittelpunkt der
Erde entfernt sei: hieraus folgt, dass er nun nicht mehr nach
Westen zurükbleiben, sondern, wenn der Thurm hoch genug, also
die Wurfkraft stark genug ist, noch um ein geringes nach
Osten vorangeschleudert werden wird. Dies bestätigten die Versuche
volkommen, welche theils von Guglielmini in Bologna am
Thurme degl Asinelli (demselben, wo schon Galilei seine
Versuche machte) angestelt wurden, theils neuerlich vom Prof.
Benzenberg an einer Kirche in Hamburg, und in einigen Kohlengruben
in der Grafschaft Mark. Man fand überall eine Deviazion
nach Osten, weil die Schwungkraft an der Spize des Thurms
grösser ist, als unten, bei 250–260 Fus Höhe von 4–5 Zoll.
Auf dem Observatorium in Paris (wo ich so lange Jahre wohnte)
existirt noch ein Loch von der Spize des Thurmes bis in
die Keller hinab, von 280 Fus Höhe, welche zwar nicht mehr
brauchbar ist, und von Kassini zu diesen Versuchen eingerichtet
wurde, obgleich er mit Riccioli glaubte, die Deviazion sei nach Westen.
Einen Beweis für die Translazion der Erde finden wir in der

Aberrazion des Lichtes der Fixsterne. Da dies aber ein sehr
schwieriges Thema ist, so werde ich mich darauf beschränken,
den Weg des Raisonnements anzugeben, wodurch die Sache
am deutlichsten werden wird.

Nachdem Kopernikus System bekannt wurde, beobachtete
man sehr häufig die Fixsterne, um eine Veränderung in
ihrer Gruppirung zu bemerken, allein man konte keine Verrükkung
wahrnehmen. Bis Bradley 1728 fand, dass alle
Sterne, wenn sie bei Tage erscheinen, nach Süden rükken, wenn
bei Nacht, nach Norden: dass also der scheinbare Ort der
Sterne sich nach der Gegend hinbewegt, wohin die Erde geht:
jeder Stern durchläuft eine Ellipse von 40 Sekunden

grosser
Axe, welche an Werth einem Bogen entsprechen, den die

Erde auf ihrer Bahn in 16 Zeitsekunden durchläuft: nun
fand Bessel die höchstmerkwürdige Übereinstimmung, dass
das Licht grade 16 Sekunden braucht, um die Erdbahn zu
durchschneiden: es ist also nichts wahrscheinlicher, als dass
jene 40 Bogen-Sekunden (grosser Axe der Sternellipsen) von den
16 Zeitsekunden hervorgebracht werden, welche das Licht zur Zurüklegung
der Erdbahn braucht: wir sehn also die Sterne an verschiedenen
Stellen, je nachdem wir uns an dem einen oder dem
andern Endpunkt der Axe der Erdbahn befinden. Die Bewegung
des Lichts ist 10,000 mal schneller, als die der Erde, und wir
sehn die Sterne nicht an ihrem wahren Orte, sondern in
der Richtung der Diagonale des Parallelogrammes dieser
zusammengesezten Bewegung. Eben so, wenn man auf
ein schnellsegelndes Schiff eine Kanonenkugel abfeuert: so
werden die beiden Löcher in der Vorder- und Hinterwand
des Schiffes nicht genau in der graden Linie liegen, welche
man in der Richtung der Kanone bis zu dem Loche
in der Vorwand ziehn kann: sondern das Loch in der Hinterwand
wird etwas hinter der Bewegung des Schiffes zurükbleiben
.

Ein andrer schwieriger Punkt ist die Vorrükkung der
Nachtgleichen. Nach dem Kopernikanischen System nahm man
die Rotazionsaxe der Erde als mit sich selbst parallel an:
allein später fand man, dass in 25700 Jahren diese Axe
einen kleinen Kreis beschreiben wird, und zwar rührt dies
(sonderbar genug) von der Abplattung der Erde selbst her. Wäre
die Erde eine genaue Kugel, so würde dies Phänomen nicht
statt finden, so aber, da gleichsam ein erhöhter Ring um
den Aequator liegt, wird dieser Theil von der Sonne stärker
angezogen, als die andere Hälfte. Wenn wir uns denken Ca
sei der Aequator, und die Sonne stehe in der Richtung von S
unter 45° so wird der Kreisschnitt PCe gleich sein eCa:
nehmen wir aber, nach der Abplattung der Erde den Aequator
Cb an, so ist klar, dass nun zu dem Kreisschnitt PCe
nur das Stükchen Ped hinzugekommen ist, dagegen der
Kreisschnitt eCa um deab gewachsen ist: er hat also an
Masse den ersten übertroffen, und wird von der Sonne stärker
angezogen, als der andere: daher wird der Winkel PCS nach
und nach grösser werden.

Schon Hipparch entdekte die Vorrükung der Nachtgleichen,
indem er die Beobachtungen der älteren Astronomen Timocharis
und Aristillos verglich. Später wurde sie genauer bestimt, und
a priori bewiesen, durch die Betrachtung, dass eine Kugel
durch keine äussere Kraft eine solche Verrükkung erleiden kann, indem
sie auf gleiche Weise in allen ihren Theilen angezogen wird.
Nicht nur die Sonne sondern auch der Mond haben eine Tendenz die Schiefe

der Ekliptik zu verändern: allein die Rotazion hindert wieder
das Zusammenfallen der Ekliptik und des Aequators: die
Vorrükkung geschieht von Osten nach Westen, und der Antheil,
welchen Sonne und Mond daran haben, verhält sich wie 3:1.

Auch die Planeten haben eine solche Tendenz, aber die Wirkung

derselben ist unabhängig von der Gestalt der Erde, und fällt
einige Jahrtausende mit der Tendenz der Sonne zusammen,
wirkt ihr aber dann wieder entgegen.

Aus der Vorrükkung der Nachtgleichen erklärt es sich,
dass die Sternbilder der Ekliptik ihren Namen nicht mehr
entsprechen, weil die Vorrükkung seit den 2000 Jahren, dass
diese Sternbilder benant sind, ungefähr den Raum eines
Sternbildes ausmacht.

22. Vorlesung, 19. Januar 1828

Die Franzosen beobachteten auf ihrem Zuge nach Aegypten
in den dortigen Tempeln mehrere Thierkreise, denen man ein hohes
Alter zuzuschreiben geneigt war: der von Dendera (Tentyris) welcher
sich jezt in Paris befindet, ist auf einem Steine von 12–14
im Quadrat in Basrelief ausgearbeitet, zwar ist das Material
Sandstein, es sieht aber dem Basalt ähnlich, weil es durch
das häufige Beleuchten mit Fakkeln ganz geschwärzt wurde;
die französische Regierung gab 150,000 fr. dafür. In Esneh finden
sich 2 andre Thierkreise, die nicht zirkelförmig sind, wie der
von Dendera, sondern wo die 12 Zeichen in 2 Reihen aufgestelt
sind: bei dem von Dendera stehn die Zeichen in einer Spirale,
und der Löwe eröfnet den Zug, in Esneh dagegen die Jungfrau:
dies solte sich nun auf das vorrükkende Sonnenjahr der Aegypter
beziehn: da nämlich 2700 vor Chr. der Frühaufgang
des Sirius bis auf 2 Tage mit dem Sommersolstizium
zusammenfiel: so glaubte man, dass das Som̃ersolstizium damals
in das Zeichen des Löwen gefallen sei: da nun auf die Vorrükkung
jedes Zeichens 2000 Jahre kommen: so berechnete der
französische Astronom Burckardt für den Thierkreis von Dendera
ein Alter von 4300 Jahren (oder 2470 v. Chr.) Allein die Annahme
ist wilkührlich, dass jenes Monument so alt sei, als
der Zustand des Himmels, der darauf angedeutet ist, und
so wird wenigstens das Alter des Tempels selbst sehr
zweifelhaft; und wie es bei allen solchen Wegschleppungen von
Denkmalen der Fall ist, man hatte den wichtigern Stein an der
Dekke zurükgelassen, auf welchem Champollion der jüngere
eine Cartouche entdekte, die den Namen Αὐτοκράτως enthielt
, den man auf einigen Münzen des Nero und Claudius
eben so absolute gebraucht findet. Dies führt uns daher auf
eine Vermuthung des grossen Antiquares Visconti zurük,
der das Somersolstizium blos aus dem beweglichen Jahre
der Aegypter erklärte. Ausserdem fand man auf dem äusseren
Pronaos (der zwar aus neuerer Zeit sein kann als der
hintere Tempel) eine Inschrift aus den Zeiten des Tiberius.
Der Thierkreis in Latopolis (Esneh) fängt mit dem Zeichen
der Jungfrau an, und hier zeigt sich schon die Unwahrscheinlichkeit
, dass dieser also um 2000 Jahre von dem von Denderah
verschieden sein müste, während man beiden Monumenten
kaum einen Unterschied von einigen 100 Jahren zugestehn
kann. Man warf es dem Monumente vor, dass das Zeichen
der Waage darauf fehle: allein diese ist erst zu Caesar’s
Zeit an den Himmel gekommen, während vorher bekantlich
die Scheeren des Skorpions diesen Raum ausfülten: Buttmann’s
und Idelers Untersuchungen haben bewiesen, dass
die Waage schon weit früher bekant war, und bei den Indern
vorkömt. Caesar zog bei seinen Bestimmungen den Astronomen
Sosigenes zu Rathe, dem diese indischen Systeme gewis bekant
waren. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass die 12. Sternbilder
aus den 27 Mondstazionen der Inder hergeleitet sind. Schon Laplace
machte die richtige Bemerkung dass man den
Steinbock (ein Thier, welches auf den Höhen wohnt) nicht in den
Stand der Sonne gesezt haben wird, wo sie am niedrigsten steht:
dass also damit die Sommersonnenwende möchte bezeichnet worden
sein.

Das Vorrükken der Nachtgleichen verändert die Jahreszeiten
nicht, aber andre Sterne werden in andern Monaten sichtbar:
daher kömt es, dass die südlichen Sterne, und grade die schönsten
uns fliehen, wie denn schon jezt das südliche Kreuz in
Alexandrien unter dem Horizonte steht, welches man früher
dort sehn konte. Auch der Polarstern verändert sich: zu
Eudoxus Zeiten lag der Pol zwischen α und β des kleinen Bären:
er wird jezt nach dem Kepheus fortrükken, und später wird
Deneb im Schwan zum Polarstern werden. Wie dunkel die
Ideen der Alten über dergleichen Materien in mancher Hinsicht
waren, zeigt uns eine Stelle im Plinius, wo er sagt,
dass die Gesandten der Insel Taprobāne sich gewundert
hatten, in Rom den Polarstern, und die 7 Sterne des grossen
Bären zu sehn: als ob man diese nicht eben so gut in Taprobane
sähe.

Taprobăne. Ovid. Pont.
I, 5,80.

Eine andre Bewegung ist die Veränderung der Schiefe der Ekliptik
welche 18 Sek. beträgt, und das hervorbringt, was man die Nutazion
der Erdaxe nent: in 18 Jahren und 18 Monaten beschreibt
sie einen kleinen Kreis, und rührt her von dem Einflus, den
der Mond auf die Erde ausübt. Sie hat eine Periode von 21,000–
26,000 Jahren. Der erste, welcher die Schiefe der Ekliptik gemessen
, ist Anaximander (er führte auch die Sonnenuhren in Griechenland
ein, die man für eine babylonische Erfindung hält, und eben,
um diese richtig zu stellen, muste er die Schiefe der Ekliptik
kennen. Die älteste Beobachtung dieser Schiefe (welches auch
überhaupt die älteste astronomische Beobachtung ist, die wir
historisch auf der Erde kennen) findet sich in den chinesischen
Annalen, und wurde in Lojan gemacht 1100 vor Chr.; damals betrug
die Schiefe 23° 54; zu Pytheas Zeit 350 v. Chr.: 23° 49; zu Ebn-
Younes, des ausgezeichnetsten arabischen Astronomen Zeit: 1000
nach Chr.: 23° 36 36; zu Bessel’s Zeit 1800. 23° 27 56. Man
könte nun veranlast sein, zu glauben, dass dies immer so fortgehn,
und die Ekliptik am Ende mit der Erdbahn zusammenfallen könne:
allein Laplace hat dies sehr genau untersucht, und gezeigt, dass
auch hier eine Periode von mehreren 1000 Jahren Statt findet,
und dass der Unterschied nicht mehr als Grad betragen kann:
als ob Kadix an der Stelle von Toledo läge.

Vom Monde.

Es ist eine alte Frage, wann der Mond zuerst gesehn worden sei:
und in Griechenland ging man so weit, die Arkadier Antiseleniten
zu nennen, weil sie älter seien als der Mond; welcher erst in einer
Schlacht erschienen sei, die Hercules gegen die Giganten kämpfte.
Creuzer hält dies für eine Anspielung auf die Einführung des
Mondjahres. Maupertuis glaubte, der Mond sei früher ein Komet
mit einem langen Schweife gewesen, der sich der Erde genähert,
und bei ihr fixirt habe.

Sein Durchmesser beträgt 466 Meilen, also ist das russische
Reich noch etwas grösser, als die Hälfte des Mondes, welche wir
von hier aus sehn.

Seine Rotazionsaxe steht senkrecht auf seiner Bahn. Die Entfernung
von der Erde beträgt 51,800 Meilen, und ist 1/3300 ungewis.
Genau wurde sie zuerst von Lacaille am Vorgebirge der guten
Hofnung gemessen: dann von Lalande, der besonders deswegen
nach Berlin kam, und obgleich der Meridian des Vorgebirges
etwas weniges östlich von dem von Berlin fält, so war diese Reise
doch für die Bestimmungen von Wichtigkeit. Wie gering übrigens
die Entfernung des Mondes sei, ergiebt sich aus der Betrachtung
, dass ein englischer Kapitain auf dem Paketboot nach
Kanton ungefähr 6 Reisen hin und her zu machen braucht,
um so weit gewesen zu sein, als der Mond entfernt ist.

Sein Licht ist nach Lambert’s Messungen 300,000 mal geringer
als das der Sonne: im 1ten und lezten Viertel bemerkt man
auf dem dunkeln Theile ein aschfarbenes Licht, das von der
Zurükstralung der Erde herrührt. Hipparch dachte dabei an
eine Phosphoreszenz des Mondkörpers, (wie wir sie durch Fernröhre
am Merkur und an der Venus wahrnehmen) doch scheint dies
nicht der Fall zu sein. Merkwürdig ist, dass der grosse Maler Leonardo
da Vinci, die erste richtige Erklärung daran gab, welche man
gewöhnlich dem Lehrer Kepler’s, Möstlin zuschreibt: dieser lebte im
16ten Jahrhundert. Leon. da V. starb um die Zeit der Entdekkung von Amerika.
Bei Mondfinsternissen verliert man den Mond nie ganz, sondern
sieht ihn in einem rothen Lichte, wie ich es sehr auffallend in dem
Golf von Darien bemerkte: dies rührt von der Athmosphäre der Erde
her, durch welche das Sonnenlicht inflektirt wird, und so stark bleibt,
dass der Mond nie ganz verschwindet. Auch sieht man bei Finsternissen
grosse schwarze Flekke im Monde.

Die Wärme des Mondes ist gradezu = Null: ich habe mit Herrn
Arago auf der Pariser Sternwarte sehr viele Versuche darüber
mit einem grossen Hohlspiegel angestelt, allein es war durchaus
keine Spur von Temperaturerhöhung zu bemerken, nicht blos an dem
Thermometer, sondern an einem eigens eingerichteten sehr empfindlichen
Apparat. Daniel, der vor wenigen Monaten eine schöne Meteorologie
herausgegeben, hat dieselben Resultate mit einem andern
grossen Hohlspiegel gefunden.
Das Ansehn des Mondes bietet uns mehrere Flekken dar, welche

die Alten für eine Spiegelung hielten. Plutarch sagt, dass der
Mond uns die Gestalt der Erde und das Bild unserer Meere
zurükwürfe; dieselbe Meinung hat sich, sonderbar genug, bei den
Persern, erhalten. Der persische Gesandte in
Paris, der mich zuweilen besuchte, und dem ich durch ein ziemlich starkes
Fernrohr den Mond und eine Mondkarte daneben zeigte, sagte
mir, das sei alles vergebne Mühe: denn man sehe im Monde nichts

weiter als Persien, einen Theil von Indien und Arabien.

Die Flekken im Monde hielt man lange Zeit für Meere, Kepler
für Höhen: man bemerkte auch, dass die Ebnen durch Berge verbunden
sind. Wasser ist gewis nicht auf dem Monde: denn die kleinsten
Theile der Flächen, welche man für Meere hält, liegen nicht
in einer Ebne, sondern über- und untereinander. Herr Kunowsky hat
eine schöne Zeichnung vom Mare crisium gemacht, vorauf
man dies am deutlichsten sieht: einzelne Stellen sind schwärzlich.
Caesar und Boscovich fast ganz schwarz.

Schon Galilei war auf die Berge im Monde aufmerksam geworden
für deren Messung es 3 Mittel giebt, von denen aber nur eins
sicher ist. 1, man beobachtet an der Gränze des erleuchteten und
dunkeln Theiles, die einzelnen leuchtenden Punkte im dunkeln
Theile sind die Berge, deren Spizen noch von der Sonne beschienen werden:
je höher sie sind, desto länger bleiben sie sichtbar: da aber die Schattengränze
nie ganz scharf ist: so giebt dies keine grosse Genauigkeit.
2, man mist die Erhöhung der Berge durch Projekzion auf dem Mondrande
selbst, bei Sonnenfinsternissen. 3, und dies ist die beste Art; durch
die Länge des Mondschattens: hier erhält man eine solche Genauigkeit
, dass man den Mond weit besser kent, als die Erde, und Höhen
von 3– 4– 500 Fus (ungefähr so hoch als die Müggelsberge) gemessen
hat; ja wenn wir voraussezen dürfen, dass man auf dem Monde
dieselben Fernröhre habe, als hier: so mus man von dort aus die
Erde auch weit genauer kennen, als wir, und manche Frage, welche
wir hier vergebens zu lösen suchen, z. B. die Nordwestliche Durchfahrt,
müste sich vom Monde aus aufklären lassen.

Genau genommen solten wir nur die Hälfte des Mondes sehen,
welche er uns zukehrt: wir sehn aber wegen der Schwankung der
Mondaxe etwas mehr. Galilei fand dies zuerst 1657 in seinem Gefängnisse
in Arcetri, und nante es die Titubazion des Mondes. Später
beobachteten daran Hevel, Tobias Meyer, Bouvard und Nicolet
man benuzte besonders den Flekken Manilius dazu. Die Vibrazion,
wie man es jezt nent, beträgt 6–8° in der Breite und Höhe. Die
Rotazion der Axe ist zwar gleichförmig, aber der Umlauf um die Erde
ist Störungen unterworfen: von diesen glaubte man, dass sie am Ende
so gros werden könten, dass mit der Zeit auch die andre Hälfte des
Mondes sichtbar werden könne: allein es läst sich beweisen, dass
diese Hofnung auch für unsre spätesten Enkel nicht vorhanden ist.

Die Topographie des Mondes ist in Hinsicht auf die Gebirge
merkwürdig, und von den übrigen Phänomenen unseres Systemes
abweichend; wenn wir nämlich auf der Erde und Venus die Gebirge
in Ketten vertheilt sehn, so sind diese auf dem Monde
äusserst selten, und man zählt deren nur 3: die Alpen, Pyrenäen
und die Acherusische Kette, welche ohne Krater sind: in
diesen erhebt sich Huygens bis auf 3900 Toisen; ein Theil des
Mondes ist ganz von Kratern durchlöchert, und auf der südlichen
Hemisphäre findet man die grösten Höhen, welches
vor der genauen Messung des Himalaya eine Analogie mit
der Erde und andern Planeten darbot: Leitnitz und Dörfel,
die beiden höchsten Punkte des Mondes erheben sich bis zu
4166 Toisen, d. i. 1/214 des Mondhalbmessers, während der Dhavalagiri
, als höchste Spize des Himalaya, obgleich noch nicht
hinlänglich genau bestimt, nur 1/700 des Erdhalbmessers ausmacht:
daher lassen sich Mond- und Erdberge nicht gut miteinander
vergleichen. Es giebt auch Plateaus auf dem Monde, die benant
werden: Hipparch und Platon sind von bedeutender Grösse:
der lezte hat 20 Meilen im Durchmesser, also ungefähr so
gros als Böhmen. Da sehr viel auf die Masse der Berge
ankömt, so habe ich dafür in Amerika mehrere Messungen
angestelt, und gefunden, dass man sich einen übertriebenen
Begrif davon gemacht hat: der Durchmesser des Chimboraço
am Grunde beträgt nicht über 5–6000 Toisen, der des
Antisana 2–3 Meilen.

Die Mehrzahl der Berge auf dem Monde haben ein vulkanisches
Ansehn, und die Krater sind den unsrigen sehr
ähnlich. Oft findet man auf den Berg einen Aschenkegel
aufgesezt, wie beim Vesuv, oft ist er auch an der Seite des
Berges, wie bei einigen Vulkanen von Südamerika. Flusbetten
finden sich nicht, was man dafür gehalten hat, ist
ein Zusammenhang von kleinen Kratern, die oft ein künstliches
Ansehn haben, indem sie auf einer Höhe, wie einer Teufelsmauer
fortlaufend eingesenkt sind.

Seit dem Jahre 1783 hat man von Ausbrüchen der Mondvulkane
gesprochen, welche wohl möglich wären, obgleich die
Mondathmosphäre für uns ein vacuum ist: denn es ist nicht
zu läugnen, dass es Feuererscheinungen ohne Luft giebt. Herschel
glaubte sie gesehn zu haben, so wie der Graf Brühl in
London, der sich um die Pendelmessungen sehr verdient gemacht
hat. Schröter behauptete, ohne Zweifel von seiner Einbildungskraft
etwas verleitet, an solchen Stellen nach 2 Tagen
kleine Kegel sich bilden gesehn zu haben; allein der Zustand
unsrer Athmosphäre selbst ist zu unbeständig, um so etwas
mit Gewisheit auszusprechen, und wir können sagen, dass
wir auf dem Monde vor unsern Augen nichts neues haben
entstehn sehn. Höchst wahrscheinlich sind es spiegelnde Felsen,
welche in eine solche Lage zu unserer Erde kommen, dass sie
das Licht der Sonne zurükwerfen. Diese Phänomene sind fast
immer auf demselben Punkte, im Aristarch sichtbar, den
schon Hevel wegen seines röthlichen Ansehns mons porphyrites
nante: es ist dazu eine besondere Lage der Erde gegen den Mond
nöthig, die gewis nicht oft vorkomt.

Wenn der Mond von der Erde Licht empfängt, so ist es nicht
gleichgültig, in welcher Lage sich dieselbe befindet, ob sie ihm
mehr Land oder Meer zuwendet: von den opaken Theilen der
Südsee mus natürlich das Licht schwächer reflektirt werden,
als von dem Innern von Afrika oder Hochasien. Bouguer
glaubte sogar, dass das Licht von den vegetazionsreichen Ufern
des Orinoco und Amazonenflusses im Monde grünlicher als
gewöhnlich erscheinen müsse. Der Stand der Erde mus den
Mondbewohnern, bei einiger Aufmerksamkeit, als eine recht
genaue Uhr dienen können.

23. Vorlesung, 23. Januar 1828

Die spezielsten und besten Mondkarten sind die von Lohrmann
in Dresden; eine kleine sehr gute Karte lieferte Gruithusen in
den Bonner Schriften der Kayserlichen Naturforscher es ist diese
eigentlich die alte Karte von T. Meyer, worin Gruithusen alle
neuen Beobachtungen, besonders die von Schröter eingetragen hat.

So wie auf der Erde ein Unterschied zwischen den beiden Hemisphären
stattfindet, indem man die nördliche die Kontinental-, die südliche
die ozeanische Hemisphäre nennen kann, eben so auf dem Monde;
obgleich man keine Flüssigkeiten darauf bemerkt, und kann ein
Raum ¼ so gros als Berlin gefunden werden kann, der völlig in
demselben Niveau läge: nur in der nördlichen Hemisphäre des
Mondes sehn wir Kettengebirge; von deren die Apenninen das höchste
sind nur mit 2 Kratern, grade als ob die elastischen Dämpfe nur
an diesen 2 Stellen das Gebirge hätten durchbrechen können. Sie sind
unserm Alpengebirge nicht unähnlich, und liegen zwischen dem
Mare hybrium und dem Mare serenitatis. Daneben ist eine
sehr tiefe Spalte; auf der südlichen Hemisphäre sieht man nur
Centralgebirge oder Umwallungen. Zwischen dem Ptolemaeus und
Orontius liegt eine grosse Masse von zusammenhängenden
Essen (wie sich Leop. v. Buch in dem treflichen Werke über
die Vulkane ausdrükt) welches lauter Krater sind. Bei schwachen
Vergrösserungen sieht man noch eine andre Erscheinung,
für welche wir keine genügende Erklärung haben. Vom Tycho
anfangend sieht man eine Menge von weissen Streifen, die wie
Lichtfäden über Berg und Thal gehn, als ob grosse Strekken Landes
mit weissen Blüten besezt wären. Bei stärkeren und den
stärksten Vergrösserungen nimt das Phänomen an Deutlichkeit ab.

Von 1790 und 94 an beobachtete man vulkanische Feuererscheinungen
auf dem Monde: man hält aber jezt dafür, dass
er Reflexe des Erdenlichtes im aschfarbenen Theile des Mondes
sind, die wie röthliche und weisliche Funken erscheinen: sie
stehn immer in der Nähe vom Helikon, zweifelhaft beim Platon.
Lambert hat bemerkt, dass diese Funken nur dann vorkommen,
wenn das Innere von Afrika sein Licht auf den Mond wirft.
Ich beobachtete mit Arago in Paris mehrere solche Flekken,
die wie Sterne der 3ten und 4ten Grösse erschienen, und es scheint
mir nicht unmöglich, dass es grosse spiegelnde Glimmerflächen
sein können.

Boeckh in seinem Philolaos führt alle die Meinungen an, welche
die Alten von den Bewohnern im Monde und ihren Werken
hatten, und eine Stelle im Cicero ist sehr merkwürdig für
diese Ansicht. Um aber zu bestimmen, auf eine wie grosse Genauigkeit
wir bei diesen Untersuchungen rechnen können, müssen
wir zuerst die Frage beantworten, wie hoch oder wie gros mus
ein Gegenstand sein, damit wir ihn auf dem Monde unterscheiden
können? Diese Frage läst sich mit so grosser mathematischer
Sicherheit beantworten, als nur irgend eine. Man macht
sich auf der Erde gewöhnlich zu grosse Vorstellungen von der
Ausdehnung der Städte: denn wenn man auch für London 5 englische
Meilen in die Länge und 3 in die Breite annimt, so ist der Flächenraum
noch nicht 1 geogr. Quadratmeile, sondern nur 7/10. Berlin
ist fast um die Hälfte kleiner; man würde indessen doch noch
auf dem Monde einen Raum von den Gens-d’armes-Thürmen
bis zur Königlichen Bibliothek als einen sichtbaren Punkt unterscheiden
. Trozdem sind manche Astronomen auf wunderliche
Phantasien gekommen. Schröter selbst wolte auf dem Monde
die Pracht der bebauten Felder wahrgenommen, und im Marius
eine Selenitenwohnung von 80 Fus Höhe gesehn haben.
Neuerlich sind diese Träume im südlichen Deutschland noch
weiter ausgeführt worden. Man sah Chausseen, auf denen die
Mondbewohner sich begegneten, Palmenwälder und baumartige
Farrenkräuter, einen im Viereck gebauten Sternentempel, ja
es wurde die Frage ventilirt, ob Brunnenkresse im Monde
wüchse, und dies alles wolte man durch Fernröhre von Frauenhofer
bemerken, die nicht einmal dem grossen Dorpater Refraktor gleich
kamen, sondern nur 5–60 Fus Brennweite hatten. Messen kann
man im Monde nicht mehr als ½ Sek. Angulardistanz,
d. h. 1800 Fus: nun kann man aber noch manches unterscheiden
ohne es zu messen, indem sich noch bis auf dieser Distanz
durch den Schatten unterscheiden läst; also sind 6–700 Fus
die äusserste Gränze des Unterscheidbaren. Bei Perpendikularhöhen
kann man 5 ja 300 Fus mit Sicherheit messen. Die Pyramide
des Cheops hat 440 Fus, der Münster in Strasburg ungefähr ebensoviel
. Bei dem allen wird es aber nicht möglich sein, Kunstwerke
von Naturwerken zu unterscheiden: denn die Basaltkuppen
von Vivarais in Auvergne könte man aus der Ferne
gesehn sehr gut für Kunstwerke halten. Die Mondstädte,
welche man zu sehn geglaubt, haben wenigstens 30–40 Quadratmeilen
im Umfang, sind also eher Länder als Städte zu
nennen.

Die Athmosphäre des Mondes nähert sich dem, was wir
unter unsern Pumpen ein vacuum nennen, und ist über 1000
mal geringer als die unsrige, wie sich dies aus der Stralenbrechung
sehr genau berechnen läst. Das Queksilber im Barometer
würde sich also kaum auf der Höhe von einigen Linien erhalten.
Schröter hat berechnet, dass die Athmosphäre kaum 800 Fus Höhe haben
kann. Bei Sonnenfinsternissen hat man sie zu sehn geglaubt,
wobei man auch Löcher im Monde bemerken wolte. Der Spanier
Ulloa, welcher zulezt Gouverneur in Südamerika war, beobachtete
auf seiner Rükreise, auf dem Meere eine Sonnenfinsternis am
24. Januar 1778; und sah vor dem Austritte einen leuchtenden Punkt,
den auch mehrere Personen bemerkten, die mit ihm auf dem
Schiffe waren. Delambre hat alles genau nachgerechnet, und
gefunden, dass diese Feuererscheinung nur wenige Minuten vor
dem Austritte stattfand: es ist daher wahrscheinlich, dass so wie
es auf dem Monde hohe Berge giebt, es auch an tiefen
Schluchten nicht fehle, und dass ein solcher Ausschnitt am
Rande gestanden habe, in welchen die Sonnenstralen einige Zeit
früher hineinfielen. Etwas ähnliches beobachtete man 1725
in Rom: doch herscht hier noch grosse Unsicherheit. Auch hat
man bei Sonnenfinsternissen bunte Ringe von mehreren Minuten Breite
um den Mond gesehn: welches vielleicht von der Schwächung des
Gesichtes bei anhaltendem Beobachten herzuleiten ist. Anders
verhält es sich mit den Blizen, die Halley und Newville bei
Finsternissen an den Rändern des Mondes zu sehn glaubten, und
auch für eine Erscheinung im Auge hielten. Lemonnier beschreibt
es ausführlich. Als die Sonne verfinstert war, sah man eine
Menge Raketen am Rande des Mondes aufsteigen, und dies
war so auffallend und deutlich, dass in einer kleinen Stadt
Frankreichs das Volk auf den Strassen zusammenlief. Es müssen
hierbei in der Mondathmosphäre Prozesse vorgehn, die wir
nicht weiter zu erklären im Stande sind.

Hevel war der erste, welcher sich um die Topographie des Mondes
verdient gemacht hat, indem er den verschiedenen Ländern Namen
gab; Grimaldi und Riccioli benanten die Berge nach den
Naturforschern, wozu später einige Philosophie kamen. 2 vortrefliche
handschriftliche Karten des Mondes befinden sich auf
der Pariser Bibliothek; die eine vom grossen Dom. Cassini, die
andre von Lahire: dann kamen die Arbeiten von Tobias Meyer in
Göttingen, von Schröter, und endlich von Lohrmann.
Der Einflus, den der Mond auf die Erdbewohner ausübt, ist in jeder

Hinsicht sehr gros, wobei auch die Erleuchtung der Nächte in Betracht
kommen mus, obgleich dies nur eine teleologische Ansicht ist; und
Hevel sagte mit Recht, dass auf eben dieselbe Weise, den Bewohnern
der uns zugekehrten Mondhälfte, die Erde, welche ihnen 4–5 mal
grösser als uns der Mond erscheint, als nur für die Erhellung
ihrer Nächte geschaffen vorkommen möchte. Laplace in seiner

Méchanique céleste, bei der Untersuchung, ob der Mond nur zur

Erleuchtung unsrer Nächte da sei, kam auf eine Betrachtung,
die man scherzweise sein: Rezept zu einem beständigen Mondschein
genant hat; er sagte nämlich, wenn nur dies der Zweck
des Mondes sei, so habe es bei seiner Erschaffung ein
weit besseres Mittel dazu gegeben: wenn nämlich der Mond
bei seiner Entstehung in einer bestimten Stellung zur Erde gewesen
wäre, und beide sich in einer bestimten Zeit um die
Sonne gedreht hätten, so würden wir beständig Vollmond haben.
Der Mond erregt kleine Bewegungen nicht blos in den Meeren,
sondern auch in der Athmosphäre der Erde. Für die Seefahrer
ist er zur Bestimmung der Länge von der grösten Wichtigkeit. Die
Messung der Monddistanzen verglichen mit der Zeit, giebt dem
Schiffer den Punkt auf welchem er sich befindet: ja man hat
neuerlich hierauf mehr als auf die Chronometer vertraut, weil
die Monddistanzen absolute Beobachtungen sind.

Die ganze Mechanik des Himmels in ihrer schönsten Ausbildung
verdanken wir den Beobachtungen am Monde. Die Figur
und Abplattung der Erde ist durch ihn vermittelst blosser
Rechnung mit so grosser Genauigkeit bestimt, als es kaum
durch weite Reisen, langwierige geodätische Messungen und schwierige
Pendelbeobachtungen geschehen konte. Durch ihn beweisen
wir die Unveränderlichkeit der Tageslänge seit Hipparch, sie
hat in diesen 2000 Jahren nicht um ½ Sekunde ab- oder zugenommen
: daraus schliessen wir, dass auch die mittlere Temperatur
der Erde immer dieselbe geblieben sei.

Wir bleiben noch in dem Raume, der uns zunächst liegt, und
sprechen zuvörderst
Von den Erscheinungen des Zodiakallichtes.

Man bemerkt in südlichen Klimaten nach Sonnenuntergang
und vor Sonnenaufgang einen pyramidalen Lichtstreifen,
der in der Richtung der Sonne sich schief vom Horizonte in die
Höhe erstrekt. Cassini entdekte ihn für uns Nordländer zuerst
1683, und war so verwundert über diese neue Erscheinung, dass
er die Frage aufwarf, ob das Thierkreislicht nicht damals überhaupt
zuerst erschienen sei, so wie er auch in der Überzeugung gestorben
ist, dass es sich in seinen lezten Lebensjahren verstärkt habe. Bald
fand man aber, dass andre Völker es schon kanten. Chardin
beobachtete es in Persien, und erfuhr, dass es längst bekant sei,
und einen eignen Namen Miasadsch habe. Unter den Tropen,
wo fast keine Woche vergeht, ohne dass man bei völlig klarem
Himmel einen schönen Sonnenuntergang sieht, mus es von
jedermann bemerkt werden. Dennoch habe ich auf der Pariser
Bibliothek einen mexikanischen codex gefunden, wo unter den Wundern
, die der Ankunft des Fernand Cortez (1503–1520) vorangingen,
diese pyramidale Lichterscheinung erwähnt wird. Méran und
Cassini hielten es im Zusammenhange mit den Nordlichtern und
den Sonnenflekken, welches sich nicht bestätigt hat. Ich habe es
unter den Tropen sehr häufig beobachtet, und nicht immer von
gleicher Stärke gefunden: ein gewisses Zukken darin war sehr deutlich,
welches Cassini auch bemerkte, aber für Ermüdung der Augen hielt.
In Carracás fand ich, dass es von 2 zu 2 Minuten abwechselnd schwächer
und stärker wurde, welches ich nicht blos auf Rechnung von
Verdikkungen in unsrer Athmosphäre schreiben kann: denn wenn ich
während des schwächeren Scheines einen kleinen Nebelflekken
im Schiffe Argo beobachtete, so konte ich in der Lichtstärke desselben
keinen Unterschied wahrnehmen. Man hielt es früher für die abgeplattete
Athmosphäre der Sonne, allein Laplace hat gezeigt, dass
diese höchstens bis zum Merkur gehen kann, er glaubt, dass es
die Reste einer früheren Sonnenathmosphäre sind, die sich zusammengezogen
hat.

Vom Mars.

Durchmesser 936 Meilen, also 55/100 von dem der Erde: er ist der
lezte Planet, an dem man Phasen sieht. Herschel bestimte
seine Abplattung sehr gros auf 1/12 Schröter dagegen auf 1/80, und
Harding hat sie wieder auf 1/12 zurükgebracht: er bemerkte gewaltige
Undulazionen, die er Flüssigkeiten zuschrieb, und 2erlei
Arten von Flekken darauf; die eine Art ist den beweglichen Wolken
ähnlich, das andre sind 2 helle Flekken an den Polen, die weisser
werden, wenn der Pol in der Nachtseite steht: man kam daher auf
den Gedanken, dass es Eisfelder sein könten. Maraldi hat ihn
viel beobachtet, auch Herr Kunowski in Berlin. Lacaille machte
durch ihn, während Lalande in Berlin war, schöne Beobachtungen
für die Sonnenparallaxe; für Kepler wurde er wichtig durch
die grosse Exzentrizität der Bahn, wodurch er auf sein 2tes Gesez
kam, dass alle Planeten sich in Ellipsen um die Sonne bewegen.

Von den 4 kleinen Planeten oder Asteroïden.

Schon die Alten vermutheten, dass zwischen Mars und Jupiter
ein Planet kreisen müsse: Demokritus und Artemidorus, auch
Aristoteles beim Simplicius.

Alle 4 zusammen sind nicht viel grösser als der Mond: der
Durchmesser der Vesta, als des kleinsten, beträgt 40–50 Meilen.
Herschel hat den verächtlichen Namen Asteroïden eingeführt;
(so wie man in der Chemie die Metalloïde aus den Alkalien nicht
zu den wahren Metallen zälen will) Laplace nante sie teleskopische
Planeten. Sie sind in der umgekehrten Ordnung entdekt, wie sie
uns am nächsten stehn:

Sonne: Mars: Vesta

Juno

Pallas

Ceres.
Die Vesta wurde 1807 von Olbers entdekt: Gaus gab ihr den Namen,

der überhaupt durch seine genauen Berechnungen der Aberrazionen
viel Verdienst um die Asteroïden hat. Juno von Harding
in Lilienthal 1804. Pallas von Olbers 1802. Ceres von Piazzi. 1801.

Die Entdekkung der Ceres ist zufällig durch einen Schreibfehler
im Wollastonschen Kataloge herbeigeführt: ein kleiner Stern stand
nicht an seiner Stelle: statt dessen bemerkte Piazzi einen neuen,
und fand, dass es ein Planet sei. Die Vesta aber wurde von Olbers
recht mit Absicht aufgesucht und entdekt; er fand durch Rechnung,
dass am Flügel den Jungfrau die Stelle sei, wohin die Knoten
der Bahnen aller kleinen Planeten fallen müssen, welche zwischen
Mars und Jupiter kreisen, welcher seinem Scharfsinne die
gröste Ehre macht. Encke hat berechnet, ob wohl eine Zeit eintreten
könne, wo sie alle 4 sich wieder so sehr nähern könten,
dass sei, so zu sagen, sich zusammenballen müsten, und hat gefunden
, dass dies in 3400 Jahren der Fall sein wird. Die Umlaufzeit
der Vesta ist von 3 Jahr 7 Monaten, von Ceres und Pallas
4 Jahr 7 Monate, bis auf wenige Tage Unterschied. Die Exzentrizität
ist bei allen sehr gros, bei der Juno und Pallas am
stärksten, wodurch sie etwas kometenähnliches erhalten. Die
Neigung der Bahn bei allen sehr stark. Troz des kleinen
Durchmessers sind sie sehr leuchtend, vielleicht durch eine eigne
Phosphoreszenz; die Bahnen sind so verschlungen, dass man bei
einem Modelle davon nicht eine herausnehmen könte, ohne die
andern zu berühren; in den Knoten kom̃en sie sich sehr nahe.

24. Vorlesung, 26. Januar 1828

Wahrscheinlich sind es Trümmer von einem früheren Planeten, der aber
nicht grösser war als unser Mond.

Vom Jupiter.

Mit dem Jupiter begint das System der äusseren Planeten, das
ein allgemeinen dünner, mondreicher, und mit einer grösseren Abplattung
versehn ist. Die Massen des Jupiter und Saturn zusammen
üben nicht allein einen bedeutenden Einflus auf die Bahnen der
Planeten, sondern auch der Kometen.

Jupiter ist ausgezeichnet durch seine grosse Lichtstärke, die gelbe
Farbe und den hellen Glanz: sein Durchmesser beträgt 11 Erddurchmesser:
seine Grösse übertrift um die aller übrigen Planeten in eine Kugel
vereinigt. Die Dichtigkeit ist nicht grösser als Salpetersäure: dennoch
aber die Masse sehr gros: daher die Störungen bedeutend.

Man sieht auf ihm Streifen und Flekken, unabhängig vom Schatten
der Jupitersmonde, auch einzelne leuchtende Punkte. Seine Athmosphäre
ist von besonderen Streifen durchzogen, welche man später entdekte,
als die Monde, nachdem die Fernröhre sich vervolkomnet hatten: ja nach
jezt kann man die Güte des Fernrohrs und der Beobachtungen nach der
grösseren oder geringeren Deutlichkeit bestimmen, womit man die Streifen
gesehn: daher wird dies auch immer bei Verfinsterungen der Trabanten
angegeben. Gewöhnlich sich man 5 Streifen von bräunlicher Farbe,
von denen 2 in der Nähe des Aequators stehn: der mittlere ist heller:
man hat schon bis 10 Streifen gezält: dann kommen kleine bewegliche
Flekken vor, die parallel mit den Streifen aber nicht in denselben
, fortgehn. Die Bewegung, welche man in den Streifen selbst
wahrnimt, scheint mit der Rotazion zusammenzuhängen. Cassini hat
zuerst die Rotazion des Jupiter bestimt: er bemerkte einen kleinen
Flekken, welcher am Pol stand, und von 1665–66 ununterbrochen wiederkam
: hienach war die Rotazion 9 Stunden 56 Min. 1690 war derselbe
Flek wieder mehrere Monate sichtbar. Schröter bei seinen Untersuchungen
über den Jupiter fand dasselbe Resultat. Cassini bestimte
die Abplattung sehr gros 1/14. Schröter glaubt noch eine eigenthümliche
Form des Jupiter wahrgenommen zu haben, wonach die Abplattung
nicht dem Aequator parallel, sondern von Südwest nach Nordost herumliefe,
was aber unsicher ist.

Wichtig ist der Jupiter für die Schiffahrt, durch die Verfinsterung
seiner Trabanten: diese Monde, 4 an der Zahl wurden zuerst von
Simon Mayer (den man gewöhnlich Mayus nent) in Anspach entdekt
1609: er nante sie Sidera brandenburgica: da er aber seine Entdekkung
nicht bekant machte; so kam ihm Galilei zuvor, der sie 1610
entdekte, und Sidera medicaea nante. Auch diese haben Flekke, welche
besonders beim 4ten auffallend sind: durch ihn wurde ein Gesez der
Weltordnung bestätigt, dass bei allen Monden die Umdrehung
um ihre Axe gleich ist der Umdrehung um den Planeten, d. h.
dass sie alle ihren Planeten dieselbe Seite zudrehen, wie unser Mond;
jeder der 4 Trabanten ist grösser als unser Mond: der 3te
ist der gröste. Vom 1ten Trabanten aus erscheint Jupiter in einer
Grösse, die das ganze Sternbild des Orion bedekken würde.

Laplace hat für die Tafeln des Jupitertrabanten sehr viel
gethan, und obgleich man sich zu Messungen auf dem Meere
mehr der Monddistanzen für die Länge bedient: so hat man doch
auch kürzlich angefangen, Jupitermonde zu beobachten, welche eigentlich
für die Geographie der Länder von dem grösten Nuzen sind.
Laplace hat die Tafeln so vervolkomnet, dass die Berechnung gegen die Beobachtung
nur einen Fehler von 8, 10, 12 Sek. selten über 20 Sek. giebt.
Er fand auch das merkwürdige Gesez, dass die 3 ersten Trabanten
nie zugleich verfinstert werden. Sie bewegen sich als lichte Punkte
vor der Scheibe vorbei, und werfen einen Schatten, der auch deutlich
sichtbar ist. Arago hat für diese Untersuchungen viel gethan.

Vom Saturn.

Er ist entfernter als Jupiter, hat aber ein kleineres Volumen,
wodurch also das Gesez zerstört wird, welches bis zum Jupiter
gegolten hat, dass die Planeten mit der Entfernung von der Sonne
an Volumen zunehmen. Sein Durchmesser ist 9,4 Erddurchmesser.
Seine Rotazion, welche man erst spät fand ist von 10 Stunden 16 Min.
Die Abplattung, 1789 von Herschel entdekt, ist eine doppelte, deren
gröster Durchmesser einen Winkel von 45° mit dem Aequator
macht: er ist daher am Aequator und an den Polen abgeplattet:
bräunliche Streifen auf dem Saturn sahen Herschel, Schröter und
Kunowski. Der Saturn hat 7 Trabanten, von denen man 5 schon
früher kante, die 2 innersten aber wurden von Herschel durch sein 40-
füssiges Teleskop entdekt, das sonst eben keinen grossen Nuzen in
Verhältnis zu seiner Grösse gebracht hat, weil es die Weltkörper nicht
terminirt: daher zeigte er es auch nicht den Astronomen, sondern nur
den Liebhabern; diese beiden innersten sind die kleinsten planetarischen
Körper welche wir kennen, kleiner als Vesta; der gröste Saturntrabant
ist kleiner als unser Mond. Im 7ten hat man Flekken entdekt,
welche es bestätigen, dass er dem Saturn immer dieselbe Seite
zukehrt; in der Zälung der Trabanten herscht oft Verwirrung, in dem
man die beiden neu-hinzugekommenen oft den 6ten & 7ten nennt.

Der Ring des Saturn ist eine der wunderbarsten Erscheinungen,
die in unserm Planetensystem vorkomt, und einzig in ihrer Art.
Er wurde nicht von Galilei, sondern von Huygens entdekt. Galilei
glaubte einen dreifachen Planeten zu sehn, daher nent er ihn mit
spielender Geheimniskrämerei: tergeminum planetam. Huygens
erkante ihn aber 1619 wirklich als Ring. Er verschwindet in den
meisten Fernröhren, wenn die Sonne in der erweiterten Ebne des
Ringes steht, weil er an seiner scharfen Kante nur 113 Meilen
Dikke hat, bei Herschel ist er aber nie verschwunden. Es sind eigentlich
2 konzentrische Ringe, welche sich gegenseitig balanziren.
Zweifelhaft ist es, ob er nicht mit dem Planeten durch eine dikke
Masse zusammenhängt, obgleich in Priestley’s Geschichte der Optik
angeführt wird, dass man einen kleinen Stern in dem Zwischenraume
gesehn habe. Schröter glaubte, dass der Ring unbeweglich sei, welches
mit der Theorie auf keine Weise zusammenstimt: aber auch
Harding fand dasselbe, indem er beobachtete, dass gewisse Knoten
auf dem Ringe, die man für Berge gehalten hat, sich 16 Stunden
lang nicht von der Stelle bewegten. Man hat die Erklärung versucht,
dass mehrere konzentrische Ringe, welche nicht in einen Ebne liegen,
diese Knoten verursachen könten: denn verdächtig ist es immer, dass
man keinen Schatten der Berge gesehn hat. Die Nächte auf dem
Saturn müssen sehr malerisch sein; denn die vielen Monde durchlaufen
in 11 Stunden sehr viele Wechselstellungen.

Vom Uranus.

Durch seine Entdekkung ist die Gränze des Planetensystems
um das doppelte hinausgerükt worden. Sein Durchmesser beträgt
4 Erddurchmesser: seine optische Grösse 4 Sek. dennoch ist er nicht
selten mit blossen Augen gesehn worden, woraus man schliessen kann,
dass er ein starkes eignes Licht, vielleicht von einer Phosphoreszenz
herrührend, haben mus. Herschel glaubte 2 Ringe an ihm zu sehn,
die rechtwinklig auf einander ständen: dies bestätigt sich aber nicht:
dagegen fand er 6 Satelliten, die ganz unzweifelhaft sind, obgleich
bis jezt nur der 2te und der 4te von andern Astronomen gesehn wurden.
Von Flekken hat man nichts bemerken können, auch keine Rotazion:
doch läst sich von der Stellung der Monde auf die Lage des
Aequators schliessen, der senkrecht auf der Bahn steht, also
geschieht die Umdrehung von Nord nach Süd.

Von den Kometen.

Das Alterthum beschäftigte sich angelegentlich damit. Die
Pythagoräer hielten sie für Planeten. Diod. Siculus erzählt,
die Aegypter rühmten sich, die Wiederkunft der Kometen vorhersagen
zu können; dies gründet sich nur darauf, dass man
bei den damaligen unvolkomnen Beobachtungen irgend einen
nach 70 oder 100 Jahren erscheinenden Kometen für einen früher
dagewesenen ansah: auch die Kentnisse der Chaldäer in
diesem Punkt waren gewis ganz unbedeutend. Seneca hat das
beste geschrieben, was wir aus dem Alterthume über die Kometen
haben: es war zu seiner Zeit ein sehr grosser erschienen, und er
diskutirt weitläufig die Frage, ob dies derselbe sein könne, der
bei Caesars Tode sichtbar war. Nachher verdunkelten sich die
Vorstellungen davon sehr, und bis in das 16te Jahrhundert hinein
hielt man sie für Meteore. Acosta will noch daraus die Höhe
der Passatwinde erklären: es war grade ein Komet erschienen, der
von Ost nach West ging, und da die Passatwinde dieselbe Richtung
haben: so glaubte er, sie gingen bis zur Höhe des Kometen hinauf.
Alle bewegen sich in sehr exzentrischen Ellipsen, manche ohne Dunsthülle
und Schweif.

Gewöhnlich giebt man an, dass der gelehrte Dörfel zu Plauen im
Voigtlande 1680 die parabolische Bahn der Kometen erkant
habe, allein schon früher fand H. Percy, Herzog von Northumberland
, das richtige, dass sie sich in Ellipsen bewegen. Die genaue
Theorie davon gab der grosse Newton, indes war der grosse Halleysche
von 1682 bis dahin der einzige, von dem man gewis wuste,
dass er wiederkehrte. In den mexikanischen Analen steht die
Erscheinung der Kometen von 1490 und 1527 unter den Wundern,
die der Ankunft der Conquistadores vorangingen. Damals wurden,
wie auch öfter in China, alle Astronomen gehangen, weil sie die
Erscheinung nicht vorausgesagt hatten: selbst in Paris war 1811
und 1819 eine unwillige Bewegung darüber im Volke, dass die Astronomen
den Kometen nicht vorhergesagt hatten.

Man glaubte anfangs, in den Asteroïden einen Übergang zwischen
den Planeten und Kometen zu finden, theils wegen der Exzentrizität
der Bahnen, theils wegen der starken Neigung derselben: man
glaubte auch um die kleinen Planeten Nebel zu entdekken: allein
man hat sich durch Rechnung überzeugt, dass nie aus einem
Planeten ein Komet und umgekehrt entstehn kann. Laplace hat
diese Unmöglichkeit zur Evidenz erwiesen. Die Kometen gehn von

Ost nach West, auch umgekehrt, und überhaupt in allen möglichen

Richtungen um die Sonne.

Der Kern der Kometen ist nicht von den übrigen Theilen so
abgesondert, wie man früher glaubte: er verschwimt mit der
Dunsthülle: welches mit der Theorie sehr gut stimt, indem die
oberen Schichten immer auf die unteren drükken müssen: um
sich von diesem Drukke einen Begrif zu machen, braucht man nur
anzuführen, dass auf unserer Erde in einer Tiefe von 40 Meilen das
Platina schon schwimmen würde. Trozdem ist der Kern des Kometen
durchaus nicht dicht, sondern in einem völlig gasförmigen Zustande:
denn Herschel sah am 9 November 1795 einen Doppelstern der 12ten und 13ten Grösse
durch den Kern eines Kometen, ganz deutlich: wie unendlich dünn
müssen nun die äusseren Schichten sein, da schon das Innere so wenig
Dichtigkeit hat. Schon Lahire glaubte 1682 Phasen an den Kometen
wahrgenommen zu haben, und hielt sie für nicht selbstleuchtend, welches
sich auch volkommen bestätigt hat: denn sie haben nur ein
reflektirtes Licht.

Olbers hat berechnet, dass am 26 Juni 1819 ein Komet 3 Stunden
vor der Sonne gestanden habe, und warf nun die Frage auf, ob er
dunkel oder hell vor derselben erschienen sei: es entstand darüber
ein grosser Streit unter den Astronomen. Der General Lindener, einer
der fleissigsten Sonnenbeobachter, schlug sein Tagebuch vom 26 Juni
nach, hatte aber nicht einmal einen Sonnenflekken gesehn: andre
hatten Sonnenflekke gesehn, aber nur an den Rändern. Wilde in
Hannover wolte auch einen im Zentrum gesehn haben: allein das
scharfe kritische Urtheil von Olbers zeigte dennoch, dass immer noch
Ungewisheit vorhanden sei.

Die Dunsthülle, obgleich sie mit dem Kern verschwimt, hängt
doch nicht mit dem Schweife zusammen: ja bei dem Kometen von
1811 war ein dunkler Raum zwischen dem Kern und der Dünsthülle,
in welcher der Kern schwamm. Galilei verglich die Kometen mit einer
Flamme, welche auch sehr transparent ist. (Kater in England hat über
die Durchsichtigkeit der Flamme schöne Versuche angestelt.) In der
Sonnennähe hat man bemerkt, dass der Schweif grösser wird auf Kosten
der Dunsthülle.

Der Schweif ist bei manchen Kometen von einer ungewöhnlichen
Länge: der von 1680 nahm 70° ein, ja 1618 stand der Komet beinahe
im Zenith, während der Schweif den Horizont berührte. 1744 erschien
ein Komet mit 6 Schweifen, die durch dunkle Streifen getrent waren.
Oft ist der Schweif nicht ganz in der Richtung von der Sonne ab, sondern
etwas inklinirt, doch so, dass die konkaven Seiten gegeneinander
stehn: doch fand man auch 1823 einen Kometen mit 2 Schweifen, wo
die konvexen Seiten einander zugekehrt waren. Ein andrer vom Ende
Januar 1823 hatte 2 Schweife, von denen der eine gegen die Sonne
gerichtet war. Dies stöst alles um, was man bisher über die Natur
der Kometen und die Bildung des Schweifes hat vorbringen können.
Die beiden Schweife bildeten einen Winkel von 160° gegeneinander.
Appian soll es zuerst bemerkt haben, dass der Schweif immer von der
Sonne abgekehrt ist; Delambre hat aber in seiner Geschichte der Astronomie
bewiesen, dass dies erst 1537 von Fra Castoro geschehn ist.

1825 wolte Rühmker in Paramatta eine Rotazion von 19 Stunden 36 Min.
im Schweife des zurükgekehrten Enckeschen Kometen wahrgenommen
haben, die Sache ist aber zweifelhaft. Nicht alle Kometen haben
bei ihrem Wiedererscheinen dieselbe Gestalt: bei dem Halleyschen
hat sich der Schweif sehr vermindert, so oft er wiederkehrte, gleichsam
als ob auf der langen Reise von den gasähnlichen Theilen
einiges verloren gegangen wäre. Mit dem von 1811 hat man sich
besonders viel in physikalischer Hinsicht beschäftigt, daher kent
man auch seine Maasse genauer. Herschel giebt den Durchmesser
des Kerns auf 93 Meilen an, also 2 mal so gros als Vesta: die
kugelförmige Hülle auf 27,000 Meilen Durchmesser, und den Schweif
auf 22 Millionen Meilen Länge. 1819 am 3 July erschien plözlich
ein sehr grosser Komet, und an diesem untersuchte ich mit Arago
ob er ein phosphoreszirendes eignes Licht, oder nur ein reflektirtes
habe: wir bedienten uns dabei des prismatischen Fernrohrs von Bergkrystall von
Rochon, an welchem Arago eine glükliche Verbesserung angebracht.
Durch Bergkrystall gesehn, giebt nämlich das reflektirte Licht
die Komplementarfarben: Arago fand wirklich für den Kometen
eine kolorirte Polarisazion, zugleich beobachteten wir Capella, welche in
der Nähe des Kometen stand, und fanden die doppelten Bilder
unverändert. Derselbe Versuch wurde mit einem Wachslicht gemacht
, welches gradezu angesehn, unveränderte Bilder gab: lies man
aber dasselbe auf einen Metallspiegel fallen, so gab das nun reflektirte
Licht eine farbige Polarisazion wie der Komet.

Die Zahl der Kometen ist schwer zu bestimmen: 400 sind uns
historisch bekant, nur 128 wirklich beobachtet: im 17. Jahrhundert beobachtete
man nur 10, im 18ten 65, und im 19ten noch mehr, jemehr die
Fernröhre sich vervolkomnet haben. Bedenkt man nun, wie viele
ungesehn in den Sonnenstralen bleiben, berechnet man nach der
Wahrscheinlichkeitsrechnung die verschiedene Neigung ihrer Bahnen
: nimt man hiezu ihre verschiedene Entfernung von der Sonne:
so dass manche ihre Sonnennähe zwischen Jupiter und Saturn haben:
so darf man die Zahl derselben auf 400,000 angeben, und zwar als
Gränze des Minimum.

25. Vorlesung, 30. Januar 1828

Man sieht also, dass die Kometen beiweiten
den grösten Theil der Bevölkerung unseres Sonnensystems ausmachen.
Nessier und Pons, früher in Marseille, jezt in Italien sind als die
beiden Astronomen zu nennen, welche die gröste Menge von Kometen
entdekt haben: doch mus man auch eingestehn, dass wir in unserer neusten
Zeit für Kometenbeobachtungen sehr begünstigt gewesen sind: denn
von 1769–1807 ist kein grosser Komet erschienen: dann kamen aber
die bedeutenden von 1807, 1811 und 1819.

Noch vor 8–9 Jahren kante man nur die Wiederkehr eines einzigen
Kometen mit Sicherheit, die des Halleyschen, welche 1682 berechnet wurde,
dann erschien er 1759 und wird 1835 wiederkommen. Encke machte 1819
die glänzende Entdekkung, dass ein kleiner Komet in ungefähr 3 Jahren
um die Sonne gehe, welchen daher die Franzosen: Comête de courte

période nanten. Der 3te Bielasche Komet wurde erst 1826 erkant.

Zwar hat Olbers einen Kometen von 1815 elliptisch berechnet, und
seine Periode auf 75 Jahre bestimt: allein es findet sich gar kein
früherer Komet, welcher dazu paste, und die Zukunft wird entscheiden
, ob er Recht hatte. Auch hielt man die beiden Kometen von
1532 und 1660 für identisch, und erwartete ihn 1790; allein vergeblich,
wie es auch Olbers vorausgesagt, welcher einsah, dass die Elemente
dieser beiden Bahnen nicht übereinstimten.

Wenn durch die Astronomen, und namentlich durch Lalande,
eine grosse Furcht vor der Nähe eines Kometen verbreitet worden
ist, so wurde auch dieselbe Furcht durch die Berechnungen der
Astronomen wieder gehoben. Wir müssen also betrachten, in welche
Sonnennähe und Erdnähe der nächste Komet bis jezt gekommen ist;
und die Nähe berüksichtigen, in welche er zur Erdbahn kommen
kann. Der von 1680 war nur 34,000 Meilen von der Sonne ,
also 5/8 einer Mondweite, von der Erde 10 Millionen Meilen entfernt
. Der von 1770 war 6 Mondweiten von der Erde vorbeigegangen
; durch den Physiker Lichtenberg war der Irthum entstanden
, als sei er zwischen Erde und Mond durchgegangen, dies
ist aber von keinem einzigen Kometen historisch nachgewiesen
. Der 2te innere Komet, der Bielasche komt der Erdbahn
am nächsten, indem er in manchen Fällen nur 2 Mondweiten
von derselben entfernt ist.

Die Gefahr wird überhaupt sehr vermindert durch den
Gedanken an die äusserst geringe Masse der Kometen, obgleich
nicht zu läugnen ist, dass die Geschwindigkeit
der Kometen, besonders wenn die Richtung grade entgegengesezt
wäre, einen starken Stos hervorbringen würde,
der Komet von 1770 ging durch das System der Jupitertrabanten,
ohne die mindeste Störung in demselben hervorzubringen, also
mus auch die Attrakzion sehr klein gewesen sein; von demselben
Kometen berechnete Laplace, dass wenn er 1/5000 von der Masse
der Erde gehabt, so würde unser Jahr um 3 Stunden verlängert
worden sein, da es aber nicht einmal um einige Sekunden
verlängert worden ist, so läst sich daraus auf die unendlich
geringe Masse des Kometen schliessen. Der Bielasche
Komet durchschneidet zwar die Erdbahn, allein dennoch ist
die Unwahrscheinlichkeit sehr gros, dass er je mit der Erde
zusammentreffen wird.

Der Enckesche Komet zieht seine Bahnen zwischen Merkur
und Jupiter, und wurde zuerst 1786 von Méchain beobachtet
: dann 1795 von Miss Herschel, der Schwester des Astronomen
, von Messier und Bode. 1805 von Pons, 1819 wieder
von Pons. 1822 (nach der Vorhersagung von Encke) von Rühmker
in Paramatta in Neuholland, wo man ihn sogar mit blossen Augen
sehn konte. 1825 von Harding in Göttingen. Seine Umlaufzeit
wurde 1819 entdekt; er geht wie alle übrigen Planeten von Westen
nach Osten, und kann der Erde nie gefährlich werden, da er
in zu grosser Entfernung von ihr bleibt, und nicht
einmal mit seiner Bahn die Erdbahn berührt. Die Umlaufzeit
war verschieden, welches man einer eignen im Weltraum
verbreiteten Materie zuschreibt, die vielleicht mit dem Zodiakallicht
Ähnlichkeit hat, aber sonderbar genug, so auf den
Kometen wirkte, dass sie ihn der Sonne näher brachte, also
seine Umlaufzeit verkürzte.

von 1786–95 brauchte er 1208, 2 Tage

1795–1805 1207, 7.

von 1805–1819 1207, 2.

Dieser Komet wird nicht nur viel Licht über die Natur der
Kometen verbreiten, sondern auch für manche Erscheinungen
in unserem Systeme von Wichtigkeit sein: so wird er gewis
mit der Zeit über die Masse des Merkur grosse Aufschlüsse
geben, über die wir fast ganz in Ungewisheit schweben.

Der Bielasche Komet wurde 1772, 1805, 1822 gesehn, und
seine Umlaufzeit beträgt 6 Jahr 9 Monate: in der Sonnennähe
ist er nicht weit von der Erdbahn, während er auf der andern
Seite nicht über den Jupiter hinausgeht. Sein Umlauf wurde
1826 von Biela gefunden, und fast gleichzeitig von Gambard in
Frankreich: 1826 war er 114,000 Meilen von der Erde entfernt; es
könte daher wohl der Fall eintreten, dass sein Schweif sich
mit unsrer Athmosphäre vermischte: man glaubte, dass dies
1783 geschehn sei, wo ein merkwürdiger Höhenrauch die Sonne
mehrere Monate lang verhülte, bis zulezt Arago bewiesen
hat, dass auch bei der schnellsten Bewegung des Kometen
dieselbe Verdunkelung auch jenseit des Atlantischen Meeres
in Amerika müste Statt gefunden haben, wovon sich aber
keine Spur findet. Der Höhenrauch mus also anderen uns
unbekanten Ursachen zuzuschreiben sein.

Von den äusseren Kometen kennen wir nur einen, den
Halleyschen; er wurde zuerst 1456 gesehn, und fält also
in die ominöse Zeit, wo zugleich die Araber in Westen sehr
schnell aus Spanien verjagt wurden, während sie in Osten
reissend vordrangen, und 1453 Konstantinopel eroberten. Der Papst
Kalixtus lies Gebete gegen diesen Kometen ausschreiben, und
ihn förmlich verwünschen. Man hat ihn beobachtet: 1531,
1682, 1759 und erwartet ihn wieder am 16 November 1835. Er hat
also eine Periode von 76 Jahren, welche zwischen 75½ und 76
schwankt wegen der Anziehung der beiden gewaltigen Massen
des Jupiter und Saturn, die schon (allein) für sich ein
eignes System von Planeten und Satelliten ausmachen.
Halley hatte sein Erscheinen 1682 vorhergesagt, und Clairault
überreichte der Akadémie ein Mémoire, worin sein Erscheinen
auf die Mitte April 1759 bestimt war: er erschien
wirklich in der Mitte März, und wenn man damals die
Störungen des Jupiter und Saturn genauer gekant, und vom
Uranus etwas gewust hätte, so würde man eine Genauigkeit
von 5 bis 6 Tagen erreicht haben.

Noch ist zu erwähnen, dass der Komet von 1770 durch
Lexel auf Jahr Umlaufzeit berechnet wurde: er
wolte aber nicht erscheinen; Burkhardt in Paris hat sich sehr
darum bemüht, und endlich fand man durch eine Menge der
mühseligsten Rechnungen, dass seine Bahn inflektirt worden
sei: er näherte sich nämlich 1779 dem Jupiter wieder auf
so weit, dass dieser auf ihn einwirken konte, und nach den unabänderlichen
Gesezen, die man mit Unrecht Störungen nent,
wurde die Bahn des Kometen so sehr perturbirt, dass er
sich von uns entfernte, und wahrscheinlich nie wider erscheinen
wird. Der Komet von 1815, den Olbers auf 75 Jahr elliptisch
berechnete, stand in seiner Sonnenferne 34 Erd-Halbmesser
von der Erde entfernt, der Halleysche 36 Halbmesser.

Ganz algemein betrachtet können die Bahnen der Kometen
: Kreise, Parabeln, Ellipsen und Hyperbeln (alle 4 Kegelschnitte
) sein: allein nur eine mögliche Geschwindigkeit
giebt Kreise und Parabeln; viele Geschwindigkeiten, wie sie
durch die Perturbazionen bedingt werden, geben Ellipsen
und Hyperbeln. Die Parabel ist die unwahrscheinlichste, die
Ellipse die wahrscheinlichste Bewegung. Die Berechnungen
aber werden gewöhnlich für die parabolische Bewegung
gemacht, weil hier die grosse Axe eliminirt wird.

Laplace hat unwidersprechlich bewiesen, dass, so grosse

Ähnlichkeiten man auch zwischen den Asteroïden und den

neu-entdekten Kometen finden wolte, doch nie ein Planet
zum Kometen und umgekehrt werden könte. Er hielt die Kometen
für irrende Nebelflekke, die von einem Sonnensystem
zum andern gehn können. Überhaupt nahm er an, dass
alle Weltkörper aus einem Nebelzustande hervorgegangen
wären; nach Herschels Beobachtungen, welcher sah, dass die
entfernten Nebelflekke sich zerspalten, theilen und zusammenziehn
. So könten aus einem Nebelflekke, worin mehrere
Kerne sich befinden, Sternenhaufen entstanden sein, wie
die Plejaden; wo Kerne vorhanden sind, da wird sich ein Zustand
bilden, wie wir ihn bei den Doppelsternen wahrnehmen,
dass nämlich 2 Sonnen sich um einen gemeinschaftlichen
Schwerpunkt drehen. Laplace glaubt, dass jene dunstartige
Materie sich ursprünglich so weit verbreitet habe, als unser
Sonnensystem reicht. Der Zentralkörper zog sich langsam zusammen
und rotirte auch eben so langsam. Die Rotazion erstrekte
sich aber nur so weit, als die Schwere die Zentrifugalkraft
das Gleichgewicht hielt. Sobald die einzelnen Körper sich dem
Zentralkörper nähern, so wird die Rotazion, wegen der vermehrten
Masse, schneller, und die Gränze der Athmosphäre ist
kleiner, als vorher. Die Zusammenziehung der Athmosphäre des Zentralkörpers
brachte nun eine Zerreissung der dunstförmigen
Materie hervor, und an der Stelle der Planeten rotirten anfangs
Ringe von einer ungeheuren Grösse. Die Planeten ballten
sich auf 2 verschiedene Arten zusammen, entweder als selbständige
Kerne, (wie Erde pp.) oder als mehrere zusammengehörige
Kerne, wie die Asteroïden, von denen aber Olbers mit grossem
Scharfsinne annimt, dass sie Trümmer eines früheren Kernes
wären, wodurch er mehrere derselben mit Absicht aufsuchte
und entdekte. Die Planeten bildeten nun wieder ein Zentrum
für ihr kleineres System von Trabanten, und ein ursprünglicher
Ring als specimen ist uns beim Saturn übrig geblieben
: wenn dieser Ring sich wieder theilte, so würde der Saturn
noch mehr Trabanten, und zwar lauter innere
bekommen. Dieses System von Laplace hat einige Ähnlichkeit
mit dem von Buffon, welcher annahm, dass der
Stos eines Kometen auf die Sonne die Planeten davon
abgesprengt habe: wenn man annimt, dass der Stos von

West nach Ost und ungefähr in der Richtung des Sonnenaequators

Statt fand: so erklärt sich hieraus sowohl die geringe
Neigung der Planetenbahnen gegen den Sonnenaequator,
als auch ihre Translazion von West nach Ost aber die Rotazion
um ihre Axe ist nicht hinlänglich deduzirt.

Die Sicherheit von der Dauer unseres Planetensystems
beruht auf der Kentnis der Mechanik des Himmels, und
wir sehn, dass im Mittelalter viel darüber gestritten
wurde. Dies liegt darin, dass wir alles für zufällig halten,
was nicht nach bestimt aufeinanderfolgenden Gesezen erklärt
werden kann: allein wir müssen nicht vergessen, dass in diesen
Dingen die Periode grösser sein kann als unsre Erfahrungen:
wir können sie deshalb nicht messen, und dennoch mag sie
existiren; ferner aber ist auch das periodische gar nicht einmal
nothwendig, um uns manche Erscheinungen zu erklären
; wir müssen sagen, dass alles das gesezlich ist, was aus
Ursachen erkant werden kann, und wie könten wir behaupten
dass uns alle Ursachen bekant sind. Eine Ordnung der
Dinge kann auf die andre folgen, und alle können in
einer grösseren unveränderlichen Weltordnung begriffen sein.

Noch mus hinzugefügt werden, dass in unserem Planetensysteme
selbst durchaus kein Prinzip der Zerstörung
aufzufinden ist: sie mus also immer von aussen kommen,
und da sind die Kometen das einzige, das sie veranlassen
könte. Alle Störungen in unserem Systeme sind nur Oszillazionen
um einen mittleren Zustand. Zuerst ändern
sie blos die Richtung der Planeten in ihrer Bahn, dann
affiziren sie selbst auch die Bahnen, welche aus ihrer
Lage kommen; allein diese Sekularstörungen (so nent man
die in grossen Perioden sich bewegenden) sind meist ab- und
zunehmend, in einem beständigen Schwanken von hinüber
und herüber begriffen. So verhält es sich mit der Exzentrizität
der Erdbahn, die sich sehr genau hat berechnen
lassen: sie war 8400 Jahr vor unsrer Zeitrechnung am grösten
, und wird von nun an noch 23,000 Jahre abnehmen, dann
aber sich wieder nach der andern Seite hin in’s Gleichgewicht
zu sezen suchen; so ist die Exzentrizität des Jupiter
jezt im Wachsen bergiffen; die des Saturn dagegen nimt
ab, und wird sich in 900–1000 Jahren (nach Laplace’s Berechnung
) wieder ausgleichen. Einer der merkwürdigsten
Umstände aber ist es, dass die Sicherheit vor dem Überhandnehmen
der Störungen durch Jupiter und Saturn,
nur darauf beruht, dass ihre Umlaufzeiten nicht beide
durch ganze Zahlen ausgedrükt werden können, d. h. sie sind
irrazional zu einander. Sie sind ungefähr wie 12:30, aber
nicht ganz: denn dies gäbe 2:5, und in diesem Falle würden
sie nicht nur sich selbst, sondern auch alle andern Planeten
zerstören. Der Jupiter hat 4332 Tage Umlauf

Saturn 10739 , woraus

man leicht berechnen kann, dass sie sich nur dem Verhältnis
2:5 nähern, aber schon diese Näherung ist es, wodurch
sie in den Stand gesezt werden, so grosse Störungen in unserem
Systeme hervorzubringen, ein Erreichen des Verhältnisses
würde die Zerstörung nach sich ziehn.

Eine andre Bürgschaft für die Stabilität unseres Systemes
haben wir in der Unveränderlichkeit der grossen Axe der
Planetenbahnen: sie bleibt in ihrer absoluten Grösse immer
dieselbe; ferner in der ungeheuren Masse des Zentralkörpers
, die eine verhältnismässige Wurfkraft herbeiführt;
ferner in der grossen Entfernung der Planeten von einander; so wie
in der Kleinheit der Exzentrizität ihrer Bahnen, und der Neigung
derselben gegeneinander. Laplace sieht nur 2 Gefahren, die im
Sonnensysteme selbst begründet wären: 1, die widerstehenden
Mittel, worüber der Enckesche Komet Aufschlus gegeben hat, der
durch eine bewegung-hemmende Materie in seiner Bahn gestört
, und der Sonne näher gebracht ist: so wird auch nach und
nach bei den Planeten die Attrakzion gegen den Zentralkörper
zunehmen; 2, das Abnehmen der Masse der Sonne durch langes
Leuchten, wodurch sie immer schwächer und schwächer werden würde.
Allein beide Gefahren sind wenigstens noch sehr entfernt.

Das einzige nicht-periodische in unserm System ist die Richtung
der Absidenlinie (welche durch die beiden Erdpunkte der
grossen Axe der Erdbahn geht) allein dies bringt weiter keine
Gefahr, sondern veranlast nur, dass sie nach und nach gegen
andre Fixsterne gerichtet wird.
26. Vorlesung, 2. Februar 1828

Wir kommen nun zum zweiten Theile unserer Wissenschaft,
der die tellurischen Verhältnisse umfassen wird, und den man
sonst gewöhnlich mit dem Namen: physikalische Geographie
bezeichnet, welche hier nach der von Strabo und Varenius gegebenen
Erklärung: affectiones telluris generales umfast.

Im allgemeinen können wir 3 Hauptmomente feststellen
, auf die wir unsre Betrachtung werden zu richten haben:

1, das starre.

2, die Hüllen

a, die elastische

b, die tropfbarflüssige

3, das Organische (die Pflanzen und Thiere, welche in ihren
Uranfängen so nahe zusammenlaufen, dass man sie nicht
wohl trennen kann: sie machen der Masse nach den kleinsten
der 3 Theile aus, sind uns aber deswegen wichtig, weil in ihnen
die Masse durch die Form besiegt, und in Gestalten ausgebildet
erscheint.)

Die Betrachtung des starren Theiles nent man nicht ganz
richtig: Geognosie, als wenn es blos auf die Kentnis der Bestandtheile
des Erdkörpers ankäme, und man nicht auf ihre Entstehung
, ihr Verhalten zu einander, und auf die vielen Veränderungen
sehn müste, welche nach und nach mit ihnen vorgegangen
sind. Indessen würde es nicht nöthig sein, diesen
Namen zu ändern, da er einmal eingeführt, und ein andrer
nicht so leicht an seine Stelle gesezt ist: die beschriebende
Mineralogie bezeichnet man sehr gut durch: Oryktognosie.

Die Geognosie theilen wir in 5 Abschnitte:

1, Gestalt und Dichte der Erde.

2, innere Wärme, Lichterscheinungen.

3, Elektrizität und Magnetismus, welches dieselbe Kraft ist.

4, Veränderungen an der Oberfläche als Folgen der Verbindung
des Innern der Erde mit dem Äusseren: Vulkane, heisse
Quellen. Erdbeben.

5, das Gegliederte der Kontinente, die Bergketten.

Von der Gestalt und Dichte der Erde.

Dieser Gegenstand, mit dem sich schon das Alterthum angelegentlich
beschäftigte, ist in neueren Zeiten mit ganz besonderer
Aufmerksamkeit behandelt worden, da er so sehr
wichtig für die Schiffahrt, die Zeichnung der Landkarten, und
überhaupt für alles graphische ist, was sich auf die Erde
bezieht; ja es ist noch vor kurzem der Fall vorgekommen, dass
man sehr theure geodätische Operazionen hat machen lassen,
um einen Kataster anzufertigen; als man die einzelnen Blätter
zusammensezen wollte, war dies ganz unmöglich und nichts paste
aufeinander, weil man auf die Krümmung der Erde keine
Rüksicht genommen. Die Messungen der Abstände am Himmel
und auf der Erde sind eben so unentbehrlich für das graphische
in der Geographie, als für die Bestimmung der Maasse im allgemeinen
.

Geschichte der Gradmessungen.

Eine flache Erdscheibe vom Okeanos umflutet war die älteste
Vorstellung, welche wir bei den Griechen von der Gestalt der
Erde finden, namentlich bei Thales, dem Stifter der ionischen
Schule. Plinius giebt sehr unkritisch an, dass Thales schon
die Kugelgestalt der Erde angenommen habe, obgleich wir bestimt
wissen, dass dieser Gedanke erst beim Pythagoras und
seiner Schule aufgekommen ist. Das unverwerfliche Zeugnis
dafür giebt Philolaos. Für die Annahme der Kugelgestalt
hatte man fast alle Gründe gefunden, die wir jezt haben; man
sah bei Mondfinsternissen den Schatten der Erde rund in den
Mond eintreten; man machte die Bemerkung, dass wenn man
von Cypern nach Alexandria segelte, das Gestirn des Canopus
am Horizonte höher zu stehn kam. Die merkwürdigste
Stelle ist beim Aristoteles de coelo, wo er sagt: dass die Erde
rund sein müsse, weil alle Theile gegen den Mittelpunkt eine
gleiche Schwerkraft haben, und dass wenn einige Theile aus dieser
Lage kämen, sie sich dahin zurük begeben würden, um das
Gleichgewicht herzustellen. Man sieht, dass diese Ansicht eine
grosse Ähnlichkeit mit dem Newtonschen Systeme von den
Gesezen der Gravitazion hat. Auch kömt eine Stelle beim Diogenes
Laertius vor, wo er sehr richtig über die Gegenfüsler spricht,
welche im Alterthum fast allgemein angenommen wurden.
Dies änderte sich freilich später so sehr, dass es förmlich verboten
wurde, die Idee der Antipoden auszusprechen, und in den
Zeiten der Barbarei hat der Papst Zacharias den Bischof Virgilius
von Salzburg seiner Würden entsezt, weil er behauptet
hatte, es gebe Antipoden. Columbus selbst fand in dieser Hinsicht
Schwierigkeiten, und konte seine Gegner nicht überzeugen, obgleich
er sich der Freundschaft des bedeutenden Physikers Toscanelli
rühmte. Bei der Gradmessung, welche der Khalif Almahmun
in Mesopotamien anstellen lies, sah man wohl ein, dass man
nicht die ganze Erde messen könne, sondern nur einen sehr
kleinen Theil ihres Umfangs: man vergleicht dabei einen Himmelsbogen
mit einem Erdbogen: es sind also 2 Operazionen
zu machen, eine geodätische und eine astronomische, welche
sich aufeinander beziehn. Ein Theil der Astronomen ging nach
Norden, der andre nach Süden, und sie standen still, als ein
Gestirn in ihrem Zenith um einen Grad gesunken war. Ihren
Weg maassen sie nun, freilich sehr unvolkommen, nach Tagereisen
, und diese Entfernung 360 mal genommen, gab den Umfang
der Erde. Auch in Nordamerika hat man beinahe
Grade mit einer Kette gemessen, allein Delambre hat gezeigt,
dass diese Messungen höchst unvolkommen und eines geringen
Vertrauens werth sind. Snellius, nicht Pica fiel zuerst darauf, dass
es bequemer sei, die ganze Strekke nicht hintereinander zu messen,
sondern über die ganze Gegend ein Nez von trigonometrisch bestimten
Dreiekken zu werfen, und dieses mit einer genau zu messenden
Basis zu verbinden, wie es zwischen Leyden und Alcmar geschah.
Pica machte eine noch schönere Operazion, indem er zugleich viel
für die Vervolkomnung der messenden Instrumente that. Hiezu
bediente man sich anfangs bei der Messung in Peru, genauer
Holzstäbe: dann nahm man sogar Platina, in England machte
man sie aus Glas, und führte die genauste Rechnung über
ihre Ausdehnung. Die Temperatur wurde jedesmal angegeben,
und die etwaigen Veränderungen bei der Berechnung der
Länge in Anschlag gebracht. Anfangs sezte man die Lineale
an einander, da dies aber einen Stos, und mithin Verrükkung
des Instrumentes hervorbrachte, so kam man bald darauf,
rechts und links ein Lineal hinzulegen, und sie aneinanderzuschieben
: allein auch dieses gab noch keine hinlängliche
Genauigkeit, und man dachte darauf, den unmittelbaren
Kontakt der Regeln ganz zu vermeiden. Hiezu hat der ausgezeichnete
Mathematiker Tralles, der in der lezten Zeit hier
gelebt hat, das beste Mittel angegeben, indem er vorschlug die
Regeln nebeneinander zu sezen, und an dem einen Ende ein
rechtwinklich gegen die Regel stehendes Fernrohr anzubringen
; dann schraubt man das zulezt gelegte Regel so langes bis
das Ende der vorhergehenden an das Fadenkreuz im Fernrohr
anschlägt: auf diese sinnreiche Art ist der körperliche Kontakt
in einen blos optischen verwandelt, und die höchste Genauigkeit
kann erreicht werden.

Die andre eben so wichtige Operazion ist die astronomische.
Die Winkel an den beiden Enden des Grades werden durch den
Unterschied der Meridianhöhe eines Sterns gemessen. Wenn
man annimt, dass über jedem der beiden Enden ein Zenitalstern
stände, so würde der Abstand dieser beiden Sterne am
Himmel gleich sein dem Abstande der Punkte auf der Erde.
Wenn man also auch nur einen Stern hat, der in einem Punkte
der Basis im Zenith steht, so giebt der Unterschied in der Höhe
des Sterns die Bestimmung für die Länge der Basis.
Eratosthenes war der erste, welcher eine Gradmessung anstelte,

die aber mehr eine Schäzung zu nennen ist. Er war Bibliothekar
am Museum in Alexandrien, und gründete seine Arbeit
auf die Betrachtung, dass in Syene ein Brunnen sei, in dessen
Grunde man am längsten Tage das Sonnenbild im Wasser sehe;
so wie es auch bekant war, dass an dieser Zeit alle

Tempel und
Gebäude in Syene und auf der Insel Philae keinen Schatten

werfen. Er mas nun an diesem Tage die Höhe der Sonne, wie
Cleomedes sagt, mit einer kupfernen Schüssel, σκάφη, in deren
Mitte ein Stift von vielen konzentrischen Ringen umgeben stand,
also mit einem sehr rohen Instrument, und fand den Unterschied
gegen Alexandrien 7° 12. Die Karavanenstrasse (also wieder eine
sehr ungenaue Messung) gab ihm für die Entfernung von
Syene bis Alexandrien 5000 Stadien, und hienach berechnete
er den Umfang der ganzen Erde auf 252,000 Stadien. Wie
wenig Genauigkeit die ganze Sache hatte, sieht man schon aus
der Vernachlässigung 2er Punkte: 1, dass er auf den Durchmesser
des Sonnenbildes im Brunnen keine Rüksicht nahm,
2, dass Alexandria und Syene nicht genau in demselben Meridian
liegen. Es ist daher nur Zufall zu nennen, dass diese Schäzung

ohngefähr mit der Wahrheit übereinstimmt. Er fand 5800 geographische

Meilen statt 5400, also immer noch ein Unterschied von
400 Meilen.

Die 2te Gradmessung machte Posidonius, Ciceros Lehrer, worüber man
Ideler’s trefliche Untersuchungen zur Hand nehmen mus: er mas die
Höhe des Canopus in Rhodus und Alexandrien, und berechnete die Entfernung
nach Schiffahrten, also sehr unvolkommen.

Die dritte machte Ptolemaeus; da er aber nicht der Richtung des
Meridians folgte, sondern in einem Winkel mit demselben fortging
: so ist sie sehr ungenau, und kaum zu brauchen.

Im 9ten Jahrhundert wurde eine Gradmessung unternommen vom
Khalifen Almahmun, aus dem Geschlechte der Abassiden. Er hatte
eine solche Vorliebe für die Astronomie gefast, dass, als er den
Kaiser Michael III gefangen genommen, es zur ausdrüklichen Friedensbedingung
gemacht wurde, dass Michael ihm ein Manuskript
des Almagest überliefern solte, damit er sehn könne, ob seine Gradmessung
mit dem Ptolemaeus übereinstimme. Die Messung
wurde in der Ebne bei Sindia gemacht, zwischen Basra und
Tadmor. Man sehe darüber Seguillots scharfsinnige Untersuchungen
über den besten orientalischen Mathematiker Ebn Younes; 2 Banden
Astronomen gingen nach Norden und Süden, maassen den
Unterschied der Zenitalsterne, und fanden dasselbe, was der Khalif
wünschte, und was im Almagest stand, weniger durch Zufall, als
indem sie durch eine vorgefaste Meinung geleitet wurden. Wie sehr
dadurch Täuschungen herbeigeführt werden können, sieht man noch
aus einer neueren Messung. 1525 mas Fernel die Entfernung von
Paris nach Amiens, indem er eine Vorrichtung an seinen Wagen
machte, dass er die Umdrehungen des Rades zählen konte, und
diese mit der Länge des zurükgelegten Weges multiplizirte: dies
gab ihm für einen Grad 57070 Toisen; Lacaille, welcher später dieselbe
Entfernung von Paris nach Amiens mas, fand, sonderbar
genug, 57074 Toisen, also beinahe ganz dasselbe.

Snellius machte 1615 eine schöne Gradmessung, indem er sich
zuerst eines Nezes von Dreiekken und einer Basis bediente:
Norden in England eine andre, die aber sehr falsch war, und wodurch
Newton lange Zeit irregeleitet wurde, indem er schon
damals die allgemeinen Gravitazionsgeseze gefunden hatte, und
diese mit der durch Norden bestimten Gestalt der Erde nicht
übereinstimten.
Pica machte 1669 die erste genau Messung, welche sich durch grosse

Sorgfalt und eine genaue Kontrolle über die Fehler auszeichnet;
Maraldi, 1683, und die beiden Cassini 1718 machten Gradmessungen,
nach denen die Erde an den Polen nicht abgeplattet, sondern zugespizt
erschien: allein Newton hatte schon bewiesen, dass dies nach
den Gesezen der Wurfkraft und des Schwunges gar nicht möglich
sei; auch hatte schon der Captain Riché 1671 eine Reise nach Cayenne
gemacht, wo er fand, dass eine Pendeluhr welche er aus Frankreich
mitgebracht, und die Sekunden schlug, in Cayenne alle Tage um 2 Min.
18 Sek. zu langsam ging. Dies stimte volkommen mit Newton’s Theorie
: denn die grössere Wurfkraft, welche die Erde in Cayenne (gegen
Frankreich) hat, mus die Schwere der Körper vermindern, den Fall
derselben langsamer machen, mithin auch das Pendel, welches auf den
Gesezen des Falles beruht, retardiren; ja wir haben gesehn, dass
wenn die Rotazion der Erde sich beschleunigte, ein Punkt eintreten
würde, wo unter dem Aequator alle Steine und Berge, und
überhaupt alles bewegliche weggeschleudert werden würden.

Die verschiedenen Meinungen, welche immer noch über diesen Gegenstand
herschten, und die Ungewisheit, in der man über die eigentliche
Gestalt der Erde schwebte, veranlasten endlich unter Ludwig XV,
1735 die grosse Expedizion nach Amerika, woran Godet, La Condamine

pp. Theil nahmen. Sie hatten aber mit grossen Schwierigkeiten

zu kämpfen, und daher dauerte die Sache von 1735–46. Sie
machten ihre Messungen bei Quito, welches damals noch nicht
zu Nueva-Grenada, sondern zu Peru gehörte. (Die Fläche), in
dem sie operirten, liegt 6–7000 Fus über dem Meere, und ist von
2 Ketten der Cordilleren eingeschlossen, welche sich beinahe von
Norden nach Süden erstrekken.

Das Bergthal, Plateau

Man muste daher die Signalpunkte
auf hohe Bergspizen verlegen, und die Gelehrten musten oft
lange Zeit nahe an der Schneegränze sich aufhalten, z. B. in dem
Hause des Pichincha, wo das Thermometer bei Nacht bis auf −4°
Reaum. herabsank, und bei Tage sich selten über +8° bis 10° erhob,
eine für den Aequator sehr bedeutende Kälte. Man bediente sich
damals der pyramidalen Signale aus Balken aufgebaut, welche
aber den Nachtheil haben, dass sie verschieden von der Sonne
erleuchtet werden, also keinen deutlichen Punkt des Visirens
geben: eben so unsicher sind die Kirchthürme, die man auch
wohl dazu angewendet hat. Später zog man die Nachtsignale vor,
und nahm dazu Lampen mit parabolischen Spiegeln, welche ungemein
weit gesehn werden können; als bei der französischen Messung
in Spanien die Inseln Mentera und Cabrera mit Valencia verbunden
wurden, hat man eine solche Lampe, welche freilich mehrere
100 Toisen über dem Meere erhaben war, in einer Entfernung von
80,000 Toisen, (25–26 deutsche Meilen) gesehn. Die 3te und beste
Methode hat Bessel angegeben, und Gaus hat den Apparat dazu
erfunden, und sie bei seiner Messung angewandt. Man bedient sich
des Sonnenbildes selbst, welches durch einen kleinen Spiegel reflektirt
wird, und könte sie also Tagsignale ab nennen: sie erscheinen wie
ein Stern am Tage.

Gleichzeitig mit den Astronomen in Quito gingen 1736 Clairault,
Camus, de Monnier und Maupertuis (welcher einige Zeit Präsident
der hiesigen Akademie war) nach Schweden und Lapland:
sie maassen einen Grad zwischen Torneo und dem Berge Kittel
allein die Resultate sind unsicher, weil die Gelehrten sich auf der
langen Reise durchaus nicht vertragen konten, und sehr gereizt nach
Hause zurükkamen. Durch Vergleichung der beiden Messungen in
Peru und Lapland ergab sich die Abplattung aus 1/305–1/310.
Der Doktor Schwaneberg, welcher diese Messungen wiederholte,
glaubte den Gelehrten den ungeheuren Fehler von 1200 Fus auf den
Grad nachweisen zu können: neuerlich hat aber der Dr Rosenberger

in Halle wieder ihre Vertheidigung übernommen, indem er die sämtlichen Verhandlungen

revidirte, und so die Ehre der französischen Astronomen
wiederherstellte: denn jener Fehler von 1200 würde namentlich
für den astronomischen Theil der Messung, den man Maupertuis
anvertraut hatte, ein grosse Nachlässigkeit voraussezen.

Wir haben also:

1, die alte peruanische Messung, welche nach Delambre’s Berechnungen
sehr unvolkommen ist.

2, die grosse französische Messung zur Bestimmung des mêtre
man hatte nämlich festgesezt, dass der 10 Millionste Theil des
Erdquadranten ein mêtre, als Grundlängenmaas sein solle, und man
konte hiemit sehr glüklich das Körpermaas verbinden, indem
man bestimte, dass 1 Kilogramm gleich sein solte = 1/1000
Kubikmêtre distillirtes Wasser bei seiner grösten Dichtigkeit, d. h.
bei +3½ Grad Reaumur. Bei dieser Messung wurden zuerst
Repetizionskreise von Borda angewendet, wo sich, durch eine
(zwar nicht in’s Unendliche) fortgesezte Wiederholung der Winkelmessungen
der Beobachtungsfehler wohl nicht ganz eliminiren, aber
doch sehr verkleinern läst. Die Angabe dazu machte der grosse Tobias
Mayer in Göttingen, dem wir auch die Verbesserungen der Mondtafeln
verdanken.

3, die englischen Messungen unter dem General R. und M
Herr Arago hat, in Verbindung mit mir diese Messungen an die
französischen angeknüpft.

4, Drei grosse Messungen in Ostindien von dem General L
und T

5, in Rusland, von Struve und Argeland.

6, endlich die Messung von Gaus in Göttingen, von der man sich
sehr viel versprechen kann; sie ist aber noch nicht ganz beendigt,
und die Resultate daher noch nicht bekant.

Ziehn wir nun das Resultat aus allen Messungen: so ergiebt
sich, dass die Grade gegen Norden hin grösser werden:

unter dem Aequator 56731 Toisen

in Frankreich 57006

in Lapland 57209

Ein andres gutes Mittel, um die Gestalt der Erde zu bestimmen,
sind die Pendelbeobachtungen, bei denen es 2 Methoden giebt:
1, entweder man macht sich an einem bestimten Ort ein Pendel,

welches Sekunden schlägt, und mist dessen Länge: dies gab Bouguer
an, und Borda verbesserte die Einrichtung für das Messen.

2, oder man macht sich ein unveränderliches Pendel, und sieht nach, wieviel
es an jedem Orte differirt; (wurde auch von Bouguer angegeben.)

Eine 3te Methode, welche sehr vortheilhaft sein soll, hat Bessel in
Königsberg angegeben: wir erwarten aber noch die Bekantmachung.
Der Engländer Satch welcher auch mit Franklin einer Nordpolexpedizion
beigewohnt, hat Pendelbeobachtungen gemacht unter
dem Aequator, in Westindien, Spizbergen und Grönland, und zulezt
ist dieser Zweig der Wissenschaft auf das gründlichste behandelt
worden auf der Erdumseglung von Freycinet und Duperrey.

Als Resultat kann man aussprechen, dass die Abplattung
zwischen 1/305 und 1/280 schwankt, und zwar ist sie neuerdings
grösser geworden; ungewis ist man um 3600 Fus oder 1/18 der Abplattung
selbst.

[d. h. 1/5000 des Erdhalbmessers
] als ob man bei der
Messung der Schneekoppe
um 1 Fus ungewis wäre.

Die Figur der Erde entfernt sich also um soviel
von der Kugelgestalt, als wenn man den Himalaya mal
unter dem Aequator übereinandersezte, oder: der Aequator ist
64200 Fus weiter vom Zentrum entfernt als die Pole; indem also
eine geographische Meile 3800 Toisen oder 22800 Fus enthält, so
würde der Meeresspiegel unter dem Aequator ungefähr 3 Meilen weiter
vom Mittelpunkte entfernt sein, als an den Polen. Da der Halbmesser
der Erde 860 Meilen beträgt, so bleibt die Abplattung zwischen
1/305 und 1/290. des Ganzen.

Man hat zu die Abplattung noch auf eine andre Art berechnen
können, nämlich nach der Mondtheorie, und diese giebt
das gröste Resultat; Laplace fand hienach 1/305. Bouvard und
Burkhardt, welche alle Gradmessungen durchgerechnet hatten:
1/299; die Pendelbeobachtungen 1/280 bis 1/290.

Die südliche Hemisphäre hielt man länger für abgeplatteter,
als die nördliche, weil sie in Vergleich mit dieser eine Wasserhemisphäre
zu nennen ist. Lacaille fand die südliche Hemisphäre abgeplatteter als die nördliche
, aber Freycinets und Duperrey’s
Untersuchungen haben bewiesen, dass nicht der geringste
Unterschied gegen die nördliche Hälfte da ist, wodurch die
Gestalt der Erde um so regelmässiger wird. Auch A. Malaspina
stelte auf seiner Reise Untersuchungen darüber an, so wie früher
der General Brisbane in Paramatta, welche dasselbe Resultat
gaben. Wenn aber in dieser Hinsicht die Gestalt der Erde
sehr regelmässig ist, so zeigen sich doch grosse Verschiedenheiten
unter den verschiednen Meridianen. Die englischen
Messungen geben ein Resultat, wonach die Erde an den Polen
zugespizt wäre: dies liegt aber blos daran, dass die Lage der
brittischen Inseln etwas abgeplattet ist. Die französischen
Messungen allein geben 1/139 für die Abplattung, welches wiederum
viel zu viel ist.

1/55

Noch ist zu bemerken, dass bei und auf kleinen vulkanischen
Inseln Isle de France etc. das Pendel schneller schlägt, und manchmal an einem
Tage 12–13 Sekunden voreilt: da man nun gewöhnlich unter
diesen Inseln eine Höhlung vorauszusezen pflegt, welche durch
die Gewalt des unterirdischen Feuers hervorgebracht sein soll:
so müste nach dieser Ansicht das Pendel langsamer gehn, weil
es weniger Masse unter sich hat: es scheint aber, dass die
basaltischen Laven so wie der Augitporphyr an dieser Beschleunigung Schuld sind, weil
sie eine grössere Substanz haben, als andre Gebirgsarten.

Man hat auch angefangen, Längengrade zu messen, und
gleichfalls in dieser Richtung eine Abplattung gefunden. Henry
, Boussault und Carlini haben sich Verdienste darum erworben
, und der Längengrad ist gemessen von Bordeaux bis
Fiume: die östreichische Regierung wird ihn fortsezen bis
Orzora in Siebenbürgen:
Nachträglich.

27. Vorlesung, 6. Februar 1828

Es ist theoretisch zu unterscheiden, ob diese grössere Dichtigkeit
der vulkanischen Inseln zu derselben Zeit entstanden ist, als die
Erdrinde erhärtete, oder ob die schon erhärtete Rinde sich gespalten,
und von innen mit einer dichteren Masse ausgefült worden ist.
Dies darf für die Rechnung nicht übersehn werden: denn danach mus
sich die grössere oder geringere Dichtigkeit der Erde im algemeinen
richten. Ein Beispiel mag dies erläutern: wenn man in unserer
Stadt Pendelbeobachtungen auf dem Observatorium machte, so würden
diese für die Dichtigkeit der Erde ein bestimtes Resultat geben:
hätte man aber, ehe die Beobachtungen anfingen, eine Platinakugel
von 6–7 Fus Durchmesser in das untere Geschos des Observatorium’s
wälzen können, ohne dass der Beobachter etwas davon gewust, so
würde sein Resultat für die Dichtigkeit der Erde ein ganz anderes
werden.

Laplace veranlaste die schönen Operazionen, welche man in neuen
Zeiten von der französischen sardinischen und östreichischen Regierung nach den Längengraden, in der Richtung der Parallelen
unternommen hat: und es fand sich auch in dieser Richtung eine
Abplattung, die aber noch nicht bestimt ist. Schon 1733 machten
Cassini und Maraldi die ersten Messungen dieser Art, welche aber
sehr unvolkommen ausfielen, weil sie sich noch nicht, der Pulversignale
bedienten, sondern die Azimuthe maassen. In Frankreich
leiteten Henry und Boussault die Messungen, in Italien Plana
und Carlini. Sie fangen an bei Maraine am Ausflusse der Garanne
und gehn über den Mont Cenis nach dem Mont Blanc
(der mit in das Netz der Dreiekke gezogen ist, und auf dem
man ein Signal erreichtet hat) durch die Lombardei bis Fiume
in einer Ausdehnung von 15 Längengraden: wenn die Messung
bis Orzora in Siebenbürgen fortgesezt sein wird, so werden es
im Ganzen 24 Längengrade sein. Man schäzt die Abplattung
auf 1/250 bis 1/260, und der berühmte französische Astronom Nicolet
hat eine eigne Schrift darüber herausgegeben. Sie könte auch grösser
erscheinen, als sie ist, wegen der grossen Ebne der Lombardei.
Ich befand mich zufällig bei zwei von diesen wichtigen geodätischen
Operazionen: einmal mit Herrn Delambre bei einer Basismessung,
und vor 2 Jahren bei den Pulversignalen in Brest.

Die Dichtigkeit der Erdschichten nimt nach innen zu, in dem
Verhältnis wie die Quadrate der Abstände. Laplace hat gezeigt,
dass von diesem Verhältnis die Stabilität des Ozeans abhängig
ist; ein Queksilbermeer würde die grösten Überschwemmungen
veranlassen. Wenn die Schichten sich gegen das Zentrum hin nicht
verdichteten, so würde nach der Theorie die Abplattung 1/270 betragen:
es braucht aber im Innern nicht grade Magneteisenstein sich zu
befinden, der eine Dichtigkeit von 4,5 hat, noch selbst Granat
von 2,3 bis 2,5, es können auch komprimirte Flüssigkeiten
oder Luft sein. Ich mus hiebei des Einfals eines Nordamerikaners
Simes gedenken, der das Innere der Erde für hohl hält:
er glaubt, dass nördlichen Sibirien ein Loch von 12–16 Graden
im Durchmesser sich befinde. Er hatte die Absicht, dieses Loch zu
untersuchen, und schrieb nicht nur in dieser Sache an den Magistrat
von Augsburg, sondern wandte sich auch an mehrere
andre Magistrate um Unterstüzung seines Unternehmens.
Die Idee ist indessen nicht neu: schon Halley, der grosse Astronom
äussert etwas ähnliches in den Philosophical transactions. Auch
Franklin hat fast dieselbe Meinung, und findet hierin den Grund
der Erdbeben. Um diese inneren Theile zu erhellen, nimt Simes
2 leuchtende Planeten, den Pluto und die Proserpina an: allein
dies ist ganz unnöthig: denn schon Chladni hat bewiesen, dass
die blosse Kompression der Luft (wie wir es an manchen Feuerzeugen
sehn) nicht blos eine grosse Hize geben, sondern auch
einen beständigen Lichtprozes hervorbringen würde. Man
würde dies sehr leicht ermitteln können, wenn Maupertuis
Gedanke ausgeführt worden wäre, der dem Könige Friedrich II
vorschlug, in unseren Sandebenen eine Schacht von 45–50
Meilen Tiefe schlagen zu lassen, wo das Platina in der Luft
schwimmen würde. Franklin hielt die Existenz der beiden
unterirdischen Planeten für möglich, und der verdiente Physiker
Lichtenberg, der aber einige wunderbare Ideen hat, macht dies
sogar sehr wahrscheinlich.

Die Erde ist auch gewogen worden, und zwar in neuer Zeit sehr
genau gewogen. Man hat dazu die Bergarten angewendet, und
zuerst bestimmen müssen, dass der Granit 2,3 mal schwerer sei
als Wasser. Laplace, Th. Young (dem wir auch die ersten
Entdekkungen in den Hieroglyphen verdanken) und Yvory
haben sich damit beschäftigt. Nach den Versuchen fand man
die Dichtigkeit der Erde 4 bis 5 mal grösser als Wasser: nach
der Theorie 4,7. Man hat auf einen metallischen Kern geschlossen
, welcher aber nicht nothwendig angenommen zu werden braucht.

Die ersten dieser Wägungen, wozu man die Anziehung der
Gebirge benuzte, geschahen 1774 von Maskeline und Dutton
in Pertshire im nördlichen England: sie suchten sich ein Gebirge
den Shehallion das von Osten nach Westen streicht: und
stelten im Norden desselben ein Fernrohr mit einem Bleiloth
oder mit einer Wasserwage auf, wodurch sie die Zenitalsterne
beobachteten: wurde nun das Fernrohr im Süden des Gebirges
aufgestelt, so erhielt man verschiedene Resultate, indem das
Loth von seiner Richtung abgelenkt wurde. Schon Lacondamine
und Bouguer fanden beim Chimboraço eine Abweichung von
13–15 Sek., und kamen auf den sehr richtigen Gedanken,
dass der ungeheure Bergkegel hohl sein müsse, weil sonst
die Attrakzion noch viel grösser sein würde. Bei allen diesen
Versuchen wird das Loth von 2 Kräften sollizitirt: 1, von der
Schwere, die es nach dem Mittelpunkt der Erde zieht d. h. von der Erde selbst, 2, von
der Masse des Berges, der es von seiner Richtung ablenkt:
wenn man also die Ablenkung mist, und den Berg wiegt, so
erhält man durch eine einfache Proporzion als viertes Glied
die Schwere der Erde selbst. Maskeline hatte den Berg in
Pertshire sehr genau gemessen, aber ihn als aus einer und derselben
Gebirgsart bestehend angenommen, nämlich aus
Syenit; Playfair fand aber nachher 3 Gebirgsarten darin, die
er alle bestimte und maas, und wonach das Resultat der
Messung auf 4,7 modifizirt wurde.

Carlini aus Mailand hat Versuche andrer Art angestelt:
er beobachtete das Pendel auf dem Mont-Cenis unter allen
den Störungen der grossen Gebirgsmassen ringsumher, und
verglich dies mit Biot’s Versuchen in Bordeaux. Danach
erhielt er: 4,4.

Der vortrefliche Astronom Herr v. Zach machte Beobachtungen
an Bergen bei Marseille: allein ihre Höhe war
zu gering, so dass eine Ungewisheit von 1/10 bis 2/10 Statt fand:
man kann also die Resultate nicht brauchen.

Sehr berühmte Versuche machte Cavendish mit einer
vortreflichen Drehwage. Schon 1768 kam Mitchell auf
die Idee einer solchen Wage, aber erst 1777 wurde sie von
Coulon eingeführt unter dem Namen: Balance à torsion:
man kann daher Mitchell nicht eigentlich die Erfindung zuschreiben
: denn er wolte sie brauchen, um die Repulsion der
Sonnenstralen zu messen. Später erhielt Wollaston den Apparat
, und von ihm Cavendish, der einen neuen sehr sorgfältig
konstruiren lies. Man denke sich einen hölzernen Stab, an dessen beiden
Enden Bleikugeln befestigt sind, und der in der Mitte an einem
Faden im völligen Gleichgewicht aufgehängt ist: an jeder
Seite stehn 2 andre Bleikugeln, die ungefähr 6 mal grösser
sind als die ersten: das Ganze ist von allen Seiten durch Gläser
eingeschlossen. Nähert man nun die beiden kleinen Kugeln
den beiden grossen, so sieht man bald dass durch die Attrakzion
Oszillazionen entstehn: diese beobachtet man von
weitem durch ein Fernrohr, um durchaus keine Störungen
zu machen. Da aber theils sehr viele Korrekzionen angebracht
werden, wobei sogar die Anziehung des Gehäuses in
Anschlag komt, theils auch der Kalkul sehr schwierig, und
oft unsicher ist, so kann man sich auf das Resultat:
5,4 nicht recht verlassen, und Carlini’s Versuche machen
es wahrscheinlich, dass die Wahrheit eher unter 4,7 liege,
als darüber. Bei den Versuchen mit der Attrakzion der
Gebirge macht der Umstand eine grosse Ungewisheit, dass
man selten Berge von derselben Gebirgsart findet; oder
wenigstens den Inhalt nach den verschiedenen Gebirgsarten
nicht genau bestimmen kann. Bei der Erdwage komt
Arago’s Entdekkung in Betracht: dass jede Näherung
2er Körper Elektro-magnetismus erregt: schon Cavendish
vermuthete, dass bei den Versuchen ein elektrischer Prozes
vorgehe, den er aber nicht ergründen konte.

Von der innern Wärme des Erdkörpers.

Es giebt 3 Quellen derselben: 1, die Sonnenstrahlen, deren
Wirkung aber nach der Zeit ihrer Dauer und nach dem
Einfalswinkel verschieden ist: daher ist die Masse der Wärme
, welche sie im Ganzen auf der Erde erregen, sehr
schwer zu bestimmen. 2, die Ausstralung aller Gestirne,
welche eine Temperatur des Weltraums hervorbringt:
Es könte wunderbar scheinen, in dem Raume zwischen Erde
und Mond, so wie zwischen Sonne und Erde eine Temperatur
anzunehmen: allein Fourier in seinem treflichen Werke: traité
analytique de la chaleur, hat gezeigt, dass es so sein müsse:
denn sonst würde es mit der Temperatur überhaupt auf
der Erde schlecht aussehn, und schon im September würde alle
Wärme von uns weg nach den Polen hingezogen, und dort
absorbirt werden. Fourier hat bewiesen dass die Quantität
Wärme, welche wir uns im Weltraume denken können, etwas
grösser sein müsse, als die mittlere Temperatur der Polargegenden
. Da wir wissen, dass diese 18° R. beträgt, so könte es
scheinen, als wäre dies eine negative Wärme, also Kälte, es
ist aber positive Wärme, wenn man bedenkt: dass gänzliche
Abwesenheit aller Wärme sich nur durch 3000° Reaum.
annähernd ausdrükken liesse. Diese Temperatur des Weltraumes
macht es, dass der Erdkörper die einmal empfangene
Wärme nicht so schnell wieder ausstralen, sondern
leichter bei sich behalten kann. 3, die primitive Wärme
des Erdkörpers. Bei jedem Körper, der aus dem flüssigen
in den festen Zustand übergeht, wird Wärme entbunden
: eben so bei dem Erdkörper: der glühende Kern
desselben hat an und für sich eine grosse Wärme, welche
durch die oxydirte Rinde gleichsam inkarzerirt ist: sie
kann aber keinen Einflus äussern auf die Veränderung
der Temperatur dieser Rinde selbst: denn das Gleichgewicht
zwischen dem innern und äussern Theile ist jezt so
glüklich hergestelt, dass in Jahrtausenden die Wärme
der Rinde nicht um 1/30° R. vermindert oder vermehrt
werden kann. Laplace hat berechnet, dass die Quantität
Wärme, welche wir dem innern Kerne verdanken, nicht
¼° R. beträgt: daher ist Büffon’s Hypothese unhaltbar,
nach welcher die Erde am Ende erstarren müste. In
einer Tiefe von 10–12 Fus bemerkt man schon nicht mehr die
täglichen Veränderungen, in 100–120 Fus nicht einmal
die jährlichen, sondern das Thermometer hat einen unveränderlichen
Stand. In den Caves de l’Observatoire de Paris,
[wo ich so lange wohnte] welches eigentlich keine Keller, sondern
grosse Hohlen von früheren Steinbrüchen sind, machte
man die ersten Beobachtungen dieser Art, und da sie schon
sehr tief liegen, so zeigt das Thermometer fast gar keiner Veränderung
: man glaubte früher, es stände im Winter höher
als im Sommer, weil die Sommerwärme sich erst nach 6
Monaten dem Gestein mittheile: allein dies ist ungegründet.
Lambert machte andre Versuche, indem er sehr grosse Alkoholthermometer
von 5, 8 ja 20 Fus Länge in die Erde graben lies:
in 10 Fus Tiefe war schon der Stand bei Tag und Nacht derselbe
, wiewohl die Jahreszeiten noch einen Einflus äusserten.
Wenn auf der Oberfläche der Erde das Maximum der Wärme
15–20 Tage nach dem Sommersolstizium eintrit, so braucht
es 2–3 Monate, ehe es in diese Tiefe dringt, und erst Anfang
Oktober fängt das Thermometer an zu steigen. Danach hat man
folgendes Gesez entdekt: dass nicht alle Punkte in einer
Vertikale zu gleicher Zeit ihr maximum und minimum von Wärme erreichen
. Was im allgemeinen die Erde an Wärme durch
den Aequator empfängt, das verliert sie wieder durch
die Pole: aber nie kann dieser Verlust auf die mittleren
Temperaturen sich erstrekken. Mondbeobachtungen haben
gezeigt, dass seit Hipparch’s Zeiten, also in 2000 Jahren die
Erde in ihrer Rotazion nicht um 1/4000 einer Sekunde
retardirt worden ist.

28. Vorlesung, 9. Februar 1828

Die verschiedenen Tiefen, in denen man keine Veränderungen mehr bemerkt
, sind genauer folgende:
daher kann man durch ein Bohrloch von 20 Fus Tiefe in einer Stunde
die mittlere Temperatur des Ortes finden.

unter Fus keine Veränderung in 24 Stunden

20 in einem Jahre.

Die Caves de l’Observatoire sind 80 Fus tief. unter der Seine oder der

Schwelle des Observatoire?

Herr Arago und ich, wir haben in den Gärten des Observatoriums
an einem sehr heissen Tage Versuche gemacht, indem wir mehrere
Thermometer in die Erde einsenkten; es war am 20. Julius 1825, wo das

Thermometer im Schatten 26½° R. zeigte, und der Sand sich bis auf 42° erhizte

, (unter den Tropen habe ich den Sand bis auf 52° beobachtet.)

Das Thermometer zeigte in Fus Tiefe 22½° R.

10 11½°

20 °

Wenn die Rotazion uns Translazion der Erde zunähme, so
würde der Punkt, wo man keinen Unterschied der Temperaturen
mehr wahrnimt, näher an der Oberfläche der Erde zu liegen kommen
: die Dauer der Veränderungen bestimt die Schnelligkeit
dieser Ab- und Zunahme: je kürzer die Tage und Jahreszeiten
werden, um desto weniger hat die Oberfläche der Erde
Zeit, die Veränderungen welche in der angränzenden Luft vorgehn
, anzunehmen. Die Theorie giebt, dass die Zeiten der
Temperaturveränderungen sich verhalten wie die Quadrate
der Entfernungen: die täglichen Veränderungen verhalten sich
zu den jährlichen wie 1:19 (welches ungefähr das Quadrat
aus 365 ist) oder: ein Ort, wo man die jährlichen Oszillazionen
nicht mehr bemerken soll, muss 19 mal tiefer liegen,
als einer, wo man die täglichen nicht mehr wahrnimmt.
Die Empirie giebt uns zwei Mittel, dies zu erforschen und
zu bestätigen:

1, die Beobachtungen in der Grubenluft und in den Grubenquellen
: allein diese sind gefährlich, in dem die Grubenluft
immer komprimirt ist, und die Grubenquellen kein gutes
Resultat geben, insofern sie meist aus den oberen Strekken
herabfliessen, also die Temperatur der oberen Schichten, und nicht
der unteren angeben. Hieran hat Herr v. Buch die scharfsinnige
Bemerkung geknüpft, dass das Eindringen der Wärme in den
Erdkörper durch das Eindringen der Flüssigkeit selbst geschieht
, welche ihre obere Temperatur mitbringen, und dass
diesem Grunde die wohlthätige Erscheinung zuzuschreiben sei,
dass im Ganzen die innere Erdwärme gegen den Nordpol hin
grösser ist, als bei uns, und vielleicht selbst unter dem Aequator
.

2, die Beobachtungen der Quellen selbst, und dies ist das beste
und sicherste Mittel. Je heisser eine Quelle ist, desto tiefer
kömt sie herauf.

Schon den Alten war die Theorie der Vulkane bekant, womit sie
eine poetische Idee von der Werkstatt des Hephaistos
und dem Pyriphlegeton verbanden. Plato hat eine Kentnis
von der Zentralwärme. Descartes, Leibnitz, Halley haben Untersuchungen
darüber angestelt: am meisten aber beschäftigte sich
Méran damit, von dem 2 Mémoires in den Annalen der Akadémie
stehn: das erste vom Jahr 1720, das 2te von 1765. (man
wird nicht leicht von einem Gelehrten 2 Mémoires finden, die so
weit auseinander liegen.) Da aber zu seiner Zeit der analytische
Kalkul noch sehr unvollkommen war, so hat er viele falsche
Resultate: so glaubte er berechnet zu haben, dass für Paris
die Quantität Wärme, welche aus dem Zentrum strömt für
ein Jahr 400 mal grösser sei, als die Sonnenwärme, die er:

été solaire nante. Lambert hat schöne Versuche hierüber

angestelt; eben so Jean Sanac in den Vogesen; Saussure
mit viel grösserer Schärfe in Bex und dann auf seiner
Reise; Fox und Bolt in den Bergwerken von Devonshire;
hier bemerkte man, wie die Luft durch die Wärme der obern
Athmosphäre alterirt wird, weil ein beständiger Luftwechsel
stat findet: da durch Wärme die Luft verdünt wird und
in die Höhe steigt, so solte man glauben, dass die Kälte
(wenn man so sagen darf) weniger leicht in die Tiefen eindringt
: allein hiebei scheint kein Unterschied zu sein. Das
beste Mittel bleiben immer die Bohrlöcher, welche der verdienstvolle

Herr v. Trebra schon vor langer Zeit in Sachsen angewendet hat: er

fand in einer Tiefe von 90 Lachter +9° R.
in 130 +12°

Dubuisson trieb ein Bohrloch bis auf 1000 Fus, und in einigen Schachten
von England kam man so tief, dass die Temperatur +20° R.
betrug, während die mittlere Temperatur von Freiberg nur +6° ist. In
Peru auf einer Höhe von 11,000 Fus, deren mittlere Temperatur +5 bis 6° war, (ungefähr wie Berlin)
fuhr ich an, und fand in dem Bergwerke die Temperatur von +15°; in
Mexiko auf 6000 Fus Höhe, wo die mittlere Temperatur +12–13° war,
befuhr ich einen Schacht von 1450 Fus Tiefe, der zu den tiefsten bekanten
gehört, und fand unten eine Quelle von +27° R.

In ganz neuer Zeit ungefähr vor 1–2 Jahren hat Herr Cordier ein
schäzbares Mémoire herausgegeben, worin er die relative Tiefe
mit dem Zunehmen der Wärme vergleicht: allein die Bedingungen
sind so mannigfaltig, und veränderlich, dass man man bis
jezt noch zu keinem Resultate hat kommen können; indes
läst sich vergleichungsweise sagen, dass die Kälte nach dem Innern
der Erde zu weit schneller abnimt, als die Wärme, wenn man sich
von der Oberfläche der Erde erhebt: man braucht oft nur 80 Fus tief
zu steigen, und die Wärme wird um 1° zunehmen; in der Luft dagegen
mus man sich 650 Fus erheben, wenn die Wärme um 1° abnehmen soll.
in Paris hat man in einer Tiefe von 85 Fus eine Temperatur, die
konstant auf +9°,4 R. stehn bleibt, während die mittlere Temperatur des
Ortes +8°,5 R. ist.

Die ersten Versuche über die Quellen machte Roebuck 1775, ein englischer
Physiker, dessen Arbeiten in den Philosophical transactions
stehn.

Wir unterscheiden bei den Quellen 2erlei Arten.

1, solche die ihre Temperatur nicht verändern

2, bei denen man kleine Oszillazionen der Monate bemerkt.

In der Reise von Buch und Wahlenberg ist es zuerst bemerkt,
dass im Norden eine grössere Erdwärme herscht als bei uns, und
dass dies den Quellen zuzuschreiben sei. Wir sehn, dass es am Nordkap
und an der Hudsonsbay immer fliessende Quellen giebt.

In Schweden vom 56 bis 66° Nordbreite nimt die Wärme der Quellen
um 3 bis 4° zu. Herrn Ermans Untersuchungen am Luisenbrunnen
haben gezeigt, dass bei uns die Temperatur der Quellen noch etwas grösser
ist als die mittlere Temperatur des Orts: in Süddeutschland, unter 50°

Nordbreite tritt der Punkt ein, wo die beiden Temperaturen ganz gleich sind.

Nach Italien zu werden die Quellen kälter als die mittlere Temperatur und
besonders auffallend ist dies auf den kanarischen Inseln, wie wir
aus dem treflichen Werke des Herrn v. Buch wissen. Ein ähnliches Phänomen
beobachtete ich unter den Tropen, in der grossen Höhle
del Guacharo, welche von einer eignen species von unterirdischen
Vögeln, einer Art von Caprimulgus bewohnt wird: hier hatten
Wasser und Luft eine niedrige Temperatur als aussen vor der
Höhle.

Im allgemeinen kann man feststellen, dass die Schichten, welche
ungleich vom Zentrum der Erde entfernt sind, nicht immer eine
verschiedene Temperatur haben; oder: die isothermen Schichten
folgen allen Undulazionen der Erdoberfläche, und die Quellen
nehmen nur ihre Temperatur nach der relativen Höhe der Schichten,
nicht nach ihrer absoluten über dem Meere, an.

Herr v. Buch nahm an, dass zum Theil der Grund davon in der

Periode der Regenzeit liegen könne. In allen Gegenden, wo sie statt
findet, nämlich unter den Tropen fält sie in den Winter, und dauert nie über den Mai
hinaus: die Wasser haben also eine niedrige Temperatur, indem
sie in die Erde eindringen, und erkälten mithin unter den Tropen
die von ihnen berührten Erdschichten: dagegen könte im Norden
vielleicht die Schneedekke dazu beitragen, die Wärme festzuhalten,
indem der Schnee einer der schlechtesten Wärmeleiter ist, den wir
kennen. Indem wir annehmen, dass die isothermen Schichten
nicht in derselben Entfernung vom Zentrum der Erde liegen, so
müssen schon deshalb die nördlichen Länder unter der Oberfläche
wärmer sein als die Tropen.

Wir haben noch einiges von den Eismassen zu sagen, welche man
nahe an der Oberfläche der Erde gefunden. Gmelin hat alles aus
den Archiven in Rusland gesammelt, aber die Facta sind nicht
zuverlässig, genug: so ist einer Erzälung auch nicht zu trauen,
nach welcher in der Nähe von Irkutzk von den Kosaken ein
Brunnen gegraben wurde, bei dem sie in der Tiefe von 100 Fus
auf Eismassen gestossen sein sollen, die sie verhinderten, in der
Arbeit weiter fortzufahren.

Sicher ist das Factum, welches uns Captain Franklin mittheilt: auf
seiner Reise nach dem Coppermine- und Mackenzie-flusse traf
er in der gar nicht bedeutenden Breite von 65½ Grad in einer Tiefe
von 3 Fus auf grosse Eismassen. Wo diese Massen zu Tage anstehn,
und nie wegschmelzen, kann es sogar eine Vegetazion auf ihnen
geben, da ihre mittlere Sommertemperatur +5 bis 6° R. ist. Herr v.
Chamisso hat uns eine schöne Beschreibung davon gegeben. Seguier
fand auf den Eismassen Erde, worin Pflanzen sehr gut hätten
fortkommen können.

Noch mus angeführt werden, dass Herr v. Buch die scharfsinnige
Bemerkung machte, dass Quellen, welche Kohlensäure enthalten,
3 bis 4° R. wärmer sind, als andre: dies findet sich nicht nur in der
Wetterau, zwischen Lahn und Main, sondern an vielen andern Orten:
da man nun wahrgenommen, dass alle vulkanischen Explosionen
mit der Entbindung von einer ungeheuren Menge von Kohlensäure
verknüpft sind, so führte dies auf den Schlus, dass jene Quellen, welche
Kohlensäure enthalten, wohl näher an den vulkanischen Heerden
im Innern der Erde liegen könten: daher also ihre höhere Temperatur.

Eng verbunden mit den Erscheinungen der Erdwärme ist der
Erdmagnetismus.
Wir können uns hier nicht darauf einlassen, seine Natur genauer

zu untersuchen, sondern wir wollen nur über die geographische
Vertheilung dieser Kräfte etwas beibringen. Indessen müssen einige
allgemeinen Notizen über die neusten höchst wichtigen Entdekkungen
vorausgeschikt werden, obgleich die Hauptmomente in das Gebiet
der Physik gehören.

Die älteste Beobachtung war die, dass der Magnetismus dem
Eisen und den Eisenerzen allein angehöre; man glaubte aber, dass
die höheren Schichten der Erde nicht so magnetisch wären, als
die tieferen: dann kam auf die Entdekkung, dass das Eisen mit
Kohle gemengt (als Stahl) den Magnetismus viel länger behalte,
als sonst; man mengte das Eisen mit Schwefel und Phosphor,
und brachte eine Mischung hervor, welche den Magnetismus sehr
lange Zeit festhält. Bald fand man, dass Nikkel und Kobalt
eben so gut zu Magnetnadeln dienen könne, als Eisen. Die Herren
Ritter und Richter wolten auch Mangan und Chrom hieher ziehn,
aber die Sache ist noch ungewis.

Endlich machte Arago die grosse Entdekkung, dass alle Körper
transitorisch von magnetischen Kräften sollizitirt werden können:
Die Veranlassung war folgende: wir befanden uns zusammen in
Greenwich, um Pendelbeobachtungen zu machen und Herr Arago
lies eine Nadel in einem hölzernen Kasten schwingen, welche
früher in Paris geschwungen hatte: er bemerkte dass sie stark
retardirte, und kam sogleich auf den Gedanken, dass der hölzerne
Kasten attraktorisch darauf wirken müsse, welches sich vollkommen
bestätigte. Er verfolgte nun diese Entdekkung, und lies Kupferringe
um den schwingenden Magnet machen, welche ihn alsobald
zum Stillstand brachten: es war dasselbe, als ob er ihn im Wasser
oder in einer andern hemmenden Flüssigkeit hätte schwingen
lassen: wenn die Nadel ohne die Kupferringe 62 Oszillazionen
machte: so konte sie mit denselben nach 20 Oszillazionen zum Stillstand
gebracht werden: ja die Nähe von irgend einem Körper äussert
einen hemmenden Einflus auf die Nadel, welches man sich so
erklären mus, dass die Nadel in einem jeden Körper transitorisch
einen Pot erregt, der auf sie hemmend zurükwirkt, sobald
sie in Bewegung ist, und sie in Bewegung sezt, wenn sie vorher
ruhte. Hängt man eine Nadel an einem Faden auf, und bringt
darunter eine Scheibe an, die man schnell dreht, so wird in der Scheibe
ein Pol erregt: dieser wirkt auf die Nadel zurük, und nach einiger
Zeit sieht man, dass sie zu schwingen anfängt. Um zu zeigen, dass
dies nicht etwa von der Erschütterung der Luft herkomme, kann
man eine gläserne Tafel über der drehenden Scheibe befestigen, die
Erscheinung bleibt dieselbe. Auf diese Weise hat man in Wasser, sogar
in Eis Magnetismus erregt.

Coulon verfertigte schon vor 20 Jahren Nadeln von Holz und Elfenbein
, und lies sie neben Magnetnadeln schwingen: allein er
kam zu keinem Resultat, und Arago gebührt mit vollem Rechte
die Entdekkung des transitorischen Magnetismus.

Hansteen in Norwegen hat bemerkt, dass Magnetnadeln verschieden
schwingen, je nachdem er sie an den Nord- oder Südseite
der Bäume aufstellte, ja die Richtung der Bäume soll einen Einflus
auf die Nadel gehabt haben.

Vor allen mus aber Oerstädt’s schöne Entdekkung v. 1820 erwähnt werden
, die: Wärme, Elektrizität und Magnetismus in Verbindung
brachte: er stellte eine Magnetnadel vor die Voltaische Säule, und
fand, wenn er die Kette schlos, dass die Nadel affizirt wurde:
dies war verschieden, je nachdem er sie über oder unter den galvanischen
Strom brachte.

Ampère fand: wenn 2 elektrische Ströme gegen einander geleitet
werden, dass ein kupferner Draht ganz dieselbe Bewegung
macht, wie die Magnetnadel. Man machte auf diese Weise
Magnete, indem man Metalldrähte in einer Schraubenlinie um
einen Kupferdraht wand, wobei nicht zu übersehn ist, dass
wenn man rechts herum windet, der Nordpol oben ist, wenn
links herum, unten. Durch Poggendorf’s und Schweigger’s Multiplikator
ist man dahin gekommen, die Erscheinungen bedeutend
zu verstärken, und Becquérell sprach es aus, dass bei jeder
chemischen Veränderung ein elektro-magnetischer Prozes stattfindet
: er machte selbst viele Versuche darüber, und entdekte durch
die Magnetnadel so kleine Quantitäten von Säuren, als man
durch Reagenzien nie würde haben auffinden können.

Seebeck machte die glänzende Entdekkung des Thermomagnetismus
: er fand dass man Elektrizität und Magnetismus durch
Wärme erregen kann; und danach könte man nicht ohne Wahrscheinlichkeit
schliessen, dass in der verschiedenen Erwärmung
der Erdoberfläche der Grund zur Erdelektrizität zu suchen sei.
Das vulkanische Feuer selbst mag die Spannung der Erdelektrizität
modifiziren, und ihm kann es beigemessen werden, dass der magnetische
Aequator, der ohnehin nicht mit dem Erdaequator zusammenfält
, sondern sich um ihn schlängelt, im Vorrükken begriffen
ist.

Dass die Sonnenstralen in leuchtende und wärmeerzeugende zerfallen
, hatte man schon früher gewust: allein Morecchini in
Rom fand: dass das violette Licht auch chemische Stralen enthält,
durch deren Einflus unmagnetisches Eisen magnetisch wird. Lady
Sommerville und Wollaston wiederholten diese Versuche in England.
Je nachdem das Licht polarisch oder unpolarisch ist erhält man
den Nord- oder Südpol: doch scheint ein besonders glüklicher
Einflus der Sonnenstralen dazu zu gehören: denn diese Versuche
sind nur selten geglükt.

Man glaubte früher, dass die magnetischen Kräfte, welche
in allen eben angeführten Erscheinungen thätig sind, sich sehr
hoch über die Oberfläche der Erde erhöhen. Ich habe auf
einer Höhe von 15000 Fus über dem Meere magnetische
Versuche angestelt, aber durchaus keine Veränderung wahrgenommen
. Gay Lussac, der sich bis 21500 Fus erhoben hat,
lies in dieser Höhe Magnetnadeln schwingen, die ich vorher mit
ihm in Paris sehr genau geprüft hatte, und fand ganz
dieselbe Zahl von Schwingungen, wie unten: er schlos daraus,
dass also auch die magnetische Spannung dieselbe sein müsse.
Allein Herr Kupfer in Kasan hat gezeigt, dass die Wärme
Einflus auf die Schwingungen habe, und sie verringere; unten
in Paris hatten wir +27° R. Herr Gay Lussac hatte oben −9° R.
wenn also wirklich die magnetische Spannung oben und unten
dieselbe war, so hätte der Temperatur-unterschied allein,
die Nadel beschleunigen müssen: es läst sich also grade aus der
gleich grossen Zahl der Schwingungen schliessen, dass die
Intensität der magnetischen Kräfte in einer so grossen
Höhe abgenommen habe.

29. Vorlesung, 13. Februar 1828

Meine Versuche wurden angestelt in der Höhe von 14000 Fus.
in der Grotte von Antisana, und indem ich sie mit denen von
Quito verglich, fand ich, dass die magnetische Spannung etwas
schwächer geworden war, ungefähr wie 23 : 21; indessen können auch
die umgebenden Trachyt-massen die Intensität der Spannung
vermehrt haben. Erman machte eine Reihe von interessanten
Versuchen in Bergwerken, und fand nach dem innern der Erde zu
durchaus kein Zunehmen der magnetischen Spannung: allein die
umgebenden Gesteinmassen können hier manche Änderung hervorgebracht
haben. Trouton in England glaubte lange, dass in
der Finsternis die magnetische Kraft nicht so gros sei, als
im Hellen: allein die Versuche, welche Cassini in den Caves
de l’Observatoire anstelte, haben gezeigt, dass auch bei Lampenschein
die magnetische Spannung ganz dieselbe sei, als
oben im Sonnenlicht: Woher die Elektrizität entstanden sei,
ist hier nicht zu untersuchen: ich will nur die Meinungen
darüber anführen: einige haben geglaubt, die Erstarrung
der Erdrinde habe die elektrischen Kräfte hervorgebracht:
so wie man annimt, dass die primitive Wärme dadurch erzeugt
worden sei; andre glaubten nach den Versuchen von
Morecchini und der Miss Sommerville, dass sie durch die
Sonnenstralen erzeugt werde: dann würde sie sich aber nur
an der Oberfläche der Erde finden; Seebek hat in seinem
treflichen Mémoire über den Thermo-magnetismus angenommen
, dass das vulkanische Feuer die Ursache davon sei,
so wie er in einem metallnen Ringe durch ungleiche Erwärmung
Magnetismus hervorbrachte: so erregt das unterirdische
Feuer den Erdmagnetismus, indem es die Schichten des
Gesteins und der Metalle ungleich erwärmt: so würde sich auch
das Wandern der magnetischen Linien erklären lassen, wenn
das Feuer an einem Orte bald stärker bald schwächer ist;
grade umgekehrt glaubte Ampère in Frankreich, dass alle Wärme
eine Folge der Elektrizität sei.

Wir gehn nun zu den Erscheinungen selbst über, deren es
dreierlei giebt.

1, die magnetische Abweichung.

2, Neigung.

3, Intensität der magnetischen Kraft.

Für die magnetische Kraft überhaupt nahm man bald 4
bald 2 Pole an, und hielt den Nord- und Süd-pol derselben für
den Pol der grösten Kälte. Brewster hat dies ausgeführt in
der Übersezung meiner Schrift über die isothermen Linien:
er stüzte sich auf die allerdings richtige Wahrnehmung, dass Nordamerika
nicht so warm ist als Europa, oder dass die isothermen
Linien dort südlicher fallen, als bei uns: wenn man also in den
vereinigten Staaten einen Punkt sucht, dessen mittlere
Temperatur der von Berlin gleich ist, so wird er in Amerika
unter einem viel geringeren Breitengrade liegen;
dies leitete Brewster daher ab, dass
jene Gegenden in Amerika dem magnetischen Pole oder dem
Kälte-pol, der sich in 60–70 Grad Nordbreite befindet (in Nord-
Kanada, östlich vom Mackenzieflusse) näher liegen, als wir,
dass ihre magnetische Breite geringer ist vom Pol an gerechnet
, als die unsrige: er übersah aber das Faktum, dass
alle westlichen Küsten wärmer sind, als die östlichen, und
dass wir einen Theil unseres milden Klima’s in Europa
zugleich der vorgerükten Kultur verdanken; indem also
bei den isothermen Linien von einer Vergleichung der östlichen
und westlichen Küsten des atlantischen Meeres die
Rede war, würde dies schon nicht mehr auf die Westküste
von Amerika passen. Brewster hat sogar viele Berechnungen
darüber angestelt, und gezeigt, dass indem die magnetischen
Pole sich fortbewegen, dies eine wohlthätige Einrichtung
für mehrere Orte ist; indem sich, nach seiner Meinung, das
maximum von Kälte von ihnen entfernt; allein es giebt 2
Gründe dagegen: 1, fand Sevine dass die gröste Kälte nicht
da herscht, wo Brewster sie annahm, sondern zwischen
Neu-Sibirien und der Behringstrasse, welche viel zu eng ist, um
die Eisschollen abströmen zu lassen, die sich nun nördlich von
derselben ansammeln, und 2, ist die westliche Küste
von Amerika weit wärmer als die östliche.

Man hat gefragt, ob die magnetischen Pole nicht vielleicht
die alten Erdpole gewesen wären? Klügel hat dies mit vielem
Scharfsinne in einem Mémoire auseinandergesezt, indem er die
von Lacaille am Kap der guten Hofnung gemessene Abplattung
damit in Einklang bringen wolte. Laplace hat aber durch
Rechnung das Gegentheil bewiesen, und die neueren Gradmessungen
haben es bestätigt, dass das maximum der Abplattung
wirklich in und um die Pole fält, wie sie jezt stehn.

Am auffallendsten zeigen dies die neusten Längengradmessungen
von Bordeaux bis Fiume. Wenn man den ganzen gemessenen
Bogen in 5 Theile theilt: so ist die Abplattung derselben sehr
ungleich. Bei den höheren Gebirgen, in der Auvergne, im Vivarais
, südlich von Genf am Montblanc, ist die Abplattung
geringer, grade als ob hier dichtere Theile der Oberfläche der
Erde näher gewesen wären, und ihre Abrundung verhindert
hätten: der Unterschied beträgt auf einen Grad 95 Toisen, welches
um so bedeutender ist, da ein Längengrad im Ganzen nur
40,000 Toisen ausmacht. Dagegen in den flacheren Strekken
bei Bordeaux und in der Lombardei ist die Erde stärker
konvex: auch für die Breitengrade ist die Längengradmessung
nicht ohne Nuzen: die neue Formel von Puissant
zeigt, dass der Meridiangrad bedeutend dadurch verbessert
ist; an diesen flachen Stellen beträgt die Abplattung
1/250, während sie im Ganzen 1/290 ausmacht. Wenn die
vortreflichen Operazionen, die der General von Müffling
zum Theil nach eignen Beobachtungen im Preussischen
machen läst, vollendet sein werden: so wird man sie mit der
am Seeberg gemessenen Basis verbinden können, und so eine
Längengradmessung von Aachen bis Posen und Königsberg
haben.

Die Zahl der magnetischen Pole wird bald zu 2 bald zu 4
angenommen. Euler nahm 2. Halley 4, wovon 2 beweglich,
und 2 unbeweglich; Hansteen wieder 2; T. Mayer nahm
einen Magnet im Innern der Erde an; ungefähr dasselbe
ist in einem Mémoire gesagt, das ich zusammen mit Biot
gleich nach meiner Zurükkunft von Amerika über die
magnetischen Kräfte herausgegeben habe. Der Dr Steinhäuser
nimt einen Planeten Minerva im Innern der
Erde an, der von andern Pluto genant wurde.

Von der magnetischen Abweichung.

Wenn man eine Magnetnadel frei aufhängt: so zeigt sie nicht
nach dem wahren Nordpol hin, sondern bei uns südwestlich
von demselben. Den Winkel, welchen die Richtung der Nadel
mit dem Meridian an jedem gegebenen Ort macht, nent
man die Abweichung der Nadel. Die Griechen hatten zwar
eine Kentnis von der Anziehungskraft des Magnetes, aber
nicht von der Richtung des magnetischen Eisens nach
Norden. Gewöhnlich nimt man an, dass Fl. Gioia aus
Amalfi im 13ten Jahrhundert die Magnetnadel für die Schiffahrt
soll erfunden haben, allein dies ist ganz falsch:
schon 1181 wird ein Roman de la Rosa von einem Dichter
am Hofe Kaiser Friedrich I erwähnt, worin
öfters die Marinette (so genant von ihrem Nuzen für die
Marine) vorkömt. Auch findet sich eine Nachricht aus
dem 12ten Jahrhundert dass Norweger auf ihren Fahrten
Raben mitnahmen, und diese fliegen liessen, wenn sie
in der Nähe des Landes zu sein glaubten, weil sie diesen
Vögeln, den Instinkt zutrauten, das Land zu finden, und
dann mit den Schiffen ihrem Fluge folgten. NB. wenn sie
keinen Leitstein bei sich hatten. Bei den Chinesen war
der Kompas von uralten Zeiten her bekant. Der Pater
Gaudi berichtet, dass sie im 12ten Jahrhundert schon die Abweichung
der Magnetnadel bemerkt und gemessen haben,
daher rühmt sich Kolumbus mit Unrecht (obgleich er von den
chinesischen Entdekkungen keine Kentnis haben konte) dass
er die Abweichung auf seiner ersten Reise 1592 zuerst erkant
habe: er bemerkte auch, dass zwischen den kanarischen und
azorischen Inseln ein Punkt eintritt, wo die Magnetnadel
den wahren Nord zeigt, hier ist also eine Linie ohne Abweichung
. Wo dies aber nicht der Fall ist, da sezt man
sich grossen Irthümern aus, wenn man, wie nur zu häufig
noch geschieht, geodätische Operazionen mit der Nadel
macht: zu einer grossen Genauigkeit kann man auf diese
Weise nie gelangen: denn man hat bei der Magnetnadel stündliche
Abweichungen von fast ¼ Grad bemerkt; (ich selbst
beobachtete sie von 18 Minuten-Bogen in 24 Stunden.) wenn man
also eine geodätische Messung des Morgens anfängt, und
des Abends vollendet, so kann man sehr bedeutende
Fehler hinein bekommen.

Früher bestimte man die Abweichung auf eine sehr
weitläufige Art, indem man eine Mittagslinie mas, und
eine rechtwinklige Bussole darauf stelte, wo denn die
Unterschiede sehr mühsam aufzufinden waren. Die beste
Methode hat Herr v. Zach angegeben. Wenn man nämlich auf einem
Fernrohr mit eiserner oder kupferner Röhre einen starken
Magnet befestigt, so wird das Fernrohr die Stelle der Magnetnadel
vertreten können, und wird sich, freihängend, von selbst
in den magnetischen Meridian sezen. Hat man nun im Gesichtsfelde
ein Fadenkreuz aufgerichtet, und visirt damit nach irgend
einem Punkte, so wird es von Minute zu Minute einen andern
Punkt dekken, oder auf einen andern Gegenstand zeigen: vergleicht
man dies mit dem Meridiane, den man sich durch
einen Stern verschaft hat, so erhält man die Abweichung.

undeutlich.

Auf Cook’s zweiter Reise fand man, dass das Eisen auf
dem Schiffe der Bussole gefährlich sei, und grosse Abweichungen
derselben hervorbringe: es kömt indes nur auf
die Richtung der Kraft an, und wenn man das Eisen auf
dem Schiffe so stellen könte, dass es in derselben Richtung
wirkte, wie der magnetische Pol, so würde die Störung Null
sein. Vor kurzem machte Barrow die grosse Entdekkung,
dass man durch eine kleine Stahlplatte den Irthum volkommen
korrigiren könte, und gewann den grossen Preis, den die
Admiralität auf die Lösung dieser Frage gesezt hatte. Auf
den Kriegsschiffen wirken nämlich die Kanonen, und alles darauf
befindliche Eisen aus der Ferne nicht so stark auf die
Nadel, als eine kleine Eisenplatte in der Nähe des Kompasses.
Man visirt mit 2 Kompassen vom Lande nach dem Schiffe und
umgekehrt gegeneinander, und dreht das Schiff nach und nach,
bis man den Abweichungswinkel gefunden: dann wird die Korrekzionsplatte
neben dem Kompas in einer solchen Entfernung
befestigt, dass sie grade die Wirkung der Kanonen pp. aufhebt.
Captain Basil Hall, Cary und andere haben die Sache auf
ihren Reisen versucht, und ganz anwendbar befunden: nur
wenn man in irgend einen Indifferenzpunkt auf der Erde komt,
so wird die Korrekzion der Platte Null sein.

Der spanische Seefahrer P. Nuñez fand 1538 zuerst einen
solchen Indifferenzpunkt, nicht weit vom Kap der guten
Hofnung, an einem Cap, das man daher Capo de Agulias
(Cap des aiguilles) nante. Costa kam darauf, dass man
durch dieses Mittel die Länge finden könne: allein bei
der im Ganzen geringen Abweichung und dem Wechsel der
Linien selbst ist es sehr ungewis.
Alonzo de St Cruz machte 1530 die ersten magnetischen Karten

, wie dies von Salassart neuerlich bewiesen worden ist.
Wie merklich die Nadel im Laufe der Zeit abweiche, soll uns
an dem Beispiel von London gezeigt werden.

In London war 1580 die magnetische Abweichung 11° 15 östlich
1657 0°
1665 1° 22 westlich
nach Paris rükte die Linie ohne Abweichung später. Früher
kante man nur eine solche magnetische Linie ohne Abweichung
, welche zwischen den azorischen und kanarischen Inseln
in den atlantischen Ozean fiel: dann fand man, dass sie
sich in 2 Zweige theile, von denen der eine durch Konstantinopel
ging. Hansteen hat gezeigt, dass 1818 der Punkt der
grösten Elongazion eingetreten war (welches man ohne Grund
mit den Nordlichtern hat in Verbindung bringen wollen) und
dass sich die Nadel jezt wieder dem Pol nähert.

In Ost-Asien herscht, troz der Reise des Astronomen
Schubert noch immer Unsicherheit über die Linie ohne
Abweichung, und man mus jezt wenigstens 3 oder 4 annehmen
:
1, die erste fält in den atlantischen Ozean. Sandwichinseln,

Cap Augustin, streift an Brasilien hin, und geht bis 12°
nördlicher Breite von Trinidad.

2, in der Südsee, an der Küste von Peru. Gallopagos.

3, 4, die 3te und 4te Linie sind vielleicht eine und dieselbe,
die sich bei den molukkischen Inseln scheidet, der eine
Zweig geht gegen China und Japan hin, der andre wunderbar
verschlungen von Bengalen nach Kasan, wie Hansteen
behauptet. Merkwürdiger Weise scheint im Innern
von Afrika keine Linie ohne Abweichung zu sein; auch
ist es auffallend, dass wenn die Linie auf dem Kontinent
steht, die Bewegung (der Nadel) nur sehr gering ist.
Der magnetische Pol in Amerika selbst ist sehr ungewis.
Parry, Lyon und Sabine haben sich darum bemüht: er
variirt vom 60–70° Nördl. Breite, und vom 80ten–100ten Grade
der Länge.

30. Vorlesung, 16. Februar 1828

Die Angular-quantität, um welche die Nadel vom wahren
Norden abweicht, heist die Abweichung, und läst sich am
besten durch ein magnetisches Fernrohr bestimmen.

[Diese ganze trefliche Stelle müste
am Ende der Betrachtungen über den
Magnetismus stehn: denn die Inklinazion
wird darin erwähnt, welche
erst viel weiter unten erklärt wird,
eben so der magnetische Aequator.]
Die magnetische Kraft, als ein Substrat der magnetischen

Spannung, zeigt sich am deutlichsten in dem Erdlicht, welches
an den Polen ausgestralt wird, und das jedesmal die Magnetnadel
auffallend affizirt.

Dass die magnetische und elektrische Kraft ein und dieselbe
seien, haben Oerstädt’s glänzende Entdekkungen deutlich bewiesen
: da aber immer Heterogenität in den respektiven
Erscheinungen statt findet, so bedient man sich 2er Instrumente
, um sie wahrzunehmen, der Magnetoskope und der
Elektroskope.

Einen ruhigen Gang zeigt die elektro-magnetische Kraft in
den stündlichen oder vielmehr täglichen Abweichungen der
Nadel, die beim Aufgange der Sonne nach Osten hin inklinirt
, zu Mittag durch den Meridian geht, und am Abend nach
Westen sich wendet. Unperiodische Strömungen aber
zeigen sich bei Gewittern, wo die Elektroskope häufig vom
positiven auf den negativen Pol, und umgekehrt, überspringen.
Ausserdem giebt es aber noch bei nächtlichen Versuchen
wunderbare Zukkungen, die ein Schwanken um einen
Mittelzustand der magnetischen Spannung anzudeuten
scheinen.

In England haben sich um die Lehre vom Magnetismus
besonders verdient gemacht: Faraday, Davy, Herschel jun.
indessen ist noch kein allgemeines Resultat zu Stande
gekommen; und wenn wir gleich sagen können, dass seit
1820 grosse Schritte geschehn sind im Begreifen des naturgemässen
Ganges der magnetischen Erscheinungen: so
dürfen wir uns doch nicht verhehlen, dass diese Lehre noch
weit davon entfernt ist, mit so grosser Genauigkeit bestim̃t
durchgeführt zu sein: als etwa die von Newton entdekten
Gravitazionsgeseze in der ausgeführten Mechanik des
Himmels. Die beiden Probleme sind aber ganz verschiedener
Natur. Bei den Gesezen der Schwere haben wir es
nur mit der Masse der Körper und mit ihrer Dichtigkeit
zu thun: wenn aber von den physikalischen Eigenschaften
der Körper die Rede ist: dann legen die Heterogeineität
ihrer Stoffe, ihre chemische Mischung, und das
Verhalten der einzelnen Theile zu einander, dem Forscher
solche Schwierigkeiten in den Weg, dass es immer schwerer
und schwerer wird, ihre Geseze zu erkennen.

Obgleich uns der magnetische Aequator zugänglicher ist
als die magnetischen Pole, welche man fast gar nicht
kennt: so wissen wir doch auch davon sehr wenig. Herr
Hansteen nimt 2 Nord- und 2 Südpole an. Von den beiden
Nordpolen liegt der eine in Nordamerika zwischen 60–70° Breite,
der andre nördlich vom Ausflusse des Jenisei. Die beiden
Südpole beruhen fast ganz auf Hypothesen, da man jene
Länder so wenig untersucht hat: nach Hansteen’s
Meinung liegen sie näher beim Südpole, als die magnetischen
Nordpole beim Nordpol der Erde: der erste südlich
im Meridian von Van Diemensland, der 2te im Meridian
des erst seit kurzem entdekten Neu-Shetland und Neu-
Georgien. Der eine nördliche Pol in Kanada ist auf
der lezten Expedizion von Parry nördlich umgangen worden
, so dass ihnen die Nadel nicht mehr die Richtung
nach Norden, sondern eine ganz abweichende nach Südwest
zeigte.

Der magnetische Aequator liegt da, wo die Inklinazion

[wovon weiter unten die Rede sein wird] gleich Null ist,

sehr bemerkenswerth ist es aber, dass er nicht nur nicht
mit dem Erdäquator zusammenfält (was sich freilich schon
aus der abweichenden Stellung seiner Pole schliessen liesse)
sondern dass er nicht einmal ein gröster Kreis ist: er
windet sich sehr unregelmässig um die Erde, und durchschneidet
den Aequator der Erde an verschiedenen Stellen:
darum eben ist jede mathematische Anwendung sowohl
auf die Linien, als auch auf die Erscheinungen der magnetischen
Kraft so überaus schwierig. Man hat sich bis jezt
darauf einschränken müssen, nur die empirischen Geseze,
denen die magnetische Kraft auf der Erde folgt, aufzusuchen, und
die isodynamischen Linien zu bestimmen: man hat sie
erklärt durch einen im Innern der Erde befindlichen Magnet,
mit 1 oder 2 Polen (je nachdem man 2 oder 4 Axen annahm)
der in einer gewissen Bewegung begriffen ist. Dies ist aber
keine physische Erklärung: die Schwierigkeit wird dadurch
nicht gehoben, sondern gleichsam nur von der Oberfläche der
Erde in ihre Tiefe gebracht.

Bedenkt man aber wiederum, dass die Linien ohne Abweichung
, wenn sie vom Meere auf den Kontinent übergehn,
länger auf dem Kontinente verweilen, so möchte dies
zu der Vermuthung Anlas geben, dass die Dichtigkeit selbst
der Massen, einen Einflus auf das schnelle oder langsame
Vorrükken derselben habe.

Wir müssen uns gestehn, dass wir bis jezt keine Einsicht
in den physischen Kausalzusammenhang der magnetischen
Erscheinungen haben, weil wir die Grundursach derselben
noch nicht haben auffinden können. Wo von etwas quantitativ-veränderlichen
die Rede ist, da kann die Mathematik
angewendet werden, bei allem andern aber ist sie
von keinem Nuzen. So wäre es z. B. sehr leicht, eine Projekzion
des Amazonenstromes nach Abszissen und Ordinaten
zu machen, die man einer ganz genauen Berechnung
unterwerfen könte: man würde aber durchaus keinen Schlus
von dem oberen Laufe auf den unteren machen können.

Man kann auch durch mathematisches Interpoliren manches
finden, wenn man eine Reihe von Erscheinungen in grossen
Entfernungen vor sich hat: allein der bestimte Zustand
der magnetischen Erscheinungen hat erst seit ganz kurzem
die genauere Aufmerksamkeit der Forscher auf sich
gezogen: alle guten Beobachtungen datiren erst von 30–35
Jahren her, und danach will man Schlüsse auf Perioden
von 3–4000 Jahren machen? So hat Herr Hansteen mehrere
Perioden angenommen, von denen die eine 860, die andre
1400 Jahr dauern, aber noch sehr weit von der mathematischen
Schärfe entfernt sind, die wir in andern Wissenschaften erreichen
konten.

Man ist noch weiter gegangen, und hat fast spielend
diese neu gefundenen Perioden, in denen der Umlauf der
magnetischen Pole um den Weltpol enthalten sein soll, mit
den indischen Perioden des Kadari verglichen, welche alle
Multipla der geheimnisvollen Zahl 234 oder 430 sind. Der
deutsche Astronom Burkhardt in Paris berechnete auf diese
Art eine Periode, (indem er alle Umläufe des magnetischen
Poles um den Weltpol addirte ) welche auch ein Multiplum
von 430 ist, und ungefähr 25000 Jahre beträgt. Nun ist
dies auch die Periode für die Präzession der Aequinokzien,
und hierin glaubte man ein neues Geheimnis zu finden.

Aber dies führte zu keinem Resultat, und bis jezt giebt
es noch keine mathematische Theorie, welche auf genügende
Weise, die Abweichung, Inklinazion und die dynamischen
Linien mit einander verbindet. Für die Empirie ist sehr viel
geschehn, und man kann sagen, dass, so kurz auch die Zeit
ist, seitdem man sich mit den magnetischen Erscheinungen
genauer beschäftigt, doch die Fortschritte in der Erkentnis wenigstens
der empirischen Geseze sehr gros gewesen sind. Vor
allen mus hier Herr Hansteen in Norwegen genant werden,
der sehr schöne Beobachtungen mit anhaltendem Fleisse
gemacht, und zuerst einen Zusammenhang der magnetischen
Oszillazionen mit den Nordlichtern nachgewiesen hat: er wird
noch in diesem Jahre eine Reise nach Ostasien machen, um
dort die Linien ohne Abweichung zu bestimmen, und man kann
sich sehr viel von dieser Expedizion versprechen.

Wir fahren fort, von der Deklinazion oder Abweichung der Magnetnadel
einiges anzuführen. Bei den 4 Linien ohne Abweichung
ist nachzutragen, dass die erste, welche in den atlantischen Ozean
fält, sich am wenigsten scheint geändert zu haben, und dass die
3te Neuholland und die Molukken durchschneidet, und sich in 2
Zweigen nach Asien hinauf wendet.

Die stündliche Abweichung wurde nicht von Graham zuerst gefunden, wie
man gewöhnlich annimt, sondern schon 1682 von den Jesuiten in
Siam beobachtet. Prony fand das Mittel, sie vermöge eines magnetischen
Fernrohres zu messen.

[oben hies es Herr v. Zach.]

Schon Cassini bemerkte ein Wiederkehren der magnetischen Deklinazion
, und Guilpert’s 12-jährige Versuche haben es bestätigt, dass
es nicht blos eine tägliche Ebbe und Flut giebt, sondern auch

2-jährliche. Die beiden maxima fallen in den Juny und Dezember, die

beiden minima in den März und September, richten sich also
nach den beiden Solstizien und Aequinokzien, man darf daher einen
Zusammenhang mit der Rotazion sowohl, als auch mit der Translazion
der Erde voraussezen. Die tägliche Deklinazion könte man zu
einer Uhr benuzen, die fast bis auf ¼ Stunde genau die Tageszeit gäbe.
Die Quantität der Abweichung ist bei uns in manchen Wintermonaten
nur 6–7 Minuten: sie wächst aber auf 8–10 und 12 Min.

Im July kann der Unterschied vom Morgen bis Nachmittag 19

Minuten, also fast ° betragen: bei Nordlichtern steigt die Abweichung
auf 20–22 Minuten.

Schon früher fand Celsius in Schweden, was auch nachher durch
Hansteen bestätigt wurde, dass die Nordlichter einen starken
Einflus auf die Oszillazion der Nadel ausüben, auch wenn
man sie nicht über dem Horizonte sieht. Arago in Paris hat
sehr genau die Stunden angemerkt, wo, während der Expedizion von
Parry die Nadel unruhig wurde, und es hat sich nachher ausgewiesen
, dass jedesmal zu derselben Zeit ein Nordlicht am Himmel
gewesen war.

Die tägliche Abweichung der Nadel geht bei uns von Osten nach
Westen, welches man mit der verschiedenen Erwärmung des Erdkörpers
hat erklären wollen. Freycinet und Duperrey fanden
grade das entgegengesezte in der südlichen Hemisphäre. Man
nent dies: affollement oder Beunruhigung der Nadel.

Im Jahre 1806 beobachtete ich hier in Berlin die Nadel,
während eines Nordlichtes, das man auch hier wahrnehmen
konte: ich bemerkte eine grosse Deklinazionsveränderung, aber
keine Zukkungen oder Oszillazionen. Bei ganz heiterm Himmel
giebt es auch Stunden in der Nacht, wo die Nadel äusserst unruhig
wird, und von 20–25 Minuten oszillirt. Mit Herrn Olbers
(oder Oltmans) habe ich über 1 Jahr lang die Magnetnadel beobachtet
, und wir haben es oft bei unsern nächtlichen Versuchen bemerkt,
dass mehrere Nächte hintereinander die Nadel zu denselben Stunden
unruhig wurde, es fand eine plözliche Veränderung des magnetischen
Meridians Statt.

Von der Inklinazion.

Wenn man eine Nadel, deren beide Hälften von ganz gleicher
Schwere sind, magnetisirt, und horizontal aufhängt, so wird sie sich (bei uns)
gegen den Nordpol hinneigen: den Winkel, um welchen sie in
den verschiedenen Breiten von der Horizontallinie abweicht, nent
man die Inklinazion. Die Beobachtungen, welche man auf Cook’s
ersten beiden Reisen darüber gemacht, sind so unvolkommen, dass
man sie kaum brauchen kann. Erst auf der dritten Reise hatte
man bessere Instrumente, und nun wurden auch die Beobachtungen
genauer. Der magnetische Aequator heist diejenige Linie,
in welcher die Inklinazion Null ist, also wo die Nadel völlig horizontal
steht. In Amerika bestimte ich diese Linie unter 4–5 Grad
Südbreite, wo sie die Andeskette durchschneidet. Freycinet durchschnitt
den magnetischen Aequator 6 mal in der Südsee. So weit man ihn jezt
kent, tritt er ein beim Kap Guardafui, südlich von der Strasse
Bab-el-Mandeb, und geht in das Innere von Afrika, wo man
ihn nicht weiter verfolgen kann: bei seinem Austritte auf der
andern Seite bleibt er immer südlich vom Erdäquator, auch in
Amerika bleibt er südlich vom Amazonenstrom, bei dem Gallapagos-Inseln
schneidet er den Erd-Aequator wieder, und schlängelt sich
dann nördlich. Er ist aber auch nicht als stillstehend zu betrachten
: sondern sein Durchschnittspunkte mit dem Erdäquator
rükken von Osten nach Westen vor. Magnetische Breite nent
man den Abstand der Orte vom magnetischen Aequator, dessen Fortschieben
eine Ursach der vermehrten oder verminderten Inklinazion
ist. Für Berlin bestimte ich 1805 mit Gay-Lussac die Inklinazion
auf 69°50, und 1827 mit den Herren Erman und Encke, im Thiergarten
auf 68°39. Man sieht, dass sie in 22 Jahren um mehr als
einen Grad abgenommen hat: mithin mus der magnetische
Aequator uns näher gerükt sein. Captain Parry fand unter 73° Nordbreite
im Port Bon in der Prince Regentstrasse die Inklinazion: 88° also
fehlten nur noch 2°, dass sie Nadel perpendikulär gestanden hätte.

Ähnliche Veränderungen wie in Berlin hat man auch in Paris
beobachtet, und zufällig bin ich auch da der erste gewesen, der die
älteste genaue Bestimmung im Jahre 1798 mit Herrn Borda gemacht
hat. Dieser beobachtete mit seinem vortreflichen Inklinatorium, und
man fand, dass bis 1827 die Inklinazion jährlich um 4 Minuten
abgenommen habe. Auch in der Havannah machte ich die ersten genauen
Beobachtungen, dann wiederum der Captain Sabine vor 2 Jahren,
und auch hier war die Mittelzahl der jährlichen Vorrükkung 4 Min.

Eben wie die Deklinazion, so hat auch die Inklinazion eine stündliche
oder tägliche Variazion. Arago hat in einem Mémoire auseinandergesezt
, dass sie von 9 Uhr früh bis 6 Uhr Abends wächst,
und die Nacht hindurch bis um 9 Uhr früh abnimt.

Von der Intensität der magnetischen Kraft.

Borda, dem wir die schönen, nach T. Mayer’s Idee angefertigten
Repetizionskreise verdanken, kam zuerst auf den Gedanken, ob die
magnetische Kraft unter den verschiedenen Breiten nicht eine Verschiedenheit
der Intensität zeige, und gab die dazu nöthigen Instrumente
an. Lapeyrouse bekam demzufolge Instrukzionen, eine
freihängende Nadel schwingen zu lassen, und die Schwingungen
zu zählen. Von seinen Beobachtungen ist nichts bekant geworden
, weil die Expedizion unterging. Ich habe auf meiner ganzen
Reise eine solche Nadel oszilliren lassen, und aus vielen
1000 Beobachtungen das Resultat ziehn können: dass die
Intensität der magnetischen Kräfte vom Aequator nach dem Pole
zunimt: auch auf meiner Reise mit Gay Lussac habe ich in
Deutschland beständig verglichene Nadeln schwingen lassen; ich
beobachtete die Oszillazion vom 16° Südlicher bis zum 52° Nördlicher Breite,
und fand das Verhältnis von 258 Schwingungen, zu 211 unter dem
Aequator: die Temperatur ist nicht ohne Einflus darauf. Sezt man
die Intensität unter dem Aequator = 1,00, so ist
denn auch der Kapitän Parry hat auf seiner Expedizion von meinen
Nadeln einige mitgenommen, die ich zuvor in Paris hatte
schwingen lassen.

Neapel = 1,20

Paris = 1,34

Berlin = 1,37

Polargegenden = 1,70

Er bemerkte, dass während des Nordlichtes
die Stärke abnimt.

Indessen ist bei diesen Versuchen es sehr schlimm, dass man für
längere Zeiträume kein sicheres Maas des Magnetismus hat:
wir können den Nadeln nicht wilkürlich eine bestimte Stärke
mittheilen, und sie verlieren auch nach und nach ihre Kraft: man
wird also nach 1000 Jahren durchaus nicht wissen können, wie
stark oder wie schwach unsre heutigen Nadeln gewesen sind: das
beste Mittel wäre, Nadeln von ganz ungleicher Länge und ungleicher
magnetischer Kraft anzuwenden: dann könte man nach einer Reihe von
Jahren, wenn nicht ein grosser Zufall obwaltete, aus dem Unterschiede
ihrer relativen Stärke auf die Ab- oder Zunahme der Intensität schliessen.

31. Vorlesung, 20. Februar 1828

Die magnetischen Erscheinungen im allgemeinen sind parziellen
Gesezen unterworfen: so haben wir bemerkt, dass vor einiger
Zeit die Elongazion der Deklinazion nach Osten ihr maximum erreicht hat,
dass sie jezt in einer Periode des Zurükweichens nach der westlichen
Seite begriffen ist: so weis man, dass die Inklinazion häufig da
zunimt, wo die Intensität abnimt: aber es ist bis jezt noch nicht
geglükt, alle 3 Erscheinungen: die Deklinazion, Inklinazion und
Intensität auf ein gemeinschaftliches Gesez zurükzuführen.

Ehe ich meine Reise angetreten hatte, läugnete der grosse
Cavendish noch durchaus, dass ein Unterschied in der Intensität
der magnetischen Kraft vom Aequator bis zu den Polen statt
finde. Th. Young glaubte eine Formel aufgefunden zu haben,
worin er die Intensität als eine Funkzion der Abweichung ansahe
, welche gar nicht zusammengesezt war:
√4−3 Sin.2 Inklinazion.

Sabine, der eben so berühmt ist durch seine Reisen nach dem
Nordpol, als durch seine Expedizionen nach den Tropengegenden,
glaubte noch ein anderes Gesez gefunden zu haben:
√1−3 Cos.2 magnetische Polardistanz.

Er lies in Afrika und in den Polargegenden Nadeln oszilliren, und
fand den Unterschied vom Aequator zum Pol, wie 1:2; ich lies
Nadeln auf der Andeskette im südlichen Amerika oszilliren, die
Parry mit nach den Polargegenden nahm, und diese gaben: 1:1,7.
Beide Resultate sind richtig: es folgt nur daraus, das die Intensität
auf dem magnetischen Aequator selbst nicht gleich ist,
ja nachdem man sie auf der Andeskette oder in Afrika mist:
d’Entrecasteaux fand im indischen Archipel ein Resultat, das mit
dem meinigen übereinstimt. Die Verschiedenheit mag in der innern
Beschaffenheit des Erdkörpers liegen, wo einige Theile mehr
leiten mögen, als andre. Wir sind noch nicht so weit, die 3
magnetischen Systeme in eins zu vereinigen: dies würde das
Ziel der empirisch-physischen Wissenschaften sein: so wie es
wiederum der höchste Zwek der Naturphilosophie ist, zu untersuchen
, wie die Kräfte der Materie aus dem Wesen und Begriff
der Materie selbst hergeleitet werden können.
Von dem Erd- oder Polarlicht.

Es ist dasjenige, was an den Polen ausgestralt, und gewöhnlich mit
dem Namen des Nordlichts bezeichnet wird. So wie es unzweifelhaft
ist, dass Venus auf ihrer dunkeln Scheibe einen Lichtprozes
habe, eben so könte auch die Erde ein eignes Licht haben; es ist
auch nicht unmöglich, dass in Urzeiten, wo die innere Wärme
durch Spalten oder Risse sich noch Luft mache konte,
die Planeten selbst leuchtend gewesen sind. Dass der Lichtprozes
in den Weltkörper aufhören könne, sehn wir in jener
vulkanischen Gegend des Himmels im Schlangenträger und in
der Kassiopeia, wo mehrere Sterne verschwunden sind, d. h. sie
haben keinen Lichtprozes mehr, der stark genug wäre, das Licht
bis zu uns zu senden. Von den Optikern ist es nicht unbemerkt
geblieben, dass, wenn der Himmel auch völlig bezogen ist,
in der Nacht dennoch eine Erleuchtung statt findet, die zwar
schwach, aber dennoch bemerkbar ist; besonders deutlich ist
die Erscheinung auf dem Meere: auch könte es möglich sein,
dass das Licht so zu sagen eingesogen wird, z. B. vom Schnee, der
es dann wieder zurükstralt: So hat man bemerkt, dass in
den Bergwerken das Holz nicht leuchtet, wenn es auch völlig in
Fäulnis übergegangen ist. Einen sehr merkwürdigen Fall hab’ ich
selbst entdekt, wo ein Schaft in einer Grube nur an dem Theil
leuchtete, womit er zufällig dem Tageslichte ausgesezt war: der andre
Theil blieb völlig dunkel, obgleich der Zustand der Fäulnis in
beiden ganz derselbe war. Als eine besondere Seltenheit mus
es angemerkt werden, dass man kürzlich in einem Steinkohlenbergwerke
in Westphahlen leuchtende Pflanzen unter der Erde
gefunden hat.

Was die Form der Erscheinung des Polarlichtes anlangt, so mus
angeführt werden, dass die Alten nie deutlich davon sprechen
obgleich sie bis zu den brittanischen Inseln vorgedrungen sind: zwar
sprechen Plinius und Diodor häufig von trabes igneae pp. die
man in der Luft gesehn: es ist aber keine einzige Stelle da,
die man deutlich auf das Nordlicht beziehn könte. Die Sage
vom wilden Jäger geht durch alle Zeiten und Länder, ohne
dass sich daran etwas bestimtes knüpfen liesse.

In neuern Zeiten haben wir vortrefliche und genaure Beschreibungen
von Franklin erhalten, und denen, die nach ihm
die Polarländer besuchten. Es fängt an mit dem Segment
eines Kreises, der bis zu 6 und 8 Grad über dem Horizont sich
erhebt: es wird begränzt von einer milchweissen Zone von 1 bis
Grad Breite: aus dieser Zone gehn Stralen in die Höhe, die
uns geneigt erscheinen, aber nur perspektivisch: endlich
bilden diese Stralen manchmal einen Dom oder ein Zelt von
grösserer und geringerer Ausdehnung.

Der Nebel ist bräunlich grau, und man sieht die kleinsten
Sterne darin. Hansteen, der sehr materielle Ideen vom
Nordlicht hat, glaubt, der Nebel sei ein Niederschlag von
Dünsten; alsdann würde man aber die Sterne nicht so deutlich
dadurch sehn.

Der Bogen oder die Zone steht manchmal 12–15 Grad über
dem Horizont: der Baron Wrangel sah ihn nie über 1–6°
obgleich er schon dem Pole sehr nahe war: doch diese Nähe
scheint eben von keinem Einflus auf die Höhe zu sein. Der
Bogen geht manchmal durch den Zenith: theilt sich dann aber
gewöhnlich in mehrere. Hansteen hat zuerst gezeigt, dass die

Konvergenz der Stralen nur Folge der Projekzion sei.

Die Farben sind von der grösten Schönheit, man sieht, purpur,
grün, violett. Sonderbar ist es, dass wenn die Streifen sich
zwischen 2 grossen Sternen befinden, eine Veränderung des Lichtes
vorgeht: es sieht grade aus, als ob die Intensität von einem
Sterne zum andern überginge.

Oft bemerkt man dabei auch wirklich-leuchtende Wolken.
Tienemann in Island hat zuerst darauf aufmerksam gemacht,
dass die sogenanten Schäfchen (Cirrus striatus ), (die ich auf
dem Chimboraço in einer Höhe von 3–4000 Toisen über mir
beobachtet) mit dem Nordlicht in Verbindung stehn können:
er bemerkte, dass sie in manchen Nächten leuchtend sind.
Parry führt an, dass er am nächsten Morgen nach einem
Nordlicht Wolken entstehn sah, grade in der Richtung des
Bogens, und man hat angefangen, diese Richtungen, in denen
die Cirri erscheinen, Polarbanden zu nennen.

Die Stärke ist sehr ungleich nach Verschiedenheit der
Breite, doch wird sie nicht grade grösser in höheren Breiten
. Parry sah es in der Stärke des Vollmondes, so dass
man dabei lesen konte.

Die Höhe, in der es steht hielt man früher für weit beträchtlicher
als jezt. Celsius und Bergmann haben Messungen
gemacht, wonach es in 80–100 Meilen stehn würde: dies
ist aber schon deswegen unwahrscheinlich, weil die Athmosphäre
, wenn es in solcher Höhe noch eine giebt, so dünn
sein müste, dass das Queksilber im Barometer sich kaum
auf der Höhe von 1/1000 Pariser Linie erhalten würde. Dass
übrigens in solcher Höhe Feuererscheinungen Statt finden können
, beweisen uns die Aerolithen und Sternschnuppen.

Cavendish machte andere Messungen, und bestimte die Höhe
auf 10–15 Meilen: der Baron Wrangel will bemerkt haben,
dass die Sternschnuppen das Nordlicht, so zu sagen anzünden
: d. h. wenn Sternschnuppen in der Nähe desselben entstehn:
so zeigt sich bald darauf Nordlicht an diese Stelle, wenn es
früher nicht da war. Er legt sehr grosses Gewicht auf diese
Beobachtung, aber bei Franklin und Parry findet sich durchaus
nichts dergleichen.

Auf den lezten Nordpolexpedizionen endlich, hat man ganz
genaue Messungen über die Höhe des Nordlichts angestellt:
in Cumberlandhaven haben sich 3 Beobachter damit beschäftigt
. Parry und Richardson maassen eine Grundlinie
von 2 Meilen, und beobachteten an den beiden Endpunkten:
sie fanden, dass das Nordlicht gewöhnlich nur 1 oder
Meilen hoch gewesen ist: also etwas höher als der Himalaya
: oft auch hat man es unter Wolken beobachtet, die
sehr niedrig lagen.

Eine andre wunderbare Erscheinung ist durch 3 Zeugen
bewiesen: Parry, Scherer und Ross sahen einen Stral des
Nordlichtes zwischen sich und dem nächstgelegenen Lande
niederschiessen, das nicht über 9000 Fus entfernt war.

Schon Cook bemerkte auf seinen Reisen, dass der leuchtende
Bogen Schatten wirft, z. B. der Hand auf das Verdeck
, und dies haben auch die lezten Reisenden bestätigt
gefunden. Nach Cook, Weddell und Billinghausen scheint
es sicher, dass das Polarlicht am Südpol sich
weit weniger häufig zeigt, vielleicht weil jener Pol so
sehr von Kontinent entblöst ist.

In Europa hat man es nicht südlicher gesehn, als
Lissabon, zweifelhaft ob in Malta, dagegen sieht man
es in Mexiko, obgleich die schon unter den Tropen liegt;
dies kömt aber daher, weil Mexiko dem magnetischen
Pole, der um 10–15° vom Weltpole entfernt ist, um so viel
näher liegt. Die Periodizität desselben ist früh beobachtet
worden. Herschel hat es mit den Sonnenflekken in Zusam̃enhang
bringen wollen, der Physiker Ritter mit den Meteorsteinen
. (derselbe wolte in der Flamme des Talglichts einen
Puls entdekt haben) Indessen gehn die Beobachtungen nicht
über das 15te Jahrhundert hinauf: in manchen Perioden waren
die Nordlichter äusserst häufig, in manchen wieder auffallend
selten, ohne dass man bis jezt auf ein Gesez hat
kommen können.
jezt werden sie wieder häufiger, indessen hat Parry doch nur
alle 3 Nächte eins gesehn.

von 1722–45 in einem Mitteljahre 40–42.

1746–51 5.

1790–1816 1–1½

Er erkundigte sich sehr angelegentlich
darüber bei den Eskimaux, konte aber keine Tradizion
unter ihnen finden. Er beobachtete in Port-Bowen in
180 Tagen 50 Nordlichter. Dagegen fanden, dass die Erscheinung
nach den Jahreszeiten sehr verschieden ist: im November im Durchschnitt
5, im Januar 15–16. Baron Wrangel, der in einer
andern Gegend über Sibirien sich dem Nordpol näherte, fand
grade das umgekehrte, im Januar wenig Nordlichte, und im November
die meisten.

Das zischende Getön, wovon die Nordlichte begleitet werden,
ist vielfach bestritten und behauptet worden. Nach einer
Jagermythe soll es wie das Prasseln eines Feuerwerkes
stärker und schwächer sich hören lassen, es sind indessen
eben so viele Stimmen dafür als dagegen. Pallas, der auch
in Sibirien gereist ist, läugnet es durchaus. Baron Wrangel
glaubt etwas gehört zu haben. L. v. Buch hat sich bei
seiner Reise nach Norwegen sehr häufig danach erkundigt,
aber nichts gewisses erfahren können. Hansteen dagegen
will gehört haben, wie die magnetische Materie zischend
aus dem Innern der Erde herausfährt. Edmonstone und Hearne
wollen auch etwas gehört haben. Franklin behauptet, es
sei eine Täuschung, und rühre vom Krachen des Schnees her.
Die Sache bleibt also ungewis, und wir können nur sagen, dass

es vielleicht einige Nordlichter giebt, bei denen ein Zischen hörbar
ist.

Zweifel andere Art hat man erhoben gegen den Einflus des
Nordlichtes auf die Magnetnadel. Celsius und Wilke fanden,
dass die Nadel beunruhigt wird, andere fanden nur eine
Abweichung: ich habe bei meinen Versuchen immer nur eine
Abweichung, wiewohl eine sehr bedeutende, gefunden.

Der Punkt der Konvergenz, wo die Dom- oder Zelt-bildenden
Stralen sich vereinigen, liegt oft im Magnetischen Meridiane
, oft auch im Weltpole selbst: in Melville’s island
wurde er einmal sogar gegen Süd Osten geneigt gesehn.
Kranz in Grönland fand ähnliche Abweichungen.

Die Unruhe der Magnetnadel ist zwar in einzelnen Fällen
beim Nordlicht nicht zu läugnen, aber dass Hansteen mehrere
Grade Abweichung will gefunden haben, scheint unwahrscheinlich
. Sehr auffallend ist es, dass unter dem
72–73° Nordbreite nicht eine Spur von Einflus auf die Nadel
hat bemerkt werden können, und dass man dennoch in Paris
ihn wahrgenommen hat, so oft ein Nordlicht am Himmel war.
Man spürte also in dem Phänomen selbst weniger davon,
als in der Entfernung. Die Beobachtungen in Paris sind
mit einem vorzüglichen Instrument gemacht, und jahrelang
fortgesezt. Dagegen war wieder die stündliche Oszillazion
bei Parry ungemein stark von 5–6° täglich: Es
scheint also fast, als ob in diesen stärkeren Perturbazionen
die Abweichung beim Nordlicht maskirt würde. Auch
fand Franklin, dass es Veränderungen in der Intensität hervorbringt.

Auf der lezten Expedizion war es besonders Parry’s Augenmerk
, zu entdekken, ob mit dem Nordlicht keine elektrische Erscheinung
verbunden sei. Die Masten wurden (125 Fus hoch) mit
metallnen Spizen versehn, und Leitungsketten bis an einen
elektrischen Apparat geführt, allein nie fand man irgend eine
solche Erscheinung, obgleich die Luft während der Zeit im hohen
Grade elektrisch war. Volta am Komer See und Birkmann in
Karlsruhe wollen an den Elektroskopen Veränderungen wahrgenommen
haben, aber dies ist ungewis.

Einige hielten das Nordlicht für Eistheilchen, die in der Luft
schweben, und in denen Farben entstehn. Meiran hielt es
für eine Folge des Zodiakallichtes, das von unsrer Athmosphäre
angezogen, sich da sammelt, wo es die meiste Ruhe hat, nämlich
am Pol. Biot hat die sonderbare Meinung, dass es durch
Magneteisensand gebildet werde, der von den nördlichen Vulkanen
ausgespieen ist.

Scoresby war der erste, welcher bemerkte, dass es auf Winde,
Stürme pp. Einflus habe: nachher fand man, dass es auch mit
den Wolken in Verbindung steht: es bleiben gleichsam Spuren
desselben am nächsten Morgen in den Wolken.

Gay-Lussac hat auf eine scharfsinnige Art gezeigt, dass bei
der Bildung von Gewittern, die ganze Quantität der Elektrizität,
die auf jedem Wasserbläschen schwimt, gegen die Oberfläche
der Wolke getrieben wird, wenn sich diese Bläschen zu einer
Wolke zusammenballen, (und auf diese Art wäre wenigstens
theilweise die Bildung der Gewitter erklärt) eben so könte
es mit den federbuschartigen Wolken sein, die man als

Nordlicht sieht: ihr Magnetismus wird an die Oberfläche

getrieben. Dazu kömt noch, dass die Stralen, die von dem
Bogen ausgehn, sich nach dem magnetischen Pole hinneigen,
also von ihm angezogen werden. Ganz dasselbe haben höchst
merkwürdigerweise Davy und Arago im kleinen entdekt.
Bei den sehr starken Voltaischen Säulen, die man England
hat, erscheint bei dem Überströmen der elektrischen Materie
durch 2 Kohlen eine Flamme von 3–4 Zoll Länge (welche das
Nordlicht vorstelt).

(welcher d. magnetischen Pol der
Erde vorstelt)

Arago hat durch einen Magnet die Flam̃e
abgelenkt, und zwar so, dass der Nordpol des Magnets sie anzog,
der Südpol sie absties; grade wie der Erdmagnetismus die
Stralen des Nordlichtes lenkt.

32. Vorlesung, 23. Februar 1828

Indem ich jezt zu den Erdbeben, heissen Quellen und Vulkanen
übergehe, will ich in Erinnerung bringen, dass wir auch diese
Erscheinungen nicht abgesondert und für sich betrachten werden,
sondern im Zusammenhange dieser ganzen Reihe: denn nur,
wenn man alle einzelnen Theile der Geognosie in Verbindung
bringt, kann man einen Schematismus der geognostischen
Erscheinungen zu Stande bringen.

Es wird dies klarer werden, wenn wir die 5 Abschnitte der
Geognosie noch einmal kurz zusammenstellen:
Wir sprachen

1, von der Form und Dichtigkeit der Erde. Durch das Verdikken
der flüssigen Theile entsteht die innere Erdwärme, sie trägt
mächtig dazu bei,

2, die elektro-magnetische Spannung zu bestimmen und zu
erhalten, mit der das Polarlicht in der engsten Verbindung steht.
Durch die innere Erdwärme werden zum Theil bedingt

3, die Veränderungen auf der Erdoberfläche, die sich hauptsächlich
in den 3 folgenden Gestalten zeigen, als

a, Erdbeben, dynamische Veränderungen.

b, heisse Quellen, so wie Moffetten, Luftquellen.

c, Vulkane

4, die äussere Rinde selbst, Gebirgsarten; neuere Ansicht, dass
die Vulkane körniges Gestein bilden. Spuren
der Organisazion in Versteinerungen. Phänomene von Erhebung
der Gebirge im grossen.

5, die Ansicht der Erdoberfläche; Gliederung der Kontinente,
Richtung der Bergketten; Untersuchung, ob die Richtungsaxe
der Gebirge parallel ist der Streichung, welche mit dem Fallen
immer einen Rechten Winkel macht; Ebnen und Flusthäler.
Wenn wir die Geognosie in dieser Algemeinheit fassen, so müssen

wir sagen, dass die Alten sie nicht gekant haben; obgleich es
bei ihnen, so gut wie bei uns, Vulkanisten und Neptunisten gab.
Heraklit, der alles aus dem Feuer herleitete, war das Haupt der
Vulkanisten, Thales und die Ionier bildeten die neptunische
Schule; aber eben so wie bei uns seit dem Ende des vorigen
Jahrhunderts, so gewannen bei den Alten seit Plato die vulkanischen
Ideen die Oberhand. Ich selbst bin ein Beispiel der
Umänderung eines Neptunisten in einen Vulkanisten, und algemein
betrachtet man jezt Porphyr und Granit als Produkte des
Feuers. Douglas in England ist auf den scherzhaften Einfall
gekommen, ein Thermometer von Geognosten zusammenzusezen,
auf dem man angedeutet sieht, wie die verschiedenen Gelehrten
von dem wässrigen Reiche des Neptunismus in die feurigen
Regionen des Vulkanismus sich erhoben haben. Diese Veränderung
kann aber durchaus nicht getadelt werden: denn in einer Wissenschaft
welche fortschreitet, wie die Geognosie, dürfen nur die
Stillstehenden ihrer Stabilität sich rühmen.

Im Mittelalter gaben die Araber einen neuen heilsamen
Anstos, indem sie die Gebirgsarten nach ihrem Gewebe und
ihrer Struktur unterschieden. Vieles blieb ihnen aber völlig
fremd. So kanten sie durchaus nicht die Kristallographie, eine
so wichtige Wissenschaft. Diese ist erst in ganz neuer Zeit von
Hauy in Frankreich, und unter uns von Weiss gegründet. Überhaupt
gehört die Geognosie im engern Sinne zu den allerneusten
Wissenschaften. Sie zält seit ihrer Entstehung kaum 40 Jahr.
Der eigentliche Gründer derselben, welcher zuerst auf die Lagerung
der Schichten übereinander, auf die Formazionen aufmerksam
gemacht hat, ist der unsterbliche Werner in Freyberg. Vor ihm
war die Geognosie in unserm Sinne gar nicht bekant; ihr Name
erinnerte lange nur an geologische Träume und Spiele
dichterischer Einbildungskraft. Geognostische nominabilis Mythen ersezten
und zerstörten die Beobachtungen accusabilis, und es findet sich darin eine
wunderbare Übereinstimmung bei allen Völkern. Ungewis bleibt
es immer, ob zur Zeit jener Katastrophen, wo die Erdrinde,
schon erhärtet, den furchtbarsten Umwälzungen mus ausgesezt
gewesen sein, unser Geschlecht schon existirte, ob einzelne Gruppen
sich auf hohe Berge retteten, und so einen Anklang jener
urweltlichen Vorgänge uns erhalten haben.
Von den Erdbeben.

Die Definizion des Erdbebens ist: Erschütterung der festen und
flüssigen Theile der Erdoberfläche durch eine unterirdische Ursache
. Diese Ursach kennen wir nicht, wir können nur durch
Analogie schliessen, von welcher Art sie sein könne. Dass sie
sehr tief liegen müsse, läst sich daraus beweisen, dass mit den
Landstrekken zugleich das Meer bewegt wird, wo es 6–7000 Fus
Tiefe hat. Ich selbst erlebte 2 sehr heftige in der Südsee, und
hatte Gelegenheit, die Erscheinung zu beobachten: es ist, als
ob das Schiff barrirt, d. h. auf eine Sandbank gerathen wäre,
eine solche Erschütterung geht durch alle Planken und Balken
desselben. In den meisten Gegenden schreibt man das
Erdbeben lokalen Ursachen zu: bei vielen Städten, die demselben
ausgesezt sind, schiebt man die Schuld auf einen
nahegelegenen Berg: allein dies ist durchaus nicht richtig.
Ein eben so verbreitetes Vorurtheil ist es, dass ein gewisser
Zustand der Athmosphäre ihm vorangehe, dass das
Barometer sehr tief stehe, dass der Horizont mit röthlichen
Dünsten bedekt sei pp.: alles dies ist vollkommen falsch.
Wohl aber ist es in Südamerika der Fall, dass vor der Regenzeit
sehr starke Erdbeben vorherzugehn pflegen: die Erdbeben
sind in diesem Lande so häufig, dass man sie gar
nicht zählen kann; aber nie hat die Athmosphäre Einflus
darauf: in Folge der Erdbeben verändert sich manchmal das
Wetter. Das schrekliche Erdbeben in Riobamba, wobei 40,000
Indianer umkamen, war auch kurz vor der Regenzeit eingetreten
; allerdings bemerkt man an manchen Orten vor dem
Erdbeben einen veränderten Barometerstand, dies kömt aber
daher, dass schon an einer andern Stelle eine Erschütterung
Statt gefunden hat, deren Einflus, bei der grossen Schnelligkeit,
womit die Athmosphäre diese Bewegungen fortpflanzt, auf
das Barometer einwirkt.

(in wenigen Minuten)

Dabei mus aber bemerkt werden, dass
die tägliche Ebbe und Flut des Barometers (welche unter den
Tropen so regelmässig ist, dass man bis auf 10 Minuten die
Zeit danach bestimmen könte) nicht im mindesten durch die
Erdbeben gestört wird. Ich habe unzälige Beobachtungen darüber
angestelt, und nie eine Veränderung bemerkt.

Oft ist mit dem Erdbeben ein unterirdisches Getöse verbunden.
Das was man in Italien hört, ist eben so unbedeutend, als die
Erschütterungen selbst, in Amerika dagegen ist es viel
stärker. In Quito, welches man für ganz unterminirt
halten kann, hört man 7–8 Minuten vor dem Erdbeben ein
Rasseln und Klirren, dazwischen einen hellen Klang, den
die Eingebornen dem Klirren der Ketten vergleichen, den
ich aber ähnlicher finde dem Zerspringen einer glasigen
Masse oder dem Niederfallen von Obsidianfelsen. Sehr
selten, obgleich nicht ohne Beispiel ist es, dass man ein
Getöse ohne Erdbeben hört: so war es 1784 in Guajaquil
der Fall, und ich habe selbst viele Leute gesprochen, welche
sich des Phänomens erinnerten und genau Rechenschaft
davon abzulegen wusten.

Guanaxuato

Die Spanier nennen dies Getöse:

huelos subterraneos. Es lies sich zuerst ein ferner unterirdischer

Donner hören, der nach und nach stärker wurde:
er erreichte sein maximum, und nahm wieder ab, nachdem
das ganze 3 Monate gedauert. Merkwürdig ist es, dass
in den Bergwerken er nicht stärker wurde, man mochte auch
bis in die lezte Tiefe hinab steigen: man hat damals
viele Versuche angestelt, um zu entdekken, ob nur die leiseste
Erschütterung damit verbunden sei, aber vergebens: man
stelte in die Bergwerke Gläser mit Wasser, die man übervoll
gos, damit sie bei dem kleinsten Anstos überfliessen musten,
aber sie blieben voll. Eben so sonderbar ist es, dass dies
Getöse sich auf den Raum von ¼ Quadratmeile beschränkte,
wenn man diesen verlies, so hörte man nichts mehr. Man
hat aber bemerkt, dass diese ¼ Quadratmeile aus jenem Thonschiefer
besteht, der so häufig mit Silberadern durchsezt ist, ringsumher
aber ist eine andre Gebirgsart. Eine ähnliche Erscheinung
haben wir auf Meleda, einer Insel des adriatischen Meeres,
wo sich lange Zeit ein unterirdisches Getöse hören lies,
das aber mehr einzelnen Kanonenschüssen zu vergleichen ist.

Bei den grossen Vulkanen in Amerika ist es sehr merkwürdig
, dass man das Getöse auf so unglaublich weite Entfernungen
hört: wenn ein entfernter Vulkan Ausbrüche
macht, so verbreitet sich in der ganzen Gegend der Donner,
aber nicht durch die Luft, sondern durch die Erde, wie es
ja auch bekant ist, dass man, um einen entfernten Kanonendonner
zu hören, das Ohr auf die Erde legt. Bei dem Ausbruche
des Cotopaxi am 30 April 1812 hörte man das Getöse
in einer Entfernung, wie von hier nach Rom, oder von
Lissabon nach Frankfurt. Dieser Ausbruch war einer der
stärksten, den man lange Zeit erlebt hat. Bei demselben
Vulkane hörte man 1814 das Getöse soweit wie von Berlin
nach Sibirien. Wenn man dem Vulkan näher kömt, so
müste man, da der Schall nach den Quadraten der Entfernung
abnimt, ihn stärker hören: allein dies ist nicht der
Fall: man hört ihn in der Nähe wie in der Ferne. Der Cotopaxi
einer der grösten Vulkane der Erde, erhebt sich auf einer
Ebne, die schon 11,000 Fus über dem Meere liegt: er ist rings
von tiefen Einsenkungen umschlossen, hinter denen sich
wieder hohe Gebirgsmassen erheben. Hier kann sich
also der Schall schwerlich durch die Erdoberfläche fortpflanzen
, da diese zu sehr von Thälern durchschnitten ist:
es wird wahrscheinlich, dass er sehr tief in dem Innern
der Erde entsteht, und durch Spalten, die sich in verschiedener
Richtung erstrekken, nach der Oberfläche derselben
hingeleitet wird: eine davon geht dann nach der Öfnung des
Vulkans und erregt die Explosion: das vulkanische Phänomen
aber, oder die Ursache der Ausbrüche mus in einer
sehr bedeutenden Tiefe unter der Oberfläche liegen.

Es ist vielfach untersucht und erörtert worden, ob die
Erdbeben Einflus auf die Magnetnadeln haben: ich habe
viele Beobachtungen darüber angestelt, aber nie gefunden, dass
eine Ursache in den Bewegungen statt fand, wohl aber dass eine
Veränderung der Inklinazion sich zeigte, und zwar blieb dies veränderte
Richtung stehn: als ich nach Jahren wieder nach
Cumanà kam, war sie dieselbe, als kurz nach dem Erdbeben.

in Cumanà

Gewöhnlich nimt man bei Erdbeben eine Bewegung von oben
nach unten, eine andre von der Seite, und noch eine schiebende
Bewegung an: allein es ist nicht möglich, dies so genau zu
unterscheiden; wenigsten komt ganz erstaunlich viel auf die
Lage der verschiedenen Städte an, wie wir an dem Beispiele von
Quito und Lima sehn können. Quito hat Häuser von 3–4
Stokwerken, Kirchen mit schönen gewölbten Kuppeln, und liegt
am Fusse des Vulkans Pichincha, wie Neapel am Fusse des
Vesuv. Bei den stärksten Erdbeben ist aber die Bewegung so
wunderbar sanft, dass alles an seinem Orte bleibt, die
Häuser fallen nicht ein, und die hohen Gebäude erhalten
nur zuweilen Risse, auf die man sorgfältig Acht giebt.
Und doch sind der Erdbeben so viele, dass man sie gar nicht
zälen kann, und man gewöhnt sich so bald daran, dass
man in der Nacht nicht einmal versucht wird, jemanden,
der etwa in demselben Zimmer schliefe, zu wekken. In
Lima dagegen wagt man es nicht, hohe Häuser er zu bauen,
weil man aus Erfahrung weis, dass sie bis dem geringsten
Erdbeben über den Haufen geworfen werden: daher besteht die
ganze Stadt aus einstökkigen leichten Häusern, die aus einer
Mischung von Lehm und Gyps aufgeführt werden, und an denen
sich ein sehr schlechter architektonischer Geschmak kund thut;
da sich aber bei einzelnen Einwohnern der Glaube festgesezt
hat, dass in Lima die Erdbeben in einer Periode von 30-40
Jahren sich folgen, so giebt es einige, welche sich höhere
Häuser bauen, indem sie der Meinung sind, dass sie das
nächste Erdbeben nicht mehr erleben werden. Dennoch ist es
entschieden richtig, dass dem Gefühle nach die Erdbeben in
Lima nicht so stark sind als in Quito.

Oft kömt auch der sonderbare Fall vor, dass die Oberfläche
der Erde völlig versezt wird, aber unversehrt bleibt: wenn man
also vorher auf einem Felde rechts Getreide und links Kohl
pflanzte, so wird nach dem Erdbeben links Getreide und rechts
der Kohl stehn. Bei dem Erdbeben von Riobamba ist das Eigenthum
auf eine sonderbare Weise verwirt worden. Die Menbeln
eines ganzen Viertels wurden in ein anderes versezt, und
es entstanden Streitigkeiten über die Zurükgabe des früheren
Besizes. Während meines dortigen Aufenthaltes habe ich
einen Plan von Riobamba aufgenommen, (der noch nicht gestochen
ist) auf dem sich die seltsamsten Unregelmässigkeiten
finden. Viele Stellen sind in die Höhe gehoben: so finden sich
mehrere 100 Menschengebeine auf der Kolka, einem Hügel

bei Riobamba von 300 Fus Höhe über der Stadt. An andern

Stellen komt es vor, dass die Gegenstände völlig von der Erde
verschlungen sind: so in Riobamba alle Häuser: diese
Stadt hatte früher 3–4 stökkige Häuser, ich fand aber
auf der ganzen Fläche keinen Schutthaufen über 5 Fus hoch.
Viele Personen, die sich nachher retteten, haben erzählt, dass
sie plözlich mit ihrem ganzen Hause versunken wären: im
ersten Schrekken glaubten sich sehr tief unter der Oberfläche
der Erde zu sein, bis sie an der noch zuströmenden Luft merkten
, dass wenigstens die Spize des Hauses hervorrage. Sie zündeten
Licht an, und konten nun durch alle Zimmer des Hauses
gehn: denn nichts war zerstört, bis sie sich durch das
Dach retteten. Aber eine weit grössere Anzahl fand den Tod;
es dauerte lange, ehe die Nachricht nach Quito kam, und ehe
sich von dort das Militair und eine grosse Anzahl von
Mönchen aufmachen konten. Vielen, die man unten schreien
hörte, wurde die Absoluzion nach ihrer Beichte ertheilt,
ohne dass es möglich war, sie hervorzuziehen, und sie starben
vor Hunger oder an ihren Verwundungen. Einige Personen
sind Tage unter der Erde geblieben; und haben
nachher glüklich einen Ausweg gefunden.

Den grösten zusammenhangenden Strich von Gegenden
die dem Erdbeben unterworfen sind, finden wir an den Küsten
der Südsee, wo die Erdbeben von Chili bis Guayaquil sich erstrekken
, also einen Zug von 400–450 geographischen Meilen einnehmen.
Dass das Erdbeben überhaupt mit vulkanischen Erscheinungen
zusammenhange, davon kann man sich am besten in dem Krater
eines brennenden Vulkans überzeugen. Es hat durchaus
keine Gefahr, hineinzusteigen, wenn man nur irgend Vorsicht
gebraucht. Zuerst hört man ein unterirdisches Getöse, dann fühlt
man eine Erschütterung, und darauf werden Schlakken und
Lava in die Höhe gestossen. Ich beobachtete dies sehr genau bei
meiner 2ten Reise nach dem Pichincha. Noch häufiger aber
stossen die Vulkane blos eine grosse Masse von Dämpfen
und Rauch in die Höhe, daher hat man sie mit vollkomnem
Rechte Sicherheitsklappen genant: denn es ist bekant, dass wo
sie speien, die Erdbeben aufhören. Daher wünschen die Umwohner
des Chimborazo, dass er ein Vulkan sein möge, und gewis
wenn sein hoher Trachytdom geöfnet wäre, so würde die Gegend
weniger von Erdbeben zu leiden haben.

In mancher Hinsicht scheint das Gestein auf die Erdbeben
keinen Einflus zu haben: es giebt denen eben so viele in Kalkstein
als in Gneus und Granit. In Cumanà, welches Kalkstein
hat, waren die Erdbeben von jeher häufig: die Einwohner
von Carracas hielten sich daher für sicher, weil sie auf Granit
standen, aber leider wurde ihre Stadt im April 1812
wie durch eine Mine in die Luft gesprengt, und von Grund aus
zerstört. Dagegen scheint in anderer Hinsicht die Gebirgsart
nicht ohne Einflus zu sein. An der Küste von Chili giebt
es Strekken von 5–6 Meilen, die nie erschüttert werden. Die
Einwohner nennen dies sehr bezeichnend: Roca, que haze

puente; die verschiedene Gebirgsart, woraus diese Strekken

bestehn, bilden eine Brükke, und das Erdbeben überspringt sie.

Die Alten hatten schon ganz dieselbe Meinung, dass
die Vulkane Sicherheitsventile wären: die schönste Stelle
finden wir bei Strabo. I.

(ich kann sie nicht finden)

Cumanà gegenüber liegt die Halbinsel Araya durch einen
Meeresarm getrent: in dieser spürte man früher durchaus keine
Erschütterung: aber seit dem grossen Erdbeben 1798 in Cumanà
ist auch sie mit in den Erschütterungskreis gezogen worden, und
es kann jezt nicht der leiseste Stos in Cumanà Statt finden,
der nicht auch in Araya gefühlt würde. Dies scheint zu beweisen,
dass sich jezt eine korrespondirende Öfnung unter der Halbinsel
befinde, die früher nicht vorhanden war, und nun die Stösse
auf gleiche Weise nach Cumanà hin und nach Araya leitet.
In Bogotà hat sich seit 6–8 Monaten eine solche Öfnung

gebildet, und die Stadt ist, nach den Nachrichten, welche ich von

Herrn Boussingault erhalten habe, durchaus der Zerstörung preisgegeben

.

Auch Flammen und Rauch sieht man bei Erdbeben häufig aus
der Erde aufsteigen, aber nicht immer. Sehr heftig waren sie 1755
in Lissabon, wo ein grosser Theil von beiden Küsten des atlantischen
Meeres die Erschütterung fühlte: das Meer wich an den Antillen
zurük, und in Böhmen merkte man einen Einflus auf die Heilquellen

; auch in Cumanà 1789 sah man Flammen.

Oft werden grosse Hügel aus der Erde hervorgehoben, die bei den
Spanier moja heissen: man hielt sie lange für verwitterten Porphyr
: aber die Untersuchungen von Klaproth und neuerdings von
G. Rose haben bewiesen, dass sie zum Theil aus gekohltem Wasserstofgas
bestehn; also eine vegetabilische Substanz sind: dies beweiset uns,
dass nicht alle vegetabilischen Substanzen einen organischen Ursprung haben.

Ob Elektrizität bei den Erdbeben frei wird, ist zweifelhaft: wenigstens
kann man behaupten, dass es nicht immer der Fall ist.
In Quito, kann man, wenn die Erdbeben einmal angefangen haben, ganz
sicher darauf rechnen, dass mehrere in einer kurzen Zeit folgen
werden: ich habe daher unter freiem Himmel viele Versuche angestelt,
indem ich das Elektroskop in der Hand hielt, habe aber nie die
geringste Einwirkung bemerken können. Dagegen ist es ganz entschieden
, dass bei dem heftigen Erdbeben in Piemont 1808 die Wirkung
auf das Elektrometer sehr stark war: in einigen Gemeinden
in Pignerolles wurden an Einem Tage 60–80 Stösse gespürt.

Die Ursache des Erdbebens ist in nichts anderm als in den
elastischen Flüssigkeiten zu suchen, die sich im Innern der Erde
zusammenhäufen, durch ihre Kompression immer mehr Kraft gewinnen
, und sich am Ende einen Ausweg suchen. Dies kann man,
wie gesagt, im Krater eines brennenden Vulkanes am besten bemerken
, wo Donner, Erschütterung und Schlakkenauswurf regelmässig
aufeinander folgen.

33. Vorlesung, 27. Februar 1828

Bei den Erdbeben müssen im Innern der Erde grosse Veränderungen
vorgehn: denn nicht immer kehren die erschütterten
Erdschichten in dieselbe Lage zurük, in der sie vorher waren.
Beispiele davon finden sich zwar nicht bei allen Erdbeben, aber
doch bei einigen der heftigsten: ein sehr starkes erlebte ich
an der Küste von Südamerika, wodurch eine Untiefe in
dem Hafen von Chili entstand, die seitdem geblieben ist.
In Chili erhoben sich Kalksteinschichten bis 4–5 Fus, und
blieben in Bänken stehn. Reinhart, dem wir viele Nachrichten
über die molukkischen Inseln verdanken, erwähnt einer Erscheinung
, wo eine Erweichung stattfand; ein obsidianartiger
Trachyt erhob sich mehrere Jahre lang aber äusserst langsam;
besonders war dies in Bunda und Ternate der Fall. In der Südsee
findet man Korallenfelsen von mehreren 100 Fus Erhebung,
auf deren Spizen sich Versteinerungen zeigen, während der noch
im Meere stehende Theil die lebendige Korallenbildung enthält
.

Ein ähnliches Phänomen zeigt sich auffallend genug in Schweden
. Celsius bemerkte, dass an einem Theil der südlichen Küste
von Schweden der Meerespiegel bedeutend sinkt. Die ältesten
Beobachtungen sind von 1730. Da man aber diese Sinken an
den übrigen Küsten der Ostsee nicht bemerkte, so ist es nach
hydrostatischen Gesezen unmöglich, dass es in Schweden allein
der Fall sei. L. von Buch äusserte zuerst den scharfsinnigen
Gedanken, dass also wohl der Kontinent sich erheben müsse;

und so ist es wirklich, obwohl die Erhebung sehr langsam geht,

in 100 Jahren 3–4 Fus.

Im englischen Guiana will man bemerkt haben, dass Granitschichten
sich gehoben.
Auf einigen Inseln der Südsee hat man am Meere Fussteige

angelegt, wo sonst der Wasserspiegel stand.

Dies alles sind dynamische Erscheinungen, welche von elastischen
Dämpfen hervorgebracht werden.

Von den heissen Quellen.

Wenn man jede Quelle eine Thermalquelle nennen wollte,
die heisser ist als die umgebende Athmosphäre, so würden
bei uns alles Thermalquellen sein, unter den Tropen
dagegen ist es ungewis. Im algemeinen ist eine grosse
Hize in den Quellen nicht häufig; und äusserst selten
gehen sie bis zum Siedpunkte: schon von 60–70° R. kommen
sie nicht oft vor. Bei Caracas fand ich eine Quelle
von 72° R. Die wärmste, welche ich je getroffen ist in
Mexiko bei Gualaxuata, und sprudelt aus einem Basaltkonglomerat
; da wo ich die Hand darüber halten konte,
hatte sie 77° R. also nur 3° weniger als den Siedpunkt,
und ich zweifle nicht, dass, wenn es möglich gewesen
wäre, das Thermometer einige Fus tiefer einzusenken,
so würde es bis 80° gestiegen sein.
In der Auvergne giebt es eine Quelle von 70° R.

Alle diese entspringen aus dem Urgebirge, und sind
nichts anderes als niedergeschlagene heisse Dämpfe von
reinem distillirten Wasser. Schon Link bemerkte dies auf
seiner Reise nach Portugal, wo er einige schöne Untersuchungen
darüber angestelt hat. Ich habe ebenfals Versuche
gemacht, und gezeigt, dass man aus vielen durch alle möglichen
Reagenzien keinen Niederschlag erhält. Herr Boussingault
wiederholte meine Versuche, und fand bei einer Quelle
von 35° R. Stikgas als Bestandtheil des Wassers. In
einer Quelle bei Aachen hat man Schwefelwasserstofgas
finden wollen, allein hiebei ist wahrscheinlich eine Verwechselung
vorgegangen, oder man hat sich durch den Geruch
täuschen lassen, oder auch das Schwefelwasserstofgas hat sich
erst an der Luft gebildet.

Noch merkwürdiger sind die Wasser, welche freie Schwefelsäure
enthalten, in Popayan ist ein Flus unter dem
Namen des Essigflusses bekant, der sich in den Cauca
ergiest. Von dieser Stelle an sterben im Cauca die Fische
auf viele Meilen weit, welches für die Einwohner von Popayan
sehr traurig ist, da sie nicht wissen, wo sie in den Fasten
ihre Nahrung hernehmen sollen. Dieser Essigflus enthält
freie Schwefelsäure und überdies noch Salzsäure.

Eben dasselbe findet sich in einem Kratersee auf Java.

Ein andres Faktum findet sich beim Vulkan von Xorullo:
dieser hat zu seinen Füssen eine Ebne, die sich dem Südmeere
zusenkt, früher gab es hier 2 Flüschen von 15° R.

Als aber 1759 der Vulkan erschien, verschwanden sie

beide, und brechen nun an einem ganz andern Orte mit
einer Temperatur von 60° R. hervor. Das Wasser komt
also mit heissen Dämpfen in Berührung die sich in
ihm niederschlagen, und ihm ihre Wärme mittheilen.

Bei andern Quellen ist die Menge ihrer Bestandtheile zu
bewundern; so gehört der Karlsbader Sprudel zu denen, welche
fast die meisten Bestandtheile enthalten. Berzelius
fand bei seiner vortreflichen Analyse 12. Dazu gehören
ganz neue, früher nicht gekante, wie Flusspathsäure,
Strontian, Mangan pp. In Eger und Pyrmont fand man
Lithion. Struve und Soltmann haben viele analysirt, und
bilden sie nach, ja selbst den schwierigen Karlsbader Sprudel
. Faraday hat diese Wasser analysirt, und keinen Unterschied
gegen die natürlichen gefunden.

Die Einwendungen, welche man gegen diese volkomne Nachbildung
der Heilquellen gemacht hat, beziehn sich meistens
auf Begriffe, die nicht zur Klarheit gekommen sind,
indem man behauptete, dass ausser den sichtbaren Bestandtheilen
auch noch unsichtbare vorhanden seien. Dass die
künstlichen Wasser schneller ihre Wärme verlieren, als die
natürlichen, ist nicht gegründet: man hat darüber genaue
Versuche von 1 zu 1 Grad des Thermometers angestelt. In
Wisbaden will man in dieser Hinsicht wunderbare Versuche angestelt
, und gefunden haben, dass man die natürlichen Wasser
bei 58° R. in den Mund nehmen könne, ohne sich zu
verbrennen; es ist aber erwiesen, dass man sich schon bei
41–42° R. stark verbrent. Auch wolte man mit dem vortreflichen
Schweigger und Poggendorfschen Multiplikator
Versuche in künstlichen Wässern gemacht, und eine Abweichung
der Magnetnadel von 15° gefunden haben: allein dies ist durchaus
nicht gegründet: nach Becquerels schöner Entdekkung
ist zwar immer mit jedem Übergange irgend eines Körpers
aus dem festen in den flüssigen oder aus diesem in den
gasförmigen Zustand ein kleines elektro-magnetisches
Gewitter verbunden: allein wenn man dies bei den Brunnen
fand: so liegt der Grund nicht in den Wassern, sondern eben
in der veränderten elektrischen Spannung.

Von Struve haben wir eine schöne Arbeit über das Auslaugen
der Gebirgsarten: er lies distillirtes Wasser durch
feingepulverte Gesteine gehn, unter einem sehr geringen
Druk von kaum 2–3 Athmosphären, und wenig Tagen erhielt
er eine Flüssigkeit, die den natürlichen Quellen, welche aus
diesem Gestein hervorbrechen, zwar nicht gleich aber doch sehr
ähnlich ist: so hat man z. B. das Biliner Wasser erhalten,
und durch diesen Prozes erst hat man gefunden, dass der
Basalt Lithion enthält, welches früher nicht unter seinen
Bestandtheilen bekant war. In der Geyserquelle besteht fast
der festen Bestandtheile aus Kiesel. In andern Quellen
findet sich ein vegetabilisch-animalischer Bestandtheil, den
die Spanier moja nennen, und welcher, sonderbar genug, Ammoniak
enthält. Von dieser Art giebt es mehrere Quellen
in Südamerika.

Man hielt früher die Quellen für eine Lokalerscheinung:
d. h. man glaubte, dass sie an demselben Orte entspringen,
wo sie hervorbrechen, wenigstens nicht weit davon. Um die
heissen Quellen zu erklären, nahm man seine Zuflucht
zu dem Brennen von Steinkohlenflözen, oder man hatte die
unchemische und unphysische Idee von einer galvanischen
Kette im Innern der Erde, welche durch übereinanderliegende
verschiedenartige Schichten gebildet werde, und welche die Erwärmung
veranlaste: man bedachte aber nicht, dass wenn
eine solche Kette wirklich existirte, sie sich in jedem
Augenblick entladen und mithin ihre ganze Wirkung verlieren
würde.

Manche Quellen haben eine äusserst geringe Quantität von festen
Bestandtheilen, und sind doch von der grösten Wirkung, wie Gastein
und Pfeffers. Die Berliner Brunnen geben nach den treflichen Untersuchungen
von Herrn Rose auf ein Pfund Wasser von 3–12 Gran
feste Bestandtheile: der Brunnen in Landek auf 1 Pfund 3 Gran.
Gastein nur 2 Gran, und man ist auf den Einfall gekommen, die
grosse Wirksamkeit diese Heilquellen als eine Folge Reinheit
selbst anzusehn.

Eine andre merkwürdige Eigenschaft ist die Gleichheit dies Gehaltes
und der festen Bestandtheile. Der Karlsbader Sprudel ist 1770
von Becher analysirt worden, und hatte damals 59° Wärme,
wie jezt: auch die Analysen desselben von Klaproth und
Berzelius, welche gegen 30 Jahr auseinanderliegen, stimmen im
Ganzen sehr überein.

Dagegen giebt es andre Quellen, welche ihre Temperatur und
ihren Gehalt verändert haben: wenigstens vermuthet man es
von denen in Pyrmont und in Marienbad.

Noch andre Quellen stossen blosse Luft aus: man hielt dies
früher für ein Ausströmen von brennbarer Luft: es ist aber
eigentlich eine natürliche Naphta-distillazion im Grossen.
Eine solche findet sich bei Pietra-mala in Italien, eine andre fand
Hofbauer an der südlichen Küste von Kleinasien, und derselben
Natur sind die zahlreichen Naphtaquellen bei Baku am kaspischen
Meere. Die älteste Gaserleuchtung gründet sich auf
dieses Phänomen, und findet in den Tempeln der Bramapriester am
Himalaya: man sah, dass Wasserstofgas, aus der Erde ausströmend,
sich entzünden lies, und fortbrante, über solchen Stellen wurden
dann die Tempel gebaut.

Aus allen heissen Quellen schlägt sich bei der Verdampfung
etwas nieder, und dies sind schon Anfänge der Gebirgsarten, die
sich, wie der Tufstein, noch täglich vor unsern Augen bilden.
Besonders bilden sich aber diejenigen Quellen, welche Alkalien
enthalten, ihr eignes Bekken, manchmal von ganz besonderer
Gestalt. Im obern Peru ist eine heisse Quelle, (auf derselbe Ebne,
wo der unglükliche Inka Huanka getödtet wurde) die aus einer
sehr bedeutenden Höhe herab kömt. Diese hat sich eine eigne Mauer
von 50–60 Fus Höhe, und von 12 Fus Breite gebildet, die aus nichts
als kohlensaurer Talkerde besteht.

Von den Luftvulkanen, die bei den Italiänern Salse heissen,
findet sich das älteste Beispiel in der Moccaluba bei Girgenti.
Dies ist ein Lettenhügel von 150–160 Fus Höhe, auf dessen Spize
sich viele kleinen Öfnungen befinden, aus denen Koth in die
Höhe gestossen wird. Dieser fliest anfangs in ganz hellgrauen
Streifen am Rande der kleinen Krater herab, wird aber nachher
dunkler. Eine andre ähnliche Erscheinung beobachtete ich in
Südamerika bei Carthagena: die Eingebornen nennen die Gegend
: Volcancitos. In einem kleinen Umkreise erheben sich
Kegel von Letten von 10–12 Fus Höhe, und verschwinden wieder.
Ich fand ihre Stellung, wenn ich den nächsten Tag wiederkam,
durchaus verändert. Oben ist ein kleiner Krater, wenn man
ihn so nennen darf, nur von 8–9 Zoll Durchmesser, mit kaltem
Wasser angefült, aus welchem sich beständig Gas entwikkelt.
Wenn ein Krater einige Zeit ruhig bleibt, so kömt darauf gewöhnlich
ein starker Ausbruch, so dass man sich in einem
Augenblikke ganz mit Schlamm bedekt sieht. Es findet sich
auch bei den Bewohnern dieser Gegend die Tradizion, dass man
Flammen aus den Kegeln habe aufsteigen sehn. Oft werden
auch Steine aus den Kratern aufgeworfen, aus deren Untersuchung
es hervorgeht, dass das Phänomen der Erzeugung
sehr tief liegt. Das entwikkelte Gas ist aber weder Kohlensäure
noch Hydrogen, wie man wohl früher geglaubt hat,
sondern Stikgas. Wenigstens fand ich dies bei allen Quellen, die
ich Amerika untersuchte.

In Italien, wo es leider fast gänzlich an Untersuchungen der
Quellen fehlt, glaubt man Schwefelwasserstofgas gefunden zu haben
: allein es ist ungewis.

Ein andres Phänomen findet man auf dem Vulkan von Popayan,
demselben in dessen Nähe der Essigflus entspringt, dessen Wasser
freie Schwefelsäure und Salzsäure enthält. Als ich diesen Vulkan erstiegen
hatte, fand ich oben keinen Krater, wie auf den meisten
übrigen Vulkanen, sondern einen schön-gewölbten Dom von
reinem Obsidiantrachyt, in dem eine Menge Öfnungen sich befinden
, welche Schwefeldämpfe ausstossen: dabei hört man einen
gewaltigen Lärm wie von 30–40 Schmiede-essen, der von dem
kochenden Schwefel hervorgebracht wird. Es mus hier ohne
Zweifel ein grosser Vorrath von Schwefel angehäuft sein: denn
in einiger Tiefe unter den kleinen Öfnungen findet man ihn
fast ganz rein vorliegend: auch das Phänomen des schwefelsäurehaltigen
Wassers in Essigflus liesse sich damit in
Verbindung bringen.

Von den Vulkanen.

Man ist erst in neueren Zeiten darauf gekommen, dass die
Vulkane nicht blos zerstören, sondern auch hervorbringen, und
dass sie in der innigsten Verbindung mit der Bildung der körnigen
Gebirgsarten stehn, deren Entstehung aus dem Feuer jezt
Niemand mehr in Zweifel zieht.

Eine Definizion des Vulkan’s ist schwer zu geben: denn die
einzelnen Öfnungen auf der Spize beweisen nichts, auch nicht die
vulkanische Entstehung. So hat L. v. Buch zuerst 1794 darauf
aufmerksam gemacht, dass man den Monte Nuovo bei Bajae,
der bei einem Ausbruche des Vesuv in einer Nacht entstand,
eben so wenig wie die Monti Rossi am Ätna, besondere Vulkane
nennen könne.

Einen Vulkan nennen wir: einen hohen Kegel von Trachyt,
der auf seiner Oberfläche (nicht immer grade auf der Spize)
eine Öfnung hat, die mit dem innern glühenden Kerne der
Erde zusammenhängt. Bei Explosionen fliessen Erdarten aus
dem Krater, wie aus einer Erdquelle, die eine sehr hohe Temperatur
haben.

In der Verbindung mit dem Innern der Erde mus man eine
Graduazion annehmen. Ganz Quito ist ein einziger Vulkan:
eine grosse Glokke von Trachyt, über das unterirdische Feuer
gestürzt: der Cotopaxi und Pichincha sind einzelne brennende
Essen: allein diese Erklärung würde nicht ganz richtig sein: denn
jeder Vulkan ist wie ein Zentrum von eignen Erscheinungen anzusehn
, die wohl in ihrer Grundursach, aber nicht immer unter
sich zusammenhangen. In Amerika scheint eine grosse Spalte
von Osten nach Westen zu gehn, auf der die meisten Vulkane
stehn: auch der von Xorullo ist in dieser Richtung entstanden,
und wenn man gewust hätte, dass ein Vulkan sich bilden sollte:
so hätte man voraussagen können, dass er in keiner andern
Richtung sich zeigen werde. Seit 2 Jahrhunderten scheint sich
in Amerika das Feuer von Norden nach Süden gezogen zu haben,
weil die nördlichen Vulkane weniger speien. In dem Zentralvulkan
von Teneriffa ist nur ein Krater, aber bei dem Ausbruch von
Lancerote mus ein andrer unter dem Meere entstanden sein,
und zwar da, wo das Gestein am schwächsten, also leicht zu
durchbrechen war.

34. Vorlesung, 1. März 1828

Bei dem Studium der Naturwissenschaften überhaupt, und besonders
bei dem der Geognosie, welche so viele Phänomene in ihren Tiefen umfast
, ist es von besonderer Wichtigkeit, dass wir uns nicht in den einzelnen
Erscheinungen verlieren, sondern, das Gemeinsame derselben auffassend
, ihren Kausalnexus zu errathen suchen. Daher werden wir
den Zusammenhang des innern Erdkörpers mit der äussern Rinde
als in dreierlei Gestalt sich offenbarend, betrachten müssen: 1, durch
Bewegung allein: daher die Erdbeben, welche um so schreklicher für
uns sind, da wir seit der frühesten Kindheit uns daran gewöhnt,
den Boden, worauf wir treten, als etwas festes und unbewegliches
zu betrachten. 2, indem durch das Verschiebbare der Erdrinde
etwas ungewöhnliches zum Vorschein kömt: Dampf, Luft, Wasser,
Schlamm; oft werden auch Steine, von Flammen begleitet, herumgeschleudert.
3, durch intermittirende, geschmolzene Erde ergiessende
Quellen, die aus einem Trachytkegel ausfliessen.

Eben so wie man beim organischen Baue von dem einfachen
zum zusammengesezten übergeht, wie der Zusammenhang der
Formen klarer wird, indem man zuerst bei einer Bildung mit
wenigen Gliedern verweilt, und dann eines und mehrere zusezt:
eben so hier. Bei jeder folgenden Gruppe von Erscheinungen
findet man alles vor, was in der früheren vorhanden war. Bei
den Vulkanen zeigt sich z. B. Feuer, wie bei den Erdbeben und
bei den Luftquellen. Bei den Quellen von Baku, über die leider
noch fast gar nichts bekant ist, scheint es der Fall zu sein,
dass sie sich von selbst entzünden, und dass man das Feuer
wellenförmig über die Erde sich dahinwälzen sieht, welches
aber doch nicht durch das Ausströmen von Wasserstofgas hervorgebracht
wird, wie man früher glaubte. Bei Pietramala dagegen
scheint keine Selbstentzündung Statt zu finden, sondern die Spalten
nur immer von den Reisenden angezündet worden zu sein. Selbst
bei den Schlammvulkanen sind Flammen aus der Erde aufsteigend
gesehn worden. Die Vulkane vereinigen alle Erscheinungen,
die wir bei den heissen Quellen und Erdbeben gesehn haben, nämlich
ausstossen von heissem Wasser, Luft, Flammen, und haben nun
noch ein neues Phänomen, nämlich die Erdquellen, welche dann
in einzelnen Schichten erstarren und sich konsolidiren.

Die unterirdische Kraft, welcher diese Erdquellen ihr Dasein

verdanken, ist eine schaffende, wie alle Naturkräfte, indem sie

die alten Verwandschaften der Körper löst, und daher neue hervorbringt
; sie ist aber nicht blos eine schaffende, sondern auch
eine bewegende, indem sie die von ihr bereiteten Massen bis
auf die Oberfläche der Erde emporhebt, wo sie an der Luft
erstarren. Dies Erstarren, je nachdem es unter einem grossen
oder geringen Drukke (unter dem der Athmosphäre oder des
ungeheuren Meeres) vor sich geht, ist steinartig als Lava, glasartig
als Obsidian.
Die gröste Masse der Gebirgsarten ist vor unserer Geschichte

entstanden, aber ein grosser Theil davon schreibt sich, so zu sagen,
noch aus der historischen Zeit her, und wird hervorgebracht:

1, durch Quellen wie der Travertino von der Umgegend Rom’s, der
sich bis zu 500 Fus Höhe erhebt: die schönen Kaskatellen von
Tivoli bestehn daraus: man hat sie genau untersucht und
gefunden, dass sie nichts sind, als eine Anhäufung von kohlensaurer
Kalkerde, meist zylindrisch um ein Zentrum gelagert,
das dem Pflanzenreiche angehört: der kleine Flus Aniene,
welcher die Wasserfälle bildet, bringt noch heut zu Tage
solche Schichten hervor; eine Menge der grösten Gebäude

des alten und neuen Rom sind aus diesem Travertino gebaut, der zu den Süswasserformazionen

gehört. Ähnliche Erscheinungen finden sich in
Paris in den Kalkbrüchen: auch in Ungarn giebt es mehrere
Seeen, die noch immer Gebirgsarten absezen.

2, durch Anschwemmung: wenn wir bei den Quellenbildungen
annahmen, dass sie wirklich das Gestein durch Niederschlag
bilden: so müssen wir hier bemerken, dass die Bildung nur
durch Verschiebung hervorgebracht wird: dahin gehören die
Tufschichten und Breccien: der fragmentarische Sandstein, den
wir bei uns finden, ist auch dazu zu rechnen, indem seine Entstehung
nur als Folge des Fortschiebens angesehn werden kann.
Die Salse oder Kothvulkane bringen Lettenschichten durch Aufstossen
hervor; ja bei dem grossen Kotopaxi ist es der Fall gewesen
, dass er Letten in ungeheurer Menge umherschleuderte,
welche mehrere Quadratmeilen Landes bedekten. Wenn wir
noch weiter gehn, so hängen vielleicht die Lettenschichten
auf den Basaltinseln (wie Böhmen) mit Vulkanen zusammen
, die wir uns nicht so mikroskopisch denken können,
als die Salse. Aber in den Trachytvulkanen ist der eigentliche
Sitz der Hervorbringung von körnigen Gesteinen.

Diese Trachytvulkane oder eigentlichen feuerspeienden Berge
betrachten wir in 3 Rüksichten:

1, nach ihrer Entstehung. Hier komt es sehr häufig vor,
dass sie sich im Nassen bilden, also: Aufsteigen von Inseln
aus dem Meere: sehr selten ist die Bildung im Troknen,
an der Erdoberfläche auf dem Boden des Luftozeans. Der
Vulkan von Xorullo in Mexiko, den ich beschrieben habe, ist kein
eigentlicher zu nennen, so wenig als der Epomeo auf Ischia,
obgleich dieser lezte 1302 einen sehr starken Ausbruch hatte.

2, nach ihrem gegenwärtigen Zustande in voller Wirksamkeit
, den man ihr reiferes Alter nennen könte. hiebei können
lange Pausen von Unthätigkeit eintreten, so wie es
bekant ist, dass der Vesuv, vor dem grossen Ausbruche von
Pompeji und Herculanum mehrere Jahrhunderte ruhte, so
dass der Glaube an seine feuerspeiende Eigenschaft sich
beinahe aus dem Gedächtnis der Umwohner verloren hatte.

3, nach ihrem veralteten Zustande, wo sie als Solfataren
erscheinen: dies ist das lezte Stadium der Vulkane, gar
sehr von ihrem reiferen Alter abweichend: denn auch die chemischen
Erscheinungen, Entwiklung von Gasarten pp. sind
nicht dieselben bei den Solfataren und den Vulkanen.

Schon die Alten machten die Beobachtung, dass bei den
Vulkanen dasjenige, was auf die Oberfläche der Erde ausgeströmt
wird, von sehr ferne herkomme, und Seneca sagt
vollkommen richtig vom Ätna: er sei nicht alimentum
sondern via ignis.

Dem ausgezeichneten Naturforscher, Herrn L. v. Buch, dem wir
so viel neues über die Vulkane im algemeinen verdanken, gehört
auch die Bemerkung, dass man den Ausbruchskrater
wohl vom Erhebungskrater unterscheiden müsse. Wenn die
feste Gestein-masse durch elastische Dämpfe gehoben
wird: so mus sie entweder oben zerbersten und einen Krater
bilden oder sie zeigt sich als Dom, wie der Chimboraco und
die Kuppen in Vivarais und Auvergne. Nachdem der Erhebungskrater
sich gebildet, entwikkelt eine andre Hebung
den Trachytkrater als Ausbruchskrater. So fand L. v. Buch
auf Palma, einer der kanarischen Inseln, dass die ganze Insel
nichts ist als ein Erhebungskrater. Blökke von Glimmerschiefer,
worin man Granaten findet sind hervorgeschleudert worden:
dann Stükke von Basalt. Der Pic von Teneriffa ist wie
mit einem Mantel, oder mit Wall und Graben durch den
Erhebungskrater umgeben. Dieser bildet auf einer bedeutenden
Höhe eine grosse Ebne, wo fast nichts wächst als Retama,
nach dem spanischen Dialekte der Insel. (Spartium nubigenum.)
In Fortaventura (um noch ein Beispiel von den kanarischen
Inseln zu nehmen) liegt die Stadt Sta Maria della Grazia ganz
in dem Erhebungskrater. Bei der Erhebung einer solchen Insel
entstehen Barancos, tiefe Thäler, die strahlförmig gegen den
Krater in die Höhe gehn, ein sehr merkwürdiges factum: denn
durch das Dasein der Thäler selbst wird der vulkanische Ursprung
der Insel beurkundet: es war nicht anders möglich, als
dass die Masse, nachdem sie aus dem Meer heraufgestiegen war,
an der Luft erkaltend und erstarrend, in unzählige Einsenkungen
sich spaltete. Die kleine Insel Amsterdam (zwischen dem
Kap der guten Hofnung und Van Diemensland) ist eine ganz
ähnliche pelagische Erscheinung, sie besteht aus einem basaltischen
Ringe mit einer Bresche, aus der zuweilen siedendheisses
Wasser stürzt.

Die Erscheinung von Santorin im griechischen Archipelagus
wurde schon von den Alten beobachtet: hier hat die Trachytmasse
erst Thonschiefer und darauf Kalkschiefer hervorgehoben
, so dass man also fast die Natur in ihrer Werkstatt
belauschen kann. Die 3 Inseln: Santorino, Therasia
und Astronisi bilden ebenfals einen Ring, der aber nicht
ganz volständig ist, und in dem Mittelpunkte der 3 hat
sich noch eine kleinere Insel bilden wollen, die aber kaum
zu Stande gekommen ist. So bildeten sich im Jahre 1573 die
alten Kamenen und 1700 und 1709 die neuen Kamenen bei
welchen, mehrere Naturforscher, die sich grade in der Nähe befanden
, so glüklich waren, den Verlauf der ganzen Entstehung
mit anzusehen: es erfolgte kein Schlakkenausbruch, sondern
ein Felsen schob sich aus dem Meere hervor.

Unter den Azorischen Inseln ist eine, die ordentlich eine Epoche
des Entstehens und Verschwindens hat: bei St Michael
erhob sich eine Insel zuerst 1638, verschwand aber bald wieder,
sie kehrte zurük, obgleich nicht ganz an derselben Stelle
1719, und verschwand wieder: endlich hob sie sich wieder 1811,
aber immer nur auf kurze Dauer. Ihre Höhe betrug 200 Fus,
und nachdem sie versunken war, sondirte man das Meer, und
fand 400 Fus, sodas also die ganze Ausdehnung
des Phänomens 600 Fus beträgt. Zwischen dem 1ten und 2ten Ausbruche
verflossen 81 Jahre, zwischen dem 2ten und 3ten: 92. Ob nun
wirklich die elastischen Dämpfe diese bestimte Periode brauchen
, um eine Kraft zu erlangen, welche den Dom in die Höhe
heben könne, oder ob diese Zwischenräume zufällig sind, mus
unentschieden bleiben.

Eine andre mit submarinen Bewegungen zusammenhängende
Erscheinung, ist die grosse Unruhe des Meeres in
manchen Tropengegenden, ohne Sturm, ja selbst ohne Windstos
. Besonders häufig findet sie sich an den Küsten von
Lima und Peru. Ich wurde in diesen Gegenden oft durch das
Brausen der Wellen gewekt, welche ohne einen Lufthauch in
einer Höhe von 20–25 Fus an das Ufer rolten. Auch versicherten
die Einwohner, dass manchmal Flam̃en aus dem
Meere aufstiegen.

Ein ähnliches unterirdisches Phänomen mus es veranlast
haben, dass 1739 eine grosse Menge todter Fische in Lanzerote
an’s Ufer geworfen wurden.

An einigen Stellen wird das Meer erwärmt. Im Golf von
Cariaco ist ungefähr auf ¼ Quadratmeile das Wasser wärmer
als in den übrigen Stellen: welche gewaltige Hize mus dazu
gehören, um diese grosse Wassermasse von unten durchzuwärmen
. Am schwierigsten ist von allen Erscheinungen das Emporsteigen
der Flammen aus dem Meere zu erklären, auf
eine Art nämlich, die sich mit einer gesunden Physik vertrüge.

Herr v. Buch nimt an, und dabei müssen wir für erste stehn bleiben,

dass Blökke von den neuen Metalloiden der Alkalien in die Höhe
geworfen würden: diese werden beim Durchgange durch das Wasser
an ihrer Oberfläche oxydirt, zerplazen aber an der Luft und
verbrennen mit Feuererscheinung.

Es ist eine verbreitete Meinung, dass die Nähe des Wassers
zur Unterhaltung der Vulkane nöthig sei, durch Hervorbringung
von Wasserstofgas, weil wirklich die meisten Vulkane
nicht weit vom Meere liegen, aber überall läst sich dies
nicht durchführen: denn die Entfernungen werden manchmal
zu beträchtlich. So habe ich durch trigonometrische Messungen
gefunden, dass der Vulkan Kopakatelepek in Mexiko
volle 32 Meilen vom jedem Meere entfernt ist, (scil. der Südsee und
dem atlantischen Ozean). Der Guatamajo (welcher merkwürdig
ist wegen des gewaltigen unterirdischen Donners, den man fast
regelmässig von halber Stunde zu halber Stunde hört,) östlich
von der Andeskette im Innern gelegen, ist 40 Meilen vom Meere
entfernt. Durch Herrn Rüppel hat man Nachrichten von einem
Vulkan, der sich in Kordofan befinden soll, und wenigstens 120
Meilen vom Meere abstehn würde. Aber bei weitem die gröste
Entfernung, (und zwar historisch erwiesen) eines Vulkans vom
Meere finden wir in dem Innern von Asien. Herr Klaproth machte
die Entdekkung in den chinesischen Annalen, welche auch von
Abel-Rémusat bestätig wurde, dass sich unter 42½ Grad
Nordbreite ein Feuerberg: Ko-tschang nicht weit von der Stadt
Ku-tsche befinde, also 270 Meilen vom Meere, so weit als von
Moskau bis zum schwarzen Meere. Dieser Feuerberg ist nicht blos
ein einzelner Ausbruch, sondern die Beschreibung von den
Ausbrüchen der geschmolzenen Erdarten, der Steine pp. sind so
detaillirt, dass man an der Richtigkeit nicht zweifeln kann:
man hätte dies sonst für ein Phänomen halten können,
wie das der Boraxsäure im Florentinischen: allein es ist
ein eigner Vulkan, und es liesse sich vielleicht, um die
Hypothese zu retten, annehmen, dass ein grosser See in der
Nähe sich vorfände. So liegt nördlich von Teheran, der Vulkan
Dunawengi, der nicht weit vom kaspischen Meere entfernt liegt.
Doch überhaupt ist die Annahme einer grossen Wassermasse
nicht nöthig zur Unterhaltung des unterirdischen Feuers,
und wir müssen sagen, dass uns der erste Grund davon unbekant ist,
wenigstens kann ein Eindringen des Wassers in die Vulkane der
Grund nicht sein.

Der Monte nuovo entstand 1538 in den phlegräischen Feldern
bei Neapel: ich habe selbst Gelegenheit gehabt mich zu überzeugen
, dass er nichts ist als ein Schlakkenhügel, und ich entdekte
auch einen sehr kleinen Ergus von Lava. Da nun ganz
neuerlich in Ischia ein Erdbeben gewesen ist, so wäre es sehr
möglich, dass das vulkanische Feuer sich auf kurze Zeit (vielleicht
auf einige Jahrhunderte) von dem Vesuv weg nach der
Gegend des Epomeo zöge, von dem wir wissen, dass er 1302 einen
heftigen Ausbruch gehabt hat. (Beste Beschreibung des Epomeo
von L. von Buch.)

Höchst merkwürdig ist die Entstehung des mexikanischen
Vulkans Xorullo, 1759. Er liegt in einer schönen Hochebne,
wo Basalt und Trachyt in der Nähe sind, also auf vulkanische
Mächte hindeuten. Früher waren hier reiche Indigo-
und Kaffeepflanzungen, deren Pfleger in leichten Schilf-
und Mooshütten wohnten. Sie hörten zuerst einen unterirdischen
Donner; sahen dass die Erde sich in Klüfte spaltete,
aus welchen Bimssteine und andre leichte Materien hervorgeschleudert
wurden (grade wie in der Beschreibung des Ausbruches
des Vesuv beim Plinius) dazu geselte sich ein Aschenregen
: als mehrere Arbeiter bemerkten, dass ihre Strohhüte
voller Asche wurden, riefen sie den andern zu, und die Einwohner
flohen alle von der gefährlichen Ebne auf den nahe gelegenen
Hügel von Aguasaco, von wo auch ich das Phänomen
betrachtet habe. Ich mas von hier aus in der Ebne eine Erhebung
von 280–300 Fus, wie eine Blase mit einer Spalte, worauf
sich der Krater von Xorullo und mit ihm 3 andre
Vulkane erhoben hatten. Zugleich war damit ein grosser Lavaausbruch
verbunden gewesen. Das merkwürdigste aber ist,
dass auf dieser vulkanischen Fläche sich 3–4000 kleine Kegel
befinden, von 5–6 Fus Höhe, von den Eingebornen fornitos,
die Öfen genant, welche immerfort rauchen: daher glaubt
man in der Ferne, die Gegend sei bebaut, und der Rauch
steige aus den Hütten der Dörfer.

Nicht immer haben die Vulkane, wenn sie zum reiferen
Alter gelangt sind, dieselbe Thätigkeit: sondern die Erscheinungen
sind sehr ungleich. In dem Krater des Stromboli sind
ununterbrochen Erupzionen, und die Auswürfe von Flammen und
glühenden Steinen, welche man vom Meere aus sehn kann,
folgen sich beinahe regelmässig von 6–7 Minuten. Da man nun
schon mehrere Jahrhunderte vor Chr. dieselben Erscheinungen gesehn
hat, so läst sich denken, wie viele Millionen male die
Erupzionen sich müssen wiederholt haben, und man kann dies
nur: eine pulsirende Lichterscheinung nennen. Auch scheint es,
dass die kleinen Vulkane häufigere Ausbrüche haben, als die
grossen. Die ganz hohen in Amerika bleiben oft 60–70 Jahre
ruhig, vielleicht weil eine grössere Kraft dazu gehört, die Lava
so hoch zu heben; daher kommen denn auch bei ihnen die
häufigen Seitenausbrüche, worauf sie viele Jahre ohne Rauch
und Feuer bleiben. Doch mus man bedenken, dass in so bedeutenden
Höhen der Rauch nicht so leicht sichtbar ist, weil
er sich nicht sobald niederschlagen kann. Beim Vesuv sind
die Rauchsäulen nichts als Wasserdämpfe, die sich aus der
Athmosphäre niederschlagen, und auf dem heissen Krater
in Verdampfung übergehn: daher scheint es, als stiegen sie
aus dem Krater.
Meist haben die Vulkane die Gestalt von Domen, gleich viel

ob mit oder ohne Öfnung. Der Chimboraço hat keine Öfnung
doch entdekte ich einen kleinen niedrig-liegenden Seitenvulkan
mit Lava, zum deutlichen Beweise, dass die elastischen Dämpfe
nicht Kraft genug gehabt hatten, den Dom selbst zu
sprengen, sondern sich eine Seitenöfnung gesucht.

Der höchste bekante Vulkan ist der Kotopaxi, nach meinen
Messungen 17700 Fus, nach andern 17712, dann folgt der
Kopatopeletl 16600 Fus.

Man stelt sich gewöhnlich die Vulkane steiler vor als
sie sind. Wenn man die Höhe nach dem Verhältnis des
Grunddurchmessers berechnet, so findet sich eine merkwürdige
Übereinstimmung zwischen dem Vesuv, Aetna & Pic
von Teneriffa, wie 1:28, also die Höhe ist ungefähr 1/30
des Umfangs: daher sind die Abhänge meist so sehr gering,
kaum 10–12 Grad.

Das Verhältnis der Höhe des Aschenkegels zur Höhe des Vulkans
ist sehr verschieden: je stärker die Erupzionen, um desto
höher der Aschenkegel: beim Vesuv beträgt er der ganzen
Höhe, beim Pic 1/22: beim Vesuv 200 Toisen, beim Pic 84.
Nach sicheren Zeichen des Ausbruches hat man viel und

vergebens gesucht; in Neapel glaubt man, dass der Vesuv im
Herbst häufiger speie als sonst: aber man würde sich nur
einen schwachen Begriff von der Stärke der vulkanischen
Heerde machen, wenn man annähme, dass der Zustand unsrer
Athmosphäre Einflus darauf haben könte, im Gegentheil ist

zu glauben, dass die vulkanischen Erscheinungen auf den

Luftkreis einwirken. Indessen wird es beim Stromboli behauptet,
und scheint durch alle Zeugnisse bestätigt, dass er wirklich im
Winter heftiger speie als im Sommer: vielleicht ist bei diesem
kleinen Vulkan ein Zunehmen der Kräfte durch Verdampfung
denkbar, indem im Winter mehr Regen hineinfält als im Som̃er.

Beim Vesuv hat man jedoch ein sicheres Zeichen entdekt, es
ist das Ausbleiben der Quellen von Resina, weil die grosse herannahende
Hize die Dämpfe verhindert, sich niederzuschlagen.
Der Herzog della Torre hat in Resina und in Torre dell’ Annunziata
viele Versuche darüber angestelt, und ihm verdanken wir das
meiste was wir darüber wissen.

Die Grösse des Kraters ist durchaus nicht bestimt, und verändert
sich auch durch Ausbrüche und Einstürze. Beim Pic von
Teneriffa ist er von 300 Fus im Durchmesser. Beim Ätna ist er
nach den lezten Messungen viel kleiner als man glaubte.
Den grosten Krater fand ich beim Pichincha, an dessen Fusse
Quito liegt: er hat 4200 Fus im Durchmesser: auf dem Rande desselben
bilden sich wieder kleine Krater, welche das Umhergehn auf der
scharfen Kante des Krater sehr erschweren: eben so wie beim
Vulkan von Xorullo. Bei diesen kleinen Kratern geschickt der Ausbruch
wie von einem neuen Zentralpunkt. Auch ist der Krater nicht immer
becherartig (wie sein Name besagt) sondern oft unregelmässig.
Der Kratersee von Choruca in Mexiko ist wie mit hohen einzelnstehenden
Thürmen umgeben: dazwischen liegt ewiger Schnee, über
den man nicht wagen darf, zu schreiten, da er in allen Tropenländern
nicht Konsistenz genug hat, um den Menschen zu tragen: man
würde alsobald einbrechen, und vielleicht 3–400 Fus tief hinabsinken.
Auf dem Pichincha ist derselbe Fall: daher blieb mir, als ich zu
einer Ansicht des Kraters gelangen wolte, nichts anders übrig,
als diese thurmähnlichen Felsen zu erklimmen, wobei ich zufällig
ohne Führer war, diese Felsen haben oben nur 8–9 Fus Durchmesser
, daher muste ich mich gleich zur Erde werfen, sobald ich oben
angelangt war, um nicht herabzustürzen: aber zu trigonometrischen
Messungen sind diese Spizen vortreflich geeignet: und ich fand dadurch
den Diameter des Pichincha von 4200 Fus, bei einer Tiefe von
3–4000 Fus. Eine der erhabensten Ansichten!
35. Vorlesung, 5. März 1828

Der Prozes, durch welchen die Gebirgsarten gebildet werden, so weit wir
ihn nämlich nach unsrer geringen Kentnis des Innern der Erde
verfolgen können, ist dreierlei: durch unorganische Kräfte geschieht die
Bildung auf 2erlei Art, durch organische auf eine:

1, unorganische Bildung: a, durch Quellen; offenbart sich in den Süswasserformazionen, als

Niederschlag aus kalten und warmen Quellen, oder durch Anschwemmung
, Strömung und Fortführung der lokkern Theile.

b, durch vulkanische Wirkungen, als Laven, Porphyrmassen,
Granit, Tuff, entweder trokken zusammengehäuft an dem
Krater emporsteigend, oder als Konglomerat im wahren
Sinne des Wortes.

2, organische Bildung: sichtbar an den Koralleninseln: die Gehäuse
und Wohnungen der Koralle steigen durch Anbau über die
Meeresfläche empor, und zerbrökkeln sich.

Die vulkanischen Gesteine werden oft in Geselschaft der Konglomerate
gefunden, indem sie (die Gesteine) durch Zertrümmerung der Lagen von den
Konglomeraten umgeben werden. Hievon sah ich ein sehr merkwürdiges
Beispiel in den Antillischen Inseln, südlich von Kuba,
bei den durch Kolumbus berühmt gewordenen Gärten des Königs
und der Königin, wo sich eine Menge Koralleninseln mit Konglomeraten
zeigen.
Indem ich nun zu den Vulkanen zurükkehre, bemerke ich, dass

zu einem eigentlichen Vulkan nicht blos ein einzelner Ausbruch
gehört: sondern eine Folge von Erupzionen. Solche einzelnen Erscheinungen
finden sich oft auf vulkanischem Boden. Wir wissen
durch den vortreflichen ägyptischen Reisenden, Herrn Rüppel, dass
auf Lipari sich 300 Fus hoch eine Tuffschicht befindet, welche
durch feldspathartige Lava so hoch gehoben wurde. Einzelne
Ausbrüche finden sich in unserer Geschichte, aber von
der Bildung eines permanenten Vulkans auf dem Boden
des troknen Luftmeeres ist noch kein Beispiel vorhanden,
so weit wir die Geschichte dieser Erscheinungen verfolgen
können.

An seiner Spize ist der Pic von Teneriffa in dem Zustand einer
Solfatara, wie die phlegraischen Felder bei Pozzuoli, dagegen
geschehn an seinen Seiten noch manchmal Lavaausbrüche, er
ist also immer noch ein eigentlicher und zwar Zentralvulkan
zu nennen.

Die Vulkane sind ihrer Gestalt nach meist kegelförmig, doch giebt
es Ausnahmen: so bildet der Pichincha, (höher als der Montblanc
) einen langen mauerartigen Rükken: scheint also auf einer
Spalte zu stehn. Der gröste bekante Vulkan, der Kotopaxi ist wieder
ein kegelförmiger Trachytberg: er ist 5 mal höher als der Vesuv, und
als der Pic von Teneriffa. Eine schöne Abbildung findet man
in meinen Vues pittoresques pp.

Vergleichende Maase.

Höhe des Aschenkegels. ganze Höhe des Vulkans.

Vesuv. 1338 Fus nach

meiner lezten Messung 3750

Ätna 1020. 10,200 nach sehr übereinstimmenden

Messungen von Saussure,
Scope und Herschel jun.

Pic 504. 11430.

Die Höhe des Aschenkegels nimt also ab, jemehr die des Berges
zunimt: nicht als ob dies ein allgemeines Gesez sein solte: es
hängt ganz natürlich damit zusammen, dass die kleinen Vulkane
mehr an der Spize auswerfen, wo der Aschenkegel sich bildet,
die grossen dagegen öfter Seitenausbrüche haben.

Bei manchen fehlt der Ausbruchskrater, den man nicht mit
dem Erhebungskrater verwechseln mus; dann findet sich nur ein
einziger Lavastrom. Eine Ausnahme von dieser durchgehenden
Regel fand ich beim Antisana, der, weit höher als der Montblanc,
auf einer Ebne von 12000 Fus Höhe liegt, wo die Luft so dünn ist,
dass, wenn man auf den Weiden das Rindvieh jagt, dieses sehr
bald eine Menge Blut auswirft, weil in so dünner Luft auch eine
geringe Muskelbewegung das Blut heftig in Wallung sezt. Der
Antisana hat keine Öfnung auf dem Gipfel, und doch sieht
man viele Lavaströme an ihm herabfliessen, die aber vielleicht
gleichzeitig entstanden sein können. Der Chimboraço, welcher
auch ein trachytischer Dom ist, hat keinen Krater, aber ich
war so glücklich, einen kleinen Seitenauswurf von Lava zu
finden, einen Ausbruch dampfartiger Substanzen, nahe von
dem Orte, der im mexikanischen der Feuerberg heist, auf derselben
Ebne von Tapia, wo ich die trigonometrische Messung
des Chimboraço anstelte.

Der Vesuv, welcher zu den kleinsten Vulkanen gehört, hat
dennoch einen Krater von 1600 Fus Durchmesser.

Der Pic von Teneriffa nur 300 Fus. Einen 2ten Krater, den von
Chahorra entdekte Cordier erst im vorigen Jahrhundert.

Man glaubte lange, dass die Höhe der Kraterwände unbeständig
sei: allein neuere Messungen haben gezeigt, dass ihre Höhe sich
sehr gleich bleibt:

Der Vesuv ist sehr oft gemessen:
1773 von Saussure.

1803, L. v Buch, Gay Lussac und mir.

1822 wiederum von mir.

also ein Zwischenraum von fast 50 Jahren, und in diesen haben die
Kraterwände ihre Höhe unbedeutend wenig verändert, ja die Rocca
del Palo ist eher etwas gestiegen. 1794 war die nördliche Spize
500 Fus niedriger als die südliche: sie ist seitdem wieder von
Lord Miltown und von mir gemessen worden, und es hat sich
nur ein geringer Unterschied gefunden.

L. von Buch hat die Bemerkung zuerst gemacht, dass die Tiefe
des Kraters das Maas für die wahrscheinliche Entfernung
der Erupzion ist: nach der Erupzion von 1822 sank der Boden des
Kraters bis 600 Fus tief, während er vorher so weit über den
Rand gehoben wurde, dass man den Boden des Kraters von
Neapel aus sehr deutlich sehn konte; jezt bildet er
wieder ein Thal auf dem Rükken des Berges mit einzelnen
Schlakkenkegeln darin: vor dem Ausbruch von 1822 war der Boden
des Kraters an 200 Fus hoch über den Rand emporgestiegen
: daher sind die Nachrichten falsch, in denen man lieset,
dass die Spize des Kraters eingestürzt sei: es ist nur der durch
elastische Dämpfe gehobene Schlakkenkegel in der Mitte des Kraters
, die Wände bleiben sich in ihrer Höhe sehr gleich.

Die Dikke des Kraters ist sehr bedeutend, und doch sind
die heissen Dämpfe im Stande, in jenen Gegenden, wo er sich
mit Schnee bedekt, den Schnee in einer Nacht zu schmelzen.
So geschah es beim Kotopaxi, im Jahre 1804, während ich in der
Südsee war, dass der weisse Kegel sich in einer Nacht in einen
schwarzen Schlakkenhaufen verwandelte, nicht etwa, weil die
Hize des Vulkans ihn auswärmte, sondern weil die überall

aus den Spalten des Konus hervorquellenden heissen Dämpfe den Schnee schmolzen.

Bei den meisten Vulkanen haben sich die Ränder des
Kraters als Schichten von Lava gebildet, die durch einzelne
Gänge gespalten wurden: dies sah man besonders deutlich
am Vesuv nach dem Ausbruch von 1822.

Die Erupzionsgeseze kann ich hier nur nach der Reihe
nennen:

1, Erdbeben gehn dem Ausbruch vorher, aber begleiten ihn nie:
zwar sind 1822 in mehreren Häusern von Portici die Dekken
gespalten: dies geschah aber durch den Druk der Luft, als
der 500 Fus hohe Schlakkenkegel einstürzte. Man hat, um sich
zu überzeugen, an mehreren Orten in Portici gefülte Wassergläser
hingestellt, aber keines derselben hat das Wasser verschüttet.

2, Lavenausbruch, der an den Seiten des Berges herabfliest.

3, Rauch- und Aschenauswurf: dieser bildet sich wie ein grosses
Gewölbe, erzeugt eine starke elektrische Spannung und ein vulkanisches
Gewitter, daher Blize, Regen und Wasserströme aus dem
Vulkan aufgeschleudert.

4, Ausbruch der Moffetten von kohlensaurem Gase: eine solche
führte wahrscheinlich den Tod des älteren Plinius herbei. Früher
hatte man den Vesuv nur nach einer Vermuthung des Vitruvius
für einen Vulkan gehalten aber 79 nach Chr. erfolgte der gewaltige
Ausbruch, der Pompeji und Herculanum verschüttete, und dem
Plinius das Leben kostete. Nachher ruhte er wieder eine lange
Zeit, so dass Braccini sagt, man habe Holz aus dem Krater geholt,
der ganz überwachsen war. Der Ausbruch von 1500 ist unsicher:
aber 1631, nach 3 Jahrhunderten Ruhe, fängt er wieder an zu speien,
und seitdem folgen sich die Ausbrüche in sehr schnellen Perioden.

Wo die Vulkane in den ewigen Schnee hineinreichen, unter den
Tropen auf der Andeskette bei 2450 Toisen Höhe da zeigen
sich eigne Phänomene: es erfolgt nämlich bei den Ausbrüchen
ein Auswurf von vielen 1000 todter Fische, die aus dem Vulkan
hervorbrechen. Dies ist so zu erklären: Vor dem Ausbruche füllen
die geschmolzenen Schneemassen die unterirdischen Höhlen
des Vulkans, und bilden grosse Teiche oder Seeen, in welche dieser
kleine Fisch, Silurus Cyclopum oder Pymelodes sich verkriecht,
theils weil er Stille und Dunkelheit liebt, theils auch, weil
ihm die kühlere Temperatur zusagt. Man erkent ihn sehr leicht
an den feinen Barthaaren und Fäden um den Mund. Die
Spanier nennen ihn: Preñadilla, und man findet ihn in allen
Strömen von Quito. Dieser wird, vielleicht schon todt, mit dem
Schneewasser gehoben, und komt dann aus einer
Höhe von 5–6000 Fus herab. So geschah es am dem Schrekkenstage
des 20 Juni 1698, als der Kangurasco welcher

an Höhe den Chimboraço übertreffen haben soll, seinen Gipfel

verlor. So bei den Ausbrüchen des Ipabara wo ein breiartiger
Tuff mehrere Quadratmeilen bedekte, und eine solche Masse
todter Fische ausgeworfen wurden, dass man diesem Umstande
und dem heissen Sommer die vielen Faulfieber in der Gegend,
allein zuschreiben kann.

Bei den Erupzionen ist dreierlei zu bemerken:

1, das Auswerfen von Fragmenten des uranfänglichen Gesteins,
als Granit, Syenit, Glimmerschiefer. Dieses findet man besonders
in den alten Ausbrüchen des Vesuv, im Fosso de’ Cervi pp., auch
auf Palma bemerkte L. v. Buch solche Fündlinge, die aus grosser
Tiefe heraufgekommen sein müssen: diese Massen sind oft
in die Lava eingebakken, wie ich dies häufig beim Jorullo wahrnahm
.

2, Veränderung, die das Gestein erleidet: so wird der dichte
Kalkstein der Apenninen vom Vesuv in parischen Marmor
oder in Dolomit verwandelt.

3, Hervorbringung von Lava, welche sich unter dem Drukke des
Meeres als Lavaschicht, unter dem geringeren der Athmosphäre
als Lavastrom zeigt. Die Tiefe des Ausbruchs bedingt die Stärke
des Stroms, und die Höhe wird durch die Natur der Masse
selbst bestimt, welches sehr merkwürdig und beachtenswerth ist.
L. v. Buch machte diese Bemerkung zuerst auf den kanarischen
Inseln. Die Obsidiane haben einen geringeren Druk nöthig, als
die Laven. Aus dem Trachyt entsteht der Obsidian, aus diesem
der Bimsstein, und viele Vulkane verwandeln den Bimsstein noch
in Asche. Der Ätna hat weder Obsidian noch Bimsstein.
Die gröste Masse von Bimsstein findet sich am Fusse des Kotopaxi

, wo ich Stükke 30 Fus lang und 6–8 Fus hoch antraf:
welche von den Einwohnern für anstehendes Gestein gehalten
wurden: es ist aber eine Folge der vulkanischen Kräfte, und nichts
als umgewandelter Obsidian. Am Pichincha fand ich Glim̃er
in der Lava, welche hier das Ansehn von gewaltigen Eisschollen
hat. Die Verwüstung ist hier so ungeheuer, dass die
Spanier diese Gegend: mal pays, wüstes Land nennen. Wo
die Lava sich nicht mit Asche bedekt, da kann sie 1000
Jahre liegen, ohne dass auch nur Flechten sich darauf zeigen.
Beim Jorullo rühren die 3–4000 Kegel welche immerfort
rauchen, von elastischen Dämpfen her, die auf eine zähe
Masse gewirkt haben. Sie verhalten sich ungefähr wie
Seifenblasen im Grossen. 1822 sah man dasselbe Phänomen
beim Vesuv, aber nur mit einigen wenigen Kegeln.

Die Höhlen, welche sich in der Lava bilden, verdienen unsre
ganze Aufmerksamkeit, und nehmen insofern eine ausgezeichnete
Stelle in der Reihe der vulkanischen Erscheinungen
ein, als in ihnen die Sublimazion der Metalle vor
sich geht: es bildet sich Eisenglanz an den Wänden der Höhle, dessen
Zunehmen man sehr deutlich wahrnehmen kann. Bis jezt
fand man in den vulkanischen Produkten 7 Metalle:
Eisen, Titan, Kupfer, Mangan, Spiesglanz, Arsenik und
Selenium.

Dies kann vielleicht einmal einen Aufschlus geben über den
Zusammenhang im allgemeinen zwischen den Metallen und Vulkanen.

Die Masse der Lava kömt in den verschiedenen Ausbrüchen
aus höheren und tieferen Schichten, wie man dies aus ihrem
Inhalte beurtheilen kann. In den Trachytbergen giebt es feldspathartige
Laven, in den Basaltbergen aber Augit und Olivin.

Die Masse ist sehr verschieden, oft bei nahestehenden Vulkanen
eine ganz andre: beim Ätna meist Hornblende,
beim Vesuv dagegen Augit. Man findet grosse Unterschiede
bei Ausbrüchen desselben Berges, die 5–6 Monate auseinanderliegen
. Bald ist diese Masse ein dichtes Gewebe, bald
ein dünneres mit einzelnen Krystallen oder Porphyrmassen.
Es scheint aber doch, als ob die Krystalle präexistirten, und
in der zähen Masse geschwommen haben.
Beim Vesuv bildet sich nach dem Aschenausbruch eine grosse

Pinie von Asche, wie schon Plinius sie beschreibt, und dies
bezeichnet das Ende der Erupzion: die eingekerkerten elastischen
Dämpfe brechen dann hervor, und reissen Asche und Rauch
mit in die Höhe.

Diese Asche zeigt sich:

1, aus dem Krater selbst hervorgeschleudert. Wie heftig der
Ausbruch des Vesuv von 79 n. Chr. gewesen sein mus, läst sich
aus der Höhe der Asche schliessen, welche 70–80 Fus über Pompeji
aufgehäuft ward, und zwar nicht etwa herabgeflossen,
sondern aus der Luft niedergefallen. Man hat die Ausbrüche
von 1631 und 1822 jenem ersten gleichstellen wollen, und
vieles in den Angaben übertrieben, die Asche solte 1822 an
12–15 Fus hoch gelegen haben, während nach meinen Messungen
es nur 2–2½ Fus betrug.

2, oft fliest sie aus Seitenspalten, welches sehr merkwürdig
ist: 1822 hies es, nahe am Krater habe sich eine heisse
Quelle gebildet: als man aber genauer nachsah, war es ganz
trokne Asche, die wie eine Flüssigkeit sich hervorschob, und
es war leicht, den Staub und den Wasserdampf zu verwechseln.
3, schlammige Ausbrüche mit Wasserdämpfen vermengt, hat

man nur aus vorhistorischer Zeit nachgewiesen: namentlich
sind sie am Rhein beobachtet, im Tuff der Eifel und von Andernach.

4, als Anschwemmungsschichten.

Der lezte Zustand in den Stadien der Vulkane ist der, wo sie
als Solfataren oder Kraterseeen erscheinen. Sie stossen dann
ein Gemenge von Schwefelwasserstofgas und Salzsäure aus.
Von den Kraterseeen erreichen einige eine bedeutende Tiefe im
Vulkan; bei dem von Tolnea bei Mexiko hatte ich, auf dem
Rande des Kraters stehend, den Spiegel des Sees 5000 Fus unter mir. Ein
See in Siebenbürgen, namens Doscheli bei Wasuchen enthält
in seinem Wasser Schwefelsäure. Dies stimt volkommen
damit überein, dass ich im Glimmerschiefer Schwefelmassen
gefunden habe, welches Vorkommen früher bestritten
worden war: bei Quito liegt der Schwefel in einem Quarzlager,
und die Geognosten betrachten jezt den Gyps als durch die
Einwirkung von Schwefeldämpfen entstanden.

36. Vorlesung, 8. März 1828

Es bleibt uns nun noch übrig, einiges von der Aneinanderreihung der
Vulkane zu sagen; ein Studium, welches erst in ganz neuster Zeit seine
Ausbildung erhalten. Das meiste und gediegenste darüber haben wir von
L. v. Buch, theils in seiner Beschreibung der kanarischen Inseln,
theils in einem neuren Aufsaz in Poggendorf’s Journal: über die Natur
und den Zusammenhang der Vulkane.

Man theilt die Vulkane in Zentral-vulkane und in Reihen-vulkane
. Jene bilden den Mittelpunkt einer Menge um sie her fast
gleichmässig nach allen Seiten wirkender Ausbrüche. Diese liegen
in einer Reihe hintereinander, oft nur wenig von einander entfernt,
wie Essen auf einer grossen Spalte. In Hinsicht ihrer Lage sind
die Reihenvulkane dann wieder von 2erlei Art. Entweder erheben
sie sich als einzelne Kegel-inseln aus dem Grunde der See: dann
läuft gewöhnlich ihnen zur Seite ein primitives Gebirge völlig in
derselben Richtung, dessen Fus sie zu bezeichnen scheinen, oder
diese Vulkane stehn auf dem höchsten Rükken dieser Gebirgsreihe
, und bilden die Gipfel selbst. In ihrer Zusammensezung und
in ihren Produkten sind sie nicht von einander verschieden. Es
sind fast immer Berge von Trachyt, und die festen Produkte
daraus lassen sich auf Trachyt zurükführen.

Zu den Zentralvulkanen gehören: der Vesuv, mit den phlegraischen
Feldern, und vieleicht dem Epomeo; der Ätna, mit den liparischen
Inseln, worunter Stromboli; der Pic von Teneriffa mit den kanarischen
Inseln; die azorischen Inseln; die Cap-Verdischen Inseln; die
Gallāpăgos pp..

Zu den Reihen-vulkanen: die Andeskette, (Siehe meine geognostischen Ansichten
von Südamerika) sehr merkwürdig ist es, dass wenn man hier
vom Granit und Glimmerschiefer verlassen wird, das Vorkommen von
Trachytkonglomeraten die Nähe eines Vulkans anzeigt; die Reihe
von Guatemala; die Molukken; die Philippinen; die kurilischen
Inseln.

Mit der Erscheinung der Vulkane scheint eine Hebung
der Erde verbunden bei den Zykladen und in Mexiko: äusserst selten ist
das Vorkommen von uranfänglichem Gestein in der Nähe eines Vulkans, doch
giebt es Beispiele; am Vesuv sieht man solche granitischen Fündlinge
im Fosso grande; aber sehr wenig; bei Tunguragua in Mexiko nahe
von der grossen Hängebrükke aus Strikken, ist Gneis vom Vulkane gehoben
worden.

Indem wir einige allgemeine Betrachtungen über die Geognosie hinzufügen
, können wir uns natürlich nicht in das einzelne einlassen,
da dies der Gegenstand der Geognosie selbst ist. Erst in neueren Zeiten
hat man angefangen, auch die schaffende Kraft der Vulkane hervorzuheben
, da man früher nur auf ihre zerstörende gesehn hatte: es ist
erwiesen, dass die Vulkane immer noch körnige Gebirgsarten bilden.
Wir sehn diesen Prozes unter unsern Augen, und man hat in Folge
davon versucht, die Massen welche wir durch die Vulkane erhalten, künstlich
nachzuahmen: um diesen Zweig der Naturkunde haben sich besonders
verdient gemacht die Engländer Greenough, Warburton & Söwerby .
L. v. Buch hat im Flemser Thal im südlichen Tyrol eine Stelle entdekt
, wo dichter Kalkstein in körnigen verwandelt ist durch eine
Spalte des hervorgedrungenen Urgebirges; endlich haben die neusten
Versuche von Mitscherlich künstliche Fossilien hervorgebracht, indem er
die Materialien derselben der Hize eines Hochofens aussezte: er fand
auf diese Weise, dass man künstlich darstellen könne: Glimmer,
Augit, Olivin und Titan. Andre Chemiker haben die Schlakken der

Hochöfen untersucht, und auch schon da mehrere künstliche Mineralien

gefunden. Diese Versuche sind nicht blos in chemischer
Hinsicht von grosser Wichtigkeit, sondern auch für die Theorie bedeutend
: denn es ist klar, dass die verwandelnde Masse jünger
sein mus als die verwandelte: wenn wir also, wie im Flemser Thale
dichten Kalkstein in körnigen umgeändert sehn, und daneben eine
Spalte mit Urgebirge, so mus dieses später aus der Spalte hervorgedrungen
, also in seiner Bildung auf den Kalkstein gefolgt
sein.

Ich lasse nun noch einige Bemerkungen über die äussere
Erdrinde im allgemeinen folgen, worüber ich ausführlich mich
ausgesprochen in meinem: Geognostischen Versuch über die Lagerung
der Gebirgsarten in beiden Erdhälften.

Es ist oft die Frage aufgeworfen, wie tief wir unter die Erdrinde,
vom Spiegel des Meeres an gerechnet, gekommen sind? Lange hielt
man die Grube von Ansin bei Valenciennes für die tiefste, welche
850 Fus unter dem Meere hat: allein die Messungen 2er ausgezeichneten
Geognosten, der Herren v. Dechen und von Oeynhausen haben gezeigt
, dass die tiefste Arbeit der Menschen unter dem Meeresspiegel
bei Lüttich ist. Die Grube im Maasthale bei Val St Lambert hat
1500 Fus ganze Tiefe: da der Ort nun ungefähr 100 Fus über dem
Meere liegt, so ist man hier 1400 Fus unter dem Meeres-niveau.
Man hielt auch die Gruben von Whitehaven für die tiefsten, aber sie
erreichen nur 1000 Fus. In Kornwall hat man eine Grube, wo ein Stollen
mehrere 1000 Fus unter dem Meere hinläuft, und der äusserste
Punkt desselben ist nur 8 Fus von dem Wasser entfernt. In dem
Gebiete von Penswan ist eine noch merkwürdigere Erscheinung: hier
ist eine Grube auf einer Klippe im Meere, die gegen die Fluth durch
Dämme hat geschüzt werden müssen, man baute 5 Jahre lang
auf Eisenerze, bis endlich ein Schiff an der Klippe scheiterte
und den Damm zerstörte, worauf die Grube ersoff; zum Glükke war
Niemand unten. In Freiberg ist die tiefste Grube der Thonhofer Zug,
der 1670 Fus hat: da aber Freiberg schon 1200 Fus über dem Meere
liegt, so bleiben nur 400 Fus für die absolute Tiefe übrig. In
Mexiko maas ich eine Grube von 1530 Fus, die zu den tiefsten bekanten
gehört, allein die ganze Gegend liegt 6000 Fus über dem
Meere. Im Ganzen kann man annehmen, dass der Mensch 4
mal so tief unter das Meer sich gearbeitet hat, als das Maas
der höchsten menschlichen Bauwerke über der Erde beträgt, für
welche es auch eine bestimte Gränze zu geben scheint: die Pyramide
von Ghizeh, der Cheops genant, das Strasburger Münster,
die Peterskirche in Rom (Dom in Antwerpen) alle schwanken
zwischen 440–450 Fus Höhe, und dies ist wiederum nur 40 mal
höher als die Bauwerke der Thiere: denn die Wohnungen der
weissen Ameisen erheben sich bis 10 und 12 Fus.

Allein ausser den Gruben haben wir andere Mittel, das Innere
der Erde zu erforschen: wir bedienen uns der Hebung
der Gebirge, obgleich dies auch noch nicht viel ist. Nehmen
wir an, dass die ganzen Gebirgsketten durch elastische Dämpfe
aus der Tiefe hervor gehoben sind, wie es nach den neuen
Ansichten sehr wahrscheinlich ist: so ist also der unterste
Fus des höchsten Gebirges die tiefst-heraufgehobene Stelle.
Nun hat man auf dem Himalaya bis jezt die Höhe von 18500
Fus über dem Meere erreicht, und der höchste Gipfel, der Devalagiri
ist, wiewohl noch ziemlich unsicher, auf 26400 Fus gemessen
worden, und der Fus dieses Gebirges
wäre also die aus dem tiefsten Grunde hervorgehobene Stelle, die
wir kennen. Bedenken wir aber, dass eine geographische Meile 22800
Fus hat, und dass der Erdhalbmesser 860 Meilen beträgt, so sieht
man, dass wir etwas über eine Meile, also nur einen sehr geringen
Theil des Erdradius kennen.

Aus noch grösserer Tiefe indessen wirken die Vulkane herauf,
und namentlich müssen wir annehmen, dass die Fündlinge körnigen
Gesteines, wie man sie beim Vesuv am Fosso grande pp. findet,
aus bedeutender Tiefe hervorgeschleudert worden sind.

Wenn wir von oben nach unten hinabsteigen, so unterscheiden
wir 5 körnige Gebirgsarten:

1, neuste Laven mit Eisenoxyd.

2, ältere Basaltformazion.

3, Trachyt mit glasigem Feldspath.

4, Porphyr mit und ohne Quarz.

5, Syenit, Gneis, Granit.

Die 5te Abtheilung nante man lange: Urgebirge, aber Berzelius fand
in dem Syenit: Olivin. Nehmen wir die übrigen Fossile dazu, so
haben wir von oben nach unten gehend:

1, lokkere Schichten von Dammerde mit Thierknochen.

2, dichtere Schichten von Kalkstein mit Seefischen, Bivalven, Polythalamen
, Tellinen pp.

3, Thonschiefer mit einigen Spuren von Bambus.

4, körnige feldspathreiche Massen, Serpentin.

5, Granite, Dolerite, Basalte, ohne Reste organischer Körper.

Die 3te von diesen Gruppen heist auch Übergangsgebirge: in ihr
findet sich das erste Aufkeimen des organischen Lebens: Bambus,
baumartige Farrenkräuter pp..

Die 2te Gruppe sind die Flözgebirge mit Palmenstämmen pp..

Darüber lagert sich die erste Gruppe als terziäre Bildung, und
hier finden wir Baumstämme von Dikotyledonen, wie aus unsern
nordischen Wäldern.

Dann folgt ein aufgeschwemtes Gebirge mit Goldsand und fossilen
Landthieren, und dies bildet die oberste Erdschicht.

Zwei grosse Zerstörungen der Vegetazion, nachdem die Erdrinde
schon erhärtet und erkaltet war, können wir in diesen
Erscheinungen wahrnehmen: sie bezeichnen die Gränzen der
Flözgebirge nach oben und nach unten. Die oberste ist die Steinkohlenformazion
, welche aus einer untergegangenen Palmenformazion
also Monokotyledonen entstanden ist: darunter die bernsteinhaltige
Braunkohle aus Dikotyledonen. Hier greift die Botanik
so eng in die Geognosie ein, dass sie kaum mehr von einander zu
trennen sind, daher kann es bemerkt werden, dass Monokotyledonen solche
Pflanzen sind, deren Stamm meist einfach in die Höhe steigt, und
aus einer schwammigen Masse besteht; Dikotyledonen aber einen festen
vielfach-verzweigten Stamm haben, der bei seinem Wachsthum
Jahresringe ansezt. Daher ist der oberste geognostische Horizont durch
die Gestalten der meist oval-abgeplatteten Stämme ausgezeichnet
. Man mus aber nicht glauben, dass diese Formazionen überall
abgesondert sind; es finden sich Übergänge, so enthält der Gyps
Knochen von Rhinozeros und Elephanten-artigen Thieren zusam̃en
mit Palmen und baumartigen Farrenkräutern, die man in so grosser
Menge antrift, dass man annehmen mus, die Vegetazion
der Vorwelt habe nur daraus bestanden, während jezt unter den
Tropen die Masse der Wälder nicht aus einer Mehrzahl von Monokotyledonen
besteht, ausgenommen jene dichtbewachsenen Stellen
am Orenoco, und am Rio Apure.

In diesen beiden grossen Ablagerungen der Steinkohlen und der
Braunkohle ist es zu bemerken, dass man noch nie fossile Menschenknochen
gefunden hat: dies läst auf das hohe Alter dieser
Revoluzionen schliessen. Die Flora und Fauna finden sich übereinandergelagert
, aber sie gehören einer früheren längst untergegangenen
Welt an, in der noch keine Menschen existirten. Diese
Verbindung der vegetativen und animalischen Welt mit den Fossilen
giebt der Geognosie unserer Zeiten einen neuen eignen Reiz. Es
wird möglich, auch in ihr das Leben zu verfolgen, wie es von den
ersten Anfängen aufwärts steigend, zusammengesezte Formen annimt
, und sich endlich bis zur höchsten animalischen Bildung
erhebt.

Wir müssen nun kurz die Typen der Organisazion, wie sich dieselben
in den verschiedenen Schichten gelagert finden, angeben:

Im Übergangsgebirge, woraus ein grosser Theil des Harzes
besteht, findet sich zu unterst: Bambusschilf mit Korallen
und baumartigen Gräsern: zugleich Trilobiten, von der Art,
die man sonst Käfermuscheln nante: also sehr ausgebildete
Thiere, von denen eins mit grossen gegitterten Augen, dem Käfer
auf Japan nicht unähnlich, der zu den grösten bekanten gehört
, indem er 3–4 Fus Länge hat, ferner Sepiaartige
Fische, Cephalopoden, Orthozeratiten pp. Im Flözgebirge findet
sich eine zahllose Menge von Polythalmen, die sogenanten
Ammonshörner und Belemniten: auch ein Thier, das seine Schale
in dem Leibe hat, anstatt aussen um denselben, und welches man
lange für untergegangen hielt; aber bei der Reise des Capitain
Baudin ist es dem Naturforscher Péron geglükt, ein solches
Thier, die Spirula lebendig zu finden. Ich habe es in Paris in
Spiritus gesehn, und es gelang, die Schale in seinem Leibe zu erkennen
und herauszunehmen. ferner Nummuliten, von denen
man eine grosse Menge in dem Gesteine sieht, aus dem die Pyramiden
in Aegypten gebaut sind. Sepien; Herr Bukland in Oxford
hat sogar den farbigen Theil einer Sepia als eine gelbliche Masse
gefunden, und es ist gelungen; dieselbe in heissem Wasser aufzulösen
: ich habe ein Bildnis dieses kleinen Fisches mit seiner eignen
Farbe gemalt gesehn, die also viele 1000 Jahre ungebraucht gelegen
hatte. Fische von allen Arten, die ich nicht weiter aufzählen will.
Tropenformen: krokodill-artige Thiere. Im Lyas sind besonders abweichende
Formen: hier findet man die ungeheuer grossen Thiere; den gewaltigen
Megalosaurus, eine Eidexe von 40–50 Fus Länge (die grösten
Krokodille, welche ich gemessen habe, hatten nur 20–22 Fus) deren
Schenkelknochen 4 Fus mist; den Pleisiosaurus, ein Krokodill
mit einem Schwanenhals; von dem man sich denken kann, dass
es auf dem Troknen gelegen habe, und seinen langen Hals in das
Wasser hinab lassen konte, um seine Beute zu erhaschen; den
Ichthyosaurus, ein Krokodil mit Fischaugen, während alle andern
lange geschlizte Augen haben; dann das wirkliche Krokodill, wie
es als Gaviale im Ganges vorkömt; eine sonderbare Flügel-eidexe
, die einen eignen Finger hat, der mit dem Flügel verbunden
ist, Pterodactyles genant, worüber zwischen Cuvier und
Sömmering ein langer Streit geführt wurde; dann die ganze
Reihe der Cetaceen, wallfisch-artige Thiere, warmblütige Bewohner
des Meeres; Seekühe, wie man sie in den antillischen
Meeren findet, Lamantins genant. Über der Kreide fangen die
Säugethiere des Landes an; ungeheure, Rhinozeros-ähnliche:
wie das Anaplotherion, Palaiotherion; der kolossale Tapir,
den man lange für ein blos amerikanisches Thier hielt, bis
man kürzlich in Malakka einen entdekt hat, den man zwar
für eine neue Spezies ansehn mus, der aber mit dem amerikanischen
viel Ähnlichkeit hat; merkwürdig genug ist nie
ein Auerochse fossil gefunden worden. Man hat in neuern
Zeiten erwiesen, dass unser Rindvieh nicht von dem Auerochsen
abstamt, sondern dass der Urstam sich in Amerika
findet; einen höheren und grösseren Elephanten; ein Rhinozeros
, neue Spezies vom Nilpferd pp. einen solchen ungeheuren
Elephanten hat man im nördlichen Asien entdekt. Schon
1771 fand man daselbst fossile Elephantenknochen mit Stükken
Fleisch daran: aber die wichtigste Entdekkung machte
Adams, ein in russischen Diensten stehender Physiker, auf
einer Reise 1799 in Sibirien: er fand eine grosse Eismasse mit
einzelnen Knochen und Fleisch: es brauchte 5–6 Jahre, ehe
das Thier ganz vom Eise frei wurde; unterdessen zehrten Hunde
und Wölfe in grosser Menge daran; endlich 1804 meldeten
die Jakuten an Adams, dass das Thier frei sei, und nun wurden
endlich die Reste nach Petersburg geschaft. Man fand die
Augen und einen Theil des Gehirns; das Thier war mit 15 Zoll
langen Haaren bedekt, und dies gab Veranlassung zu der Vermuthung
, dass es dadurch gegen die Kälte habe geschüzt werden
sollen, und dass es also auch in der kalten Zone könne
Elephanten pp. gegeben; allein die Behauptung ist nicht wahrscheinlich
: wenn man auch zugiebt, dass Elephanten in der
kalten Zone gelebt haben: so findet man doch neben den Überresten
dieser Thiere, und zwar gleichzeitig mit ihnen, Palmen und andre
Tropengewächse; es ist erwiesen, dass in der kalten Zone nur
Gewächse leben können, welche im Winter ihr Leben auf ihre
mittlere Axe konzentriren, und ihre appendikulären Organe
(zu deutsch: die Blätter) abwerfen können: wenn man aber eine
Palme köpft, oder ihr die obere Krone nimt, so stirbt sie
alsbald, und dasselbe würde geschehn, wenn sie durch den Frost
ihr Laub verlöre; man findet endlich das Megatherion, von
Dalton in Bonn sehr gut beschrieben, welches von so wunderbarer
Zusammensezung ist, dass es beinahe wie ein Aerolith aus
einem andern Weltkörper herübergekommen zu sein scheint, ein
Mittelding zwischen Faulthier und Armadill.

In älterer Zeit haben sich besonders um die Wissenschaft der
vergleichenden Anatomie verdient gemacht: Kamper, Sömmering
und Blumenbach; in neuer Zeit Cuvier für die Knochen,
Lamark und Brongniart für die Thiere selbst.

37. Vorlesung, 12. März 1828

Beinahe alle urweltlichen Thiere gehören zu der Klasse der heutigen
Pachydermen, Dikhäuter. Cuvier untersuchte 130 Skelette von
Landthieren: darunter waren 60 Rhinozeros- und Elephanten-artige
, 20 wiederkäuende, wie Hirsche, Elennthiere pp., 22 reissende,
wie Löwen, Hyänen, Bären pp., von den Vögeln fand man nur sehr
wenige, weil diese bei der allgemeinen Zerstörung sich am besten
retten konten.

Die Masse der umgekommenen Thiere ist ungeheuer, in Frankreich,
in der Limagne finden sich Hügel von vielen 100 Fus Höhe, die aus
nichts als aus den Tuben einer Libelle bestehn, andre aus den
Früchten der Chara, auch Hierogoniten genant. Dagegen giebt es andre
Gegenden, denen die Formazion, worin die Versteinerungen sich finden,
gänzlich mangelt: so: ein Theil von Nordwest-amerika, der neuerdings vom
Captain Franklin untersucht ist, so die skandinavische Halbinsel,
so ein grosser von mir beschriebener Strich des südlichen Amerika
zwischen den Mündungen des Orenoco und dem Amazonenstrom: hier
überall fehlen die Flözgebirge, und mithin die organischen Spuren:
vielleicht ist dies einer spätern Erkältung der Erdoberfläche zuzuschreiben
. Menschenknochen, wie schon oben bemerkt wurde, findet man
nirgends, obgleich man öfter in den Irthum geraten ist. Schon der alte
Scheuchzer beschrieb einen: homo diluvii testis: man fand aber
nachher, dass es ein Wels sei (Silurus glanis) und Cuvier erkante
es für einen gigantischen Salamander. Auch die Menschenknochen,
welche ich aus den mexikanischen Seeen mitgebracht, sind aus
späterer Zeit. In der Guadeloupe fand man Menschengerippe versteinert
, allein sie gehören einer historischen Zeit an: es sind Körper
von vielen 100 Kariben, alle mit dem Gesichte nach Abend gerichtet,
also ein karibischer Kirchhof, in einer neueren Süswasserformazion
eingeschlossen. Vor 3 oder 4 Jahren zeigte man in Paris einen versteinerten
Menschen zu Pferde mit Helm und Lanze, der in London
und selbst in Nordamerika gesehn wurde. Die Eigenthümer
sollen ihn für eine grosse Summe in England gekauft haben: man
wolte sogar in den Bestandtheilen phosphorsauren Kalk, als auf
die Knochenmasse hindeutend, vorgefunden haben. Ich machte auch
Untersuchungen darüber, konte aber nichts entdekken, und wurde
dadurch in einen Streit mit dem fossilen Mann verwikkelt. Das
Auge und Ohr des Pferdes sah man besonders deutlich: wie solten
aber diese weichen Theile sich bei der Versteinerung eben so erhalten
haben, als die harten: es war nichts als ein Spiel der Einbildungskraft
. Bei Köstriz fand man eine grosse Menge von Menschenknochen
zusammen mit Hühnerknochen pp. in einer unterirdischen
Höhle: es zeigte sich aber, dass die Menschenknochen durch einen
Erdsturz dahin gekommen waren: eben so verhielt es sich an einer
Stelle in südlichen Frankreich.

Professor Bukland in Oxford entdekte eine Höhle bei Kirkdale,
worin eine so ungeheure Menge von Knochen von Elephanten, Rhinozeros

pp. zusammenlagen, dass man weder begreifen konte, wie so

viele Thiere in dieser Gegend hatten leben können, noch auch wie die
Knochen alle in die Höhle kommen konten: Bukland hat darüber eine
scharfsinnige Hypothese: er fand auch Knochen von Hyänen darunter
, und wuste es wahrscheinlich zu machen, dass alle jene Thiere von
den Hyänen angefallen, und in die Höhle geschlept wurden. Die Bärenknochen
waren auf dieselbe Weise benagt, wie noch jezt zu Tage
die Hyänen solche Knochen zu benagen pflegen, und Bukland machte
selbst darüber Versuche bei den Hyänen von Exeter-change: ja was
noch mehr ist: er fand die Exkremente von Hyänen als kleine versteinerte
Kugeln, und als er diese dem Wärter solcher noch lebenden
Thiere zeigte, erkante dieser die Sache sogleich für das, was es war,
und noch heute bei den Hyänen sich findet. In den Ländern, wo
es Hyänen giebt, ist die Eigenschaft derselben, Knochen auszuscharren
und zu benagen, so bekant, dass man in Darfur schwere
Steine auf die Gräber legt, um es zu verhindern. Bukland hat
auch einen sehr karakteristischen Unterschied zwischen den

ante
diluvianischen Knochen und denen aus historischer Zeit entdekt

: die ältern nämlich sind von aller animalischen Substanz
frei, und deshalb sehr porös. Wenn man ein Stük auf die Zunge bringt:
so klebt es so fest, dass man sich fast verwundet, indem man

es herunternehmen will: die neueren dagegen, römische, mexikanische

und Druiden-knochen haben nichts von dieser Erscheinung.

Bis in die neueren Zeiten hat man das körnige Gestein für das
aller älteste gehalten, allein L. v. Buch hat gezeigt, dass wenn
es auch nicht jünger ist als das Flözgebirge, es doch wenigstens
später heraufgehoben sein mus. Die 3 Gebirgsmassen, welche man
sonst zur Urformazion rechnete, unterscheiden sich durch das
karakteristische Merkmal der Alternanz, Abwechselung, und
der Praelusion, des Überganges. Die Alternanz besteht in einem
Wechseln der Schichte, das nach gewissen Gesezen vor sich geht, und
die Praelusion findet statt, wenn eine folgende Gebirgsart durch
eine vorhergehende gleichsam angekündigt wird. Diese Reihenphänomene
deuten auf gewisse Verhältnisse der sich oxydirenden
Erdrinde hin, welche von den heutigen Verhältnissen
ganz abweichen. In den neueren vulkanischen Bildungen findet
man Kontraste, in den körnigen Urgebirgen aber Spuren
eines fortgehenden Prozesses, und wir sind jezt so weit in
der Geognosie vorgerükt, dass wir sagen müssen, die Chemie mus
jezt die wichtigsten Aufschlüsse über die Mineralogie geben.
Perkins in England hat schöne Versuche mit dem Druk von 1000
Athmosphären gemacht, aber die Tri- und Bisilikate bleiben
immer noch unerklärbar.

Das Aufquellen der Basaltmassen aus terziärem Gestein ist
bis jezt an 3 Orten in Deutschland gefunden worden, welches das
einzige Land ist, wo bis jezt in rein wissenschaftlicher Hinsicht
solche Arbeiten angestellt sind: 1, bei Marksuhl 1810 in buntem
Sandstein; der emporsteigende Basalthügel endigt in einem
deutlichen Zapfen. 2, am Druidenstein 2 Meilen von Siegen, in
einem Grauwakkenschiefer, wo Herr. Berghauptmann v. Gerhard
2 Schächte treiben lies um den Berg aufzuschliessen. 3, auf der
blauen Kuppe bei Eschwege in buntem Sandstein, 1823, wovon
Professor Hofmann eine sehr gute Zeichnung gegeben hat.

In den Flöz- und terziären Gebirgen sind Kalkgebilde vorherrschend
, dann Konglomerate und Sandsteingebilde. Wir unterscheiden
hier überhaupt 2 grosse Abtheilungen: nämlich fragmentarische
und nicht-fragmentarische Gebilde.
Die Typen der Flözgebirge von unten nach oben sind folgende:

Ein grosses Steinkohlengebirge auf dem Übergangsgebirge aufliegend
mit rothem Sandstein und Flöz-porphyr, auch eingelagertem
Mandelstein, Grünstein und Kalkstein.

Zechstein oder Alpenkalk, wasserhaltiger Gyps; Steinsalz
eingelagert ist Kupferschiefer, wie im Mansfeldischen, wo man
auch Entrochiten findet, Terebratuliten, Pentakriniten, Trilobiten,
Ammoniten, Fische, Abdrükke von Lycopodiaceen und Bambusaceen
, Blätter von Dikotyledonen, ähnlich denen der Weide,
Mytulites rostratus pp.

bunter, thonartiger Sandstein mit Gyps und Steinsalz: ist
arm an Versteinerungen: Strombites speciosus, Pectinites
fragilis, Mytulites ruens.

Muschelkalk: ausgezeichnet durch eine unermesliche Menge
zum Theil zerbrochener Muscheln: er erfült weitläufige
Gebiete im nördlichen und südlichen Deutschland; und enthält
viele Versteinerungen: Chamites striatus (Lamark) Belemrites
paxillosus, Ammonites amaltheus, Nautilites binodatus;
die Masse des Gesteins verbunden zu dichten Schichten von Entrochiten
, Turbiniten, Strombiten, Mytuliten trift man zusammengedrängt
den Muschelkalk durchziehend. Die Berge von
Rüdersdorf gehören dazu.

Mergel und quarziger Sandstein: deutliche Formazion am Ufer
der Elbe zwischen Pirna und Schandau.

Jurakalk, eine höchst verwikkelte Formazion, mit Gryphitenkalk
, Lyasschiefer, und einer grossen Menge von Versteinerungen:
Chamites, Myacites, Tellinites, Donacites, auch Fische und
Oolithen, Ammoniten, Gryphaea arcuata und Krokodil-artige
Thiere.

Quadersandstein mit eisenschüssigem Sand: darin Versteinerungen
, wie Gryphaea columba pp. endlich

Kreide mit Lederkalk: mit Feuersteinen, auch kugelige Eisenkiese
und schwefelsaurer Strontian. Versteinerungen-Ananchites
, Galerites, Spatangus, Catillus Cuvieri, Nummulites.

Um eine philosophische Ansicht zu gewinnen, können wir
die ganze Formazion in 2 Abtheilungen trennen: Sandsteingebilde
und Kalkgebilde, diese werden von unten durchdrungen
durch: Steinsalz, Gyps, Talkerde, Schwerspath, Braunkohle pp.

Der äusserste Theil der Erdoberfläche ist mit Blökken und
Geschieben bedekt, und enthält die für uns kostbarsten Substanzen
, wie Demanten, Platina und Gold. In einem sehr reichen
Waschwerke von Brasilien gewint man alle diese 3 Substanzen,
und noch Palladium.

Was die Blökke anbetrift, so wollen wir nur zweierlei davon
betrachten: 1, die auf dem östlichen Abfalle des Jurakalksteins,
wo ein Blok manchmal 20–25 Fus Durchmesser hat, und bis auf
2000 Fus Höhe gelagert ist. 2, die in den baltischen Wäldern,
welche durch Rusland und Polen bis nach Holland sich hinüberziehn
: es sind loose Granitmassen, (die man nicht verwechseln
mus mit den thurmähnlichen Massen auf dem Plateau von
Spanien, die der Gegend ein sehr malerisches Ansehn geben: sehr
schöne fand ich in der Gegend des Eskuriales.) ja in der Bretagne
sind sehr merkwürdige, welche pivotiren, und nur einer mässigen
Kraft bedürfen, um in Bewegung zu kommen.

Über die Granitblökke auf dem Jurakalk hat L. v. Buch
1811 eine vortrefliche Abhandlung geliefert, welche das wichtigste
darüber enthält: er hat gezeigt, dass diese Blökke
von den Alpen herabgekommen sind, eben so wie die bei Trient.
Die Lage der Blökke zeigt, dass sie nicht durch Eisschollen
herübergeführt sind, sonst würden sie den Weg in die Thäler
, aber nicht auf die Höhen genommen haben; eben so wenig
sind sie durch Herabrollen auf einer schiefen Fläche dahin gekommen
: sondern L. v. Buch zeigte, dass der Stos der Wasser sie
herübergebracht habe; und es hat sich, merkwürdig genug, in
ganz neuer Zeit, 1818 im Wallis-thale ein ähnliches Faktum
ereignet: es bildete sich ein See, der durch seine Gewalt einen
Blok von 18 Fus Durchmesser bis mitten auf den Markt von
Martigny absezte. Nach Mailand zu finden sich diese Blökke
nur in den Thälern, die bis gegen die uranfängliche Kette hinreichen
, und auf der lombardischen Ebne fehlen sie ganz,
welches mit der obigen Erklärung sehr gut stimt.

Die Blökke in den baltischen Wäldern, die sich von Rusland
bis Holland vorfinden, erstrekken sich südlich bis auf das
Schlachtfeld von Lützen, und hören auf, wo sich eine andre
Gebirgsformazion nähert. Sie liegen nicht in der Ebne, sondern
auf gewissen Höhen, die für diese Gegenden bedeutend sind. Der
Markgrafenstein bei Fürstenwalde, aus dem auf Seiner Majestät
des Königs Befehl eine Granit-vase von 28 Fus Durchmesser
für das Museum wird gearbeitet werden, liegt nach Hofmanns
Messung 460 Fus über dem Meere; in Meklenburg findet
man Steine, die bis auf 700 Fus hoch über dem Meere liegen: meist
sind sie nicht in den Sand eingegraben, sondern flach auf demselben
aufliegend, und merkwürdig ist es, dass man dieselbe Erscheinung
am Nordpol gefunden hat. Parry sah an der Barrowstrasse
, auch im Port Bowen Granitmassen auf Kalkstein aufliegend
, und bemerkt, ohne von der obigen Theorie etwas zu
wissen, dass es auffallend sei, wie diese Blökke immer auf der
Spize der Hügel, nicht aber im Thale lägen. Unsre baltischen
Granite sind so übereinstimmend mit den skandinavischen, dass
man sich in der Identität gar nicht irren kann: selbst Muschelkalk
mit Trilobiten und Asaphus findet sich wie in Öland
und Gothland als Transizionsformazion. Am frühesten hat den
Ursprung der meklenburger und pommerschen Granitblökke
ein Herr v. Arenswald nachgewiesen, der vor 30 Jahren in einer
eignen kleinen Abhandlung sie aus Schweden herleitete. L. v.
Buch bemerkte auch, dass die Granitblökke, indem sie durch
Stos ankamen, oft an Ort und Stelle zertrümmert wurden, z. B.
am Jura und auf den Raunischen Bergen bei uns, wovon

Herr Kantian eine schöne Zeichnung bekant gemacht hat.

Hofmann beobachtete an dem Johannesstein in Westphalen,
der 24 Fus im Durchmesser hat, ein kleineres Stük daneben, welches
abgesprungen war, und durch seine Winkel genau zu dem
grösseren gehört.

38. Vorlesung, 15. März 1828

Wir kommen nun zum lezten Theil der Geognosie, zur Gliederung der
Kontinente, welche in genauer Verbindung steht mit der Vertheilung
der Klimate, und dies macht dann den natürlichsten Übergang
zur Klimatologie.

Es ist wahrscheinlich, dass die Hebung der Kontinente früher
statt fand, als die der Bergketten selbst, und überall hängt die Verschiedenheit
der Temperatur von dem Verhältnis der Kontinente zu
den flüssigen Theilen ab, aus denen sie emporstiegen: wenn man dieses
Verhältnis ändern könte, so würde das Klima ganz anders werden.

Über diesen Theil der physikalischen Geographie haben die grosartigen
und geistreichen Ansichten des Prof. Ritter viel Licht
verbreitet; er hat gezeigt, wie von dem Klima die Gesittung und
der ganze Kulturzustand der Völker abhängt.

Die Oberfläche der Erde theilt sich

1, in das trokne, starre, die Kontinente, und

2, in das flüssige die Meere.

Der Kontakt dieser beiden Elemente bestimt die Form und
den Umris der Kontinente, welcher (Umris) in Bezug auf die
Kultur und den geselligen Zustand der Völker von der grösten Wichtigkeit
ist. Im allgemeinen hat zwar das Meer fast dasselbe
Niveau rings um das Sphäroid, das wir bewohnen, aber im einzelnen
finden sich Abweichungen. So sind die Ansamlungen
von süssen Binnenwassern, die Seeen von verschiedener
Höhe gegen das Meer: die kaspische See ist niedriger als
das schwarze Meer. Der höchste Binnensee ist der Munnsaraba
auf dem Himalaya. Der See Tiliacca in Peru
hat 8000 Fus Höhe, und ist sehr reich an Fischen, die sich also
in einer Region befinden, 3 mal höher als die Wolkenschichten
in der jezigen Jahreszeit.

Die chemische Natur der Seeen ist sehr verschieden: man
hat lange geglaubt, dass durch das Zuströmen von süssem
Wasser und die Dekomposizion so vieler animalischer und

vegetabiler Körper sich gewisse Salze bilden müsten, besonders

wo kein unterirdischer Abflus stattfindet: es hat sich hierüber
noch neuerdings ein Streit wegen des Seees Tschad, im Innern
von Afrika erhoben, ob er süsses oder salziges Wasser habe (bei
Gelegenheit der von Denham und Clapperton gemachten Entdekkung
dieses Seees). Ich habe den See von Tacarigua, zwischen den beiden
Bergketten von Venezuela untersucht, und darin nur salzsauren
Kalk gefunden; es war kein Abflus desselben zu bemerken
.

Ausser den Seeen giebt es schmale longitudinale Wasserbekken
, Flüsse genant, welche unendlich viel zur Belebung
und Bevölkerung der Kontinente beitragen. Meist bilden sie
ihr Wassersystem für sich, selten sind Verzweigungen oder Anastomosen
derselben, wie in Südamerika; als ob ein Arm des
Rhein in die Donau fiele solche inneren Inseln (wenn wir nämlich
jeden mit Wasser umschlossenen Raum so nennen wollen)
welche durch Bifurkazion zweier Ströme entstehn, bilden Mesopotamien
, wie zwischen dem Euphrat und Tigris, wo die beiden
Flüsse mehrfach durch Kanäle verbunden sind: die gröste dieser
Erscheinungen zeigt das spanische Guiana, von den Ausflüssen
des Orenoco an, der einen Nebenarm, den Kasuiquiare in den
Rio Negro sendet, und dieser fliest in den Amazonenstrom, welcher
die Insel vollendet.

Die Breite der Flüsse ist oft so bedeutend, dass dadurch nicht
allein die Wanderungen der Völker aufgehalten werden, sondern
auch an beiden Ufern des Flusses ganz verschiedene Produkzionen
sich finden. Manche Flüsse in Amerika haben 200–
300 Meilen von ihrem Ausflusse eine Breite von 12–18000
Fus, und an ihrer Mündung Süswassergolfe von 40 Meilen
Öfnung. Schon Franklin machte die scharfsinnige Bemerkung,
dass der gröste Theil dieser Golfe nicht in das Meer ausfliesse
, weil dieses durch seine Fluten das Wasser zurükdrängt,
sondern in die Luft verdunstet werde.

Wir müssen das Wasser, welches 4 mal so viel Sauerstof
enthält, als die Luft, und die Luft selbst, als die beiden
Hauptbedingungen des organischen Lebens auf der Erde ansehn;
(daher kann auf dem Monde das, was wir organisches Leben
nennen, nicht statt finden; es giebt daselbst keine Flüssigkeit
, wie das Wasser: denn, so weit man ihn untersucht hat,
ist das Niveau von jeden 2 Punkten seiner Oberfläche unter
sich verschieden.) Früher hielt man das Licht als unumgänglich
nothwendig dafür: allein man hat diese Meinung aufgegeben
, seitdem man unterirdische Pflanzen und Thiere kennen
gelernt hat, und auf Fische aufmerksam geworden ist, welche
in einer solchen Tiefe des Meeres leben, dass daselbst nach Bouguers
und anderer Untersuchungen eine absolute Dunkelheit
herschen mus.

Von den flüssigen Umhüllungen der Erde unterscheiden wir 2:

1, eine allgemeine: den Luftozean;

2, eine partikuläre: das Wassermeer.

Den Boden der ersten bilden das Meer und die Erde, deren höchste
Berggipfel nichts anderes sind, als Untiefen auf dem Grunde
des Luftozeans. Das Wasser ist in den oberen Schichten am meisten
bewohnt, die Luft in den unteren: nur wenigen Geschöpfen
ist es erlaubt, sich in die höhern Regionen der Luft zu erheben,
am meisten den Vögeln. Auf 18000 Fus Höhe am Chimboraço
fand ich: Geyer, Kondur’s und Insekten, namentlich Schmetterlinge
: auch auf dem Himalaya hat man sie bemerkt: sie
erheben sich aber nicht wilkührlich dahin, durch die Kraft
ihrer Muskeln (wenn man ihnen überhaupt Muskeln zuschreiben
kann) sondern durch aufströmende Luftzüge. Bei Tage nämlich
erhizt sich die Erdoberfläche durch die auffallenden Sonnenstrahlen,
und es erzeugen sich courans ascendants welche die Insekten
bis zu einer Höhe heben, wo sie einige Zeit ohne Nahrung leben
müssen. Herr Boussingault, der nach mir die Silla von Caracas
gemessen hat (man behauptete nämlich, wie es gewöhnlich
bei Erdbeben zu geschehn pflegt, dass bei dem lezten Erdbeben
von 1812 ein Theil der Silla eingestürzt sei: deshalb war die
Messung wichtig; sie differirte von der meinigen kaum um
5–6 Fus, und zeigte, dass die Höhe des Berges ganz dieselbe
wie früher ist.) fand auf dieser Höhe von 9000 Fus ebenfals
Insekten, und sehr merkwürdig, Halme von Gräsern: er
bemerkte, dass leuchtende Körper aus der Athmosphäre niederfielen
, sammelte sie, und Herr Kunth in Paris bestim̃te,
dass es eine neue Spezies von Tilingia sei, die in grosser Entfernung
davon wächst, wo also der Saame sehr weit durch
die courans ascendents geführt sein mus. Der rothe
Schnee am Nordpol ist ebenfals eine vegetabilische Substanz
, ein kleiner Pilz, durch den man auf die Vermuthung
kam, als ob Luftvegetabilien existirten, die in den obern Schichten
schwebend erhalten werden: allein wahrscheinlicher ist es
wohl eine meteorische Flechte, die sich erst nach dem Fallen des
Schnees bildete.

Erde, Wasser und Luft bilden ein Naturganzes, deshalb kann
man die 3 Substanzen hier nicht von einander trennen: so wie
die Klimatologie sich nicht auf die Luft allein beschränkt: sondern
vielmehr der Geognosie anheim gefallen ist, da das Klima
durch so mannigfache Ursachen bestimt wird. Erst in
neuer Zeit ist man auf die Wirkung aufmerksam geworden,
welche die Wärmestralung der Erde auf das Klima hat: sie
ist viel stärker bei klarem Himmel als bei bedektem: daher
pflegt man zu sagen, und zwar ganz richtig: dass sternenklare
Nächte kälter sind; nicht als ob das Licht der Sterne
Kälte hervorbrächte, sondern weil die Wärmestralung
gegen den heitern Himmel stärker ist; eine Wolkenschicht
dagegen läst die zurükgestralte Wärme nicht durch, sondern
wirft sie wieder auf die Erde zurük.

Die ganzen Kontinente mit ihren Bergketten sind durch
Hebung über den Meeresspiegel hervorgetreten: die unterirdischen
Kräfte wirkten daher mittelbar mit zur Bildung der
Erdoberfläche, wie wir sie jezt sehn. Nach der Erhärtung der äusseren
Rinde haben vielleicht kleine Zufälligkeiten im Unterschiede
des Gleichgewichtes mehr nach dem Nordpol hingewirkt, als
nach dem Südpol, daher dort eine grössere Ländermasse als hier.
Bei der Hebung von Amerika wirkten die unterirdischen Kräfte
mehr von Norden nach Süden, vielleicht auf einer grossen
Spalte: dagegen erstrekt sich der alte Kontinent mehr von
Osten nach Westen. Ganz anders würde bei uns die Temperatur
sein, wenn etwa das Mittelmeer nicht existirte, wenn
sein Bekken zu derselben Höhe wie die lombardischen Ebnen
und die Flächen der Cyrenaica sich erhoben hätte. Europa
würde viel kälter sein, wenn Afrika nicht aus den Fluten
emporgestiegen wäre: nun aber liegt uns südlich in dem
Meridian von Lissabon und vom Ural ein grosser fester
Kontinent, der als opaker Körper die Sonnenstralen besser
reflektirt, als der durchsichtige Ozean: daher müssen die
unter dem Aequator erwärmten Luftschichten über Europa
hinfliessen, und die Kälte mindern. Darum ist Asien
kälter als Europa 1, weil es eine Ostküste ist, und diese alle
sind kälter als die Westküsten 2, weil sein Aequator sich
in einem transparenten Mittel befindet, und die Luftschichten
über ihm nicht so erwärmt werden können, als über dem
Lande. Ganz anders würde das Klima der Erde sein, wenn
Amerika sich von Osten nach Westen in der Tropenzone ausdehnte
, anstatt dass jezt nur ein kleiner Theil davon unter
den Wendekreisen liegt.

Die Quantität der Erhebung im allgemeinen ist sehr gering,
insofern wir nämlich die Kontinente als Bergrükken ansehn,
deren Fus im Meere liegt. Der grosse Laplace hat sich vielfältig
mit der Erhebung der Kontinente und mit der Meerestiefe
beschäftigt, und eine Menge von Berechnungen darüber angestelt
. Einzelne Tiefen des Meeres entscheiden hier nichts,
sondern die Sache muste von einer andern Seite genommen
werden. Laplace hatte aus der Ebbe und Flut die Tiefe des
Meeres auf 50–60,000 Fus, als 3–4 Meilen berechnet (welches
uns hier zu weit führen würde, genauer auszuführen)
allein dies ist viel zu tief: er hat nachher seine Rechnungen wieder
vorgenommen, und einen andern Coëffizienten erhalten: er
fand nun, dass die mittlere Tiefe des Meeres gleich sei der
mittleren Höhe der Kontinente. Denkt man sich nämlich die ganze
Masse der Gebirge gleichförmig über die Erde zerstreut, so dass
kein Punkt höher ist als der andre, so wird natürlich diese Erhebung
äusserst gering sein, und die Oberfläche des Erdsphäroides läst
sich dann in gleiche Polygonalfiguren theilen: eben dasselbe geschieht
, wenn man die Tiefen des Meeres auf diese Weise gleich vertheilt
. Nach Laplace’s lezter Rechnung ist nun diese Konvexität
und Konkavität über und unter der mittleren Fläche des Meeres
gleich 900–1000 Fus. Aber noch immer zu gros. Er forderte mich
auf, diesen Gegenstand zu bearbeiten, und ich habe die Resultate
in einer kleinen Abhandlung: über die Kulminazionspunkte der
Erde niedergelegt. Die Pendelversuche, mit denen man sich in neuern
Zeiten so viel beschäftigt hat, haben auch hierüber genauere
Untersuchungen möglich gemacht: die mittlere Höhe ist nicht
mehr als 500–600 Fus. Bei Frankreich und der Lombardei
beträgt sie 4–500 Fus; die Gegend zwischen Stettin, Dresden und
Posen hat 180–200 Fus. Rusland hat 870 Fus, also sehr beträchtlich:
man hat dies nach einer Masse von Barometerbeobachtungen in
Moskau berechnen können; die Schweiz troz ihrer Berge 1300 Fus;
Bayern, zwar nur klein, aber sehr hoch: 1560 Fus; Spanien, wo
ich selbst bei meiner Durchreise viele Beobachtungen anstelte, in der
Gegend zwischen Almanza und Astorga 2100 Fus; die Ebne von
Mysore in Indien 2760; die Wüste Gobi, zwischen Kiachta und Peking
3000 Fus; die Ebne von Tibet, nach einer ungefähren Berechnung, weil
es hier an Barometerbeobachtungen sehr fehlt: 6000 Fus; die höchste
dieser Hochebnen findet sich aber jenseit (scil. nördlich) des Himalaya
, unter 35–36° Breite, welche Captain Weddell untersuchte,
im Thale des Soutledge bei Dava (Lata) hier hat man die wunderbare
Erscheinung, dass Kornfelder sich bis auf 14000 Fus Höhe finden
, so hoch als die Spize des Montblanc. Auch in Amerika
erheben sich die Thäler zu beinahe 12000 Fus, das von Huanteteka
hat 11600 Fus; Mexiko 6000 Fus. Wenn auch Europa diese Höhen
nicht erreicht, so haben wir doch einige sehr bedeutende Punkte;
früher hielt man Dörfer auf 4000 Fus Höhe für die höchsten, aber Herr
von Well hat in seinen Untersuchungen über den Mont-Rosa gezeigt,
dass das Dorf Cetta 7100 Fus hoch liege.
Die Tiefe des Meeres ist nicht so leicht zu bestimmen; besonders ist

es an einzelnen Stellen schwer, die perpendikuläre Tiefe zu erhalten:
denn theils verliert das Senkblei einen Theil seiner Schwere durch das
Schwimmen des Seiles, theils wird es durch Strömungen fortgeführt,
und wenn man glaubt, dass es senkrecht hinabgehe, so macht es
vielleicht einen Winkel von 40–50°; dies giebt also einen grossen Unterschied
, und die Tiefen werden bedeutender, als sie sind. Captain Sabine
hat auf alle diese Umstände genau geachtet, und in den antillischen
Meeren viele Sondirungen angestelt: südlich von Cuba hat er thermometrisch
auf 7200 Fus perpendikulär sondirt; indem er ein Thermometer
herablies, um die Temperatur des Meeresgrundes zu erforschen.
In Südamerika ist die Andeskette ganz auf den Westrand hingedrängt
, vielleicht über einer Spalte vulkanisch in die Höhe gehoben:
sie hat nicht mehr als 15–20 Meilen Breite und kaum 1 Meile Höhe;
dagegen beträgt der Lauf des Amazonenstromes 6–700 geographische Meilen,
ohne bedeutendes Gefälle: denkt man sich also die kleine zylindrische
Masse der Anden auf die ganze Fläche verstreut, welche der Amazonenstrom
bewässert, so sieht man leicht ein, dass dies für die ganze
Fläche kaum einige Zoll Erhöhung ausmachen würde.

Man hat bis jezt viel häufiger die Berge als die Ebnen gemessen,
welches zum Theil nur eine Befriedigung der Neugierde ist: viel nüzlicher
wäre es, wenn man durch Barometerbeobachtungen die Höhe der
kultivirten Ebnen messen wolte, um zu bestimmen, wie hoch hinauf
manche geselligen Pflanzen, wie die Cerealien pp. leben können.

Der Umris unserer Kontinente, welcher durch den Kontakt des starren
und flüssigen bestimt wird, würde ganz verschieden sein, wenn
die Höhe des Meeres nur um ein geringes zunähme: daher ist das
stabile Verhältnis dieser beiden Elemente für den geselligen Zustand
von der höchsten Wichtigkeit; nur 130 Fus brauchte die Ostsee zu
steigen, und ganz Norddeutschland so wie Polen würden verschwinden.
Die Ebne des Amazonenstromes liegt nicht so hoch, als man glauben
solte: ich ging ganz besonders an den östlichen Fus der Andeskette, um
die Länge von Tamapenda zu erhalten, wo La Condamine seine Arbeiten
über den Amazonenstrom angefangen: bei dieser Gelegenheit bestimte
ich die Höhe des Ortes auf 1200 Fus, (also niedriger als München) nicht
weit vom Wasserfall von Rustega , aber noch 700 Meilen vom Ausflusse:
steigt man etwas weiter hinab, als Tamapenda, so ist die Höhe nur
noch 400 Fus: also brauchte das Meer dort nur 400 Fus zu steigen, so
würde ganz Südamerika untergehn, und die Andeskette wie eine lange
schmale Insel von Norden nach Süden sich erstrekken.

Solten aber solche Erhöhungen des Niveau eintreten, so würden sie über
die ganze Erde gleichmässig sich vertheilen müssen. So hat man fälschlich
auf eine Anschwellung und Abnahme des Mittelmeeres geschlossen, weil man an den
Säulen des Serapistempels bei Pozzuoli, 8 bis 10 Fus über dem Boden
angebakne Muscheln aus Salzwasser herrührend, bemerkte. Dies
müste aber in historischen Zeiten geschehn sein: denn der Serapistempel
ist ganz gewis aus historischer Zeit: wie wäre es aber möglich:
dass wir alsdann durchaus keine Erwähnung einer solchen Flut hätten,
die hinreichend gewesen wäre, um die Ebnen von Valenza und Grenada,
so wie ganz Aegypten plötzlich zu überschwemmen zu ersäufen?

Andre meinen, die Säulen hätten lange Zeit im Wasser gelegen, und da

hätten sich die Muscheln angesezt; ist auch unwahrscheinlich: denn
theils würde man nicht solche beschädigten Säulen für den Tempel gebraucht
haben, theils hätte man sie gewis gereinigt, um sie aufzustellen.
Das wahrscheinlichste ist, dass eine Dünenreihe vor dem Tempel nicht
weit vom Ufer entstanden ist, und dass sich eine Mare oder Salzlache
bildete von 10 Fus Höhe, worin die Muscheln lebten. Solche Erscheinungen
von höheren Salzlachen am Ufer sind gar nicht selten.

Kleine Unterschiede des Niveau finden sich aber auch bei den
grösten Wasserbekken der Erde: so nivellirten die französischen Gelehrten
, besonders Herr Lepire die Meerenge von Suez, und fanden, dass
das rothe Meer nach dem Stande der unbedeutenden Ebbe 25 oder
30 Fus höher ist als das Mittelmeer, daher ist eine Kanalverbindung
durch Schleusen sehr möglich. Dagegen liegt das kaspische Meer bedeutend
tiefer als das schwarze. Engelhardt und Parrow haben eine
äusserst genaue doppelte Nivellirung zwischen dem Ausflus des Kuba
und dem des Terek gemacht, wobei sie von 3 Meilen zu 3 Meilen ihre
Barometer verglichen, und gefunden, dass das kaspische Meer 280 oder
324 Fus niedriger liegt. Neuere Untersuchungen, welche man darüber angestelt
hat, sind lange nicht so genau: denn man hat dabei nicht bestimt,
ob die Kapillarität in den Barometern gleich gewirkt hat. Die Zweifel
des Herrn Patzner gegen Engelhardts Messungen sind daher nicht gegründet;
er fand indessen immer 200 Fus. Durch Vergleichungen von Barometerbeobachtungen
in Astrakan, Moskau und Petersburg hat man gefunden,
dass auch die Ostsee um so viel höher liegt (nämlich 200 Fus) als das
kaspische Meer, allein es ist vielmehr wahrscheinlich, dass das schwarze
Meer etwas höher liegt als die Ostsee.

Auf die Sagen der Samothraken bauend, hatten die Alten ein ganzes
Schleusensystem der Meere gegründet, wonach zuerst ein Durchbruch
des schwarzen Meeres, dann des Mittelmeers erfolgt seien: die beiden
grossen Schleusen lagen bei Byzanz und Kalpe.

Rennell (von dem die schöne Karte von Ostindien) hat sehr geistreiche
theoretische Betrachtungen über die Höhe der beiden antillischen Meere
angestelt, in denen der heftige Golfstrom allerdings einen Unterschied
des Niveau hervorbringen mus. Neuere Reisende haben den Isthmus
von Panama untersucht, den ich nicht durchreichen konte, obgleich ich
in Darien war: nach meinen Berechnungen wäre das antillische Meer
höher als die Südsee: man hält aber umgekehrt jezt die Südsee für
10–12 Fus höher, welches für eine Kanalisirung sehr wenig ist.

39. Vorlesung, 19. März 1828

Nach den Messungen von Girard sind die Bitterseeen in Aegypten 24 Fus
tiefer gelegen als das Mittelmeer. Auch kann man in den Strömungen
einen Grund zu kleinen Niveau-verschiedenheiten in dem Stande
der Gewässer finden. Schon Franklin bemerkte, dass in den
grossen Seeen von Nordamerika dies der Fall sei: wenn lange der
Wind in einer bestimten Richtung geweht hatte, so hatte der eine
Theil des Seees eine grössere Konvexität, als der andere, wo Franklin
seine Instrumente aufgestelt hatte. Ein sehr merkwürdiges
Faktum hat sich vor wenigen Jahren im südlichen Frankreich,
in der Provence ereignet, wo nach heftigem Wehen eines Ost-Nord-Ost-
Windes der Hafen von Marseille mehrere Stunden lang trokken
blieb. Dies mus einen Unterschied von 10–12 Fus im Niveau ausgemacht
haben. Im Genfer See und in den mexikanischen Seeen
findet eine ähnliche Erscheinung des Sinkens und Steigens statt, die
man sogar für eine Ebbe und Flut gehalten hat; wohl mit Unrecht:
denn die Regelmässigkeit, welche man nach den Jahreszeiten wahrzunehmen
glaubte, beruht nur auf den wiederkehrenden Winden.
Selbst die Veränderungen des Barometerdrukkes haben Einflus auf
das Niveau. Ich habe an einem andern Orte gezeigt, dass die
Meeresströmungen unter den Tropen eine Folge sind von den stündlichen
Variazionen des Barometers; indem diese Variazionen an dem einen
Orte früher eintreten, als an dem andern, so wird die Wasserfläche
ungleich gedrükt, und geräth in’s Strömen.

Von der Gliederung der Kontinente.

Wenn wir oben gesehn haben, dass der Kontakt des starren
und flüssigen die Umrisse der Kontinente auf unserem
Erdsphäroïd bedingt, so wenden wir uns nun zu den festen
Theilen selbst, und bemerken zuvörderst, dass sie in 2 grosse
Massen zerfallen, die man gewöhnlich den alten und den neuen
Kontinent nent.

1, die alte Welt, hat ihre Haupterstrekkung von Osten nach Westen
und dies hat, wie wir oben gesehn haben, nicht geringen Einflus
auf die Temperatur derselben: es folgt daraus, dass sie eine
grössere Kälte annehmen wird, wenn ihre nördlichen Flächen mit
Schnee bedekt sind; eine grössere Wärme aber, wenn die Sonnenstralen
von derselben, als von einem opaken Gegenstande reflektirt
werden.

2, die neue Welt hat ihre Hauptausdehnung von Norden nach
Süden, und daraus erklärt sich die merkwürdige geographische
Verbreitung der Gewächse, dass, z. B. Tropen-pflanzen sich bis tief
in die temperirte Zone hinein vorfinden; bei uns in Europa ist
es ganz anders: da hindert das Mittelmeer die Wanderungen der
Pflanzen und Thiere von den nord-afrikanischen Küsten.

Im alten Kontinent hat sich ein Busen gebildet, an dessen
östlicher Seite Neuholland, an der westlichen Afrika liegt,
dies ist der Busen der Monsone, die abwechselnd in den verschiedenen
Jahreszeiten in entgegengesezter Richtung wehen.

Die nördliche können wir eine Kontinental-halbkugel nennen,
die südliche eine pelagische. Berechnet man den Unterschied,
genauer: so hat die nördliche an Area des Kontinents mehr, als die
südliche: die Hauptmasse macht hier Asien aus, welches den
Aequator nicht erreicht, und zum Theil daher unter gleichen
Breiten kälter ist als Europa.

Eine auffallende Erscheinung ist es, dass gegen den Nordpol zu
alle Kontinente unter 70–73° Nordbreite abgeschnitten sind, und an
das Meer stossen. Die Barrowstrasse liegt zwar noch viel nördlicher
, aber südlich von derselben befindet sich wieder eine ganze
Inselwelt. Hearne’s und Mackenzie’s Reisen haben gezeigt, dass
fast ganz Nordamerika unter 72° Br. aufhört; dagegen schliessen
sich eine Menge Inseln nach Norden an, und machen die Verbindung
der Kontinente. Amerika hat eine grosse Menge von
Inseln im Norden liegen: in Asien ist in der Länge des Nordkaps
das Meer frei von Inseln, dann folgt aber die Bäreninsel
und Spitzbergen; daher rührt zum Theil das milde Klima von
Europa. Im Norden von Schweden friert das Meer nicht, und
dies rührt hauptsächlich von der wärmeren Strömung her, die
von Südost nach Nordwest an den Küsten in die Höhe zieht: so ist es
zu erklären, warum die Küsten der nördlichen Skandinavischen
Halbinsel wärmer sind, als die südlicher gelegenen Theile des
inneren Landes.

Wahrscheinlich ist der Nordpol frei von Land. Barrington
hat neuerdings alles zusammengestelt, was man von
Reisen dahin kent. Aus seinem Werke ergiebt sich, dass schon
im Jahre 1527 Robert Torle aus Bristol die Regierung auf diese
Durchfahrt aufmerksam machte, und andeutete, dass man einen
viel kürzeren Weg nach Indien, queer über den Nordpol
nehmen könne; unter Heinrich VIII wurden wirklich Versuche
zu dieser Durchfahrt gemacht: indessen mus man sagen, dass
es bei dem jezigen Zustande des Eises sehr schwierig ist,
nur bis 80° vorzudringen. Lord Mulgrave auf seiner berühmten
Expedizion kam bis 80°48 und dies hielt man lange für
die höchste nördliche Breite; neuerdings aber ist Scoresby
im May 1806 bis 81°13 vorgedrungen, wie er aus einer guten
Mittagshöhe der Sonne abnehmen konte, und Nachmittags
noch bis 81°30. Er hat auch dargethan, dass die Breite von
86°, die nach Barrington früher erreicht worden sein soll,
gewis übertrieben und falsch ist. Parry’s Expedizion, um
zu Lande nach dem Pole zu gelangen, ist bekantlich nicht
geglükt; es ereignete sich nämlich der eigne Unfall, dass
die Eisschollen, auf denen seine Kähne oder Schlitten fortgezogen
wurden, nach Süden hin in Bewegung waren: er kam
daher mehr rükwärts als vorwärts. Er that bei dieser Gelegenheit
dasselbe, was schon Chr. Columbus gethan er verbarg die wahre
Breite seinen Leuten, um sie nicht muthlos zu machen. Die
englische Regierung hat einen Preis von 5000 für den ausgesezt
, der bis 89° vordringt, einen von 20,000 für das Auffinden
einer Nordwest-Durchfahrt, aber beide sind noch nicht errungen.

Bei der Stellung der Kontinente müssen wir bemerken, dass
sie der Länge nach, auffallend auf eine Seite zusammengedrängt
sind. Von der einen Seite nimt das Land unter dem Aequator 250
Längengrade ein; von der andern das Wasser 110° (nämlich unter
dem Aequator). Denken wir uns daher, dass die Erde so gesehn
würde, wie der Mond: so würde die erste Seite unter dem Aequator
(wo er durch Afrika und Amerika geht) ganz voller Kontinent
erscheinen; dagegen auf der andern Seite, wo er durch
das Wasser geht, würden auf jeder Seite nur 35° Kontinent
hervorstehn. Aber nicht nur in der ebenerwähnten Richtung,
(wenn man eine Ebne durch die Pole legt) theilt sich die Erdkugel
in eine Kontinentalmasse, sondern auch wenn man die Ebne
durch den Aequator legt: dann wird die südliche eine Wasserhalbkugel
, die nördliche eine Landhalbkugel sein. Es ist klar,
dass dies einen grossen Einflus auf die Temperatur der verschiedenen
Örter haben mus. Man hat auch schon vorgeschlagen,
die Südsee wegen ihrer bedeutenden Ausdehnung den grossen
Ozean zu nennen.

West-Asien und Ost-Amerika ist von dem Bekken des atlantischen
Ozeans durchschnitten, und man hat in neueren
Zeiten angefangen, diesen als eine wirkliche Thalbildung
zwischen beiden Kontinenten zu betrachten, um so mehr,
da die entgegenstehenden Theile der Kontinente eine gleiche
Richtung haben. Für Amerika ist es merkwürdig, dass in
Südamerika die französische Guiana oder die Gegend, wo Cayenne
liegt, in geognostischer Hinsicht viel Ähnlichkeit mit
Labrador in Nordamerika hat, ganz Brasilien dagegen mit
den Alleghanis. Die Küste von Brasilien erstrekt sich
von Südwesten nach Nordosten, Guiana dagegen von Südosten nach Nordwesten,
und Nordamerika wiederum von Südwesten nach Nordosten, eben so
ist es ungefähr an der Westküste von Afrika und an der von
Asien (scil. Europa).

Im Norden der nördlichen Hemisphäre ist an den Ufern
des atlantischen Bekkens eine grosse Zertrümmerung
sichtbar, die sich auf der einen Seite an der Hudsonsbay,
auf der andern an den britannischen Inseln offenbart:
mehr gegen Süden findet sich auch Übereinstimmung, in
so fern auf der einen Seite das Bekken des antillischen
Meeres, auf der andern das Mittelmeer liegt. Betrachtet
man das Mittelmeer allein, so sieht man, dass es mit
den Wasserbekken des rothen Meeres und des persischen
Meerbusens im genauen Zusammenhange steht, und dass
diese 3 auf Verkehr und Kultur besonders in früher Zeit
mächtig eingewirkt haben.

Nur des Aequatorialkreises geht durch den Kontinent,
die übrigen fallen in das Meer, und man sieht leicht,
dass diese Vertheilung grossen Einflus auf die Temperatur
haben mus. Wenn wir einen Blik auf die Karte werfen, so
kann es uns nicht entgehn, dass alle Kontinente gegen Süden
eine Pyramidalform haben: dies zeigt sich, und zwar am auffallendsten
, nicht nur in Amerika, und Afrika, sondern
auch in Neuholland, selbst nördlich vom Aequator in Hindostan
und weniger deutlich bei Malacca. Diese Bemerkung
gehört nicht dem geistvollen Reinhold Forster, sondern
lange vor ihm machte sie Baco von Verulam in seinem
Werke: . Auch die Erstrekkung gegen den Südpol
hin ist zwar ungleich, aber doch in einem bestimten Verhältnisse
; vom Cap Horn nach Van Diemensland geht es treppenförmig
in die Höhe.

Vorgebirge der guten Hofnung 34° Südbreite

Van Diemensland 43° 38

Cap Horn 45° 58

Ferner scheint sich die Regel auszusprechen, dass je weiter
die Kontinente nach Norden hinaufgehn, um desto tiefer
erstrekken sie sich nach Süden. Amerika hat nach beiden
Polen hin die weiteste Ausdehnung: dann folgt Europa mit
Afrika von Spitzbergen nach dem Vorgebirge der guten Hofnung:
endlich Asien und Neuholland, von Novasemlia bis Van-
Diemensland.

Südamerika und Afrika, deren Ähnlichkeit der Gestalt schon
dann auffält, wenn man anfängt, die Karte zu betrachten,
haben überdies eine merkwürdige Übereinstimmung in
der Einbusung ihrer Westküsten: der Golf von Guinea
entspricht der Bai von Arika in Amerika, und hier mus nicht
übersehn werden, dass auch die Andeskette der Biegung der
Bai folgt, was sehr merkwürdig ist. Freilich ist in Amerika
die Einbiegung unter 14° 20 südlicher Breite, in Guinea unter 3°

Nordbreite; allein man könte sagen, dies hänge mit dem obenerwähnten

Faktum zusammen, dass Afrika sich nicht so weit gegen
den Südpol erstrekke, als Amerika, und dass deshalb auch hier
die Einbiegung südlicher sein müsse. Eine ähnliche Erscheinung
, wiewohl nicht so deutlich, läst sich bei Malacca und
Neu Holland nachweisen.

Ungefähr vor 15 Jahren entdekte man im südlichen Meere
den Archipelagus von Neu-Shetland, den Powels-inseln und
Neu-Georgien, und es wurde dadurch eine Meinung wieder
hervorgesucht, welche schon Cook glaubte bekämpft und vernichtet
zu haben, nämlich dass diese Inseln Vorboten eines grossen
südlichen Kontinentes seien: allein Weddel hat vor 5 Jahren
gezeigt, dass es nur ein kleiner Archipelagus sei, und
dass weiter gegen Süden sich kein Kontinent finde. Bis dahin
glaubte man, dass Cook mit 71° 10 die gröste südliche Breite
erreicht habe: allein Weddel kam bis 74° 15, und fand in
dieser Gegend, sonderbar genug, ein eisfreies Meer: er behauptete
daher, es sei leichter, nach dem Südpol, als nach dem
Nordpol zu kommen.

Ein eignes Zusammentreffen ist es, dass das nördlichste Volk
die Russen, das südlichste Land entdekt haben: nämlich
Captain Billinghausen fand unter 70° Südbreite die beiden Inseln
Peter I und Alexander I.

Da man auf dem Archipel der Neu-Shetlands-islands
einige sehr grosse Thiere, wie Elephanten, Rhinozeros, auch
eine reissende aus dem Kazengeschlecht antraf, (während auf
den übrigen Inseln der Südsee sich meist nur kleine Nager
befinden) so glaubte man hieraus schliessen zu dürfen, dass
diese Inseln Reste eines untergegangnen Kontinentes seien,
wo nun die grossen Thiere gleichsam durch Konzentrirung
zurükgeblieben wären: allein es scheint wahrscheinlich, dass
die Inseln durch Hebung entstanden sind: dass, umgekehrt,
ein grosser Kontinent sich hat bilden wollen, von dem aber
nur die Spizen hervorgehoben sind. Als Beispiel können
wir die Zentralrepublik Guatemala anführen, wo sich Vulkane
von 8–9000 Fus Höhe finden: wäre das Meer so hoch
gestiegen als der See von Nicaragua, so würden alle diese
Vulkane wie Inseln, etwa wie die Molukken, aus dem Meere
hervorsehn. Über die Höhe des Sees von Nicaragua über
dem Meere habe ich mir eine ältere Messung zu verschaffen
gewust: er wurde 1781 von dem spanischen Ingenieur
Don Galisteo zu 140 Fus über dem Meerespiegel bestimt: dies
würde für die Legung eines Kanals durchaus keine Schwierigkeiten
machen, im Gegentheil das Reinigen der Schleusen noch
erleichtern.

Der gröste Theil aller Inseln auf der Erde befindet sich
in den südlichen Meeren, und zwar entweder sporadisch
in selbständige Gruppen vertheilt, oder den Kontinenten
parallel laufend. So ist es der Fall zwischen Amerika und
Asien, und da wir in Asien, zum Theil auf seiner Ostküste,
zum Theil auf Japan, und den andern, dieser Ostküste parallel
laufenden Inseln, Spuren einer uralten, ja der ältesten
Kultur finden, so liesse es sich wohl denken, dass durch
jene Inselreihe, welche hier von Ost nach West sich hinzieht,
eine Verbindung von Asien und Amerika statt gefunden
habe, und auf diese Weise die Kultur nach Amerika verpflanzt
sei: wenigstens ist dies wahrscheinlicher, als die Annahme
, dass dieser Kulturgang über das feste Land stattgehabt
habe, wo die asiatischen Einwanderer bis auf 60° Nordbreite, in
ein abscheuliches Klima hätten hinaufsteigen müssen.

In Asien sehn wir, dass die Kultur von Osten nach Westen
fortgeschritten ist, in Amerika von Norden nach Süden. Den
grösten Kontrast, den wir für die Gliederung der Kontinente
finden können, bildet in der alten Welt das vielfach-durchschnittene

südwestliche Asien samt Europa gegen die

einförmige abgerundete Bildung von Afrika, worin die Bai
von Guinea beinahe die einzige bedeutende Einbiegung ist.

(oben hies es, sie sei
bei allen Völkern von
Norden gekommen.)

Von den Bergen.

Die Berge sind Erhöhungen, die auf der Veste emporsteigen.
(Cic. de nat. Deor.) wir theilen sie in 2 Systeme:

1, wo eine elliptische Masse durch die elastischen Dämpfe
sich gehoben hat: dahin gehört der Gebirgstok zwischen den
beiden ungeheuren Flüssen des neuen Kontinentes, (dem Orenoco
und dem Amazonenstrom) den ich den Gebirgstok von Parime
genant habe; dahin der von Sta Martha, dessen Gipfel sich 4000
Fus höher als der Montblanc, also bis 18000 Fus erheben.

2, wo man die emporgehobene Masse, gleichsam als Kette durch
die Länder sich hinstrekken sieht: dahin gehört die Andeskette,
welche sich 6–700 Meilen von Norden nach Süden hinzieht, und mehrere
Knoten bildet. Ich habe diese Knoten genau untersucht,
und gefunden, dass sie nicht im Verhältnis zur Höhe des Gebirges
stehn. Man hat dies früher behauptet, gleich-
wie an einer Stelle, wo 2 Flüsse sich vereinigen, eine grössere
Wassermasse zusammenkomt. (Eine Karte der Andeskette von
mir, die bald erscheinen wird, wird dies noch deutlicher zeigen
.) Eine der seltenen Ausnahmen, wo 2 Knoten zusammen
kommen, und eine grössere Höhe bilden, findet sich in
Ostindien bei den Nigel-hils oder blauen Bergen, die der Dr
Leyden beschrieben hat; ihr Gipfel erhebt sich bis zu 8000 Fus,
während die Hochebne von Mysore 6000 Fus hat.

Eine ältere und nicht gegründete Vermuthung ist es,
dass alle Ketten zusammenhangen; ungefähr als ob alle
Gänge in den Gebirgen, die ein gleiches Streichen haben,
im Zusammenhange stehn müsten.

Eben so wie man auf die Höhe der Knoten, welche wie Stralen
aus einem Mittelpunkte ausgehn, zuviel Wichtigkeit gelegt
hat, eben so unrichtig hat man behauptet, dass die
Zentralkette höher sein müsse, als die begleitenden Ketten:
dies ist durchaus nicht in der Natur der Erscheinungen
begründet, und läst sich weder theoretisch noch praktisch
beweisen. In der Andeskette finden wir grade das Gegentheil:
wo der eine von den beiden parallel-laufenden Gebirgszügen aufhört,
in die Gränze des unteren Schnees hinaufzureichen, da ungefähr
hebt sich der andere bis in die Schneegränze hinein. Noch ein andres
Vorurtheil ist es, dass die Flüsse nie die Gebirgsketten durchbrechen
sollen. Davon finden sich unzählige Beispiele, und das deutlichste
in Amerika, wo der Amazonenstrom sogar die Zentralkette der Andes
durchbricht, die sich ihm queer in den Weg wirft, und hier schöne
Wasserfälle bildet. Ich habe diese Gegend besucht, und die Erscheinungen
genau beschrieben. Ein anderes Beispiel giebt der Indus, welcher
nördlich vom Pendjab aus dem Himalaya komt, und eine entgegenstehende
Gebirgskette durchbricht.

Eine besondere Aufmerksamkeit habe ich auf die Höhen der Flächen
gerichtet, die man in der Nähe der Gebirgsketten findet, und
gefunden, dass sie von doppelter Art sind: entweder erstrekken sie
sich in gleichem Niveau bis an den Fus der Kette, die dann steil aus
der Ebne emporsteigt, oder sie haben ein almäliges Anschwellen
gegen das Gebirge zu: von beiden haben wir Fälle in Amerika, die
sehr auffallend sind. Der Gebirgstok von Parime gehört zu denen,
die steil aus der Ebne emporsteigen: hier ist es einerlei, ob man
sich in grösserer oder geringerer Nähe des Gebirges befinde,
die Höhe der Ebne bleibt fast ganz dieselbe bis an den Fus desselben
; bei der Andeskette dagegen findet ein Anschwellen
statt, und die Höhe der Ebne nimt zu, je mehr man sich den
Bergen nähert.

Eine merkwürdige Erscheinung ist es, dass die grösten Höhen
im alten Kontinent sporadisch zerstreut sind, wogegen sie in
dem neuen Kontinent alle auf eine Linie zusammengedrängt
liegen. In Amerika findet man ausser der Andeskette keine
Höhen weiter, die nur 8000 Fus erreichten, es ist also anzunehmen
, dass hier die Andes wirklich die Zentralkette sind:
sezen wir aber in Europa die Schweiz als einen
solchen Zentralstok, weil sie die grösten Höhen unseres Erdtheils
hat, so zeigen sich ausserdem Höhen von 6000–10800 Fus sehr
weit davon entfernt, und hieraus scheint hervorzugehn, dass die
elastischen Kräfte ganz anders bei der Bildung der beiden Kontinente
wirkten.

40. Vorlesung, 22. März 1828

Manche Kontinente liegen tiefer als das Meer, dahin gehört die Gegend
um den Aralsee und einige Theile vom innern Asien.

Wenn das Meer austroknete, so würden wir in dem Falle sein, in dem der
Mond sich befindet: wir würden kein allgemeines Niveau haben, worauf Höhen
und Tiefen sich reduziren liessen. Darin liegt mit der Grund, warum
bei Vergleichungen der Mondhöhen mit den unsrigen, jene im Vortheile sind, z. B.
der Leibnitz und Himalaya; beim Monde nämlich rechnet man von dem tiefsten
Punkte seiner Oberfläche an, bei uns vom Meeresspiegel.

Die Längenthäler, welche sich zwischen 2 Bergrükken hinziehn, haben oft
eine bedeutende Höhe, daher kömt es, dass sie unter den Tropen ein
sehr mildes Klima haben: die Andesthäler haben 7–8000 Fus Erhebung,
und die bedeutendsten Städte von Südamerika liegen in denselben. Das
Wallisthal, welches von der Rhone durchflossen wird, hat nur 1200 Fus Höhe.

Nicht immer ist es der Fall, dass die höchsten Spizen eines Gebirges
da liegen, wo die allgemeine Erhebung die gröste ist, bei manchen finden
wir grade das Gegentheil. Der Chimboraco steht an einem Punkte,
wo die Andeskette sich so verflacht, dass man in einer Länge von 70–80
Meilen in seiner Nähe keinen Gipfel findet, der nur so hoch wäre, als
die höchste Spize der Pyrenäen. Eben so ist die Stellung des Montblanc.

In Amerika sind die grösten Höhen nur 20–25 Meilen von der Südseeküste
entfernt, dagegen ein Terrain von 300,000 Quadratmeilen, (also
mehr als 10 mal so gros als Deutschland) hat keinen einzigen Schneeberg,
oder der sich bis zu 8400 Fus erhöbe.

Die Höhen von Europa und Asien sind sporadisch vertheilt, und man
kann die Alpen, welche durch die Cevennen schwach mit den Pyrenäen
zusammenhangen, als Zentralgebirge betrachten: dennoch giebt es entfernt
davon hohe Berge, z. B. in der Sierra nevada in Spanien, Berge, die dem
Pic von Teneriffa gleichkommen.

Ein anderes Höhengesez läst sich numerisch entwikkeln: es betrift nämlich
das Verhältnis der Rükken zu den Gipfeln der Ketten: die Kentnis
der mittleren Rükken ist wichtig für den Handel und die Verbindung
der Staaten, insofern die Pässe über dieselben gelegt werden.
Das es natürlich ist, dass die Menschen ihre Pässe nicht über die höchsten
sondern über die niedrigsten Stellen des Gebirges legen: so
findet man die mittlere Erhebung des Rükkens, indem man 10 oder
12 Pässe mit einander vergleicht, die immer unter der Schneegränze
liegen. Es ist also ganz richtig, wenn man annimt, dass der mittlere
Rükken zwischen den höchsten Pässen und der unteren Schneegränze
oszillirt.

In einem Mémoire über das Verhältnis der Gipfel zu den Rükken
habe ich die 6 hauptsächlichsten Systeme von Bergen zusam̃engestelt,
und gezeigt, dass dies Verhältnis = 1:1,8 oder 2,0 sei, d. h. die Gipfel sind
meist doppelt so hoch als die Rükken. So prägt es sich dem Gedächtnisse
leichter ein, wenn man sich merkt dass der Rükken des Himalaya so
hoch ist als der Montblanc, oder der Rükken der Andeskette so hoch
als der Pic von Nettu in den Pyrenäen.

Um nicht durch Zahlen zu ermüden, gebe ich nur einige Data:

Der Rükken der Alpen = 1200 Toisen, der Montblanc 2464 Toisen.

Anden = 1850. Chimboraço. 3350.

ich bin auf der Reise nach Quito über den Pass Katluk gegangen
, der sogar höher ist als der Montblanc.

Der Rükken des Himalaya 2430 Toisen der Dhavalagiri 4400 Toisen
man hat bis jezt im Himalaya 14 Pässe kennen gelernt, welche von
den englischen Ingenieurs sehr genau gemessen worden sind, diese
geben als Mittel für den Rükken die Höhe des Montblanc. Der Dhavalagiri ist
trigonometrisch bestimt, und so hoch, als ob man den Gotthard auf
den Chimboraço sezte. Meist bestehen die Gipfel aus demselben Gestein
wie die Rükken: als Ausnahme kann man die Andeskette anführen,
wo die Rükken granitisch sind, die Gipfel aber, kastellartig in die
Höhe stehend, aus vulkanischen Massen, Grünstein pp. bestehen. Der
Trachit ist gewöhnlich Dom-förmig gewölbt, wie z. B. der Chimboraço.

Der höchste Punkt des Kaukasus, der Elbrus (nicht der
Kasbi, wie man früher glaubte) ist kürzlich von Kapezewsky
trigonometrisch auf 2783 Toisen bestimt worden, die Pässe dagegen
haben 1326 Toisen.

Bei den Alleghani’s in Nordamerika ist der höchste Punkt der
Washington-pic = 1040 Toisen, die Pässe 550. Toisen.

Im Gebirge, das sich an der Nordküste von Südamerika hinzieht,
d. h. der Kette von Venezuela, ist der höchste Punkt: die Silla
de Caraccas, die ich auf 1350 Toisen bestimte, während die Pässe
750 Toisen also wieder ungefähr die Hälfte haben.

Die Pyrenäen dagegen machen eine Ausnahme. Der Pic von Nettu
im Gebiet Maladetta hat 1790 Toisen die Pässe aber von Frankreich
nach Spanien sind höher als selbst die Alpenpässe.

Auch bei den Apenninen findet eine Ausnahme Statt: ich habe
selbst 3 Pässe messen können:

1, den von Scheggio.

2, den zwischen Spoleto und Macerata.

3, den: delle Macere bei Bologna.

Ihre mittlere Höhe giebt für den Rükken der Apenninen 200 Toisen
während der höchste Gipfel 1490 Toisen sich erhebt: hier ist das Verhältnis
also = 1:3,5, während es oben überall zwischen 1:2 oder 1:1,8
schwankte. Wir könten demnach sagen, die Pyrenäen seien zu niedrig,
und die Apenninen zu hoch.

Bei den skandinavischen Gebirgen hat Herr Hisinger 20 Pässe, sehr
genau barometrisch gemessen, und fand als Mittel für den Rükken
420 Toisen für den Gipfel 1200. Hier ist also auch das Verhältnis wie
1:3,0 oder genauer 1:26/7

Wenn der Meerespiegel sänke, (und dies ist eine sehr merkwürdige
Erscheinung) so würde dies Verhältnis 1:2 der meisten Rükken zu den Gipfeln
nicht mehr richtig sein: denn es ist klar, dass wenn wir die Proporzion
machen:
Rükken:Gipfel = 1:2
und wir zu den beiden lezten Gliedern etwas hinzusezen, die Proporzion
nicht mehr dieselbe bleibt: daher ist es sehr wahrscheinlich, dass
der Spiegel des Meeres im Zusammenhange steht, mit der relativen
Neuheit der Gebirgsmassen. Die Ursachen der Entstehung der Gebirge
mögen sehr tief liegen, aber die unterirdischen Bekken, in
welchen die vulkanischen Erscheinungen vorbereitet werden, können
sehr nahe an der Oberfläche der Erde sein, und die Masse des
Meeres mag nicht ohne Einflus darauf sein.

Bei den Gebirgen müssen wir 5 Elemente ihrer Axen wohl unterscheiden
:

1, die Linie, welche man durch den Rükken legt, und dies ist die
gewöhnlichste.

2, die Linie durch die Divortia aquarum oder Wasserscheiden, die
oft sehr abweicht.

3, die Linie durch die Maxima aller Höhen (ligne des faites)

4, die Linie, welche nach der Natur der Gesteinarten gezogen wird,
wo z. B. Granit und Kalk parallel laufen: diese Linie ist oft der
Axe durch den Rükken gleich, aber manchmal durchschneidet sie
auch dieselbe, wie in dem Gebirge von Venezuela.

5, die Linie, welche durch das Streichen der Schichten gezogen wird:
meist ist sie parallel mit dem Ausgehen der Gebirgsarten, aber auch
sehr oft verschieden davon.

Bei den Gränzstreitigkeiten zwischen Frankreich und Spanien
sind diese Elemente der Axen zur Sprache gekommen, und man
hat gefunden, dass die Linie der Wasserscheiden sehr abweicht von
der Linie des Rükkens: die lezte ist aber als Norm festgestelt worden.

Ferne Ketten haben oft einen grossen Einflus auf das Streichen
der Gebirgsarten; und dieser Loxodromismus (besser als Parallelismus
) der Schichten läst sich oft auf eine Strekke hin verfolgen,
die 2 mal so gros ist als Deutschland.

Dem grossen Geognosten L. v. Buch verdanken wir eine Eintheilung
von Deutschland in dieser Hinsicht: er nimt 4 Systeme
von Gebirgszügen an:
auch der Lauf der Flüsse folgt meistens diesen 4 Systemen, und es
ist auffallend, dass wenn man sie nach Südost fortsezt, selbst die
griechischen Inseln ein Streichen von Nordwest nach Südost haben, und
westlich, eben so die Pyrenäen.
1, den von Belgien, wozu er auch die brittischen Inseln rechnet,

hier ist das Streichen von Nordost gegen Südwest.

2, das nordöstliche System, von Teutoburger Walde bis nach der
Donau. Streichen von Nordwest gegen Südost.

3, das System des Rhein’s.

4, das Alpensystem.
(von Nordwest nach Südost.)

Über die grosse Hochebne der Lüneburger Haide hat Herr Prof.
Hofmann eben so gründliche als scharfsinnige Untersuchungen
angestelt, und gezeigt, dass die Spree und Havel die Verbindung
zwischen der Elbe und Weser bestimen Bei Kuxhaven müste
eigentlich die Mündung der Oder sein.

undeutlich oder er
hat sich versprochen.

Auf der Hochebne von Mexiko haben die Gesteine ihr Streichen
von Südost nach Nordwest aber die Gipfel folgen einer andern Richtung
: eben so scheint es in Asien, in den Ketten des Himalaya
zu sein.

Eine absolute Ebne, d. h. eine solche, wo die Erde durchaus nicht
von Erhöhungen durchschnitten ist, findet sich sehr selten: wir
haben eine solche in Ungarn, wo sie Pustas heissen, zwischen der
Teis und Donau; wo sich eine Area von 1700 Quadratmeilen so gleichförmig
hinzieht, dass man mit einem Spiegelsextanten wie über dem
Meereshorizont, daran Sonnenhöhen nehmen könte.
Nicht immer sind diese Ebenen baumlos. In Südamerika giebt es

3, sehr ausgedehnte Ebnen:
die 1te und 3te oder die nördlichste und südlichste sind fast baumlos,
und nur mit Gras bedekt, worin unzählbare Heerden ihren Aufenthalt
haben; die mittlere dagegen ist mit den Waldungen
zwischen dem Orenoko und Amazonenstrom bedekt, die von
einer solchen Dichtigkeit sind, dass wenn nicht die grossen Rinnsale
der Flüsse sie durchschnitten, die Affen jener Gegenden eine
Strekke von 600 Meilen von Zweig zu Zweig würden zurüklegen können.

1, die Llanos von Venezuela.

2, die Ebnen zwischen dem Orenoco und Amazonenstrom.

3, die Pampas von Buenos-ayres.

Die Ebnen von Afrika, worüber der gelehrte Reisende Herr Dr
Ehrenberg eine schöne Abhandlung geliefert, sind gar nicht so
eben, als man geneigt ist zu glauben, sondern werden vielfach von
Höhenzügen durchschnitten: auch ist die Masse des Sandes in denselben
gar nicht bedeutend: sondern mehr festes Gestein.

Die Flüsse, aus den Gebirgen herabkommend, entwikkeln ihren
Lauf in den Ebnen. Häufig ist es der Fall, dass sie einen im Wege
liegenden Gebirgszug rechtwinklig durchschneiden, dann aber, anstatt
diese Richtung weiter zu verfolgen, sich wenden, und eine Strekke
lang an dem Fusse des Gebirges hingehn, eine Bemerkung, die wir,
wie so viele andre, dem Prof. Ritter verdanken.

In den Ebnen bilden sich auch die Anastomosen der Flüsse: häufig
als Delta an den Mündungen, selten im Innern des Landes.

Das Thalbett der Flüsse ist ein System von Punkten, wo alle
Linien der grösten Neigung sich in einer Rinne vereinigen.

Westphalen hat eine Anastomose, die durch 2 kleine Flüsse
die Hase und die Else gebildet werden, die in einem Thale fliessen
: die eine nach der Ems, die andre nach der Weser zu.

Wenn der Lauf der Flüsse nahe an einem Grat ist, und
ein niedriger Punkt sich in der Nähe befindet, so geht ein
Arm des Flusses in dieser Richtung ab, und es entsteht
Bifurkazion, wo die arête durchschnitten wird. So haben wir
oben die grosse Mesopotamie betrachtet, welche durch den Orenoco,
Cassiquiare, Rio Negro und Amazonenstrom gebildet wird, der das
ganze Guiana angehört.
In einem Aufsaz, welchen ich mit Herrn Prony in den Mémoires de

l’école polytechnique herausgegeben, habe ich diese Bifurkazionen
genauer betrachtet, wie auch früher schon in meiner Reise ausführlich
davon gehandelt, und durch Karten erläutert. Fossombroni
hat bemerkt, dass in Italien eine alte Bifurkation
zwischen dem Arno und der Tiber durch den Arno-Teverone im
Val di Chiana statt gefunden hat. L. v. Buch fand dasselbe
nur im kleineren Maasstabe an der Küste von Schweden, bei der
Kalix-elf von Tornes. Die durch Petrarca so
berühmt gewordene Quelle von Vaucluse bildet dasselbe Phänomen
, indem sie sich theilt und auf der einen Seite nach der
Sorbe auf der andern nach der Neste hinabfliest. Auch temporär
werden solche Verbindungen durch Regengüsse hervorgebracht:
so im nördlichen Amerika, wo in der Regenzeit durch das Medium
der grossen Seeen der Guavache mit dem Ohio eine
Bifurkazion bildet; so in Süd-amerika, wo der Kanal della
Raspadura die Südsee mit den antillischen Meeren verbindet.
Ein Mönch, der Pfarrer von Novita, bemerkte, dass die Quellen
des Rio Atrato und Rio San Juan de Choco nicht weit von
einander entfernt lagen, er wünschte Fische für seinen Tisch
aus dem einen Flusse zu haben, die sich im andern nicht
finden, und lies daher den Kanal von den Indianern seines Kirchsprengels
in einer von natürlichen Überschwemmungen
periodisch betroffenen Bergschlucht durchgraben: allein in den
lezten Kriegsunruhen ist er vernächlässigt und versandet;
und wird auch nie von grosser Wichtigkeit für die Schiffahrt
werden.

Bewundernswürdig ist die Kleinheit des Gefälles an den
meisten Flüssen, so wie der Einflus der Flut auf das Steigen
und Fallen des Flusses: der Orenoko hat in einer Entfernung
von 80–100 Meilen von seiner Ausmündung 13–14
Zoll Flut. Die neusten Beobachtungen an der Garonne haben
gezeigt, dass die Flut immer parallel an dem Boden des
Flusses, wie an einer geneigten Ebne aufsteigt.

41. Vorlesung, 24. März 1828

Wie verschieden die hebende Kraft in ihren Momenten sei, kann man
sehr deutlich an den Kratern der Vulkane sehn: hier werden einige
Schlakken nicht einmal so weit gehoben, dass sie den Rand des
Kraters übersteigen können, sondern in denselben zurükfallen, andre
dagegen werden sehr weit hinausgeschleudert, und da sie nicht senkrecht
niederfallen, sondern mit einiger Abweichung parabolisch: so
kann man die Gränze davon sehr genau bestimmen: denn diese Kraft
wirkt ganz regelmässig, wenigstens einige Stunden lang, und man
ist so im Stande, sich in der grösten Nähe der Ausbrüche zu sezen.

Eben so verschieden ist die organische Kraft in den Bildungen
der Thiere, hier sehn wir, dass es auch eine Mittelgrösse giebt, aber
eben so wohl giebt es ein Maximum derselben.

Wenden wir dies nun auf die Ströme an, so findet sich, dass sie
auch ihr maximum der Wassermasse haben, das aber meist geringer
ist, als man glaubt. Besonders ist dies bei denen von
Amerika der Fall. Denn vom Ufer an kann man vielleicht
2–3000 Fus weit hineinreichen und das Pferd hat nicht
mehr als 2 oder 3 Fus Wasser: dann komt eine tiefe Rinne
die vielleicht 130 Fus ( oder 30) Tiefe nach: dann weiter nach
der Mitte zu eine andre seichte Stelle und eine neue Rinne:
so sind die grossen Flüsse in viele solcher tiefen Rinnen oder
einzelnen Flüsse abgetheilt. Wenn nun eine solche einzelne Rinne
von ihrer Richtung in ein benachbartes Flusgebiet abgelenkt
wird, so entsteht Bifurkazion, wie beim Orenoco und Cassiquiare.

Die Grösse der Flüsse ist daher eine ganz andere, ob man in
nach der Wassermenge, oder nach dem Areal ihrer Flusgebiete
berechnet. Für den lezten Fall ist wenn man:

den Rhein = 1 sezt:

die Donau = 4.

d. Amazonenstrom = 22.

Nach der Wassermenge dagegen ist es anders; wenn im Flusgebiete
des Rhein’s in einem Jahre 24–28 Zoll Wasser fallen,
so fallen in dem des Amazonenstrom 80–82.

In dieser Hinsicht könte man also die Flüsse als grosse
Ombrometer, Regenmesser, betrachten, und dies führt uns
auf die bewundernswürdige Gleichheit in der Quantität ihres
Anschwellens und ihrer Wasserhöhe. Der Nil ist in dieser
Hinsicht sehr merkwürdig: bei Kairo steigt er grade eben
so hoch, als der Orenoco bei der Angostura (beide Orte
sind ungefähr gleich weit von den beiden Mündungen entfernt
) nämlich 24 Fus, und wenn wir bedenken, dass dieses
Anschwellen seit Jahrtausenden dasselbe geblieben ist: so
müssen wir über die wunderbare Regelmässigkeit in diesen
grossen Naturphänomenen erstaunen: dazu kömt noch, dass
man berechnet hat, wie die Zeit des Anschwellens seit jener
Epoche nie um 5–6 Tage abgewichen ist.

Eine andre Untersuchung ist die über die Masse des Wassers, welche
ein Flus fortführt, und diese hat man früher ganz unrichtig
gemessen: sie kann nur bestimt werden durch eine Sekzion
, welche man durch das Strombett legt, und die Area dieser
Sekzion giebt das Wassermenge. Hierüber hat man eigentlich
sehr wenig genaues. Die früheren Untersuchungen über
den Rhein und die Donau sind ungenügend: als Muster verdient
das Mémoire aufgestelt zu werden, welches Girard über
den Nil geliefert hat: sowohl für die Messungen der Wassermasse
, als auch für die Geschwindigkeit, Absezung des Nilschlammes

pp.

Die Flüsse münden sich aus 1, entweder in Binnenseeen,
wie im Innern von Afrika, dann nent man sie Steppenflüsse,
oder 2, in das Meer, wofür Franklin richtiger sagt, dass
sie in die Athmosphäre verdampfen. Es ist hierüber in Hinsicht
auf den Niger ein Streit entstanden, man hat aber überhaupt
nur wenige Beobachtungen darüber. Messungen am Orangeriver
in Süd-Afrika zeigen, dass er während seines Laufes
an Wassermenge verliert; ich habe den Rio Apure, welcher
so gros ist als die Donau, an vielen Punkte untersucht, seine
Breite, Geschwindigkeit und Wassermenge gemessen, und gefunden
, dass je weiter er geht, er desto mehr an Wasser verliert
. Dies liegt aber darin, dass die sandigen Ebnen seiner
Ufer sich durch die Sonnenstralen bis zu 52° R. erhizen, und
gleichsam wie Schwämme das Wasser anziehn: dennoch liefert
er eine bedeutende Wassermasse in den Orenoco: es ist
daher unwahrscheinlich, dass der Niger seine ganze Wassermasse
auf diese Weise verlieren solte.

Von der Ebbe und Flut.

Ebbe und Flut sind periodische Schwingungen der Wassermasse
, durch die Anziehung der Sonne und des Mondes veranlast
. Komt ein Strom bei seinem Ausflusse in’s Meer mit
der Flut in Berührung: so sinkt das Salzwasser, als das schwerere
nieder, das süsse wird gehoben, und verdampft an der Luft.
Man hat darüber schöne Beobachtungen in Schottland mit
Sonden, deren ich mich auch immer bedient habe. Sie haben 2
Ventile, und man schöpft erst das süsse Wasser und tiefer
das salzige; wo die Flut 15–16 Fus erreicht, da mischen sich
durch die Bewegung die Wasser bald untereinander.

Die Oszillazionen der Ebbe und Flut sind die augenscheinlichsten
Beispiele von der Attrakzion der Weltkörper. Da
das Mittelmeer nur eine geringe Flut hat, so konten nur
die Phönizier bei ihren Fahrten ausserhalb der Herkulessäulen
etwas davon wissen: daher kam es auch, dass bei der Schiffahrt
des Nearch im Indus die Griechen ein grosses Wunder
daraus machten, als sie die Flut im Indus bemerkten. Pytheas
ging eigens nach Massilia, um Beobachtungen darüber zu machen.

Plato, der alles aus dem Innern der Erde herleitet, glaubte,
es sei ein Aufsprudeln und Zurükfliessen. Dass den Alten
aber die wahre Ursach bekant wurde, zeigt Plinius der jüngere,
der ganz ausdrüklich sagt: caussa in sole lunaque. Auf die
algemeinen Gravitazionsgeseze zurükgeführt wurden diese Erscheinungen
zuerst durch Newton 1687. aber zu einem wahren
Triumph der analytischen Rechnungen haben sie dem grossen
Laplace gedient, der sich schon 1772 damit beschäftigte: dann
aber auch später wieder. Auf seinen Antrag wurden in Brest,
wo die Flut 40–45 Fus Höhe erreicht, an 6000 Beobachtungen
angestelt, um den Coëffizienten genauer zu bestimmen; ich
gebe hier nur die Resultate aus der 13ter Lieferung der Mécanique
céleste, die kurz vor seinem Tode erschienen ist. Man
glaubte früher, dass die Sonne 13 Millionen mal stärker anziehe
als der Mond: allein er fand, dass das Verhältnis der
beiden Anziehungen = sei Sonne 2,4 : Mond 1. Die Flut erfolgt 2 mal
zwischen jeder Kulminazion, und zwar alle Tage 49–50 Minuten
später, weil der Mond täglich um so viel später
durch den Meridian geht. Wirken Sonne und Mond zusam̃en,
so entsteht eine Springflut, wovon wir die älteste Anführung
beim Caesar haben, dessen Heer dadurch, an der gallischen
Küste, Brittannien gegenüber, in grosse Gefahr kam. Die
Theorie dieser Erscheinungen ist so weit gediehen, dass man
sogar astronomische Elemente daraus gefunden hat: so
bestimte Laplace daraus nach Bouvards Berechnungen, die Masse
des Mondes mit einer ganz unglaublichen Genauigkeit, eben so
das Wanken der Erdaxe. In Brest hat man beobachtet, dass
die Flut 5 Fus höher ist, wenn der Mond in der Erdnähe
steht; auch die Sonnennähe der Erde hat Einflus auf diese
Erscheinungen und verstärkt die Flut. Der höchste Punkt des
Wasser-ellipsoides ist immer gegen den Mond hin gerichtet:
die Anschwellung ist aber auch auf der andern Seite: daher
kommen eben 2 Fluten, im Zenith und Nadir des Mondes,
und diese erklärt man folgendermaassen:

Der Mittelpunkt der Erde wird nicht so stark angezogen,
als der Punkt des Wasser-ellipsoïdes, über dem der Mond
im Zenith steht; dies giebt die Flut auf der einen Seite:
dann wird aber der Mittelpunkt der Erde stärker angezogen
als der vom Monde entfernteste Theil des Wasser-ellipsoides:
dieser Theil wird also zurükbleiben, und dies äussert sich für uns nicht
anders als durch das Steigen des Wassers; dies giebt die
2te Flut im Nadir des Mondes. Im Vollmond und im 1ten
Viertel sind die Fluten am stärksten, weil im ersten Falle
der Mond in entgegengesezter Richtung mit der Sonne
steht, im 2ten Falle mit ihr zusammen.

Die Beobachtungen kann man aber nur in grossen Meeren
machen, in kleinen sind sie nicht sichtbar, weil immer eine
gewisse Zeit dazu gehört, ehe der Wasserberg sich aufthürmt,
und die Wasser nicht schnell genug nachlaufen können,
ehe wieder die Ebbe eintrit. Sehr viel kömt hiebei auf die
Richtung von Ost gegen West oder von Nord gegen Süd an; bei der ersten
(der von Ost nach West) ist die Flut etwas grösser; ja Laplace hat
sogar bewiesen, dass sie sich verhalten mus wie der Längendurchmesser
des Meeres gegen den Halbmesser der Erde. Daher
hat das kaspische Meer keine Ebbe und Flut, und was man
davon hat wahrnehmen wollen, war nur Wirkung des
Windes, der das Wasser an der einen Seite aufstaute. Im
Mittelmeer würde eine Flut bemerklich sein östlich von Malta,
weil es da seine gröste Entwikkelung hat: allein sie ist ganz
unbedeutend, auch zum Theil daher, weil die Öfnung bei den
Herkules-säulen zu klein ist, wodurch aus dem atlantischen
Ozean etwas hineinfliessen könte. Die Flut können wir eine
Welle nennen, welche nicht durch Seitendruk (wie bei den Winden
) sondern durch den Zug eines Weltkörpers veranlast wird.
Auch ist die Lage des Mittelmeeres in dieser Hinsicht ungünstig
: wenn es gegen Syrien hin, nach den Mündungen
des Euphrat zu, geöfnet wäre, so würde die Flut in demselben
bedeutender sein: denn der Gang der Flut ist von Ost nach West
wie der Gang des Mondes.

Nach der Theorie solte über 65° Breite keine Flut mehr
Statt finden, und dennoch beobachtete Parry an der Hudsonsbay
in einer Breite von 70° die Flut von 15 Fus Höhe: dies macht es
um so mehr wahrscheinlich, dass von der Hudsonsbay durch
die Barrowstrasse eine Kommunikazion mit der Baringstrasse
Statt finde. In der Ostsee ist gar keine Flut: man
hat darüber ganz genaue Beobachtungen, und diese zeigen, dass
momentane Schwellen (wie beim kaspischen Meere) durch
das Wehen periodischer Winde hervorgebracht werden können.
In den antillischen Meeren, wo ich viele Beobachtungen angestelt,
ist die Flut 8–10 Zoll hoch; am höchsten ist sie in Frankreich
bei St Malo, wo sie gewöhnlich 46 Fus erreicht, durch
Springfluten aber kann sie bis 55 und 60 Fus, also zu einer
ungeheuren Höhe steigen.

Eine andre Bewandnis hat es mit den sogenanten Mascarettes
oder Barren, wie sie sich am Ausflusse der Dordogne,
Garonne und andrer Flüsse bilden. Hier sieht man oft Wassermassen
häuserhoch sich aufthürmen, wodurch die Ausfahrt für
kleinere Schiffe oft sehr gefährlich wird. Dies Anschwellen
ist eine Folge des Zusammenflusses lokaler Strömungen.

Von den Wellen.

Verschieden davon ist wieder die Wellenbewegung an sich: über
die Höhe der Wellen ist viel gestritten worden: man mus
aber die absolute Höhe wohl unterscheiden von der Brandung,
oder von dem blossen Anschlagen an einen festen Körper. Über dieses
lezte habe ich Messungen angestelt am Herkulesthurm in
Gallizien, und gefunden, dass man hier auf einer Höhe von
200–240 Fus stand, und fortwährend von den Wellen besprüzt
wurde. Eine noch weit merkwürdigere Messung machte Captain
Sabine in Warmuz im nördlichsten Skandinavien unter 70° Nordbreite;
hier fand er eine Hochebne, welche 400 Fus über dem Meere lag,
von dem Wellenschlage ganz überschwemt. Messungen über die
wahre Höhe der Wellen, wie sie im freien Ozean ohne hinderndes
Ufer vorkommen, sind sehr schwierig. Wolte man Instrumente
am Ufer aufstellen, so würde dies zu gar nichts helfen. Ich
habe eine Methode angegeben, wie man diese Höhe sehr genau
auf dem Schiffe selbst durch die Depression des Horizontes messen
kann, und brachte sie in Anwendung bei einem der heftigsten
Stürme in der Südsee, den die Einwohner Papagallo nennen, und
der 3–4 Tage dauert; hiebei sieht man die grösten Wellen, die
es vielleicht irgendwo auf der Erde giebt. Wenn die Sonne sich
zum Untergange neigt: so ist sie unten auf dem Verdek
schon untergegangen, während man sie auf dem Maste noch sieht:
nimt man nun mit dem Spiegelsextanten Sonnenhöhen oben auf
dem Wasserberg, und dann unten im Wellenthal, und vergleicht
genau die Zeit, so läst sich daraus die Höhe der Welle bestim̃en;
so fand ich, dass die gröste Höhe selten 42–44 Fus übersteigt.
Dies ist auch die Meinung von sehr vielen englischen Seefahrern
, die ich Gelegenheit hatte, darüber zu befragen.

Wenn der Wind immer in derselben Richtung weht, so ist
es möglich, dass die Wassermasse sich zu dieser Höhe aufthürmt
, allein wenn die Wellen durch einen Wind eine bestimte
Richtung erhalten haben, und ein andrer Wind kömt dazu:
so treffen dann Wellenberg und Wellenthal auf einander, und
es entsteht eine sehr gefährliche Verwirrung der Wellen,
die aber bald in Ruhe übergeht.

Über den Wellenbewegung im algemeinen haben wir im
französischen ein ausgezeichnetes Werk von Brémontier: er
giebt an, dass das Meer nur 60–80 Fus unter der Oberfläche
aufgewühlt würde: allein dies ist zu wenig, es mus manchmal
wohl 160–200 Fus tief aufgewühlt werden. Dies sieht man
an der Bank von Newfundland; ich habe selbst Gelegenheit gehabt
, zu bemerken, dass als wir auf diese Bank kamen, der Wellenschlag
des Meeres plözlich ganz verändert wurde: da nun
die Bank bis 200 Fus unter der Oberfläche liegt: so ist klar, dass
bis in diese Tiefe sich die Bewegung der Wellen erstrekken mus.
Eine ähnliche Bemerkung machte der geistreiche Rennell, der
wahrnahm, dass die Bank de Agulias an der Süd-Westküste von
Afrika, welche 480 Fus tief liegt, die Richtung der Strömung verändere
, welche von Amerika herüberkomt.

Im deutschen haben wir von den Brüdern E. und W. Weber
ein vortrefliches Werk über die Wellentheorie, von einer Gründlichkeit
, dass kein schiffahrende Nazion sich eines ähnlichen
rühmen kann. Sie kamen zuerst auf die Theorie beim Reinigen
des Queksilbers, wo sie auf die Interferenz der Wellen aufmerksam
wurden: zulezt besuchten sie noch die Ufer des Mittelmeeres
, und fügten die praktische Ansicht der Wellen hinzu. Sie
machten zuerst darauf aufmerksam, dass die Dichtigkeit der
Flüssigkeit bei den Wellen in Anschlag komme.

Das Meer umfast ungefähr der ganzen Erdoberfläche; mit
Sicherheit ist es sondirt worden bis 7000 Fus Tiefe, und sonderbar
genug haben schon die Alten dies erraten. Plutarch im Leben des
Paulus Aemilius sagt, bei Gelegenheit des Krieges gegen des Perseus,
ganz deutlich, dass die gröste Tiefe der Meere gleich sei der grösten
Höhe der Berge; und als von der Höhe des Olymp die Rede
ist, den man für den höchsten Berg hielt, meint er, dass die
Tiefe des Meeres eben so viel, 10 Stadien betrage, welches ungefähr
7000 Fus sind, wenn man nämlich olympische Stadien annimt.

Von der Dichtigkeit und chemischen Beschaffenheit des Meers.

Über diesen Gegenstand ist viel gearbeitet worden, aber jemehr man
sich darum bemüht hat, um desto unklarer ist die Sache geworden.
Ich habe mich auch sehr viel damit beschäftigt, und vermuthete
eine Zone der grösten Dichtigkeit des Meeres, welche sich in
einer Kurve um die Erde zieht.

Die fixen Bestandtheile des Meeres betragen 3,5 pr. Cent. Gay-
Lussac hat eine schöne Arbeit geliefert bei Gelegenheit der Reise
von Duperrey und Freycinet. Diese Seefahrer waren nämlich angewiesen
, an den verschiedensten Stellen kleine Fläschchen mit
Meerwasser zu füllen, und hierauf machte Gay-Lussac seine Versuche
. Auch John Davy (der Bruder des grossen Humphry) machte
Beobachtungen darüber auf seiner Reise nach Ceylon. Gay-Lussac
zeigte, dass bei allen jenen Proben der Unterschied in der Dichtigkeit
und im Salzgehalte ganz unbeträchtlich sei.

Die chemischen Bestandtheile des Meeres sind grossentheils Natron
und Bittererde. Die Versuche von Marset hierüber sind sehr schön,
und weit besser, als die von Morin, welche man gewöhnlich anführt.

Man giebt jezt die Bestandtheile so an:

salzsaures Natron = 2,6

Bittererde = 1,5

schwefelsaures Natron = 0,5

kohlensauren Kalk = 0,01

Balard fand auch Brom und Jod darin, welches man schon
vermuthet hatte, weil dieselben einfachen Körper sich in der Mutterlauge
des Seegrases vorfinden. Wollaston entdekte sogar 0,001 schwefelsaures
Kali, dessen Existenz unbezweifelt ist. Die kohlensaure
Kalkerde, welche man darin findet, ist ganz sicher die Quelle
der unzähligen Konchylienschalen, und wird durch einen organischen
Prozes von diesen Thieren zu Muscheln umgebildet.

Sehr merkwürdig ist die Reinigung des Salzwassers im Innern
der Erde: so findet man oft süsse Quellen entfernt von allen Gebirgen
, mitten im Meere auf flachen Sandbänken. Ich habe eine
solche beschrieben, die sich südlich von Kuba befindet, wo die
Schiffe mitten im Meere süsses Wasser einnehmen können: hier
scheinen sogar die Manatis, oder Seekühe, die Nähe desselben
gleichsam gewittert zu haben: denn man trift sie in grosser Menge
um diese Sandbank an.

Volkommen gereinigt wird das Wasser des Meeres durch Destillazion,
und dieses Mittels bediente sich Freycinet auf seiner Reise; ja er
fand es so anwendbar, dass er fast ausschliessend sich desselben
bediente. Unvolkommen wird es gereinigt, indem man es durch
troknen Sand laufen läst, der wenigstens 15 Fus hoch sein mus: allein
hiebei mus man bemerken, dass wegen der Kapillarität des Sandes
anfangs zwar das süsse Wasser durchläuft, später aber kömt
auch das salzige. Die Alten wusten auch schon etwas davon.
Plutarch spricht davon, und Aristoteles hat eine Stelle in den
ihm zugeschriebenen Problemen, wo er sagt, dass man das Meerwasser
durch Wachskugeln reinigen könne. Auch machten die
Alten die Bemerkung, dass der Thau süs sei: daher verfielen sie
darauf, das Seewasser in grossen Schalen verdunsten zu lassen, und
Schwämme darüber zu halten; die sich dann mit süssem Wasser
fülten.
Man findet auch einen bittern Schleim im Meerwasser als organische

Materie vertheilt, und es ist sehr wahrscheinlich, dass
dies zum Theil eine Nahrung für die grossen Cetaceen abgebe: von
diesem bittern Körper rührt die Übelkeit her, die man beim Trinken
des Meereswassers empfindet, und wohl auch das Leuchten des
Meeres, wo es eine ganz flammende Oberfläche erhält. Eine herrliche
Erscheinung ist dies besonders unter den Tropen, wo die Delphine
lange Furchen ziehn, aus denen Flammen auffahren. Man giebt
für das Leuchten 2 Gründe an: 1, soll es von Thieren herrühren, die
darin schwimmen, und allerdings findet man solche a, unvolkomne
Thiere, wie Beroë und Medusa, b, volkomne wie Pyrosomen und
Monophera nuctiluca nach Bory de St Vincent: allein dies ist
wohl nur ein sehr kleiner Theil: der 2te Grund ist besser: 2, man
nimt an, dass eine leuchtende organische Masse darin herumschwimme
: ich habe selbst Untersuchungen darüber angestelt, und
ein viel besserer Beobachter als ich, der Dr Ehrenberg hat dies bestätigt
, indem er die organischen leuchtenden Theile im rothen Meere
untersuchte: er fand kein ganzes lebendes Thier. Oft, wenn ich mich
im Meere gebadet, fand ich an meinem Körper eine Menge leuchtender
Punkte: ich nahm von demselben Wasser, und seihte es vielfach durch
Tücher, fand aber immer nur Membranen, keine Thiere; leuchtende
Infusorien sind noch nicht nachgewiesen worden. Sicher ist es, dass
jede Erschütterung das Leuchten erregt: ich legte eine Medusa auf
einen zinnernen Teller, und sties ihn von der Seite an, sogleich fing
sie an zu leuchten; ja man kann Thiere, welche keine Spur von
Licht mehr geben, wieder zum Leuchten bringen, indem man sie galvanisirt
, also ihren Nervenreiz erhält. Das Phänomen des Leuchtens
scheint auch mit der Witterung zusammen hängend zu sein, wie von
vielen Seefahrern wahrgenommen wurde; besonders stimmen die Beobachter
darin überein, dass es sehr stark bei dem elektrischen Zustande
der Athmosphäre der Fall sei, und dies ist noch nicht hinlänglich
erklärt. Unrichtig ist aber gewis die Annahme von Robertson, dass
es eine meteorologische Erscheinung sei.

42. Vorlesung, 25. März 1828

Von den leuchtenden Insekten fand ich mehrere neue genera nicht
weit von den kanarischen Inseln. Es kommen darunter Medusen
von 1 Fus Länge vor, die man in 10–12 Fus Tiefe unter der Oberfläche
des Meeres leuchten sieht: es ist also deutlich, dass das Oxygen
der Atmosphäre nicht zu diesem Leuchten nothwendig ist; noch weniger rührt
es von gebundenem Schwefelwasserstofgas her, der im Kontakt mit der
Luft frei wird. Meine Beobachtungen stimmen darin völlig mit denen
des Dr Ehrenberg und Prof. Lichtenstein überein. Unter den Tropen
findet das Leuchten des Meeres nicht blos bei schnellsegelnden Schiffen
Statt, die mit dem Kiel völlig in Flammen zu stehn scheinen: sondern
auch bei der Brandung an einem entfernten Ufer.

Von der Farbe des Meeres.

Dies ist einer der schwierigsten Gegenstände für die Optik: denn man hat
noch keine genügende Erklärung, warum z. B. die Rhone eine so schöne
grüne Farbe habe pp. man kann nur sagen, dass für süsses und für
Meerwasser sich ein Unterschied in der Polarisazion des Lichtes zeigt.
Das Meer ist unter den Tropen tiefer indigoblau als bei uns: dies ist aber
kein Reflex der Luftbläue: denn auch bei bedektem Himmel findet dasselbe
statt. Scoresby, der Wallfischfänger fand das Meer am Nordpol
grasgrün, mitunter blau: er machte die Bemerkung, dass die Wallfische
sich immer im grünen, nie im blauen Wasser finden; und glaubte
den Grund darin zu finden, dass im grasgrünen sich eine grosse
Menge kleiner Mollusken, gleichsam schwimmende Bänke finden,
von denen die Wallfische leben.

Wie tief das Licht in das Meer eindringen könne, ist ebenfals
ungewis: die Versuche mit den Taucherglokken geben kein gutes Resultat
, weil man hier, wie ich mich selbst überzeugt habe, schon
in 40 Fus Tiefe nichts mehr sieht: es ist natürlich, dass wenn die
Wasser sich kräuseln: so kann das vielfach gebrochene Licht nicht
so tief eindringen. Schon die Alten wusten, dass wenn man Oel auf
die Oberfläche des Meeres giest, die Wellen momentan beruhigt
werden. Franklin und besonders neuerdings Weber haben die theoretischen
Gründe davon angegeben. Unter den Tropen, wo die Regentropfen
besonders gros sind, und weit von einander fallen, ist es
nicht selten, dass ein plözlicher Regenschauer die Wellen beruhigt,
daher haben sich die Taucher seit 1000 Jahren des Mittels bedient,
Oel auf das Wasser zu giessen, ehe sie untertauchen, weil sie wissens
dass man alsdann besser sieht: in Gibraltar bedienen sich die
Schiffer dieses Mittels noch immer.

Über das Sehn unter dem Wasser und in das Wasser hinein hat
man neuerlich Beobachtungen gemacht: es war schon früher bekant
, dass man den Grund des Meeres deutlicher sieht, wenn man
sich auf einem hohen Punkte über der Oberfläche befindet: daher
schikken die Schiffer, wenn sie fürchten, auf Untiefen zu kommen
, einen Matrosen auf den Mast, von wo aus er den Grund
des Meeres wie eine Landkarte übersehn kann. Als Arago wegen
der Gradmessung nach Minorka ging sah er von einer Höhe von
beinahe 500 Fus auf das Meer herab, und konte den Grund sehr
deutlich unterscheiden: er gab auch zugleich die Ursach davon an:
das vom Meere unmittelbar in das Auge reflektirte Licht trübt den
Blik: je grösser also der Unterschied oder der Abstand von der
Oberfläche des Meeres ist, desto ungehinderter kann das Licht, welches

von dem Boden des Meeres reflektirt wird, in’s Auge gelangen, und

deshalb sieht man ihn von grossen Höhen aus deutlicher.

Von der Temperatur des Meeres, auf der Oberfläche, in der
Tiefe und auf den Sandbänken.

Für diesen Zweig ist in neueren Zeiten sehr viel geschehn: früher
hatte man nur lauter isolirte Phänomene aufgestelt, ohne sie zu
einem Ganzen zu vereinigen, jezt ist man aber durch fortgesezte
Beobachtungen auf manches allgemeine Gesez gekommen, und daher
komt die grosse Einfachheit in den Resultaten, welche ich hier
vorlegen kann.

Dass die Temperatur der Meeres-oberfläche den grösten Einflus
auf die Klimatologie hat, braucht kaum bemerkt zu werden,
da wir oben gesehn haben, dass in jedem Lande das Klima von
dem gegenseitigen Verhältnis der festen und flüssigen
Theile gegeneinander abhängt.

Wir müssen die Oberfläche 1, in Ruhe und 2, in den Strömungen
betrachten:

1, die Oberfläche in Ruhe erleidet bedeutende Veränderung durch
den Unterschied in der Erwärmung und Erkältung der Luft: daher
ist es ganz gewis, dass die Begründung der Meteorologie als Wissenschaft
von den Tropen ausgehn solte, weil hier die wenigsten
Perturbazionen statt finden; man mithin leichter auf die Geseze
wird kommen können. So lange man versucht, aus dem nördlichen
Theile der gemässigten Zone die Geseze der Meteorologie zu finden:
so wird man schwerlich zu einem erwünschten Resultat kommen:
dabei mus man noch bedenken, dass unter den Tropen nur ein
ganz unbedeutender Wechsel der Jahreszeiten Statt findet.

Für die Tropen läst sich als Resultat aussprechen, dass zwischen
Tag und Nacht der Temperatur-Unterschied in der Luft 6–7 mal grösser
als im Meere, und dies ist selbst für das Palmenklima der Fall.
Früher glaubte man, dass die Temperatur des Meeres an der Oberfläche sich gar nicht
verändere, und ich selbst fiel mit vielen andern Reisenden in
diesen Irthum, obgleich ich Beobachtungen darüber anstelte. Neuerdings
hat aber John Davy von Ceylon zurükkommend, sich viel
damit beschäftigt: auch Duperrey und Freycinet bei der Erdumseglung
. Sie fanden, dass der Unterschied vom Tage zur Nacht
höchstens ½–¾° R. an der Oberfläche beträgt. Mein Freund,
der Capitän Wilson, welcher die erste Reise mit dem
Dampfboote von London nach Kalkutta machte, nahm Instrumente
mit, welche ich vorher sorgfältig verglichen hatte, und fand ebenfals
den Unterschied nicht über ¾° R.

Das Meer hat an sich eine Tendenz zur Erwärmung: denn da
das Wasser immer dichter wird, je mehr es erkaltet, so mus also
das kältere Wasser zu Boden sinken, und das wärmere obenauf
schwimmen. Ein Resultat ist: dass vom Aequator bis zu 48–50°

Nordbreite das Meer immer etwas wärmer ist, als die Luft. Man

sieht leicht ein, welchen mächtigen Einflus dies auf die Meerwinde
, und mithin auf die Temperatur aller der Länder haben
mus, welche von ihnen erreicht werden. Ich lege um desto mehr
Gewicht auf dieses völlig konstatirte factum, da Kirwan, ein
achtbarer Gelehrter, das Gegentheil behauptet hat.

Die monatlichen Veränderungen sind unter den Tropen 6 mal kleiner
im Meere als in der Luft, bei uns 7 mal kleiner. Erst vor ungefähr
einem Jahre habe ich Gelegenheit gehabt, die gröste Kälte
genau zu bestimmen, zu welcher der atlantische Ozean herabsinken
kann. Ich habe viele genau verglichene Instrumente
Reisenden mitgegeben, und erhielt noch handschriftliche Mittheilungen
von dem würdigen Rennell, dem 80-jährigen Geographen
von Indien, der seit einer Reihe von Jahren ein grosses Werk über
die Strömungen im atlantischen Ozean vorbereitet. Es ist fast
zu fürchten, dass dies vortrefliche Werk bei dem hohen Alter des
Verfassers nicht mehr heraus kommen wird, obgleich die englische
Regierung sich jezt lebhafter dafür zu interessiren scheint. Als
Resultat läst sich geben, dass im atlantischen Ozean zwischen
50 und 52° Nordbreite die Oberfläche nie weniger als +6–7° R. hat,
während bei uns −8–10° sein können; +6–7° sind die mittlere
Temperatur von Berlin im Anfang Mai; es müssen uns also
Westwinde im Winter ein viel milderes Klima bringen, zwar
kein Mai-klima, da die Luftschichten sich schon mit anderen
kälteren gemischt haben. Unter 65–70° Nordbreite ist die mittlere
Temperatur nach Rennell und Sabine (der sich, um Pendelversuche
anzustellen, lange auf Spizbergen aufhielt) +4½° R. während
die mittlere Temperatur jener Kontinente −2° R. ist.

Unter den Tropen hat das Meer eine mittlere Temperatur von
+21–22° R. (Leider ist dies auch die Temperatur des Wassers
im Orinoco und Amazonenstrom, daher bekömt man hier nichts
als lauwarmes Wasser zu trinken.)

So oft Seefahrer den Aequator durchschneiden, so bemerken sie,
dass gegen den Aequator hin die Temperatur zunimt: das maximum
aber ist nicht immer unter dem Aequator, sondern oft
höher oder tiefer; eine Kurve, welche man durch alle diese maxima
der Wärme legt, heist die Kurve der grösten Wärmen: die
maxima entfernen sich vom Aequator nicht eigentlich nach den
Jahreszeiten, sondern nach dem Stande der Sonne. Alle Schiffer
, welche seit 20–30 Jahren sich mit diesem Gegenstande
abgaben, fanden dieselbe mittlere Temperatur: für das maximum der
Wärme 24–24½ Grad R. und dies ist so beständig und gleichmässig
, dass man die Thermometer danach berichtigen könte:
wenn man nämlich bei einer Reise die den Aequator durchschneidet
, das Thermometer regelmässig beobachtet, so wird
man ein Zunehmen und Abnehmen bemerken: das maximum
mus immer 24–24½ Grad sein, die Skala mag nun zeigen,
was sie will. Der dänische Offizier, Herr Dirking, ein treflicher
Beobachter, der sich 3 Jahr in der Südsee aufgehalten
hat, entdekte das Maximum der Wärme beim Cap Boissacamo
bei Panama mit 24¾° R.; es versteht sich, dass die Beobachtungen
nicht bei Windstelle angestelt werden dürfen, sondern
wenn das Meer durch einen leichten Wind gekräuselt
wird. Auch die Nähe von Untiefen mus in Betracht gezogen
werden: denn sie haben auf die Temperatur grossen
Einflus.

2, die Oberfläche in Bewegung. Wir können die Strömungen
wie pelagische Flüsse betrachten, nicht anders, wie in den
Ländern sich Ströme süssen Wassers bilden. Sie sind in der
Breite verschieden, je nachdem sie im ofnen Meer sich bilden,
oder aus einer Meerenge kommen; zu den lezten gehört der
Gulphstream zwischen Kuba und Florida, der anfangs nur die
Breite der Meerenge hat, dann aber sich ausdehnt, wobei
gleichsam die Ufer zurüktreten, und seine Richtung nach

Nordwest nimt. Wir müssen die Strömungen besonders nach ihrer

Richtung unterscheiden, ob sie nämlich vom Aequator ab
oder nach dem Aequator zu fliessen, d. h. ob sie kaltes Wasser
nach warmen Gegenden oder umgekehrt führen. Der
Gulphstream ist nicht ohne Einflus auf das Klima von
Europa, insofern er die warmen Wasser des Aequators
an unsre Küsten führt. Unmittelbar ist er als eine Folge
zu betrachten von der grossen Rotazion des Meeres von
Ost nach West. Er würde nicht existiren, wenn der Isthmus von Panama
geöfnet würde, der sich ihm entgegenwirft. Aber diese
Öfnung, von der kürzlich bei dem projektirten Kanal von
Nicaragua die Rede gewesen, würde nicht allein auf den Gulphstream
Einflus haben, sondern auch den Handelsweg nach
Asien sehr abkürzen, ja selbst die Angriffe von Europa auf
China und Japan, wenn solche Statt finden sollten, erleichtern.
Dieser Gulphstream wendet sich, durch den Isthmus von seiner
Richtung abgelenkt, von dem Cap S. Antonio und der südlichen
Spize von Yucatan in den Golf von Mexiko, wo er bei Vera-Cruz
vorbeifliessend, einen grossen Wirbel beschreibt, die Mündung
des Mississippi berührt, und durch die Meerenge zwischen Havannah
und Florida durchgeht; dann wendet er sich als ein
Strom warmen Wassers, das die Tropen-temperatur mitbringt,
auf die Bank von Terre-neuve gegen Europa, und theilt
sich in 2 Arme, wovon der eine gegen die Azoren und vielleicht
Gibraltar sich wendet, der andere stärkere gegen Irland,
Schottland und das nördliche Skandinavien. So ist es möglich
geworden, dass als ein Schiff an dem Capo Lopez an der
Küste von Guinea in Afrika scheiterte, die Fässer mit Palmenöl
(auf denen man noch ganz deutlich die Signatur des Kaufmans
aus Hull erkante) nach Jahren unversehrt in Schottland
ankommen konten; nachdem sie jenen langen Weg nach Amerika
hinüber und herüber zurükgelegt. So geschieht es, dass die
Samen verschiedener Pflanzen, wie von Mimosa scandens, Dolichos
urens pp. alle Jahre an die hebridischen Inseln geworfen werden.
So wird ein Factum glaublich welches in Nekkers Reisen erzält
ist, dass ein Eigenthümer in einer der Hebriden 2 Jahre
hintereinander Fässer mit gutem französischen Wein an
seinem Gartenhause schwimmend ankommen sah; ohne
Zweifel von gescheiterten französischen Schiffen, die den Wein
nach Amerika bringen solten. So erklärt es sich endlich,
dass lebendige Eskimaux mit ihren Kähnen aus Fellen, in
welchen sie wie eingenäht sizen 2 mal: 1682 und 1684 nach
den beiden Hebriden Edda und Westra kommen konten, wie
dies auch schon einmal ein Alterthum der Fall war, nach
dem Zeugnis des Pomp. Mela und Corn. Nepos: (denn Inder
hiessen bei den Alten alle Menschen von bräunlicher Hautfarbe.)
Einen andern grossen Strom fand ich an den Küsten von

Peru. Man leitete lange Zeit das sonderbare Klima von Lima aus der
Nähe der Schneeberge her: die Luft ist nämlich Monatelang mit
Dünsten überfült, die man garūa nent, und als sich senkende
Wolkenschichten ansah. Allein der Grund liegt wo anders. Bei
meiner Reise vom obern Amazonenstrom nach Peru, wo ich die
Südsee zum erstenmale sah, war ich sehr begierig, die Temperatur
der Meeresoberfläche zu prüfen, und glaubte sie nicht
unter +22–23° R. zu finden: ich war daher sehr überrascht, als
ich bei Truxillo mit dem Thermometer in’s Meer ging, nur
12½° zu finden: eine sehr auffallende Erscheinung. Es findet hier,
wie sich bald ergab, eine Strömung kalten Wassers nach dem
Aequator statt, welche von Chili und aus der magellanischen
Meerenge heraufkömt. Auf meiner Reise von Lima nach Guagaquil
und weiter hinauf nahm die Temperatur wieder zu, und an den
Küsten von Mexiko war sie wieder 22° R. Offenbar hängt das sonderbare
Klima von Peru mit der Temperatur des Meeres an
diesen Stellen zusammen: die Westwinde gehn über eine Wasserschicht
von 12½ Grad, müssen sich also bedeutend erkälten. Herr Dirking
hat über dasselbe Phänomen viele Beobachtungen angestelt,
und fand ebenfals die Temperatur der Oberfläche an den Küsten von
Peru nur 12½ R.

Dass die Strömungen sehr tief gehn müssen, sahen wir schon
oben bei der Bank de Agulias an der Westküste von Afrika, welche
die Richtung der Strömung von Amerika verändert. Diese
Bank ist deshalb merkwürdig, weil man auf ihr die Inklinazion
der Magnetnadel = 0 fand. Sie hat 500 Fus Tiefes und doch werden
die hohen Wellen auf derselben gemindert. Bemerkenswerth ist
es, dass in den atlantischen Ozean von beiden Seiten Strömungen
einfliessen, die eine um Amerika herum, nach den Antillen herauf,
die andre um die Spize von Afrika her.

Eine Abnahme der Temperatur findet nach oben und unten; von
der Oberfläche des Meeres an gerechnet, statt. In einer Höhe
von 6–8000 Fus über dem Meere ist sie beinahe = 0 eben so nach
der Tiefe des Meeres zu: nur dass hier die Abnahme 7 mal schneller
erfolgt, als in der Luft: daher ist es nicht zu wundern, dass man
in demselben Meere die verschiedenartigsten Fische findet: diese
Thiere können nämlich sehr schnell das Klima wechseln durch
Auf- und Absteigen, und so wie unter den Tropen an den Gebirgen
aufwärts alle Klimate übereinandergelagert sind, so dass man
unter denselben Breitengraden die abweichendsten Erzeugnisse
der Thier- und Pflanzenwelt finden kann, so sind im Meere
alle Klimate für die Fische abwärts untereinander gelagert.

Die besten Beobachtungen über die Temperatur in der Tiefe
hat Captain Sabine gemacht. In den antillischen Meeren fand
er an der Oberfläche +22½ R. in einer Tiefe von 7000 Fus 4,4° R.
wobei er sehr genau das Schwimmen des Seiles pp. in Anschlag
gebracht hatte. (Er machte seine Beobachtungen meist beim Cap
S. Antonio.) Hieraus ergiebt sich also 70 Fus für 1° R. In der
Luft mus man 600 Fus aufsteigen, ehe das Thermometer um
sinkt. Aus dem Abnehmen der Temperatur im Meere wolte Perron
schliessen, dass im Grunde des Meeres sich Eis befinden müsse: allein
dagegen spricht die höchst merkwürdige Eigenschaft des
Wassers, dass es bei +4½° seine gröste Dichtigkeit erlangt:
also ist klar, dass kein Eis, sondern Wasser von ° R. Dichtigkeit
die unterste Stelle im Meere einnehmen mus. Ich weis
sehr wohl, dass Graf Rumford gegen diese Meinung Versuche mit
einer gesättigten Salzauflösung angeführt hat: allein ohne damit
etwas zu beweisen: denn noch neuerlich ist die Sache durch die
Versuche von Scoresby und Sabine Parry in das helste Licht gesezt worden
, welche in sehr hohen nördlichen Breiten die Temperatur
des Meeres prüften. Sie fanden, nicht weit von Spizbergen die
Temperatur der Oberfläche −1½° R. dagegen in 1200–2000 Fus Tiefe +2° R., zum
deutlichsten Beweise, dass das wärmere Wasser hier das spezifisch-schwerere
sei. Die Strömung von Nova Semlia her, die
man auch erst in neuern Zeiten entdekt hat, giebt den Gewässern
um Spizbergen eine eigene Diagonal-richtung. Schon
Saussure fand vor langer Zeit in allen Alpenseeen, die er untersuchte
, das Wasser in der Tiefe von +4½° R. aber es ist wahrscheinlich,
dass unter den Tropen die Temperatur nicht einmal so tief herabsinkt
: denn die Gewässer haben selbst im Winter immer mehr
als ° R. Wir müssen eine submarine Strömung vom Pol
gegen den Aequator annehmen, da wir sehn, dass an der
Oberfläche eine in umgekehrter Richtung statt findet: denn
eine Strömung sezt die andere voraus. Unter den Tropen
erkältet sich das Wasser bei Nacht nie mehr, als bis
auf +15 oder 16° R.

43. Vorlesung, 26. März 1828

Alström in Åbo hat die genausten Messungen über die Dichtigkeit
des Wassers angestelt, und sie bei 3,3° R. gefunden (oben hies es 4,4°)
Der grosse Physiker und Chemiker Berzelius theilt die Meinung des Grafen
Rumford, dass in der Tiefe sich Eis finde: es scheint aber nicht, als ob
er eigne Versuche darüber angestelt habe. Dieser Gegenstand verdiente
wohl, von neuem wieder vorgenommen zu werden.

Von den Sandbänken.

Als Benjamin Franklin die Bank von New Foundland befuhr, sah
er, dass die Matrosen öfter die Hand in das Wasser stekten, um an
der Temperatur-abnahme zu bemerken, ob man sich der Bank nähere
. Diese Wahrnehmung machte ihn zuerst darauf aufmerksam,
wie es möglich sei, durch das Thermometer die Nähe von Untiefen
zu bestimmen. Bänke indessen, auf denen eine schnelle Strömung
Statt findet, erkälten sich sehr wenig, weil hier das Wasser nicht
Zeit hat, sich mit den unteren kälteren Schichten zu mischen.
Gewöhnlich liegt über den Bänken eine Nebelschicht: da nämlich
die Wasserdünste, sobald sie mit der kälteren Luft der Bank
in Berührung kommen, sich niederschlagen: so entstehn Wolken;
und dies ist sehr wichtig für die Schiffahrt: denn an ihnen sehn die
Schiffer schon von fern die Gefahr. Daher ist man auch bei den
lezten wissenschaftlichen Reisen mehr darauf bedacht gewesen, die Temperatur
der Oberfläche zu erforschen. Freycinet und Duperrey haben
eine besondere Aufmerksamkeit auf diese Untersuchungen gewendet
, und von 2 zu 2 Stunden die Temperatur durch das Thermometer
geprüft. Wenn sich dann Kälte zeigte, so konte sie nur aus 2 Ursachen
entstehn: entweder war man in eine Strömung kalten Wassers
geraten, und dies mus auch beachtet werden: oder es war eine Sandbank
in der Nähe. Für die Ursach der Wärmeabnahme gegen
die Sandbänke hin, giebt man 2 Ursachen an: 1, Herr Davy nimt
an: da das wärmere Wasser bis +4° R. dichter ist, als das kältere,
so sinkt es überall im Meere bis auf den Grund: die kälteren
Partikeln aber bleiben auf den Bänken, gleichsam auf einem
submarinen Plateau liegen, und kommen nicht in die Tiefe. Dies
kann allerdings dazu beitragen: ich glaube aber, der Hauptgrund
liegt darin: dass die untern kälteren Wasserschichten an den
Rand (the edge) der Bank anschlagen, und sich mit den
oberen wärmeren mischen: daher komt es auch, dass der Rand
der Bank kälter ist, als die Mitte. Der Unterschied beträgt
4–5° R. Ich besuchte die Bank von Newfoundland und den
Gulphstream daneben, und fand im Monate August die Temperatur
des Gulphstream, wenn ich mich recht erinnere, +17° R.,
den unbewegten Theil des Wassers oder das Ufer der Bank 15–16°
und die Bank selbst 12°. Auch auf der Bank südlich von Jamaika
(von den Spaniern Banco della Bivora genant) beträgt der
Unterschied gegen das Ufer 4° R. Damit hängt es zusammen, dass bei
dem Nahen eines grossen Sturmes, man vorher eine Erkältung des
Wassers bemerkt, die freilich nur gering ist. Die Alten hatten die
verkehrte Meinung, dass durch den Wellenschlag das Wasser sich erwärmen
müsse, weil eine Reibung statt finde. Perron, der den Capitän
Baudin auf seiner Reise begleitete, hat darüber viele Beobachtungen
angestelt.

Von der Meeresmasse als einem Starren, als Eis.

Diese Masse ist von dem grösten Einflusse auf die Klimatologie:
denn sie macht fast einen Theil des festen Erdkörpers, gleichsam
eine Gebirgsart aus: wenigstens können wir uns die an den Polen
als eine solche denken: in den Polarmeeren aber, so hoch man
auch hinauf gekommen, geht sie nie bis auf den Grund des Meeres
, sondern die gröste Dikke ist nur 6–7 Fus. Diese Masse erscheint
entweder als Eisberge oder als Eisfelder.

1, die Eisberge bilden sich ohne Zweifel am Lande im Innern
der Gebirge, und haben grosse Ähnlichkeit mit dem
Gletschereise. Sie sind häufiger am Nordpol als am Südpol,
und oft von ungeheurer Grösse: man trift sie bis zur Dikke von
1800 Fus an, nicht selten 300 Fus über die Oberfläche des Meeres
hervorsehend. Robin sah auf seiner Reise an 700 solcher Eisberge
um sich her, die sich in der Ferne wie Kreidefelsen ausnehmen. Man
kann sich denken, dass Massen von Schnee vom Lande auf Eisfelder
stürzen, die sich ablösen und fortschwimmen. Man findet auf
den Eisbergen öfter Granitstükke (die doch nur von einem Gebirge
kommen können) als auf den Eisfeldern. Eschholz, der
den Kapitain Kotzebue auf der Weltumseglung begleitete,
machte eine Entdekkung, die damals grosses Aufsehn erregte:
er fand eine beträchtliche Vegetazion auf dem Eise. Grösse
Stükke Rasen sind auf das Eis gestürzt, und haben fortvegetirt.
Neuere Schiffer haben diese Erscheinung öfter gefunden, seitdem
man darauf aufmerksam geworden ist. Aber Kotzebue’s Entdekkung
wurde dadurch besonders merkwürdig, dass der untere
Theil eine grosse Menge von Knochen und Zähnen von Elephanten
und andern antediluvianischen Thieren enthielt.

2, Die Eisfelder findet man von 4–5 Fus über, und 20–25
Fus unter dem Wasser anstehend; theils werden sie nicht alle
gleichmässig gehoben, theils schieben sich auch die Schollen
übereinander. Ihre Ausdehnung ist sehr bedeutend: man findet
sie bis zu 20–22 geographische Quadratmeilen an Flächeninhalt,
häufig von 20 Meilen lang und 12 breit. Das Krachen, welches
die Schiffer oft in der Ferne hören, kömt daher, dass diese Massen
oft eine rotirende Bewegung in entgegengesezter Richtung
haben, und sich zerschlagen. Wenn 2 Massen an Flächenraum
wie die Altmark und Neumark sich drehen, so kann man sich
vorstellen, welche ungeheure Geschwindigkeit die Ränder haben
müssen, und welche furchtbare Zertrümmerung und Krachen entstehn mus,
wenn sie aneinanderstossen.

Nach den Wallfischfängern theilt sich das Eis in Süswassereis
und Salzwassereis. Dies ist aber nicht ganz genau: denn
gewöhnlich ist es immer etwas salzig, weil das Meerwasser
in die Poren eindringt. Die Eisberge geben aber auch dadurch
ihren terrestrischen Ursprung zu erkennen, dass sie mehr
süsses Wasser enthalten, als die Eisfelder. Durch die ungeheure
Grösse der Eisberge wird es erklärlich, wie sie bis zu
sehr grossen südlichen Breiten fortgetrieben werden können,
ohne zu schmelzen. Vor einigen Jahren fand man sehr
grosse in der Breite der Azoren und des südlichen Portugal
, also unter 40°, im atlantischen Ozean herumschwimmend.
Auffallend ist es, dass sie nie nach den Hebriden oder nach
Schottland hingetrieben werden. Scoresby meint, weil vielleicht
hier sie auf eine submarine Strömung stossen, welche
man nach der an der Oberfläche in entgegengesezter
Richtung voraussezen mus.

Der Theorie nach, d. h. durch Berechnung des spezifischen
Gewichtes müsten 8/9 des Eises unter dem Wasser bleiben,
darüber hervorsehn, dies wird aber überall durch die Umstände
modifizirt.

Durch die Reflexion des Lichtes, welches vom Eise gegen den
Himmel geworfen wird, und der Eisblink heist, erkent man das
Dasein von Eisfeldern, ehe sie noch über dem Horizonte sichtbar
werden, und wenn sich zwischen diesen ein Wasserbekken
befindet, so reflektirt sich dies als dunkler Flek gegen den
Himmel: d. h. der dunkle Flek wird sichtbar durch die Abwesenheit
des Lichtes, welches rings umher von dem Eise
reflektirt wird. Daher können bei heiterm Himmel die
Schiffer es leicht bemerken, ob Eismassen im Anzuge
sind, und aus welcher Gegend sie kommen.

Wenngleich in jenen hohen Breitengraden, wo das Eis
eigentlich seinen Siz hat, die Luft meist mit Nebeln und

Wasserdünsten erfült ist: so zeigt es sich doch oft, dass Eisberge
die Luft reinigen, indem sich alle Wasserdämpfe
auf ihnen niederschlagen. Auch ist es eine bekante Erfahrung
der Schiffer, dass die Eisberge den Wind nehmen, welches den
Seefahrern oft nüzlich, aber auch verderblich werden kann.
Dies Phänomen ist noch nicht hinlänglich erklärt. Auf der
Höhe der Kordilleren und Anden habe ich oft bemerkt, dass
grosse Eismassen Wind erregen: dies ist aber sehr erklärlich, da
ihre Temperatur von der der umgebenden Luft so verschieden
ist: aber die Eisberge am Pol haben eine nur wenig tiefere Temperatur
als die Luft, und zeigen doch Einflus auf die Witterung
.

Über die Dikke des Eises hat Parry auf seiner Winterstazion
im Port-Bowen unter 73° Nordbreite viele Messungen angestelt:
er fand die Dikke im Januar 38½ Zoll. Februar 55 und im Mai,
wo es die gröste Dikke erreicht 86½ engl. Zoll, also ungefähr
6 franz. Fus.
Von der Gränze des Eises.

Das Ufer des ewigen Schneees, wo er nicht mehr schmilzt, ist

je nach den Jahreszeiten verschieden, und rükt im Winter mehr

nach Süden als im Sommer. Sie gestaltet sich für Europa
sehr glüklich, durch das Vorhandensein des atlantischen
Ozeans, der viel zu dem milden Klima unseres Erdtheiles beiträgt
. Die Wintergränze des Eises geht vom Cap Farewell durch
die Mitte von Island gegen Spizbergen. Sie berührt also nicht
das Nordkap, welches sehr wichtig ist. Sabine fand, dass noch
im Januar die Schiffahrt offen ist von Warmuz nach Spizbergen,
dass aber die Sherry-islands davon eingeschlossen sind. Die
Sommergränze läst ganz Island frei, gegen Osten aber bleibt
sie mit Nowaja Semlia in Verbindung, wohin man selbst im
Sommer selten zu Schiffe gelangen kann: noch weiter gegen
Osten nördlich von Sibirien ist alles mit Eis bedekt.

Wir haben also ein eisfreies Meer nördlich von Europa,
wodurch die Wintertemperatur sehr gemildert wird: auch mus
bemerkt werden, dass der atlantische Ozean die einzige Wasserverbindung
von grösserer Ausdehnung ist, durch die der Nordpol
mit dem Aequator kommunizirt, daher hat hier allein das
Eis Gelegenheit, nach Süden abzulaufen, und zu schmelzen.
Ganz anders würden die klimatischen Verhältnisse sich gestalten,
wenn auf der andern Seite die Behringstrasse etwas weiter
wäre: die Eismassen würden dann auch dort nach Süden ablaufen
können, während sie sich jezt im Norden derselben in grosser
Menge ansammeln und das Klima jener Gegenden erkälten.
Zum Schmelzen des Eises im atlantischen Ozean trägt gewis auch
der von Amerika heraufkommende Gulphstream bei, der ein relativ-wärmeres
Wasser in jene hohen Breiten hinaufführt: auch
noch ein anderer Strom, der an Skandinavien in die Höhe
steigt, und ebenfals wärmeres Wasser nach Norden führt; er verhindert
, dass das Meer bei Maderoe nicht friert. Nowaja Semlia dagegen
kann nie ganz umschift werden, und noch weiter gegen Neu Sibirien
hin (man könte diese kleine Insel: das Knocheneiland nennen, weil
sie voll von Elephantenknochen und andern fossilen Überbleibseln
der organischen Natur ist) wird das Eis immer häufiger, und
hindert alles weitere Vordringen. Der Pol der Kälte, wenn man
es so nennen darf, fält daher weder mit dem Erdpol zusammen,
noch auch, wie man häufig angenommen, mit dem magnetischen
Pol: denn dieser liegt westlich von der Barrowstrasse im nördlichen
Kanada. Der Kältepol liegt zwischen Novaja Semlia, Neu-
Sibirien und der Behringstrasse: wenn daher eine Expedizion von
Spizbergen grade in nördlicher Richtung fortginge: so würde
sie das Maximum der Kälte erst jenseit des Erdpols antreffen.

Von dem Luftmeere.

Der grosse Luftozean, in dem wir leben, hat als seines Bodens
den flüssigen Wasserozean, und als die starre Masse des
Landes: es ist begreiflich, wie verschieden nach diesen Unterlagen
die Temperatur der Luft sein mus: die Berge mit ihrer Vegetazion
erheben sich als eben so viele Untiefen auf dem Boden
des Luftmeeres. Die Höhe des Luftmeeres nach oben hat noch
nicht genau bestimt werden können, indessen kann man annehmen
, dass noch in 30–32 geographischen Meilen Höhe sich Luft befinde,
denn in dieser Höhe leuchten die Sternschnuppen, und es scheint
dass auch die so häufig niederfallenden Aerolithen sich erst
in dieser Höhe entzünden, wenn sie mit dem Sauerstof der Luft
in Berührung kommen. Sie mus aber in jenen Regionen so dünn
sein, wie der luftleere Raum, den wir unter unsern Luftpumpen hervorbringen
können. Das Queksilber im Barometer, welches am Ufer des
Meeres ungefähr auf 28 Zoll steht, würde sich dort oben kaum auf
½ Linie Höhe erhalten.

Die lichtschwächende Kraft der Luft ist sehr verschieden nach den
Breitengraden. Wo die Wasserdünste volkomner aufgelöst sind, da
ist der Himmel schwärzer: d. h. es wird weniger weisses milchiges
Licht zurükgestralt, welches eigentlich die blaue Farbe des Himmels
ausmacht. Wenn das Erdsphäroïd aus blossen Luftschichten bestände
, die also auch nicht so stark auf einander drükken könten,
dass z. B. in 30 Meilen Tiefe unter dem Meere eine Platinakugel in der Luft
nicht weiter untersinken würde: so könte die Temperatur dieses
Körpers nur sehr gering sein. Die Lichtstralen würden ihn, wie
einen Kometen, von einem Ende zum andern durchstreifen, und
keine Wärme erregen. Daher ist es von der grösten Wichtigkeit,
den Einflus zu bestimmen, den die beiden Grundlagen des Luftmeeres
, das Wasser und das Land auf seine Temperatur ausüben.
Man hat mehrere Temperaturbeobachtungen auf dem Meere, und
ich habe mit Herrn Arago eine grosse Reihe von Untersuchungen
in den Stunden von 12–3 angestelt: aus denen sich das Resultat
ziehn läst: dass die Luft sich am Mittage erwärmt, wo das Meer
kälter ist. Der Unterschied ist freilich nicht gros: er beträgt nur
1° R. aber er ist von Wichtigkeit, da es hier überhaupt nur auf
Unterschiede ankomt.

Man hat bis jezt nur ein sehr unbequemes Mittel gehabt, um
die Bläue des Himmels zu messen, welches von Bouguer zuerst
angegeben und von Saussure ausgeführt wurde, und das man
gewöhnlich Kyanometer nent. Er werden nämlich auf einen

Scheibe, deren Peripherie in mehrere Theile getheilt ist, alle Schattirungen

des blauen vom Schwarzen bis zum weissen aufgetragen
. Indem man nun diese Scheibe gegen den Himmel hält,
vergleicht man die Farbe desselben mit den aufgetragenen Pigmenten
, und bestimt sie nach Graden. Ich habe auf meinen
Reisen dasselbe Instrument gebraucht, welches Saussure auf
den Montblanc begleitet hatte, und danach die Bläue des
Himmels in verschiedenen Höhen bestimt. Es läst sich auch
noch eine Verbesserung daran mit dem Spiegelsextanten anbringen
. Die Unterschiede der Himmelsbläue in den verschiedenen
Klimaten sind beträchtlich. Bei uns beträgt sie im Mittel
14° Saussure, unter den Tropen 22°. Ich habe mehrere Tabellen
zusammengestelt: wo auf der einen Seite die Quantität des Wassergases
in der Luft angegeben ist, nach den Graden des Hygrometers,
auf der andern die Himmelsbläue nach dem Kyanometer. Es ist zu
hoffen, dass wir bei den grossen Fortschritten in allen Wissenschaften
auch bald einen verbesserten Kyanometer erhalten werden.

Die Luftperspektive wird modifizirt durch die relative Durchsichtigkeit
und Helligkeit der Luft. Es ist ein ganz besonderer
Vorzug südlicher Gegenden, dass alle Fernen, die Umrisse der
Berge pp. wie in einen milden Duft gehült sind. Dies bemerkt
man sehr deutlich, wenn man von hier nach Italien und Sizilien
geht: noch mehr aber nimt es zu, wenn man sich noch
weiter südlich den Tropen nähert.

Die chemischen Bestandtheile der Luft sind ein Gegenstand
mannigfacher Untersuchung gewesen. Bis 1804 herschte in der
Menge des Sauerstofs ein bedeutender Irthum, den noch der grosse
Lavoisier theilte, und der auf manche Zweige der Industrie, namentlich
auf die Zersezung des Zukkers Einflus gehabt hat. Man
nahm den Sauerstofgehalt viel zu gros zu: 0,27 an. Im Jahre 1804
machte der spanische Chemiker De Martin die Entdekkung, dass
er nur: 0,21 sei, und diese wurde volkommen bestätigt. Ich habe
mit Herrn Gay Lussac eine Reihe von Versuchen angestelt, wobei wir
Messungen bis auf 1/3000 genau anstelten, aber wir fanden ihn überall
gleich. Die Höhen, Jahreszeiten oder Winde haben gar keinen
Einflus darauf. Die Insalubrität der Luft ist daher nicht
nach der Menge des Sauerstoffes zu bestimmen, die sich überall
gleich bleibt, sondern mus in etwas anderm ihren Grund haben.
Man hat sie in den Hospitälern von dem grösseren Vorhandensein
der Kohlensäure herleiten wollen, ohne hinreichenden Beweis. In
Paris hat man viele Versuche darüber angestelt. Mein Freund, Herr
Thénard, hat in dem Hôtel-Dieu, als dort eine anstekkende Krankheit
, eine Art Typhus herschte, Schwämme mit destillirtem
Wasser aufgehängt, und nach einiger Zeit untersucht. Er fand das
Wasser in Fäulnis übergegangen, und es hatte sich auf der Oberfläche
eine feine organische Haut gebildet, die ohne Zweifel
von feinen in der Luft schwebenden miasmatischen Bestandtheilen
herrührte. Die Behauptung, dass viele Pflanzen durch
Erzeugung von Sauerstof die Luft reinigen, ist nicht gegründet
. Die Luft aus den pflanzenreichen Gegenden und aus dürren
Steppen ist ganz dieselbe. Prévost hat berechnet, dass
durch das Athmen aller Menschen und Thiere in 7000 Jahren
der Sauerstofgehalt der ganzen Athmosphäre noch nicht um 1/200
verringert werden wird. Nach den lezten Untersuchungen besteht
die Luft aus:

0,21 Sauerstof.

0,79 Stikstof

0,001 Kohlensäure.

–––––

1,001

Es ist eine schöne Entdekkung des jungen Saussure, dass der Gehalt
an Kohlensäure im Winter geringer ist als im Sommer.
Wasserstof hat man in der Athmosphäre durch aus nicht entdekken
können: es sind theoretische Träume, wenn man die Bildung
des Regens dadurch erklären will, dass Wasserstof in
grosser Menge durch elektrische Wirkungen niedergeschlagen
wäre, (auch für die Bildung der Aërolithen hat man diese Hypothese
benuzen wollen.) Richtig ist es, dass in jedem Augenblik
sich Wassergas in der Athmosphäre befindet, aber nur gemengt,
nicht gemischt als Bestandtheil. In den Versuchen, welche ich
mit Gay Lussac gemacht, war 1/300 Wasserstof nicht zu entdekken
, und eine geringere Quantität kann sich, der athmosphärischen
Luft beigemengt, nicht mehr entzünden, weil sie dann
zu sehr mit den übrigen nicht-entzündlichen Bestandtheilen
versezt ist. Eben so unhaltbar ist die Annahme, dass eine grosse
Schicht von Wasserstof an der Gränze unserer Athmosphäre
gelagert sei, wohin sie vermöge ihrer Leichtigkeit habe steigen
müssen. In den grösten Höhen zu denen man sich erhoben,
würde man alsdann ein wenig Wasserstof antreffen, der sich
mit den untern Schichten gemengt: allein Gay Lussac, der sich
bis zu 17000 Fus erhob fand nicht das mindeste davon. Aber
schon durch die auf- und absteigenden Luftströme würde
uns etwas davon zugekommen sein.

Es ist merkwürdig, an wie grosse Verschiedenheiten im
Luftdrukke die menschliche Natur sich gewöhnen kann. Wenn
der gewöhnliche Druk 28 Zoll im Barometer beträgt: so ist es
vorgekommen, dass er auf grossen Höhen bis 13½ Zoll verringert
worden ist, unter der Taucherglokke dagegen bis 60 und 64
Zoll verstärkt. Von beiden Extremen habe ich die Erfahrung
gemacht. Wenn die Menschen vom Meere nach den Hochebnen
von Quito hinaufsteigen, wo der Barometerdruk von 28 auf
20 Zoll vermindert wird: so bemerkt man, dass sie nach anhaltendem
Sprechen eine Beklemmung auf der Brust empfinden;
dies verliert sich aber nach einigen Tagen. Eine andre Erscheinung
ist das Bluten auf hohen Bergen, welches ich an mir selbst erfuhr,
als ich mich zu einer Höhe von 18000 Fus erhoben hatte. Das Blut
drang aus den Lippen, Fingerspizen und Ohren, nicht etwa in Folge
einer verstärkten Thätigkeit der Gefässe, sondern durch die Hinwegnahme
des äusseren Drukkes.

44. Vorlesung, 28. März 1828

Der Effekt der verdünten Luft auf das Abdominalsystem ist noch
viel bedeutender als der auf die Respirazion. Das Bluten bemerkt
man besonders bei jungen Personen, die eine feine Haut haben. Auf
der Hochebne von Antisana, welche 1200 Fus höher liegt als der Pic
von Teneriffa steht ein vereinzelter Meierhof: die: Ferma de Antisana
, wo sich eine Menge verwilderter Stiere befinden: wenn diese
von Reitern gehezt werden: so ist es nicht selten, dass sie Blut
speien und stürzen, weil durch die Muskelbewegung das Blut sehr
stark in Wallung kömt.

Ein Hauptübel auf jenen Höhen ist die Lust zum speien, die
man grade so findet wie auf dem Meere: daher nennen die
Spanier es auch: mal de montañas: es äussert sich grade so wie
die Seekrankheit, und besonders bei Frauen und schwächeren Personen.
Wenn diese aus den Hochebnen von Bogotà ihre Verwandte in
Guamanga an der Seeküste besuchen, so müssen sie über einen
Pas, der höher ist als der Montblanc, und hier stelt sich die
Übelkeit gewöhnlich ein, die meist von grosser Mattigkeit begleitet
ist. Dies rührt von der geringeren Quantität Sauerstof
her, welche bei jeder Inspirazion an das Blut tritt, denn die
Luft wird durch den verringerten Barometerdruk dünner: nicht
aber nimt ihr Sauerstofgehalt ab. Ich habe zuerst wieder auf
dieses Phänomen aufmerksam gemacht, nachdem es lange vergessen
war. Acosta sagt in seinem Werke, welches als die erste
physikalische Geographie zu betrachten ist, ganz deutlich, dass
man auf hohen Bergen das Bluten und die Übelkeit wahrnehme
. Zumstein wolte eine Messung des Mont Rosa machen,
wurde aber durch Übelkeit davon abgehalten, und gab daher
die Höhe des Berges viel grösser an, als sie nachher von dem
Baron Wrangel bestimt wurde. Durch die lezten Berichte
haben wir erfahren, dass auch auf dem Himalaya die Luft
von den Einwohnern für giftig gehalten wird, wofür es im Sanskrit
ein eignes Wort giebt; die englischen Reisenden spürten
den Einflus dieser giftigen Luft schon auf 15000 Fus Höhe.
Das Feuer-anmachen und Kochen hat auf den hohen Bergen eine

eigne Schwierigkeit. Ich habe mich viel damit beschäftigt, aber nur
eine unvolkomne Methode anwenden können. Wasser, welches am
Meere, also unter 28 Barometerhöhe bei 80° R. siedet,

braucht dazu auf hohen Bergen nur 62° R. In den Fällen, wo ich

über der Schneegränze in grossen Höhlen Feuer anzünden lies,

war dies immer mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Die Flam̃e
hält nicht zusammen, sondern läuft gleichsam auf der Erde fort.
Merkwürdig ist es, dass Marco Polo dasselbe auf einem hohen
Bergrükken zwischen der grossen und kleinen Bucharei bemerkte;
und als eine Folge des mangelnden Luftdrukkes angiebt. Dieselben
Erscheinungen findet man bei der Flam̃e im luftverdünten
Raum unter der Luftpumpe.

Die regelmässigen Störungen des Luftozeans, welche man auch
Oszillazionen genant hat, bestehn in einer stündlichen Ebbe und
Flut, die sich am Barometer äussert. Unter den Tropen sind
sie so regelmässig, dass man bis auf ¼ Stunde genau die
Zeit danach bestimmen kann. Das Barometer steht am
höchsten um 9 Uhr früh, sinkt von da an, und erreicht seinen
niedrigsten Stand um 4 Uhr Abend: dann steigt es, und steht
um 11½ Uhr am höchsten, sinkt dann, und steht um 4 Uhr
Morgens am niedrigsten, von wo es dann wieder um 9 Uhr
früh seinen höchsten Stand erreicht. Man sieht also, dass
die beiden Ebben um 4 Uhr früh und Abends fallen. Die
grösten Stürme, Erdbeben, Donnerwetter pp. haben gar keinen
Einflus darauf. Die erste Beobachtung darüber wurde
1682 von den französischen Reisenden Varel und Beau
an den Küsten von Afrika gemacht. Das Phänomen erstrekt
sich vom Meere an bis auf Höhen von 12–14000
Fus, auf denen ich lange genug verweilte, um diese Beobachtungen
machen zu können. Sehr merkwürdig ist es,
dass allein in Ostindien, während der Monsuns diese
Erscheinung unterbrochen wird, wo eine ungeheure Menge
Wasser aus der Athmosphäre herabstürzt. Horsewood,
der dies konstatirte, fand zugleich, dass wenn man sich
nur 5–6 Meilen von der Küste entfernt, das Phänomen
in seiner ganzen Regelmässigkeit wieder eintrit.
In Europa kann man es wegen der Störungen in der Witterung
nur nach Mittelzalen ausdrükken. Unter den Tropen
braucht man einen Tag und eine Nacht, um die Erscheinung
festzustellen: im Süden der gemässigten Zone, in Spanien 10–14 Tage,

weiter gegen Norden viel längere Zeit: doch ist das factum selbst

in Königsberg und Petersburg eruirt worden, und während

die übrigen Perturbazionen in der Athmosphäre vom Aequator

nach den Polen hin zunehmen: so ist es hierbei umgekehrt
: die Quantität der Ebbe und Flut nimt nach den Polen
zu ab. Unter dem Aequator beträgt der Unterschied
des maximum und minimum 5/4 Linien, unter 30° Breite
¾ Linien, in Königsberg 0,02 Linien. In dem mexikanischen
Meerbusen werden die Oszillazionen durch die Nordstürme
unterbrochen, welche das Auslaufen aus dem Hafen von
Vera-Cruz nach der Havannah pp. so sehr gefährlich machen:
daher erlaubte schon zu meiner Zeit der Hafenkapitain
Orta, welcher noch jezt dort ist, den Schiffen nicht eher
auszulaufen, als bis die Oszillazionen des Barometers sich
wiederhergestelt hatten: denn alsdann erst ist man sicher, dass
der Nordsturm nicht wieder anfange, wenn auch sonst der
Himmel ganz heiter ist. Der Name: Ebbe und Flut ist nicht
gut gewählt, weil man dabei an dieselben Ursachen denken
könte, welche die Flut im Meere bedingen. D’Alembert machte
zuerst die Betrachtung, dass die luftförmigen Flüssigkeiten,
welche unsern Planeten umgeben, eben so gut als die tropfbarflüssigen
von den andern Himmelskörpern angezogen
werden müsten. Laplace unterwarf dies tiefsinnigen Berechnungen
, fand aber, dass nach der Theorie die Anziehung
4 mal geringer sein müste, als in der Wirklichkeit: daher
können die Oszillazionen wohl nicht Folge der Attrakzion
der Sonne und des Mondes sein: es ist wahrscheinlicher,
dass sie eine Wirkung der wärmeerregenden Kraft der
Sonne sind, worüber wir aber noch nicht mit Gewisheit
entscheiden können. Was man bis jezt darüber geschrieben,
ist durchaus nicht genau. So behauptet Daniell, in seiner
Theorie der Luftströme, dass während das Barometer
bei uns steigt, müsse es am Pol sinken: da dies aber nur
1/20,000 eines Zolles betragen soll, so läst sich leicht begreifen
, dass eine so unbedeutende Quantität durch Beobachtungen
nie wird ausgemittelt und bestätigt werden. Der
ausgezeichnete amerikanische Chemiker Muris glaubt die
Ursach davon im Einflusse des Mondes zu finden. Ich habe
sehr viel Beobachtungen darüber gemacht, die zum Theil von
Boussingault wiederholt wurden, aber etwas gewisses läst
sich nicht darüber aussprechen. Laplace hat 10-jährige
Beobachtungen vor sich gehabt, die er von Bouvard berechnen
lies: er fand 1/10,000 von einem Millimeter als Mittelzahl.

Unter den regelmässigen Bewegungen des Luftozeans
versteht man die Passatwinde, vents alisés, welche eigentlich
in einer grossen Rotazion des Luftmeeres von Ost
nach West ihren Grund haben. Die Erklärung davon gaben
D’Alembert und nach ihm Laplace mit grossem Scharfsinn,
sie ist auf das beste in den kosmischen Verhältnissen unseres
Erdkörpers gegründet. Die Luft unter dem Aequator
wird ungleich mehr erhizt als die unter den Polen: daher
entsteht unter dem Aequator ein beständiger warmer
aufsteigender Luftstrom, welcher sich in den obern Regionen
unsrer Athmosphäre nördlich und südlich
nach den beiden Polen hin ergiest. Da aber jeder Strom
einen Gegenstrom voraussezt: so mus sich in den untern
Regionen, also nahe an der Erde, ein Strom kälterer Luft
bilden, der von den Polen nach dem Aequator hingeht.
Die Rotazionsgeschwindigkeit der Erde, mithin der
Luft, ist aber unter den Polen geringer als unter dem
Aequator, daher werden die vom Pol herabkommenden
Luftschichten nach ihrer natürlichen Trägheit zurükbleiben
: sie können nicht so gleich die Geschwindigkeit
unter dem Aequator annehmen. Insofern die Bewegung
der Erde von West nach Ost ist: so müssen alle Körper
auf derselben mit ihrer östlichen Seite an die träg-zurükbleibende
Luft anschlagen, und dies bringt die Empfindung
eines Ostwindes hervor, den man seiner Regelmässigkeit
wegen den Passatwind nent. Es ist für die Schiffer von
der grösten Wichtigkeit, zu wissen, unter welchen Breiten
sie auf regelmässige Winde treffen, daher ist diese Erscheinung
einer besondern Untersuchung unterworfen worden.
Wenn überall auf der Erde Kontinent oder Wasser wäre: so
würde die Gränze der Passatwinde genau unter dem Aequator
sein: da aber, wie wir oben gesehn haben, im Norden
Kontinent mehr ist, als im Süden, und die Erwärmung
auf der starren Erdhülle grösser ist, als auf der flüssigen
(auf der opaken grösser als auf der durchsichtigen) so
wird der Wärme-aequator nördlicher fallen als der physische
, und die Süd-Ost-Winde werden etwas nördlich über den
Aequator hinausgehn. Dies ist aber sehr verschieden in
dem engen Meeresthale des atlantischen Ozeans und in
dem ausgedehnten Bekken der Südsee. Weil um den atlantischen
Ozean sich im Norden mehr Land befindet, als
im Süden: so werden hier die Passatwinde nördlich über
den Aequator hinausgehn. In der Südsee dagegen nähert
sich der Zustand des Erdsphäroïdes schon mehr demjenigen,
wo es ein pelagischer Körper wäre: auch liegt, wenn man
Kalifornien etwa ausnimt, in der Südsee eben so wenig
Land nördlich, wie südlich vom Aequator, daher wird hier
der Wärmeaequator oder die Gränze der Passatwinde
sehr genau mit dem physischen Aequator zusammenfallen
. Die Regelmässigkeit der Passatwinde wurde schon
frühe bemerkt, aber ohne den Grund davon angeben zu
können, von Dampère 1666. Später gab Hadley eine vortrefliche
Abhandlung darüber. Man findet die Passatwinde
nicht immer in gleichen Höhen über der Erde:
L. v. Buch in seiner Beschreibung der kanarischen Inseln
macht auf diese Erscheinung aufmerksam; auf dem Pic
von Teneriffa herscht meist Westwind, und alle hohen
Berge (über 14000 Fus) welche den Tropengegenden nahe liegen
, haben denselben Westwind. Bei einem Ausbruche des
Vulkans von St. Vincent, 1812 fiel die Asche auf die Insel
Barbados, welche im Osten davon liegt, und durch den Ostwind
niemals Regen oder Wolken erhält. Mit dieser
auffallenden Erscheinung ist der rükkehrende Strom in der
Höhe erwiesen, und die Theorie der Passatwinde durch
Erwärmung zu etwas mehr als Vermuthung geworden. Auch
einen regelmässigen Land- und Seewind kann man aus derselben
Ursach erklären. Bei Tage, wo der opake Kontinent
mehr erwärmt wird, als das Meer, bildet sich ein aufsteigender
warmer Luftstrom, der einen Seewind veranlast: Abends
dagegen, wo nach Sonnenuntergang das Meer länger seine Temperatur
behält, aus der wärmeausstralende Kontinent, bildet
sich ein Landwind, der oft weit in die See hinausreicht, und
von den Küstenfahrern benuzt wird.

Unregelmässige Bewegungen in der Athmosphäre sind die
Stürme, über deren Kraft man verschiedentlich Messungen
angestelt hat. Die gewöhnliche Geschwindigkeit in einer Sekunde
sind 60 Fus, doch giebt es auch Stürme, die 130–132 Fus zurüklegen
. Vergleicht man damit die Schnelligkeit der Pferde, so
zeigt es sich, dass sie nur wenig zurükbleibt; das berühmte
Pferd Ecclipse, bei dem man genauere Messungen hat vornehmen
können, machte 58 Fus in einer Sekunde, aber nur mit anfangender
Geschwindigkeit: denn auf die Dauer konte es eine so
starke Muskelbewegung nicht aushalten. Ich bringe hierbei in
Erinnerung, dass der Schall 1038 Fus, eine Kanonenkugel mit anfangender
Geschwindigkeit 1500 in einer Sekunde zurüklegen.

Über die hygrometrische Beschaffenheit der Luft habe ich mit
dem Saussure’schen Hygrometer sehr genaue Versuche anstellen
können; es zeigte sich, dass der Feuchtigkeitsgehalt viel grösser
ist, als man glaubt, unter den Tropen war er gewöhnlich 96°,
wenn 100° als das Maximum angenommen werden. Ich habe dadurch
eine grosse Genauigkeit erreicht, dass ich die Hygrometer
vor und nach den Beobachtungen sorgfältig verglich. Es ist
eine der lezten schönen Entdekkungen von Gay Lussac, dass
der Sättigungspunkt bei verschiedenen Flüssigkeiten verschieden
ist, und manchmal schon bei 87° Saussure eintreten kann. Die
Feuchtigkeit der Luft ist nach den Jahreszeiten und Zonen verschieden
; unter den Tropen aber weit grösser, als man nach dem
wenigen Regen erwarten solte. Wie wäre es möglich,
dass auf der Insel Marguerita, wo es oft in 2 Jahren nicht
regnet, in Cumanà, in Marañon am obern Amazonenstrom
, die wegen ihrer grossen Trokkenheit bekant sind, eine so
herrliche Vegetazion herschte, wenn nicht eine grosse Menge
Feuchtigkeit in der Luft suspendirt wäre. In der temperirten
Zone sind im Mittel 0,78 Wässerdämpfe erforderlich, um die
Luft zu sättigen, in der heissen Zone aber 0,88. Es ist eine merkwürdige
Eigenschaft der Pflanzen, dass sie die in der Luft schwebenden
Wasserdünste absorbiren, daher kann es eine üppige Vegetazion
in Gegenden geben, wo es nie regnet.

Die Trokkenheit der Luft nimt auf den Bergen nach oben hin
zu, wie dies auch durch mehrere aërostatische Reisen bewiesen
worden ist. Saussure’s Hygrometer zeigte in Genf fortwährend
76°, während es auf dem Montblanc auf 51° stand. Ich sah es
auf noch grösseren Höhen bis 48 und 46° herabgehn. Man bediente
sich zu diesen Beobachtungen früher eines feinen Fischbeinstreifens
, an dem die Veränderung der Längendimension durch einen
Zeiger angedeutet wird: dies ist aber wegen der ungleichmässigen
Zusammenziehung des Fischbein’s nicht ganz zuverlässig: später
machte man Versuche mit sehr konzentrirter Schwefelsäure,
die man von salzsaurem Kalk absorbiren lies. Die beste Beobachtungsart
ist aber die: dass man den Wärmegrad anmerkt,
wobei ein kaltes Gefäs mit Wasserdünsten beschlägt, die Methode
wurde von dem englischen Physiker Dalton angegeben, und
Daniels verfertigte den Apparat dazu.
Die Fortpflanzung des Schalles ist verschieden nach der Luftreinheit

und nach den Tageszeiten. Aristoteles, in den ihm zugeschriebenen
Problemen, hat schon die Bemerkung, dass man bei
Nacht besser höre, als bei Tage, ohne den Grund davon zu kennen
. Man hat geglaubt, dass bei Tage das Schwirren der Insekten,
und das Geräusch der Menschen den Schall schwäche. Allein in den
Wüsten des Orenoko, wo die Nachtinsekten ein stark-summendes
Geräusch machen, und wo der Lärm der Brüll-affen und den von
ihnen verfolgten Vögel gar nicht aufhört, sind die Nächte viel
lauter als die Tage, und dennoch hört man das ferne Rauschen
der Katarrakten in der Nacht ungleich deutlicher, als am
Tage. Der Grund davon liegt gewis in der gleichmässigen
Temperatur und Ausdehnung der Luftschichten bei Nacht. Die
Schallwellen werden gebrochen, wenn sie durch nebeneinanderstehende
Luftschichten von verschiedener Dichtigkeit gehn müssen
. Dies ist bei Tage im höchsten Grade der Fall. Am Orenoko,
wo der weisse Sand sich bis auf 42–50° R. erhizt, mus die
über demselben aufsteigende Luftsäule viel dünner sein, als
eine andre, welche über dem kühleren Rasen steht. Der grosse
Mathematiker Poisson, der meine Beobachtungen
der Berechnung unterworfen, hat gezeigt, dass in diesem Falle eine
Art von Echo in der Luft entsteht, das den Schall schwächt. In
dem Mémoire, welches ich darüber herausgegeben, habe ich einen
sehr einfachen Versuch angeführt, der die Sache in’s Licht sezt: wenn
man an ein schäumendes Glas Bier oder Champagner schlägt:
so klingt es wie Holz, weil der Schall aus dem tropfbarflüssigen
Körper in den gasförmigen übergehn mus: sobald sich der Schaum
gesezt hat, erhält das Glas seinen natürlichen Klang wieder.
Parry bemerkte am Nordpol, dass man während der langen Nacht
sehr viel weiter höre, als sonst. Er wolte eine Basis messen, und
hatte bis zum Ende derselben mehrere Personen aufgestelt, um
die Signale geben zu können: er fand bald, dass die mittleren Personen
ganz unnüz wären, weil man in der doppelten Entfernung
sehr gut hören konte; er machte nun Versuche, wie weit sich dies
treiben liesse, und fand, dass man in 6700 Fus Entfernung volkommen
gut verstanden wurde, ohne übermässig laut zu sprechen.
Dies lag ohne Zweifel in der durchaus gleichmässigen Temperatur
und Windstille der Luft. Der Schall nimt ab, mit abnehmendem
Thermometer- und Barometerdruk: daher kömt es, dass
man nahe Schlachten oft gar nicht, entfernte in grossen Weiten
hört. In der Nähe von Paris haben Arago, Bouvard und ich
Versuche mit Geschüzen in der Entfernung von 9500 Toisen angestelt
, wo erst an dem einen Erde der Grundlinie, dann an dem
andern abgefeuert würde, um so den Einflus aufzuheben, den der
Wind auf die Beobachtungen haben könte. Wir fanden die Geschwindigkeit
des Schalles bei +8° R. von 1038 Fus.

Wenn das Wassergas in die leichtere Luft aufsteigt: so gerint
es zu Bläschen, von denen Gay Lussac annimt, dass sie
mit feuchter Luft, welche leichter ist, als trokne, gefült sind:
so geschieht es, dass die feuchten Wolken, welche aus einer grossen
Menge solcher Bläschen bestehn, sich wie ein Montgolfiere
mit leichterer Luft heben: auch scheint es wahrscheinlich
, dass die Luft zwischen den Wolken leichter ist. Fresnel
hat eine vortreffliche Abhandlung darüber geliefert. An Bergen
aufsteigend, wo Wolken sich gelagert hatten, bemerkte ich oft,
dass in 4–5000 Fus Höhe die Temperatur grösser war, als sie
sein solte, weil
man in dieser Höhe in die Wolkenschicht gelangt, welche
meist einen Raum von 2–3000 Fus einnimt, und durch die
Sonnenstralen erwärmt wird.
45. Vorlesung, 29. März 1828

Nachträglich. Die Meteorologie hat ihre numerischen Elemente wie die
Physiologie, da man in neuern Zeiten den Zusammenhang ihrer
Ursachen immer mehr und mehr eingesehn hat. Die hygrometrischen
Versuche sind jezt zu grosser Volkommenheit gediehen, weniger gut
aber sind die elektrischen Versuche. Die Elektroskope (denn Elektrometer
darf man sie kaum nennen) sind noch lange nicht
genug ausgebildet, um auf die Beobachtung derselben numerische
Verhältnisse gründen zu können.

Der chemischen Beschaffenheit der Luft habe ich nicht erwähnt,
weil sie mit zu vielen fremden Bestandtheilen gemengt ist.

(sic)

Laplace
hat vorgeschlagen, dass grosse wissenschaftliche Institute auf
diesen Zweig der Naturwissenschaften einen besondern Fleis verwenden
möchten, um die Beschaffenheit des Luftkreises genauer zu
bestimmen: denn es ist die Frage noch unentschieden, ob seit den
ältesten historischen Zeiten von den Annalen der Chinesen an,
sich der Luftdruk verändert habe. Man glaubte etwas davon neuerlich
in den lombardischen Ebnen zu bemerken, allein es zeigte
sich bei den verbesserten Thermometern und Barometern bald,
dass es eine Täuschung gewesen war. Laplace drang auch besonders
darauf, dass die magnetischen Erscheinungen genauer bestimt würden.
Allein für alle diese Zweige der Wissenschaft kann nur durch eine
grosse Masse von Beobachtungen Genauigkeit erreicht werden,
und man müste nicht etwa wie die Linnäische Geselschaft in Paris
verfahren, die in ihren Statuten festsezte, dass jährlich einmal
an Linnée’s Geburtstag, das Thermometer und Barometer beobachtet
werden solle.

Das Bluten auf hohen Bergen und beim Aufsteigen aus der
Taucherglokke ist eine Folge von der Zerspringung der Gefässe.
Auffallend ist es, dass Vögel, deren Respirazion doch am allervolständigsten
von allen Thieren organisirt ist, einem so grossen
Unterschied des Barometerdrukkes ohne Schaden sich
aussezen können; am meisten die grossen Geyer der Andeskette;
diese sah ich oft 2–3000 Fus über den höchsten Gipfeln
schweben, und sich dann auf die Hochebne von Quito, 6–7000 Fus
tief in wenigen Minuten herabstürzen; vielleicht senken sie sich noch weiter am
Abhange gegen das Meer herab, und es läst sich berechnen,
dass sie in kurzer Zeit 18000 Fus senkrechten Höhenunterschied
ertragen können.

Durch neuere Versuche hat man den Athmosphärendruk unter
den Tropen und bei uns zu bestimmen gesucht, der nicht blos zur Höhenmessung
von Bergen und Städten über dem Meere sehr wichtig
ist, sondern auch in physikalischer Hinsicht. Da der aufsteigende
Luftstrom unter den Tropen stärker ist als bei uns, so wird auch
dort der Barometerdruk geringer sein. Dies habe ich durch eine
Menge von Beobachtungen zu beweisen gesucht, und Herr Boussingault
hat es durch neuere Versuche in jenen Ländern bestätigt.
Der mittlere Barometerdruk auf die Temperatur ± 0 R. reduzirt
, ist in der temperirten Zone = 337,25 Lin. (28 1,2)

unter den Tropen = 336,94 (28 1 Lin.)

Differenz = 0,3 Linien.

Die Frequenz periodischer Winde macht für manche Gegenden
Ausnahmen. In Paris hat man durch die mühsame Berechnung
von 21-jährigen Beobachtungen eruiren können, dass
bei Südwind das Barometer 3,5 Linien niedriger steht als
bei Nordsturm: eben so verhält es sich in der Havannah. Andre
Ausnahmen werden durch Winde hervorgebracht, die eine
feuchte Luft herbeibringen. L. v. Buch bemerkte, dass der Barometerdruk
in Skandinavien geringer sei, als bei uns, auf
den kanarischen Inseln dagegen findet nach demselben Reisenden
eine grössere Anhäufung von Luft statt, welche das
Barometer auf 28 3 erhält, bei 18° R.

Dass die Passatwinde ihren Ursprung haben in dem
Überfliessen der erhizten Aequatorialluft gegen die Pole
hin, wurde zuerst von dem Engländer Hugh behauptet, wie
man jezt aus seinen: postumous works ersehn kann. Der
südöstliche Passatwind erstrekt sich 3–4° nördlich vom
Aequator.

Auch die Verschiedenheit der mittleren Temperatur in den
beiden Hemisphären hat man dem Kalkul unterworfen:
Prévost in Genf hat berechnet, dass die Temperatur der südlichen
sich zu der der nördlichen verhalte wie 9:10.

Ein Engländer John Bee bemerkte 1665 zuerst, dass am
Morgen das Barometer höher stände, als am Mittag:
an den afrikanischen Küsten sahen es zuerst: Varin und
Claude.

Für die Extension des Barometer-standes von dem
höchsten bis zum niedrigsten Punkte kann man wieder
nur Mittelzahlen nehmen: diese betragen:

für den Aequator = 1,5 Linie

für Montpellier = 0,5

für Paris = 0,3

für Königsberg = 0,1

Das lezte Resultat hat Bessel aus den 10-jährigen Beobachtungen
von Herrn Sommer berechnet, und so gering auch die Quantität
ist, so ist sie doch richtig.

Eine Reihe von Beobachtungen in Sta de Bogotà eines
Theiles, und die Berechnungen von Bouvard anderer Theils,
der aus 8900 Beobachtungen das Mittel nehmen komte, geben das
Resultat, dass der Mond keinen bemerkbaren Einflus auf
die horairen Oszillazionen der Athmosphäre hat, wenigstens
beträgt derselbe nicht 0,01 Linie.

Pictet in Genf, der kürzlich verstorbene Physiker hat veranstaltet
, dass man Barometerbeobachtungen fast auf dem
höchsten der bewohnten Punkte von Europa, in dem Kloster des

St. Bernard anstelt: es fand sich, dass das Barometer in

Genf sinkt, wenn es auf dem Bernard steigt.
Brandes, der früher in Breslau war, beschäftigte sich viel mit

der Schnelligkeit der Fortpflanzung der Barometerveränderungen
über grosse Erdräume. Benj. Franklin hat beobachtet,
dass die Nordstürme zuerst in Georgien gefühlt werden, dann
in Virginien, endlich in Neu-England: die Luftveränderung
entsteht also von Süden her. L. v. Buch fand dasselbe an
den afrikanischen Küsten. Der Wind fängt da an, wohin
er strebt. Dies hängt mit einer Erscheinung auf Gran
Canaria zusammen, wo das maximum der Wärme nicht
in den Juli, sondern in den Oktober fält, wegen der veränderten
Richtung des Windes. George Glas bemerkte
zuerst, dass auf dem Pic von Teneriffa fast immer Westwind
hersche.

In Paris verhält sich die Zahl der Tage, in denen Ostwind
weht zu denen, in denen Westwind weht, wie 23:70, also
beinahe wie 1:3: die Westwinde sind also sehr vorherschend.

Wenn das obige Verhältnis wie 1:7 wäre, so würde die mittlere

Temperatur von Paris um 2° R. höher werden. Die grössere
oder geringere Kultur kann keinen Unterschied in
der Temperatur irgend eines Landes hervorbringen. Die Ursachen
davon liegen zu fest begründet, und der Mensch ist
nicht mächtig genug, gegen die Masse der Elemente anzukämpfen.

Zu den noch unerklärten Erscheinungen gehören die
Aequinoxialstürme: in dem Steigen der Sonne ist durchaus
kein Grund zu finden. Die Gefahr dauert 3 Wochen,
während welcher Zeit die Schiffe nicht gern auslaufen.
Nach den Entdekkungen von Oerstädt über die elektrische
Kraft glaubte man annehmen zu können, dass es
gewisse Linien im Weltraume giebt, in welche die Erde
um diese Zeit trit; allein schon die Präzession der Aequinoxien
verändert jährlich diesen Punkt, und dann
müste es ein wunderbarer Zufal sein, dass grade seit
den frühsten historischen Zeiten die Erde sich in dieser
Läge während der Nachtgleichen befindet. Wahrscheinlich
ist es der Effekt des gestörten Gleichgewichtes
der südlichen und nördlichen Hemisphäre, welches um
diese Zeit fühlbar wird.
Es ist eine in den Alpengegenden bekante Erfahrung,

dass die Fortpflanzung des Schalles mit dem Licht zusammenhängt
: wenn man bei Nacht gut hört, so erwartet
man bald Regen oder eine andre Wetterveränderung.

Die Wolken steigen bei Tage und sinken bei Nacht, wovon
man sich an solchen Abhängen überzeugen kann, die in die
Wolkenregion hinaufreichen.

Ein Berg wird anders die Wärme stralen, als die Luft: der
Gipfel erkältet sich früher, die Wasserdämpfe werden niedergeschlagen
: daher entsteht eine kleine Wolke, die am Berge
hängen bleibt, und die man fast an allen isolirten Gipfeln
sieht. Man nent sie den Hut oder die Haube. Indessen
scheint es nicht, als ob hierbei eine Molekular-anziehung
des Berges gegen die Wasserbläschen statt fände, sondern es
sind die am Berge aufsteigenden erwärmten Luftschichten.
Daher die Erscheinung, dass wo ein Meeresufer, eine flache
Küste, dann hohe Berge zusammenstehn, es selten auf der
Küste regnet, weil die Wolken darüber weg bis an das Gebirge
ziehn: so in Aegypten, so an der peruanischen Küste.
Über die Form der Wolken hat L. v. Buch sehr richtige

Bemerkungen gemacht in einer Abhandlung über den Hagel.

Der Engländer Howard hat dafür eigene Namen eingeführt, die

alle aus dem lateinischen genommen sind, wie Cirrus, Stratus,

Cumulus pp. in deren deutscher Übersezung man nicht glüklich

gewesen ist. Die höchsten davon sind die sogenanten
Schäfchen. Unter den Tropen habe ich sie unbeweglich in den
grösten Höhen stehn sehn; eine Messung, die mehr als Schäzung
ist, ergab mir, dass sie bis zur ungeheuern Höhe von
27000 Fus sich erheben. In Island und auf Parry’s Expedizion
sah man sie bei Nacht leuchten nachdem vorher ein starkes
Nordlicht gesehn worden war; mit dem sie vielleicht im
Zusammenhange stehn. Die Höhe der niedern Wolkenschicht
hat man auf 2erlei Art zu messen versucht 1, an den Abhängen
der Berge, wie Dalton in England: dies ist aber nicht genau,
wegen der Attrakzion der Berge. 2, besser durch aerostatische
Reisen: man fand, dass sie bei uns im Sommer gegen 3000 Fus
hoch stehn, unter den Tropen 5000 Fus; nach meinen Winkelmessungen
. Von dem schönen Klima von Galapa bis aufwärts
nach dem Thale von Quito und der Hochebne von Antisana
liegen mehrere Schichten übereinander: denn es ist klar, dass
eine Hochebne, wenn sie nur Ausdehnung genug hat, wieder
als eine Fläche wirkt, über der sich Wolken sammeln. Bouguer
hat sogar die Menge der Schichten der Probabilitätsrechnung
unterworfen. Er muste bei der Gradmessung mehrere
Wochen auf einer Höhe von 9000 Fus warten, um ein Signal
an der Südsee zu sehn, und berechnete während dem, wieviel
Wolkenschichten sich zu öfnen hätten, bis er es sehn könne.

Auf allen niedrigen Inseln liegen Wolken, wegen der
aufsteigenden warmen Luftsäule. Dies ist für die Schiffer
vortheilhaft, wenn sie ihre Länge verloren haben: sie können
die Insel als einen Berg von 5000 Fus sehn, wegen
der Wolkenschicht: eben so ist es mit den Sandbänken, die
man an den Wolken bis auf 32 Lieues Entfernung sehn kann.

Die Wolken wirken theils erwärmend, theils erkältend;
erkältend, indem sie die Wirkung der Sonne verhindern; in
Peru am Ufer des Meeres, klagt man schon bei +12° R. über
Kälte; so tief können Wolken das Thermometer herabdrükken;
wärmeerregend, indem sie die Stralung des Erdkörpers vermindern
: das Thermometer steigt, wenn an heitern Tagen eine
Wolke vor die Sonne tritt.

Wells in England machte schöne Entdekkungen über die
Theorie des Thaues: er fand dass zur Erkältung der Athmosphäre
ein wolkenfreier Himmel und Mangel an Wind gehören.
Körper, wie Wolle, Papier pp. können sich bis um 6 oder 7° R. erkälten
, wenn man sie des Nachts unter wolkenfreiem Himmel
stehn läst: legt man dagegen eine Pappe darüber, so verlieren
sie sehr wenig an Temperatur. Metallflächen werden nur um
2° erkältet, weil das Metall ein sehr guter Wärme- mithin
auch Kälte-leiter ist. Hierauf beruht die kälteerregende Eigenschaft
der Wälder. Das appendikuläre System der Pflanzen
, dessen unsre Dikotyledonen zu ihrer Ernährung bedürfen
, oder die Blätter-organe der Monokotyledonen bestehn in
dünnen Scheiben, welche fortwährend Wärme ausstralen, und
da sie selbst Wärme nöthig haben, der umgebenden Luft ihre
Wärme entziehn, folglich sie erkälten. Daher wird es möglich,
in Ostindien, wo das Thermometer selten auf +5 bis 6° R.
sinkt, Eis zu machen. Die Stralung ist auch grösser im Freien,
als in bedekten Räumen, daher ist es nicht selten, dass man unter
den Tropen am Morgen Eis in den Strassen sieht, obgleich
die Temperatur in den Häusern noch nicht bis 0° R. gesunken war.
Die porösen Theile stralen Wärme gegen den wolkenfreien Himmel,
und es bildet sich am meisten Eis, wenn die Athmosphäre
ruhig ist. Damit hängt die Theorie der Akkerleute zusammen,
dass der rothe Mond im Mai (la lune rousse) schädlich sei;
weil wenn der Himmel um diese Zeit wolkenleer ist, durch die
Wärmestralung der Erde die erwachende Vegetazion nicht
Wärme genug findet.

46. Vorlesung, 31. März 1828

Die Meteorologie hat ihren geographischen Theil, wie die Botanik
, und um diesen gehörig aufzufassen, halten wir uns bei
der Erklärung der einzelnen Phänomene nur insofern auf, als
sie zur Deutlichkeit des Ganzen beiträgt; im allgemeinen wollen
wir nur die Vertheilung der Erscheinungen nach den Erdzonen
andeuten. Über die Bestimmung der mittleren Temperatur der
Städte hat man erst seit 120 Jahren angefangen, Beobachtungen
zu machen. Die Barometrie und Hygrometrie hat aber
erst in ganz neuer Zeit ihre wahre Ausbildung erhalten.

Das Geographische des Thaues, wovon Wells vor 15 Jahren
die Theorie angab, besteht darin: dass es auf dem Meere
sehr wenig thaut, wegen des geringen Temperatur-unterschiedes
der vom Wasser aufsteigenden Luftschichten: daher dient das
Erscheinen des Thaues auf dem Verdekke den Schiffern zum
Zeichen, dass sie sich in der Nähe eines Kontinentes befinden.
Unter den Tropen thaut es stärker als in der temperirten
Zone: dies rührt von der lichtschwächende Kraft der
Athmosphäre her: unter den Tropen ist das Wassergas in der
Luft volständiger aufgelöst enthalten, deshalb wird des Abends
eine grössere Menge von Feuchtigkeit niedergeschlagen.

Die Bildung des Regens ist lange räthselhaft gewesen,
und es ist wahrscheinlich, dass mehrere Ursachen dabei
zusammenwirken müssen. Die Hauptsache beruht aber auf
folgendem Saz: die Expansivkraft der Wasserdämpfe steigt
nicht in derselben Reihe wie die Gradzahl der wachsenden Temperatur
: wenn dieses eine rein-arithmetische Reihe ist, so nähert
sich jenes fast einer geometrischen. Wenn daher Luftschichten
von verschiedener Temperatur sich mengen, so erhält
diese gemengte Luft eine mittlere Temperatur aus beiden, ist aber
als dann nicht mehr im Stande, die Menge Wassergas, welche
in beiden Luftschichten enthalten war, zu fassen, und
es entsteht eine Prezipatazion oder Regen. Das Regenwasser
ist sich unter allen Zonen in seiner Zusammensezung
gleich. Ich habe viele Versuche darüber angestelt, die aber
nicht leicht zu machen sind, da man das Regenwasser weder
in der Nähe der Wohnungen, noch auch der Wälder sammeln
darf, weil sonst durch die Verdampfung eine Menge
fremder Bestandtheile mit in die Höhe gerissen werden.
Berzelius hat in unserm Regenwasser nie salzsauren Kalk,
wohl aber etwas Salpetersäure gefunden. Brandes wolte sehr
viele Bestandtheile, unter andern einen Meteor-mucus
darin gefunden haben: allein es ist wahrscheinlich, dass
dies alles fremdartig-hinzugekommenes ist. Unter den Tropen,
wo der Wechsel der Jahreszeiten nicht so heftig ist, als bei
uns, nent man die Regenzeit den Winter, und die Zeit des
heitern Himmels den Sommer, welcher grade in den Dezember
fält. Das Anfangen der Regenzeit fält mit dem
Aufhören der östlichen Passatwinde zusammen. Bis zu
dieser Zeit bleibt der Himmel fast ganz wolkenlos; und
das einzige Wasser zur Nahrung der Thiere ist in den
Pflanzen. Das Parenchyma der Pflanzen, besonders der Melocacten
hat die Eigenschaft, dass es das in der Luft suspendirte
Wassergas an sich saugt: dies wissen die Pferde und
Esel durch einen sonderbaren Instinkt, und suchen mit ihren
Hufen die Stacheln dieser melonenartigen Früchte wegzuschlagen
, um sich des Wasser zu bemeistern: oft verwunden
sie sich dabei, und bleiben lahm. In Caracas sind in den
5–6 Sommermonaten die Wolken so selten, dass ein über
dem Zenith hinziehendes Gewölk das Tagesgespräch der Stadt
wird; dann aber, wenn die Regenzeit bevorsteht, verändert
sich die Bläue des Himmels vom tiefen Indigo zu einem
blässeren; das Hygrometer deutet Feuchtigkeit an, und die
Sterne, welche vorher einen milden planetarischen Glanz
hatten, fangen an zu funkeln. Wegen der eintretenden ungleichen
Mischung der Athmosphäre wird eine Neutralisirung
der Lichtstralen möglich, von deren Interferenz
das Funkeln herrührt: dann zeigt sich in Nordost Gewölk, und
die östliche Brise hört auf; das Elektrometer, welches
in der troknen Zeit eine gleichmässige Spannung zeigte,
hat dann oft gar keine, bald springt es von + zu Elektrizität
: es ist ein Gewitterzustand ohne Gewölk; dann
wetterleuchtet es alle Abend ohne Donner, und einzelne
Wolken ziehn über den Zenith; endlich im April und
Mai thürmen sich viel Wolken, und der Regen schiest
in Strömen herab; die Passatwinde springen nach West
und Südwest. Für alle diese Phänomene giebt es eine gutausreichende
Erklärung. Wenn nämlich die Sonne in
die nördlichen Zeichen tritt; so ist es in der temperirten
Zone beinahe so heis als unter den Tropen: es findet
alsdann das minimum der Differenz zwischen den beiden
Temperaturen Statt: das Wassergas, welches also in der
temperirten Zone niedergeschlagen wurde, häuft sich nun,
wo die Hize in der temperirten Zone den Niederschlag nicht
zuläst, unter dem Aequator an, und verursacht Regen: gegen
den 15ten April geht die Sonne durch den Zenith eines Ortes
unter 10° Nordbreite, welches als das Mittel der heissen Zone
anzusehn ist, und alsdann fängt die Regenzeit an.

Die Quantität des Regenwassers, welche in den verschiedenen
Zonen fält, ist sehr genau ermittelt worden.

Bei uns in einem Jahre 18–24 Zoll

unter den Tropen 108–120 Zoll.

Doch giebt es auch Ausnahmen davon:

an der Westküste von England 45 Zoll

an der Ostküste 22

L. v. Buch bemerkte, dass in der Uferstadt Bergen
auf der skandinavischen Halbinsel 70–92 Zoll fallen;
während im Innern des Landes, wenige Meilen davon, nur
10–15 Zoll fallen; das heist, wenn die Erde keine Einsaugungskraft
hätte: so würde das Wasser nach Verlauf
eines Jahres so viel Zoll hoch stehn.

Unter den Tropen fält in einem Tage oft 4 mal so
viel Regen als bei uns: denn es scheint, je höher die
Wolken liegen, in denen er sich bildet, um desto grösser
werden die Tropfen. Mit der Temperatur der Tropfen
habe ich mich viel beschäftigt, und gefunden, dass sie
meist ° kälter sind als die Luft. Dies kann zum
Theil seinen Grund haben in der Verdünstungskälte, die
im Fallen erregt wird, oder in der Höhe der Region
der Bildung. Beaugiraud der diese Versuche für die
temperirte Zone wiederholte, fand dasselbe Resultat,
dass die Tropfen 1° bis ° R. kälter sind, als die Luft.
Doch fand ich unter den Tropen auf grossen Höhen auch
Ausnahmen von der Regel: die Tropfen waren etwas
wärmer als die Luft. Auch in der temperirten Zone giebt
es sonderbare Regengüsse. Während sonst im südlichen
Frankreich in einem Monate gewöhnlich Zoll fallen:
so erlebte Tardy de la Fosse einen Gus, der in 22 Stunden
1 Fus 5 Zoll lieferte. Etwas ähnliches geschah in Cayenne:

Captain Houssin berechnete in 24 Tagen 12 Fus 7 Zoll, welches

noch etwas weniger ist, als im südlichen Frankreich.

Man hat Ombrometer auf der Höhe eines Thurmes und
in der Ebne aufgestelt, und gefunden, dass auf dem Thurme
die Quantität geringer ist. In Frankreich hat man
solche Versuche auf dem Observatoire von Paris gemacht,
welches ungefähr 90 Fus über der Strasse erhoben sein
mag. Bouvard berechnete den Unterschied von 10 Jahren,
und fand, dass es unten um ¼ mehr regnete, als oben.

Vom Schnee.

Noch immer ist die Krystallisazion des Eises ungewis:
vielleicht ist sie sogar nach den Zonen verschieden:
früher hielt man sie für hexaedrische Prismen. Clarke
fand aber, dass es Rhomboëder von 60 und 120° sind. Mitscherlich’s
neue glänzende Entdekkungen lassen vermuthen,
dass die Krystalle verschieden sein können, nach dem Drukke
und andern Umständen, unter denen das Wasser krystallisirt
. Der Schnee enthält eine grössere Quantität
Luft, als das Eis; ich habe dies mit Gay Lussac zum Gegenstande
einer eignen Untersuchung gemacht. Bei jedem
Frieren des Wassers wird Luft ausgestossen, aber bei der
Eisbildung mehr als bei der Schneebildung. Wir fanden
doppelt so viel Luft in dem Flus-eise als in dem Lufteise
. Die Schneebildung am Pol ist von Scoresby genau
untersucht worden. Unter den Tropen ist sie sehr merkwürdig
; alle indianische Sprachen und auch die spanische
haben eine Menge von Ausdrükken für die Anhäufungen
und Mischungen von Schnee und Eis, die aus
der Luft herabkommen. Diese gehören zu den grösten
Unannehmlichkeiten, die man bei dem Ersteigen von hohen
Bergen unter den Tropen zu dulden hat: das Gesicht
wird davon wie zerschnitten. Es schneit häufiger auf
dem Gipfel der Kordilleren, wenn die Temperatur über
± 0° R. als wenn sie darunter ist: oft bei 2 und 4° Wärme: während
am Pol noch bei 12° R. Schnee fallen kann, wie
dies Ross, Scoresby , Sabine und andre beobachteten.
In meiner Abhandlung über die isothermen Linien habe
ich eine Tafel über die verschiedenen Höhen gegeben, auf
denen es zu schneien anfängt:
in Mexiko, welches ungefähr so hoch liegt, sieht man
äusserst selten Schnee, in 50 Jahren nur 2 mal, und sonderbar
genug, das erstemal, als die Jesuiten aus jener
Stadt vertrieben wurden, das 2te mal, in dem Jahre, als
sie dahin zurükkehrten.

unter den Tropen in 12000 Fus Höhe.

unter dem Tropicus Caneri in 9300 Fus

Auch in Neu-Valladolid gehört
der Schnee zu den grossen Ausnahmen.

Über die Quantität des Wassers, das man aus dem
Schnee ziehn kann, habe ich mehrere Versuche angestelt:
nicht zusammengeprest giebt er seines Volumens an
Wasser: sehr zusammengeprest 1/12 her.
In Argyleshire in Schottland will man leuchtenden Schnee

gesehn haben: es war dies vielleicht ein elektrisches Phänomen
von eigner Art, welches mir indes nie vorgekommen
ist. Wenn es gegründet ist, was man dabei behauptet,
dass die Finger vom Anfassen leuchtend geworden sind,
so ist auch vielleicht eine meteorische Vegetazion dabei
im Spiele.

Vom Hagel.

Der Hagel wird, je mehr man sich mit Untersuchungen
über ihn beschäftigt, immer räthselhafter. Man hat
weder die Bedingungen für seine Bildung noch für sein
Vorkommen feststellen können. Am Pol hagelt es fast gar
nicht; mehr im südlichen Europa als im nördlichen; gar
nicht unter den Tropen. Thibaut Chamballon führt an,
dass es in Martinique während 50 Jahren nur 1 mal
gehagelt habe. Von 0° bis 10° Nord-Breite bildet er sich erst
in 3000 Fus Höhe: in Caracas und an der ganzen Küste
erregt er jedesmal grosses Aufsehn. Am häufigsten fält
er am südlichen Ausgange der Alpenthäler: die Thäler von
Ivrea, Aosta und Lugano haben deshalb eine traurige Berühmtheit
erlangt. Sehr wenig hagelt es auf den grossen
Höhen der Alpen, unter den Tropen in 8000 Fus Höhe wiederum
so häufig, dass dies ein Hauptgrund für das Nichtfortkommen
der Cerealien ist, die sonst in diesen Höhen ein
vortrefliches Klima finden würden. Es hagelt mehr bei Tage
als bei Nacht; ja man glaubte früher, dass es bei Nacht
gar nicht hagle: dies hängt wahrscheinlich mit der
Sonne nicht als einem leuchtenden sondern als einem
erwärmenden Himmelsphänomen zusammen. Die
Grösse der Hagelkörner ist im Süden beträchtlicher als
bei uns: auf grossen Höhen findet man sie nicht selten
von ¼–½ Pfund an Gewicht. Hayne in seiner Reise nach
Ostindien erzählt, dass zur Zeit Tippo Sahibs ein Hagelkorn
gefallen sei, so gros als ein Elephant, das beim Zerschmelzen
sehr übel noch: allein die Beobachtung ist sehr unsicher. In
Orenburg sollen Hagelkörner gefallen sein, die in der Mitte
kristallinischen Schwefelkies enthalten sollen: allein dies beweist nur, dass
in jener Gegend Schwefelkies auf dem Boden gefunden
werde: ein schwefelkieshaltiges Hagelkorn ist noch von keinem
Physiker untersucht worden.

Die Form der Körner ist sehr merkwürdig: da sie während
des Fals rotiren, so erhalten sie grade die Gestalt der
Weltkörper: einzelne Lagen sind konzentrisch über einander
geschichtet: an den Polen sind sie abgeplattet, unter dem Aequator
hat sich oft schönes durchsichtiges Eis angehäuft;
ja 2 mal ist es mir geglükt, kleine Saturnringe zu entdekken,
die bei leichtem Klopfen abfielen. L. v. Buch fand in Skandinavien
sehr merkwürdige Hagelkörner, die eine Spize nach
oben hatten. Ein seltenes Phänomen auf der Andeskette
ist rother Hagel, doch kömt er vor; rothen Schnee dagegen
fand ich nie unter den Tropen, und konte auch keine
Spur davon entdekken, so oft ich mich auch bei den Indianern
danach erkundigte; der rothe Hagel ist um so merkwürdiger
, da man bis jezt nie etwas vegetabilisches im
Hagel gefunden hat. Der rothe Schnee besteht in einem kleinen
Pilze, der sich auch in wärmeren Klimaten fortgepflanzt hat:
wenn man Abends 2–3 Körner unter das Mikroskop legte, so
fand man am Morgen 5–6: in der Nacht waren Kapseln
aufgesprungen, in denen mehrere Körner lagen.

Volta, der gröste Physiker unserer Zeit hat eine Theorie des
Hagels gegeben, wonach er durch eine grössere Verdunstung
des Wassergases in der Luft herbeigeführt wird. Das Rasseln,
welches man vor dem Falle des Hagels in den Wolken hört, erklärt
er dadurch, dass die Körner von 2 Wolkenschichten angezogen
und abgestossen werden, die entgegengesezte Elektrizität
haben. Beim Überspringen aus einer Wolke in die andre mus
ein Geräusch entstehn. Das Rasseln hört man weniger
unter den Tropen, als bei uns, vielleicht weil dort sich der
Hagel in einer höhern Region bildet.

Von der Luftwärme.

Die mittlere Temperatur eines Ortes, wenn wir von allen möglichen
andern störenden Ursachen abstrahiren, hängt von
von der Höhe der Sonne und dem Einfallen ihrer Stralen ab.
Von der senkrechten Incidenz bis 20° Abstand davon ist die Wirkung
für die Wärme ganz dieselbe: daher kömt es, dass die
Zone vom Aequator bis 15 und 18° Nord- und Süd-Breite davon ganz
gleich in der mittleren Temperatur sind; auch bemerkt man
von Mittag bis 3 Uhr wenig Unterschied in der Wärme. Wenn
wir uns der atomistischen Vorstellungsart bedienen wollen: so
können wir sagen: wenn eine Fläche von einem Lichtstral getroffen
wird: so wird ein Theil verschlukt, der andre zurükgeworfen.
Da nun die Berge, vermöge der Polygonalfiguren ihrer Oberfläche
mehr Area darbieten: so erhöhen sie die Quantität der
absorbirten Lichtstrahlen. Die Entdekkung, dass der senkrechte
Stral und der unter 20° einfallende dieselbe Wärme geben, verdanken
wir Arago’s photometrischen Versuchen. In der
Lombardei hat man die Erfahrung gemacht, dass der Oelbaum
nicht in den Ebnen fortkomt, sondern an Abhängen
gepflanzt werden mus, weil er hier mehr Wärme
erhält. Die hügligen Gegenden am Fusse eines Berges eignen
sich am besten dazu.
47. Vorlesung, 1. April 1828

Wenn wir uns zu höheren Ansichten erheben, so finden wir,
dass die Vertheilung der Wärme auf dem Erdkörper zu den wichtigsten
Momenten gehört, auf welche das Leben und der Kulturzustand
der Menschen basirt sind. Hier ist der Punkt, wo die
grosse Lehre von der Vertheilung der Wärme über den Erdkörper
sich an die Geschichte der Menschheit anknüpft. Ebendeshalb
fält das Problem ausserhalb des Gebietes einer rein physikalischen
Empirie. Man kann nicht läugnen, dass das Klima,
und sein erhebender oder niederdrükkender Einflus gleichsam
das ganze häusliche und bürgerliche Leben einer Nazion
durchdringen. Es hat den grösten Einflus auf die Entwilderung
des Menschengeschlechtes: es offenbart sich in dem Karakter,
dem Kulturzustande, vielleicht selbst in der Sprach-entwikkelung
einzelner Volkerstämme. Im Abendlande wird es als
eine der ältesten geschichtlichen Überlieferungen betrachtet,
dass das gemässigte Klima für die Geistes-ausbildung am
günstigsten ist: allein das Wort gemässigt hat einen so
weiten Sinn, dass man nicht immer genau sagen kann, was damit
bezeichnet ist. Zwischen dem 30 und 45° Nordbreite müssen wir im Abendlande
den Hauptsiz alter Kultur und Gesittung annehmen, und
in Griechenland insbesondere östlich vom thermäischen Meerbusen
bis an den Ausflus des Aous. In den Gegenden wo die
mittlere Temperatur des Jahres 11° bis 14° R. beträgt, wo die

mittlere Temperatur der 3 Sommermonate sich bis 20° und 21° R. erhebt

(während sie für Berlin in derselben Zeit kaum 13½° ist)
da ist die gesegnete Zone der Oelbäume und andrer treflicher
Gewächse. Diese Ansicht herschte schon in der alten religiösen
und politischen Geselschaft der Pythagoräer, worüber uns
eine merkwürdige Stelle beim Photius erhalten ist, die ich
hier anführen werde: Die Griechen haben an sittlicher Bildung

alle Barbaren übertroffen, weil sie den gemässigten
Theil der Erde bewohnen. Die Skythen und Aethiopier,
von denen die einen durch Kälte, die andern durch Hize
gequält werden, sind eben deshalb von heftiger und leidenschaftlicher
Natur. Die Griechen und vor allen die Athener
haben verbessert, was ihnen von den Barbaren zugebracht worden
ist: Malerei und andre Künste, Mathematik und Wohlredenheit
haben sie zuerst erfunden. Diese Art der Bildsamkeit
ist aber dem Lande der Griechen eigen, weil dort die reinsten
und dünnsten Lüfte wehen. Attika ist unfruchtbar und dürr,
denn eine solche Luftbeschaffenheit schadet dem Ertrage des
Bodens, ist aber heilsam den Seelen der Athener.

Eine noch ältere Menschenkultur zwischen dem 30 und 45°

Nordbreite finden wir in Aegypten, Susiana Medien und

Persien: hier wo die mittlere Temperatur des Jahres 18 bis 19° R.,
die der 3 Som̃ermonate 24° ist, finden wir die fruchtbare Zone
des Zukkerrohres. Dies Klima ist dem der Tropen so ähnlich,
dass man es nur gemässigt nent, weil es nicht unter den
Wendekreisen liegt.

Einen eben so alten Siz des Menschenkultur finden wir mitten
unter den Tropen in Meroë, einem leuchtenden Mittelpunkte
priesterlich-begründeter Zivilisazion; in der Süd-Westekke
von Arabien, berühmt durch die Homeriten und Sabäer
; in Indien; nicht dem von Alexander eroberten im
Pendjab, sondern in dem südlich vom Ganges gelegenen, in
Cambodja und Dekan. In allen drei Punkten wohnte die
Kultur nicht auf Berghöhen, sondern in den Ebnen selbst;
wo die mittlere Temperatur im Sommer 26 bis 27° R. erreicht. Andere
Mittelpunkte der Kultur sind durch ein unbeständiges Klima
ausgezeichnet: so Benares in Indien, aber den Bergen
schon näher gelegen, wo man eine Masse von Beobachtungen
mit maxima-thermometern von Symes angestelt
hat, durch welche es erwiesen ist, dass dort die Hize im
Sommer bis 34° R. im Schatten steigen kann, während
sie im Winter bis auf +6° sinkt: hier ist also ein
ganz unverhältnismässiger Unterschied in den Jahreszeiten
. Vom Aequator an bis 45° Nordbreite wo die mittlere
Temperatur zwischen 11 und 22° sich hält, da ist das
schöne Klima des Oelbaums, des Weinstoks, der Dattelpalme
und des Zukkerrohres. Unmöglich ist es nicht,
dass die Kultur in diesen schönen Himmelstrich eingewandert
sei, wenigstens haben wir keine sichern Data darüber
: allein Memphis, Babylon und Iran, wo eine so
hohe und ausgedehnte Kultur herschte, stehn diesen Ideen
entgegen, und zeigen, dass die Zivilisazion ihre Ursize auch
unter den Tropen haben kann.

Ganz anders wirkt die Kälte auf die menschlichen
Verhältnisse. In jenen Gegenden, wo die mittlere Temperatur
des Jahres −1 bis 1,5° R. beträgt, wo die des Sommers
sich nicht über +7° R. erhebt, (bei welcher Temperatur
erst die Birken anfangen auszuschlagen) da kann das
Menschengeschlecht nicht besonders gedeihen, noch weniger
zur Kultur sich erheben. Da wo nicht einmal
die mehlreichen Gräser fortkommen, die dem Menschen
zur hauptsächlichsten Nahrung angewiesen sind, da
kann keine Geistesausbildung Statt finden; (am höchsten
hinauf gedeihen die Gerste und die Kartoffeln)
dies ist das ganze nördliche Asien über 60° Nordbreite, in
Amerika fängt diese traurige Zone schon unter 53° an,
und erstrekt sich aufwärts vom Parallelkreise des südlichen
Labrador.

In Europa ist der nördliche Theil, die skandinavische
Halbinsel so gegliedert, und ihr Klima durch die obenerwähnten
Ursachen so gemildert, dass Gerste unter
69½° bis Lingnoch hinauf gebaut wird, nach L. v. Buch
und Wahlenberg. Jener Strich aber in Asien, zwischen
den Flüssen Lena, Jenisei und Obi, wo Finnen und
Tschuden wohnen, ist der sittlichen Bildung immer schädlich
gewesen. Diese Völker sind noch Barbaren zu nennen
gegen die zwar auch ungebildeten Bewohner der Bergrükken
von Zentral-asien. Denn wenn auch Mittelasien
nie Epoche gemacht hat, weder in der Völker- noch
in der Kulturgeschichte: so gehört doch der Flor von
Kaschgar zu den schönen Zeitpunkten: eben so die mongolische
Herschaft; Olug Beg aus dem Stamme der
Timuriden begünstigte sogar die Astronomie: die Sternwarte
von Samarkand war zu ihrer Zeit berühmt: doch
war dies alles nur, wie wir oben gesehn haben, ein Abglanz
der arabischen Kultur.

Klimate, wo die mittlere Temperatur +2 und 3° R. beträgt, sind
der Entwilderung des Menschengeschlechtes ebenfals
sehr ungünstig. Zwar finden wir im höchsten Norden,
in Island, die Blüte der skandinavischen Dichtkunst,
allein es scheint, als ob sie von fernher hereingebracht
wäre.

Nicht so mit der Wärme; sie hindert die freie
Muskelbewegung nicht, und überhebt den Menschen
der ängstlichen Sorge für seine Unterhaltung.

Unter allen Instrumenten ist das Thermometer dasjenige
, was den Menschen die meisten Ideen gegeben
hat: denn die Betrachtungen über die Vertheilung der
Wärme auf dem Erdkörper führten zu neuen Ideen über
Akkerbau, Handel und Kultur überhaupt: kein Instrument
erweiterte so sehr den Horizont, als grade dieses. Es wurde
1600 von Drebbe in Alkmaar erfunden, aber lange noch
nicht benuzt. Merkwürdig ist es, dass der grosse Halley
seine vielen theoretischen Untersuchungen über die Vertheilung der
Wärme auf der Erde ohne Thermometer gemacht hat.
Reaumur in Paris hat das Verdienst, dass er zuerst
das Thermometer anwendbar machte, indem es durch
ihn vergleichbar wurde. Er gab sie mehreren Reisenden,
besonders Jesuiten mit, die nach dem innern Afrika
und Indien gingen, und nun erst wurde es möglich,
die Temperaturen dieser Länder mit der von Paris zu
vergleichen. Damals klagte man sogar das Instrument
an, indem man nicht glauben wolte, dass die
hohen Wärmegrade bis 28°, die man bei uns auch zuweilen
findet, unter den Tropen so selten seien: man
stelte sich vor, dass das Thermometer dort bis 60° R.
und noch höher hinaufgehn müste; man vergas, dass
die Dauer einer Wirkung die Stärke derselben überwiegt,
und die Hize würde unter den Tropen noch viel unerträglicher
sein, wenn man dort so lange Tage hätte
als bei uns: so aber ist die Sonne regelmässig 12 Stunden
unter dem Horizonte, und die Wärme des einen
Tages kann sich daher nicht gleich an die Wärme des
vorangehenden anschliessen. Auch schwächt unter den
Tropen die Luft die Lichtstralen weniger beim Durchgange
: die Wärmestralung der Erde gegen den wolkenfreien
Himmel ist überaus gros: daher kühlt sich die
Oberfläche der Erde in der Nacht mehr ab.

Von der Temperatur der Wendekreise selbst wissen wir
mehr, als von der des Aequators: denn viele bedeutende
Städte liegen grade unter den beiden Tropici: Vera Cruz,
Havannah, Macao und Kalkutta liegen beinahe unter
23½° Nordbreite und in der südlichen Hemisphäre haben
wir Rio de Janeiro in derselben Lage. Das maximum
der Temperatur der Sommermonate ist unter den Tropici
grösser als unter dem Aequator selbst: aus mehrerer Gründen
. Unter dem Aequator geht zwar die Sonne durch den
Zenith, aber es liegen mehrere Monate dazwischen, ehe
sie wieder dahin; unter den Tropici bleibt sie länger im
Zenith, und ihre Bewegung ist langsamer, daher erregt
sie mehr Hize. Merkwürdig ist es, dass Geminus die
meisten dieser Gründe sehr richtig angiebt, besonders
den von der langsamen Bewegung der Sonne unter den
Tropici.

Von der Temperatur der Ebnen in der Nähe von Bergen.

Die Einwirkung der Berge auf die Temperatur der Ebnen
ist sehr verschieden, bald erwärmend bald erkältend, je nach
den Lage und Himmelsgegend. Wo die Bergthäler in die Ebnen
auslaufen, da wirken sie wärmend, als Polygonalfiguren;
die der Sonne eine grössere Fläche anbieten: schüzend, wo sie
die kälteren Luftströme abhalten: erkältend, wo sie dieselben
aufhalten; wenn also bei uns eine Bergkette im Süden einer
Ebne hinzieht, so wird diese dadurch erkältet, weil die Nordwinde
aufgehalten werden. Vom Harz bis zum Ural findet sich
nördlich eine Ebne, die kaum von kleinen Hügelreihen durchzogen
wird, die die Nordwinde nicht abhalten können: daher ist
das Klima der Ebne kälter, als es sein solte: doch hat man
diesem Grunde zu viel Gewicht beigelegt. Die älteren Schriftsteller
z. B. Hippocrates haben sich mehr an Localphänomene gehalten
, als dass sie das Ganze richtig verstanden hätten: doch
kann man dies dem grossen Griechen um so weniger verdenken,
da er einen Kontinent vor sich hatte, der wie keiner anderer, regelmässig
gegliedert ist. Ganz Nordamerika und Nord-Asien sind
den erkältenden Nordwinden ohne Schuz ausgesezt, deshalb ist
ihre mittlere Temperatur so niedrig. Die Berge welche als
erhobene Erdmassen oder Zapfen sich auf dem Boden des Luftmeeres
erheben, erwärmen sich im Sommer anders, als die
umgebende Luft. Eine kahle Bergspize mus erkältend wirken,
weil sie in der Nacht mehr Kälte stralt, als das umgebende
Erdreich: allein eine grüne bewachsene Bergmasse wird mehr
Sonnenstralen absorbiren, und daher die Luft erwärmen.
Eine Bergspize erkältet, indem bei Tage ein warmer Luftstrom

an ihren Seiten in die Höhe steigt: der allerlei leichte
Körper mit sich fortführt: daher findet man Insekten auf
Höhen von 18000 Fus, daher weitentfernt wachsende Gräser auf
der Silla von Caracas. In der Nacht dagegen geht ein Luftstrom
von der Spize des Berges abwärts. Allein auch diesem
Einflusse darf man auf die Temperatur eines Ortes nicht zuviel
zuschreiben. Endlich erkälten die Berge noch, insofern sie Schatten
geben, und den am Fusse liegenden Ebnen die Sonnenstralen
früher entziehn.

Weit mehr als alle Gebirge wirkt auf die Temperatur eines
Ortes der Zustand der Ebne selbst, und es sind hier eine
Menge von Bedingungen zu beachten, die auf vielfache
Weise in das Klima eingreifen. Nicht allein die chemische
oder geognostische Beschaffenheit der Ebne kömt hier
in Anschlag, sondern auch das Ansehn ihrer Oberfläche und
besonders ihre Farbe. Ganz anders wird der Zustand, wenn
sie dunkel ist oder hell, rauh oder eben, mit Rasen oder
mit Sand bedekt; ob Thonschiefer, Sandstein oder Flözkalk
darauf vorkomt pp. ob die Luft darüber trokken oder feucht,
ruhig oder bewegt ist. Davy in seiner Agricultur-chemie
führt eine Menge Versuche an, die er mit verschiedenen
Erdarten nach ihrer relativen Erwärmung und Erkältung
gemacht. Ein schwarzes Erdreich 1 Stunde der Sonne ausgesezt
, erhizte sich von 15 bis auf 25° R. ein weislicher
Mergel, also eine dekomponirte Gebirgsart nur von 15 bis 16½°.
Dafür steht aber die nächtliche Erkältung durch Wärmestralung
mit der Erhizung in demselben Verhältnis: weil
alle guten Wärmeleiter die Wärme eben so leicht wieder
ausstralen, oder, wenn man will, gute Kälteleiter sind: der
schwarze Boden, in der Nacht einem wolkenfreien Himmel
ausgesezt, verlor in einer halben Stunde 7° R. der weisse
nur 2°.

Die Moräste und Wälder sind wichtig für die Temperatur
einer Ebne. Schon die Alten haben es eingesehn, dass die Moräste
, wenn sie im Winter nicht frieren, temperirend auf die
Athmosphäre einwirken, grade wie das Meer, welches Wärme
und Kälte mildert. Wo sie aber frieren, da bilden sie gleichsam
Gletscher im flachen Lande, die oft bis in den Juny
hinein nicht aufthauen, und eine Menge Wärme aus der
Luft absorbieren. Da wirken sie also erkältend. Die Wälder
erkälten nicht durch den Schatten, den sie geben, wie man
dies gewöhnlich annimt, sondern als wärmestralende Körper
. Es ist durch Wells schöne Versuche erwiesen, dass dünne
Flächen, Pappierstreifen, Wolle pp. wenn sie dem wolkenfreien
Himmel bei Nacht ausgesezt werden, sich schneller erkälten,
als dikke Flächen: darauf beruht die erkältende Eigenschaft
der Wälder; im Winter wirft der Baum sein appendikuläres
System ab, und lebt allein auf seiner holzigen Axe: im
Sommer aber stralt jedes Blatt Wärme, und erkältet die
umgebende Luft.

Unter den Tropen überall, und bei uns auf den Bergen
ist die Stralung des Bodens stärker, als in unsern Ebnen,
wo die Luft feuchter und dunstiger ist: daher ist auf den
lezten bei Tage die Wirkung der Sonne im Verhältnis stärker.
In Peru, wo es nie regnet, kann man dennoch lange Zeit hindurch
die Sonne und den Mond mit blossen Augen betrachten,
weil ein nebelartiger Dunst, die garūa, den Himmel mehrere
Monate lang umschleiert. Daher ist es glaublich, dass die
Peruaner die Sonnenflekken früher gekant haben, als die Chinesen
. (Die Araber glaubten, Merkur sei von der Sonnenscheibe
sichtbar.) Wenn in jenen Ländern die Sonne 5–6 Monate
lang, nur als eine rothe Scheibe erscheint, so kann es kom̃en,
dass das Thermometer bis auf +13° R. sinkt, eine dort sehr
bedeutende Kälte, die dem Akkerbau oft Gefahr bringt.

In Caxamarca, das 10000 Fus über dem Meere liegt, ist die
mittlere Temperatur +14° R. welches mit dem schönen Klima
von Bordeaux und Marseille übereinstimt; dennoch erfriert
im Sommer das Getreide fast alle Monate, und es ist natürlich
, dass dies auch auf den Zustand der Menschen Einflus
hat. Da dies Thermometer in Caxamarca nie auf ±0° R. sinkt,
und doch das Getreide erfriert, so sieht man, dass dies blos eine
Wirkung von der starken Wärmestralung der dünnen Halme ist.
Den Kältegrad zu bestimmen, den diese Körper erreichen, ist nicht
gut möglich, da keine Thermometerkugel klein genug ist, um
sie in das Parenchyma der Pflanzen zu bringen. Der tiefste
Stand des Thermometers in Caxamarca ist +3° R.: allein auf
die Stralung kann man wenigstens noch 6° rechnen, und so ist
es möglich, dass das Getreide sehr leicht erfriert.

48. Vorlesung, 2. April 1828

Die geographische Verbreitung der Wärme zerfält in 2 Hauptmomente
, in die Temperatur der Land- und Seeluft. Die Seeluft
hat eine mehr gleichmässige Temperatur: so ist es erwiesen
, dass der atlantische Ozean sich selten unter +7° R. erkältet
, und die Luft darüber nicht unter +5°. Bei der Seeluft
mus man unterscheiden, ob sie auf dem flüssigen
Meere ruht, oder auf dem starren (dem Eise) und hierbei sind
wieder einzelne Momente zu unterscheiden, welche die Temperatur
modifiziren. Die Winde können wir betrachten:

1, als blosse Bewegungen der Luft, ohne auf ihre Richtung
Rüksicht zu nehmen: in dieser allgemeinen Eigenschaft
sind sie bei bedektem Himmel erkältend: denn sie vermehren
die Ausdünstungskälte. Captain Parry hat bei seinem Aufenthalt
am Nordpol bemerkt, dass man die gräsliche Kälte
von 37° R. im Freien mehrere Stunden recht gut ertragen konte:
wenn man einigermaassen warm gekleidet war, und kein
Wind wehte; beim Winde aber wurde eine Kälte von 25°
unerträglich, weil alsdann in jedem Augenblikke die wärmeren
Luftschichten von der Haut weggeweht werden. Dagegen
wirkt der Wind erwärmend, insofern er die Ausstralung
der Wärme schwächt: daher kömt es, dass man bei
einem sternenklaren Himmel Frost prophezirt, dass die
künstliche Eis-bereitung in Indien je besser von Statten
geht, je ruhiger die Luft ist.

2, nach der Richtung, aus der sie wehen, und da sind die
beiden Kardinalpunkte: Land- und Seewinde, wegen der
immer verschiedenen Temperatur des Landes und Meeres.
Dies ist von gröster Wichtigkeit für die Schiffahrt in den
Inselmeeren. Länge Zeit hielten sich die spanischen Gallionen,
welche von Acapulco nach den Philippinen gehn, entfernt von
allen den vielen Inseln, welche dazwischen liegen, und suchten
eine nördliche Breite von 40–45° um den Wind zu nehmen:
daher wurden diese Inseln so spät entdekt: allein seit
10 Jahren hat man die Erfahrung gemacht, dass man die
Fahrt von Manilla nach Peru machen kann, indem man
zwischen den Tropen bleibt, indem man aufmerksam auf die
Landwinde bei den Inseln geworden ist. Eben so ist es mit
der Fahrt an der Küste von Peru. Von Callas nach Guayaquil
gelangte ich in 3 Tagen, während man zu der Rükfahrt oft
so viele Monate brauchte: man entfernte sich sehr von der
Küste, um den Wind zu finden: allein seit kurzem hat man
angefangen, nahe an der Küste zu bleiben, um die Land- und
Seewinde zu benuzen, und nun macht man diese Fahrt beinahe
eben so schnell hinauf als herab.

Bestimtere Kardinalpunkte, aus denen der Wind bläst sind
im Grossen für die beiden Hemisphären die heteronymen
Pole: bei uns wird der Himmel durch den Süd- und Südwestwind
mit Wolken bedekt, in der südlichen Halbkugel durch den Nordwind
. Bei uns ist der Nordwind ein kalter, bei jenen der Südwind.

Die Schnelligkeit des Windes ist durch Kraft berechnet worden
auch Oltmanns in Kuxhaven hat Versuche darüber gemacht.
Ein heftiger Wind, (kein Sturm) wie er im Winter häufig weht,
legt 25 Fus in einer Sekunde zurük, mithin 4 Meilen in
einer Stunde: er braucht von Nova Semla, als dem lezten
Eisbolwerk von Asien bis zu uns 4 Tage: daher können die
Luftschichten sich doch unterweges etwas erwärmen. Von den
Küsten von Afrika bis Berlin braucht er 2 Tage, und wird
während dessen bedeutend erkältet.

Hier wäre der Ort, etwas von den Moussons zu sagen, die
in dem Bassin des alten Kontinentes zwischen Madagaskar
und dem vielfach zertrümmerten Archipelagus von Indien
wehen, in dem Meere, welches man: das indische nent, in welches
sich die Pyramidalform von Indien selbst hineinerstrekt
. Sie beruhen auf einer ungleichen Erwärmung des
Kontinents und des Meeres und wehen mit grosser Regelmässigkeit
von Nordost und wieder von Südwest. Dieser Wechsel ist
für die Schiffahrt von der grösten Wichtigkeit. In der indischen
Halbinsel trüben die Südwestwinde die Luft, und bringen Regen.
Man sagt besser Moussons als Monsoune: man könte glauben
, es käme aus dem französischen: aber weit entfernt
davon stamt es aus dem malayischen, wo Mousin, Jahreszeit
bedeutet. Die Griechen, unter Alexander und seinen
Nachfolgern, wurden durch die Regelmässigkeit dieser Winde
sehr in Verwunderung gesezt. Arrian, der auf alle Naturphänomene
sehr aufmerksam ist, vergleicht sie mit den etesischen
Winden in Aegypten, die von Nordwest her das Nilthal
durchziehn.

Manche Temperatur-veränderung wird auch durch andre
Luftbewegungen von oben nach unten herbeigeführt: wir
sehn, dass oben oft eine andre Bewegung ist, als unten: Gewölk,
das sich in 6000 Fus Höhe bildet, zieht in anderer Richtung
als die Wolken näher der Erde. Dies hängt mit dem Strome
warmer Luft zusammen, der sich beständig von dem Aequator
nach den Polen hin ergiest. L. von Buch macht es
wahrscheinlich, dass diesem Umstande die westlichsten der kanarischen
Inseln ihr sonderbares Klima verdanken. Vielleicht
komt eine ähnliche Bewegung von oben nach unten im Innern
von Afrika vor; wir haben darüber in der lezten Reise von
Denham und Clapperton genaue Nachrichten: in einer Ebne,
die höchstens 800 Fus über dem Meere liegt ist der Dr Oudney
in einer Nacht erfroren und Wasserschalen, die neben ihm gestanden
hatten, waren mit Eis bedekt: wenn aber auch diese
lezte Beobachtung nicht ganz sicher ist, und auch wohl eine
blosse Erkältung dem Dr Oudney kann den Tod zugezogen
haben: so ist es doch sicher, dass am Morgen die ledernen
Wasserschläuche hart gefroren waren. Eine andre Beobachtung
dieser Art verdanken wir den verdienstvollen Reisenden Ehrenberg
und dem unglüklichen Hemprich. Unter 19° Nordbreite in den Wüsten
von Dongola stand das Thermometer auf +2½° R. beim Nordwinde,
eine in diesen Breiten ungewöhnliche Erscheinung. In Westindien
habe ich es nie unter +15 bis 16° sinken sehn, und doch liegen
diese Gegenden unter derselben Parallele wie Dongola: hier kann
diese ausserordentliche Erscheinung nicht blos eine Wirkung des
Nordwindes sein, der auch bei gröster Geschwindigkeit sich kalt
nicht erhalten könte: vielleicht es eine Folge von der Ausdehnung
der Dämpfe, wegen der grossen hygroskopischen Trokkenheit der
Wüste: man hat die Beobachtung gemacht, dass wenn nasse
Luft sich in trokne ergiest, so wird Kälte erregt: nun könte
es sein, dass von obenher nässere Luftschichten in die
troknen der Wüste geführt würden, und dass diese Vermischung
das Thermometer so weit herabdrükte.

L. v. Buch und Wahlenberg haben uns schäzbare Bemerkungen
über das Küsten- und Kontinental-klima der
skandinavischen Halbinsel gegeben. Von Alten bis zum
Nordkap, welche ° auseinanderliegen, verändert sich die
Schneegränze um 1100 Fus: an dem ersten Ort findet man
Schnee in 3300 Fus Höhe, an dem 2ten in 2200 Fus obgleich
ihre mittleren Temperaturen nicht ausserordentlich verschieden
sind: allein die Schneegränze hängt nicht von der mittleren
Temperatur des ganzen Jahres, sondern von der des heissesten
Monats im Jahre ab. Am äussersten Ende der Bretagne
fand ich vor einigen Jahren Pflanzen, welche sonst nur in
südlicheren Breiten vorkommen: Laurus nobilis im Freien,
von 60 Fus Höhe, und wie ein Mann im Leibe dik; Arbutus Unedo
den wir bei uns in den Treibhäusern ziehn, als ein kleines
Gebüsch am Strande des Meeres; dennoch wächst in diesen
Gegenden kein Wein, weil der Winter zwar wenig kalt, aber
der Sommer auch wenig warm ist: und den Pflanzen, welche
im Winter ihr appendikuläres System abwerfen, kann es
gleichgültig sein, ob alsdann die Kälte etwas stärker ist
oder nicht: allein im Sommer brauchen sie einen bestimten
Hizegrad, um zu blühen und Früchte zu tragen. Dazu kömt,
dass jene Gegenden Küstenländer sind; das Meer nimt jede Temperaturveränderung
langsamer an: es gefriert dort, so wenig
als bei uns, daher können sich weder Schnee noch Eis darauf
lagern, wohl aber auf dem Lande. Überdies hat jede grosse
Wassermasse eine Tendenz im Winter warm zu bleiben, weil
die kälteren Theile als die dichteren, zu Boden sinken; im
Sommer aber wirkt sie erkältend durch die Verdünstung, bei
der jedesmal Kälte entsteht: daher sind die Küsten meist
neblig, weil die Dämpfe sich auf dem ungleich-erwärmten
Kontinente niederschlagen. Mit einem Worte: die Nähe des
Meeres wirkt temperirend auf Sommer und Winter.

Die entgegengesezte Erscheinung sehn wir an den Kontinentalklimaten
, wohin man Ungarn und Rusland rechnen kann:
hier sind die Sommer sehr heis, und die Winter sehr kalt.
Buffon nent sie sehr richtig: climats excessifs. Das Maximum
eines solchen Temperatur-unterschiedes findet sich in den vereinigten
Staaten von Nordamerika: hier giebt es Orte, wo
der Sommer so heis ist, wie in Palermo und Malta, der
Winter so kalt, wie in Upsal. Es ist natürlich, dass dies einen
grossen Einflus auf das Wohlbefinden der Menschen, auf
ihnen ganzen bürgerlichen Zustand haben mus.

Wenn man diese Veränderungen durch Zahlen ausdrükt,
wenn man das numerische Element in denselben aufsucht
: so ist man oft verwundert über die kleine Verschiedenheit
bei anscheinend sehr abweichenden Klimaten, die besonders
in den Pflanzen gar nicht über einzustimmen scheinen. Dies
brachte Arthur Young auf den Gedanken, eine Karte
zu entwerfen, wo durch Linien die Kultur des Weines
und des Oeles angedeutet war. In England, Dännemark
und bei uns mus man den schönen Rasen durch Sonnenmangel
erkaufen; in Ländern, wo der Oelbaum und Weinstok fortkommen
, ist der Rasen ausgedört und verbrant. Der numerische
Unterschied zwischen der weinlosen Bretagne und den
weinreichen Hügeln von Orléans und der Champagne beträgt
nur 1 oder 1,2° R. in der mittleren Temperatur.

Wir haben aber auch gar kein Mittel, die grosse Hize
zu bestimmen, die in dem Parenchyma der Pflanzen und
bei andern Gelegenheiten durch den Kontakt mit den reinen
Sonnenstralen erregt wird. Unsere Thermometer können immer
nur die Temperatur der Luft angeben. Gay Lussac hat
hierüber viele Versuche angestelt, bei denen ich meist gegenwärtig
war. Ein Gemenge von Wasserstof und Chlor, dem
reflektirten oder getrübten Sonnenlichte ausgesezt, explodirt
durchaus nicht, im reinen Sonnenstral aber augenbliklich.
Im August ist zwar die Erleuchtung der Athmosphäre weit
stärker, als im Januar, aber ein bezogener Himmel reflektirt
das Licht fast wie ein Spiegel, und an dunstigen
heissen Tagen im August explodirt jenes Gemenge nicht, während
ein schwacher Stral im kalten Januar es augenbliklich
entzündet. Etwas ähnliches mag wohl im Parenchyma
der Pflanzen vorgehn, daher ist es gar nicht einerlei,
ob sie coelo sudo oder sereno wachsen.

Die Passatwinde sind Ostwinde, die herschenden Winde in
der temperirten Zone sind Westwinde: daher sind alle
westlichen Küsten bei uns wärmer als die östlichen. Da
man an den beiden Ufern des atlantischen Meeres, in
Europa und an der Ostküste von Amerika die meisten
Temperatur-beobachtungen gemacht hat: so ist daher der
falsche Begrif entstanden, als ob Amerika überhaupt
kälter wäre, als Europa: es liegt blos darin, dass das erste
eine Ostküste das andre eine Westküste ist. Kalifornien
ist eben so warm als die Länder bei uns unter derselben Breite,
ja vielleicht noch etwas wärmer. Captain Lewis fand am
Ausflusse des Rio Columbia, zwischen 46 und 18° Nordbreite, dass
es nur wenige Tage und sehr leicht im Winter gefroren
hatte: unter 37° wachsen in Californien schon die Oelbäume.
Dieser Breite entspricht in den vereinigten Staaten ungefähr
Baltimore, aber weit entfernt, dass dort Oelbäume fortkom̃en
solten, findet man sie kaum in Süd-Georgien. Eben so verhält
es sich gegen Asien hin: um in Amerika ein Klima zu finden,
was dem von Paris gleich sei, müste man bis in die Breite
von Neapel heruntergehn; in Asien auch bis 40° Nordbreite wo Peking
ungefähr dasselbe Klima wie Paris hat. Verbindet man diese
3 Punkte, so entsteht eine isotherme Linie, die sich nach Osten und

Westen hin gegen den Aequator senkt. Berlin, Kamtschatka, der

Peter-Paulshafen und Labrador haben dieselbe Breite, und
doch ist in Berlin die mittlere Sommertemperatur +7° R., die des
Winters −½° R.; in Labrador für den Sommer −2° R., für den
Winter 12° R.

Hieraus kann man sich schon einen Begrif machen, wie
man isotherme Linien zieht. So wie Halley zuerst darauf kam,
alle Punkte der Erde, die eine gleiche Abweichung der Magnetnadel
haben, durch Linien zu verbinden, so hat man in
neuer Zeit alle Punkte verbunden, die eine gleiche mittlere Temperatur
haben. Es war aber hiebei nöthig, auf eine Idee zu verfallen,
wie man durch eine einfache Zahl die Temperatur angeben könte.
Maraldi und Celsius wolten von 2 Tagen das maximum
und minimum der Wärme und Kälte nehmen, um die mittlere
Temperatur zu finden: allein diese Data sind nur Zufälligkeiten
. So verglich Maraldi das heisse Jahr von 1719 mit den
sehr kalten von 1709 und 1740. Dann fiel man darauf,
den heissesten und kältesten Monat, Dezember und August
zu vergleichen. Réaumur hatte den richtigen Begrif von
der Sache; dass in jedem Tage eine arithmetische Progression
von Kälte und Wärme statt finde: so bestimte er durch
eine Menge von Beobachtungen die mittlere Temperatur von
Paris für 1735. Man müste eigentlich von Stunde zu Stunde
beobachten: die Beobachtungen summiren und durch die
Zahl der Beobachtungen dividiren, um ein genaues Resultat zu
erhalten. Die gewöhnlichen Beobachtungen um 9 Uhr früh, 12 Uhr
Mittags und 11 Uhr Abends geben fehlerhafte Resultate, theils
weil hiebei das maximum der Kälte vernachlässigt wird,
das gegen Morgen fält, theils wegen der nicht-berüksichtigten
ungleichen Dauer der Zwischenzeiten. Man addirt auch
wohl die Beobachtungen vom Morgen und Nachmittag zusammen
, ohne zu bedenken, dass die Kurve der Wärme in der Nacht
sich ändert.
Carte des lignes Isothermes par M. A. de Humboldt
Indessen ist dieser Unterschied sehr gering, und beträgt
nach meinen Berechnungen kaum 0,1° R. Am besten ist
es man addirt das minimum und maximum des ganzen Tages,
und nimt das Mittel daraus. Alström hat eine gründliche Abhandlung
darüber geliefert, nach der Idee von Tralles, der
die Temperatur eines Tages durch 4 Parabeln darstellen wolte.
Posselt und Poggendorf gaben Formeln für die Berechnung, und
Gaus eine sehr gute Formel für die Interpolazion. Die Berechnungen
des Dr Waldek in Koburg passen nur für eine
gewisse Breite: denn bei uns ist das maximum der Wärme
um 2 Uhr Nachmittags, an andern Orten um 1 Uhr pp.
Auch die mühsamen 10-jährigen Beobachtungen von Brandes
in Cuxhaven sind nur von relativer Wichtigkeit. Grasmann
kam darauf, die Temperatur nach dem falschen Gange einer
Uhr ohne Kompensazion zu bestimmen, die durch das Thermometer
berichtigt werden solte: allein die Sache ist zu unsicher.

Ein wichtiges Resultat ist dies: dass es eine Stunde des Tages
geben mus, die die mittlere Temperatur des ganzen Tages darstelt, einen
Tag, der die des Monats giebt, einen Monat, der das Jahr
repräsentirt. Dies erhielt man durch 17500 Beobachtungen auf
dem Schlosse Leece bei Edinburgh: wenn man um 9 Uhr 13 Min.
Morgens, und 8 Uhr 27 Min. Abends beobachtet, so erhält man
die mittlere Temperatur des Tages: oder auch, wenn man die Temperatur
von 8 Uhr Morgens und 8 Uhr Abends addirt, und durch 2 dividirt
. In Ofen in Ungarn liegt die mittlere Temperatur des Jahres
zwischen dem 15–20 April oder 18–22 Okt.
in Mayland: 15–20 16–20.
in Paris: 15–22 15–22.
nach Bouvard 20 jährigen Berechnungen: wenn man daher die

mittlere Temperatur des ganzen Jahres haben will: so braucht man nur

den ganzen Oktober hindurch zu beobachten: dieser eignet sich noch
besser als der unbeständige April.

49. Vorlesung, 9. April 1828

Wir haben uns bisher mit der Athmosphäre nach ihren Analogieen
und Kontrasten beschäftigt. Das Minimum davon finden
wir beim Monde, das Maximum bei den Kometen. Der Bielasche
Komet, welcher uns am gefährlichsten werden könte, da er die
Erdbahn schneidet, hat nach Olbers Messung 15–24 Meilen Durchmesser
: also ist er die Hälfte kleiner als Vesta, welche 60
Meilen hat. Man konte durchaus keinen Schweif an ihm entdekken
; er enthält vielleicht nicht mehr bewegbare Materie
als ein grosser Meteorstein: dennoch beträgt seine Dunsthülle
4⅔ Erdhalbmesser.

Nach der Dämmerung würde unsre Athmosphäre 10 Meilen
hoch sein: nach den Sternschnuppen aber, und den Entzündungen
der Meteorsteine mag sie wohl bis 30 Meilen hinaufreichen.

Die Klimatologie ist die Lehre von den wichtigsten Modifikazionen
des Luftkreises.

Eine Skala für die mittlere Temperatur eines Ortes giebt uns
die Kultur der Gewächse: von Süden nach Norden folgen sich:
die Kokuspalme, die Musaceen, die Dattelpalme, das Zukkerrohr
, der Oelbaum, der Weinstok, die mehlreichen
Gräser und die Kartoffel.

Der Wein erstrekt sich höher an den Bergen hinauf, als
er im Verhältnis der mittleren Temperatur nördlich in den
Ebnen fortkomt: denn auf den Bergen ist dünnere und troknere
Luft, daher grössere Intensität der Wärme. Von der grossen
Wärme, die das Eindringen der reinen Sonnenstralen in das
Parenchyma und Zellgewebe der Pflanzen momentan erregt, können wir
uns nur nach den Versuchen von GayLussac (der eine Gemenge
von Chlor und Hydrogen durch den reinen Stral entzünden
lies) einen ungefähren Begrif machen: denn unsre Thermometer
geben nichts davon an.

Wenn trokne Luftschichten sich in feuchte ergiessen, so
entsteht Verdunstung und Kälte. GayLussac umwikkelte
die Kugel eines Thermometers mit dünnen nassem Papier,
und blies darauf einen Strom sehr trokner Luft von +25° R.
er konte das Thermometer dadurch bis auf +10° herabdrükken;
eine Erkältung, die viel bedeutender ist, als die, welche
Wells durch Radiazion eintreten sah. Über die sonderbare
Einwirkung des veränderten Ausdehnungszustandes berichtet
Captain Sabine. Als er sich in Gori an der Westküste von
Afrika befand, drükte der sonst so heisse Wüstenwind
Harmattan das Thermometer bis +15° R. herab, ohne Zweifel
, weil sich trokne Luftschichten aus dem Innern von Afrika
in die feuchteren Küstenlüfte ergossen.

Wir haben gesehn, dass alle Westküsten wärmer sind, als die
Ostküsten. Parry bemerkte in den nördlichen Gewässern, dass
alle Ostküsten mit Eis belegt waren, die Westküsten frei davon
, und erklärt dies durch die Rotazion der Erde, was allerdings
seinen physikalischen Kentnissen nicht viel Ehre
macht.

Wir haben von den isothermen Linien gesprochen, und bemerkt,
dass sie weder mit den Parallelen noch auch mit dem Aequator
in Verbindung stehn, sondern nach Norden zu divergiren
. Paris und Berlin sind nicht sehr verschieden in der
mittleren Temperatur, von hier aus aber wird es kälter,
wenn man sich nach Osten entfernt, weil man mehr in ein
Kontinentalklima hineinkömt, und ist auch kälter an der
gegenüberstehenden Küste von Amerika, weil es eine Westküste
ist. Peking liegt südlicher als Neapel, und doch frieren
alle Jahre die Kanäle dort mehrere Monate. New York liegt
auch südlicher als Neapel, hat eine mittlere Sommertemperatur
von +21°R, und dennoch friert der Strom dabei alle Jahre.
Dagegen ist es am Ausflusse des Columbia-river milder im
Winter, als in Europa: Peking, Berlin und New-York bilden
eine isotherme Linie mit konvexem Scheitel.

Bei uns ist das maximum der Temperatur um Uhr
Nachmittag, das minimum kurz vor Sonnenaufgang: das
Mittel aus 2 solchen Beobachtungen gezogen, giebt die mittlere
Temperatur des Tages: wollte man eine 3te Beobachtung
etwa am Mittage hinzufügen, so würde man ein zu
grosses Resultat bekommen. Da aber die eine dieser Stunden
unbequem zur Beobachtung ist, so hat man die entsprechenden
Stunden des Tages aufgesucht, welche die mittlere
Temperatur repräsentiren, und so die Kurve für die
Tage, Monate und Jahre bestimt: in Edinburgh fällt diese
Stunde um früh und Abends, in Paris um früh
für das ganze Jahr fällt die mittlere Temperatur sehr übereinstimmend
in den verschiedenen Orten vom 15–20 April, und vom 15–20
Oktober. Da man aber auf diese Art immer noch 800 Beobachtungen
machen müste, um die mittlere Temperatur eines Ortes zu finden:
so hat man für die Reisenden mittelbare Beobachtungen vorgeschlagen
: aus der Quellenwärme läst sich sehr genau auf
die mittlere Temperatur eines Ortes schliessen: durch Bohrlöcher von 32 Fus
Tiefe erhält man sie vielleicht um ½° zu hoch, weil die Zentralwärme
des Erdkörpers hier schon einwirkt; auch die Temperatur
des Meeres ist dazu anzuwenden; unter 52½° Nordbreite würde
die Temperatur des atlantischen Ozeans der mittleren Temperatur von Berlin
entsprechen; auch nach der Kultur der Pflanzen läst
sie sich bestimmen, worüber schon Strabo sehr richtige Begriffe
hatte.

Um Vergleichungen anstellen zu können, bemerken wir, dass
die mittlere Temperatur von Berlin für das ganze Jahr +7° R. ist, welches
auch die mittlere Temperatur unserer Monate Oktober und April ist;
die mittlere Temperatur unseres wärmsten Monates, des August ist
zwischen +14 und 15° R.

In der Tropenzone ist zum Früchtetragen der Dattelpalme,
(Phoenix dactylifera) eine mittlere Temperatur von +18° R. nöthig: zum
blossen Wachsthum aber weniger: zwischen Genua und der französischen
Gränze im Bor di Ghera wo viele 1000 Dattelpalmen
einen wahren Tropenanblik gewähren, ist die mittlere Temperatur
nur +14° R.; starke Zitronen in freier Luft gezogen (nicht in
unsern Gewächshäusern, die man mit Hospitälern vergleichen
könte) können sehr gut eine Kälte von −6° R. ertragen, wie
dies nach Rissots Versuchen in der Riviera di Genova erwiesen
ist: sie brauchen eine mittlere Temperatur von +13½° R.; Der Oelbaum
welcher zwischen 36 und 44° Nordbreite fortkömt, braucht +11,5 bis
15° R. doch darf die mittlere Temperatur nicht unter +4,5° R. sinken.
Guter, alkoholreicher Wein braucht +7 bis 8° R. auch mus
die mittlere Temperatur der Wintermonate nicht unter den Gefrierpunkt
sinken: am Rhein haben die Wintermonate eine mittlere Temperatur
von +1° R. bei uns von + ¾° R.: die Sommerwärme ist am
Rhein +15° R. In Europa wächst Wein bis 50° Nordbreite in Amerika
nur bis 40° Nordbreite Die Cerealien oder mehlreichen Gräser
gedeihen, wo die Wintertemperatur −1½° ist, die des Sommers
+7 oder 8°, bei welcher Temperatur grade die Birken ausschlagen,
also die Natur zu erwachen anfängt. [Über diese Erscheinung
habe ich viele Untersuchungen angestellt, und bemerkt, dass
die Wärme schnell steigen mus, wenn das Erwachen der Pflanzen
sich zeigen soll: meistens mus die mittlere Temperatur sich auf
+5 bi 6° erheben, doch blühen die Pfirsichen schon bei +4½°:
die Birken schlagen aus, wenn die mittlere Temperatur des Monates +8¾° R.
ist, und dies ist in Rom der März, in Berlin der Mai, in
Upsal der Juli. Im südlichen Frankreich haben 270 aufeinander
folgende Tage eine mittlere Temperatur von +9°, in Petersburg nur 120:]
Die Gerste wächst da, wo nur 90 Tage eine mittlere Temperatur von
+7° haben. Die Kartoffel braucht noch weniger, da derjenige
ihrer Theile, den wir zur Nahrung nehmen,
ein unterirdischer ist, und vor der Kälte geschüzt steht.

Noch anschaulicher werden diese Temperaturverhältnisse, wenn
man die mittlere Temperatur zweier aufeinander folgender Monate vergleicht
, und das Maximum davon aufsucht: der gröste
Unterschied fält bei uns zwischen den März und April: er
beträgt ° R.: der zwischen April und May nur 3,2°: mehr
gegen Norden wird das Verhältnis ganz anders: in Petersburg
beträgt der Unterschied zwischen April und Mai °,
und doch ist die mittlere Wärme dieser beiden Monate nur +3°.

Daraus läst sich auch der Unterschied der Empfindung von
Wärme und Kälte erklären, die man im Sommer oder im
Winter beim Übergange aus dem Schatten in die Sonne, und
umgekehrt, hat. [In Potosi, welches fast 12000 Fus hoch liegt,
fürchtet man Erkältung beim Übergange aus der Sonne in
den Schatten.] Bei +3° im Schatten, wird die Temperatur durch 3°,
die man hinzufügt, verdoppelt: bei +18° im Schatten wird sie
durch mehr, nur wenig erhöht: es sind dann 3° ein aliquoter
Theil, der sehr wenig wirken kann.

Von der geographischen Vertheilung der Temperatur.

Das allgemeinste ist, dass sie vom Aequator nach den Polen
zu abnimt; die Eintheilung in Zonen ist hier nicht ganz
befriedigend, man mus Zwischenpunkte annehmen; Petersburg
und Madeira liegen beide in der gemässigten Zone, und wie
verschieden sind sie im Klima.

Über die Temperatur unter dem Aequator hat man viele Untersuchungen
angestelt. Atkinson in einer Abhandlung über
die Refrakzion behauptet, sie müsse +24° R. sein; allein nach meinen
Beobachtungen kann man sie nur zu +22,4° annehmen:
Ceylon giebt +21° Batavia 22,2°. Sie ist also ° höher, als
die mittlere Temperatur des wärmsten Monates in Rom, und 7° höher als

des August in Berlin.

Zwischen 18 und 23° nördlich und südlich vom Aequator ist sie
+19 oder 20° R. wir haben hier viele grosse Städte, welche ungefähr
unter den Tropici liegen; in Macao +19°, in Kanton +19°,
in der Havannah +20°, in Rio Janeiro +19° dennoch friert es
in Macao im Winter durch die starke Wärmestralung der
Nacht: daher sind die englischen Kaufleute dort gezwungen, Feuer zu machen,
um sich zu wärmen. Durch L. v. Buch kennen wir das Klima
der kanarischen Inseln sehr genau; unter 28° Nordbreite beträgt
es +18,2° R. also mehr als der Sommer in Berlin.
Nach Nouets Beobachtungen, die ich berechnen lies, ist das
Klima von Kairo (unter 30° Nordbreite) = +18° R. mittlere Temperatur

Von 45 bis 52° Nordbreite ist das Klima zwischen +7 bis +
10° R. Mailand +8, Paris +7, Berlin beinahe +7°. [In Berlin
wird die mittlere Temperatur von Paris durch den Monat Mai dargestelt. ]
In Stokholm, = +4,5° R. in Åbo +4, in Petersburg +2,7.

Nahe am Pole fehlt es freilich an längeren Beobachtungen, doch
konte Scoresby unter 78° Nordbreite die mittlere Temperatur auf 5,5° R. bestimmen;
in Lapland, unter 67° Nordbreite, in Labrador und in Königsberg ist sie
±0° R. In dem Fort Entreprise an der Hudsonbay unter 64°

Nordbreite ist die mittlere Temperatur 7,5° R. Auf den Melville islands unter

74° Nordbreite fand Parry die mittlere Temperatur der 6 Wintermonate
von der gräslichen Kälte von 25° R.; die mittlere Temperatur des ganzen
Jahres mag 14,8° betragen.

dem kältesten Punkte,
wo Menschen wohnen,
nämlich Kupferindianer.

Die mittlere Temperatur des Pols selbst
kann man nur durch Analogie finden: Arago nimt sie auf
20° R. an. Doch ist es schon bemerkt, dass der Pol der Kälte
nicht mit dem Erdpol zusammenfält: sondern östlich von
der Lena, westlich vom Eiskap, bei der Bäreninsel in Neusibirien
unter 84° Nordbreite wo man die grosse Menge fossiler Knochen
findet. Der grosse Tobias Meyer, dem wir eine so schöne Abhandlung
über die Vertheilung der Wärme verdanken, fält noch
in den sonderbaren Irthum, dass er die Polarkälte = 0 R. annimt
. Im allgemeinen ist die mittlere Temperatur des Pols so tief unter dem
Nullpunkt, als die des Aequators über demselben.
50. Vorlesung, 10. April 1828

Die Temperaturabnahme ist verschieden in den verschiedenen Systemen
der isothermen Linien, dem trans- und cis-atlantischen.
Wenn man von Mexiko nach der Hudsonsbay fortgeht, so nimt
die Temperatur schneller ab, als in Europa unter denselben Breiten
. Wenn man, wie es auf meiner Karte von den isothermen
Linien geschehn ist, die Breitengrade in Zonen von 10 zu 10°
abtheilt, so findet sich vom Aequator bis zum Pol die schnellste
Abnahme der Wärme zwischen 40 und 45°; und dies stimt mit
der Theorie volkommen: denn die Variazion des Quadrates des
Cosinus, wodurch die Abnahme der Wärme ausgedrükt wird,
ist die gröstmögliche bei 45°. In jenen Gegenden, wo die nördliche
Kultur des Oelbaums mit der des Weines zusammenfält
, da treffen alle Umstände für die Entwilderung des Menschengeschlechtes
zusammen; wo die verschiedensten Produkte
neben einander stehn, da bildet sich Austausch und Handel,
und die Kultur mus ihre gröste Höhe erreichen.

In der mittleren Temperatur ist ein Jahr von dem andern
verschieden: dies beträgt in der temperirten Zone oft 2° R., also
fast ein Fünftheil der ganzen Quantität der Jahreswärme, und
beim Akkerbau komt es grade auf die Vertheilung der Wärme
durch das ganze Jahr am meisten an, besonders bei den mehlreichen
Gräsern. Man mus daher wenigstens das Mittel aus 10
Jahren nehmen, um die Temperatur bis auf genau zu bestimmen: also
gehören hiezu: das Jahr zu 400 Tagen, und an jedem Tage 4

Beobachtungen gerechnet; an 8000 Beobachtungen dazu. Unter den Tropen ist

dieser Unterschied viel geringer: er beträgt nur 1/20 der ganzen
Menge: bei 22° nur 1 oder ° Abweichung. In den einzelnen
Monaten ist der Unterschied wieder bedeutender: in Paris
hat man Beobachtungen seit 27 Jahren, die mit denselben oder
doch verglichenen Instrumenten sehr genau angestelt sind:
hier beträgt er in der mittleren Temperatur der Wintermonate oft 5 bis
6° R.; für den Januar wechselt die Temperatur von +3 oder 4°
R. bis zu 0,5°; für den August schwankt sie zwischen
+14 und +17°.

Vom Maximum der Wärme.

Man macht sich davon oft unrichtige Begriffe nach den
unsichern Beobachtungen die ohne Unterschied im Schatten,
in der Sonne oder bis starker Reverberazion vorgenommen sind.
Nach den vielfachen Untersuchungen, die ich mit Herrn Arago angestelt
, scheint es ein sicheres Resultat zu sein, dass kein
Reisender bei reiner Athmosphäre (in der keine Sandtheilchen
schwammen) 9 Fus über der Erde, im Schatten das Thermometer
über +37° R. hat steigen sehn. Herr Barter machte in Allahabad
mit treflichen von Cavendish gefertigten Instrumenten
Beobachtungen, und fand die Tage von +36° R. die Nächte
von +29,7° bis 30°; Captain Tuckey, der auf der unglüklichen
Expedizion nach Kongo zugleich mit dem treflichen
Botaniker Smith (der den Herrn v. Buch nach den kanarischen
Inseln begleitet hatte) umkam, fand die Tage von +36° die
Nächte von +28° R.; Captain Beaufort, der ebenfals, ein
Opfer des Klima, am Senegal fiel, will das Thermometer auf +38,5 beobachtet
haben, doch ist dies zweifelhaft; Mein Freund
Ritchie, der in der Oase von Murzuk starb, beobachtete
das Thermometer zwischen +38° und 43° R. um 2 Uhr Nachmittags
, und zwar Monate lang: doch war alsdann die Athmosphäre
mit feinem Staub erfült. Die Sandkörner, welche
an die Thermometer-kugel und mithin an die Menschen, und
alles was im freien ist, anschlagen, erwärmen sich mehr als
die Luft, und bilden Wärme-zentra, die nothwendig die
Temperatur sehr erhöhen müssen: dennoch ertragen die 3000
Einwohner von Murzuk diese Hize ohne Beschwerde.

Auffallend könte es erscheinen, dass in der temperirten
Zone weit häufiger als unter den Tropen eine momentane
grosse Hize eintritt. In Berlin haben wir Beobachtungen
von 20 Jahren, und nur alle 10 Jahr einmal steigt das
Thermometer bis +26°, zum Theil, weil im Som̃er in den langen Nächten der
Tropen mehr Wärme ausgestralt wird, als in unsern kurzen
Sommernächten: in Paris ist in 20 Jahren das Thermometer nur
einmal auf +29,5° R. gestiegen; und 1793 auf +30,7° R.–
nur 8 mal auf +28°.

Es ist ein verbreitetes Vorurtheil, dass man keine grössere
Hize als die des Blutes ertragen könne, denn schon in den
Dampfbädern steigt sie bei weitem höher: eben so falsch
ist die Angabe in den meisten physikalischen Handbüchern, dass
die Blutwärme +32° sei: sie beträgt beim Menschen noch
nicht +30° nach den Untersuchungen von John Davy.
Bei den Vögeln dagegen findet man es von +32 bis 35° R.
die Tauben haben +32°; Blacton, Banks und andere
haben Versuche in einem stark geheizten Zimmer gemacht:
sie konten 8 Minuten bei +102° R. aushalten: neben ihnen
sott das Wasser, Eier wurden gekocht, Beafsteaks gar; ihre
Uhrketten konten sie nicht anfassen, weil alles Metall glühend
wurde: dennoch schadete ihnen die übermässige
Hize nicht, weil sich eine Hülle um den menschlichen
Körper durch die kältere Espiration der Poren bildet, die
ihn schüzt. Der Sand unter den Tropen erreicht eine
hohe Temperatur: am Orenoco fand ich ihn nicht selten von 54° R.
Die schwarzen Steine in den Schellalas oder Katarakten, welche
durch eine besondere, hier nicht näher zu erläuternde Eigenschaft
des Wassers geschwärzt werden, haben oft 42 bis 44° R. Ich
untersuchte sie oft mitten in der Nacht, wo die Wärme der Luft
+18° war. Dies ist um so wunderbarer, da die schwarzen Körper
sonst bei Tage viel Hize anziehn, aber bei Nacht auch wieder ausstralen
.

Die gröste Kälte mas Parry mit eignen von Wollaston angefertigten
Weingeistthermometern, weil Queksilber sehr bald frieren
würde, und fand sie von 40° R. Die Eskimaux, welche in dieser
Temperatur leben, gehören dennoch zu den fröhlichsten Menschen
, die man kent: sie wohnen in kleinen Hütten mit Eisscheiben
, die zwar von innen manchmal schmelzen, aber bald
ersezt werden. Parry bemerkt, dass man in ruhiger Athmosphäre
bei 40° mehrere Stunden spazieren gehn kann, ohne sehr warm
gekleidet zu sein, dagegen fühlte man Beklemmungen, wenn man
in eine Temperatur von −5° R. zurükkam, und die Offiziere machten
alle Fenster auf, weil sie es vor Hize nicht aushalten konten.
Als Gegenstük dazu bemerkte ich in Guajaquil, dass bei +18° R.
die Leute anfangen, ihre Mäntel umzunehmen, um sich nicht zu
erkälten. Man kann es leicht im Gedächtnis behalten, dass auch
die maxima und minima der Temperatur unter dem Aequator
durch 40 über und unter dem Gefrierpunkt ausgedrükt werden,
so wie die mittleren Temperatur nicht weit von 20 liegen.
Es giebt noch eine zufällige Kälte, die nicht mit den Breitengraden

zusammenhängt: in Petersburg, wo man seit 1772 genaue
Beobachtungen hat, sank das Thermometer einmal bis 39,2° R., in
Berlin nach sichern Beobachtungen bis 21,5°. Herr Mögler, der
sich viel mit der mittleren Temperatur von Berlin beschäftigt, hat auf meine
Bitte die Beobachtungen der lezten 20 Jahre kritisch untersucht, und alle

Beobachtungen ausgeworfen, die mit unzuverlässigen Instrumenten gemacht

wurden: er fand in 27 Jahren nur 3 mal das Thermometer unter 20° am 24 Januar
1823: dann 1820 und 1809, und nur 4 mal unter 17° R.; in Paris
fiel es 1794 auf 18,8°; in Marseille, dessen mittlere Temperatur +11,5
ist, auf 13,5° im Jahr 1789.

Die mittlere Kälte, welche in den maxima und minima media
besteht, und welche jemand im Laufe von 3–4 Jahren in den folgenden
3 Städten erwarten könte, ist für Paris 8,5° R.

für Berlin 12,5°

für Petersburg 24,5°

Eine sehr merkwürdige zufällige Kälte findet sich in der Geschichte
der Araber. Als der Patriarch von Nicaea den Khalifen Al-
Mamun 829 n. Ch. G. nach Aegypten begleitete, fanden sie den
Nil bei Kairo gefroren, welches Abdellatif, nebst andern naturwissenschaftlichen
Bemerkungen, genau berichtet; es ist vorgekommen
, dass es in Lissabon, in Cadix, Algier und Kairo geschneit
hat. Das schöne Klima, wo man dieser unangenehmen
Empfindung auch nicht einmal auf ein paar Stunden mehr
ausgesezt ist, fängt erst unter 29° Nordbreite an, wo es auch nicht
mehr friert. Jene ausserordentlichen Erscheinungen kommen
aber bei der Vertheilung der Wärme auf die Jahreszeiten nicht
in Betracht. Wo die isothermen Linien einen konvexen Scheitel
bilden, da herscht wenig Verschiedenheit in der mittleren Temperatur des
Sommers und des Winters: dies ist das cisatlantische System;
wo sie einen konkaven bilden, da herscht sehr grosse: dies ist
das transatlantische System, welches Buffon mit Recht: climats
excessifs nent. New-York unter 40¾° Nordbreite also südlicher
als Neapel, hat einen Sommer wie Rom, einen Winter
wie Koppenhagen: in Quebek wird es noch schlimmer: hier
ist ein Sommer wie in Paris, ein Winter wie in Petersburg.
In meiner Abhandlung über das gelbe Fieber, habe ich zu zeigen
gesucht, dass die Tendenz dazu in dem Climat excessif mancher
Länder zu liegen scheint. Die Menschen aus den Aequatorialgegenden
oder nahe dabei, werden in der temperirten Zone selten vom gelben
Fieber angefallen: man sieht also, dass die Kentnis der isothermen
Linien auch in pathologischer Hinsicht nicht unwichtig ist: ich
habe auf meiner Karte durch 2 Zahlen die wie ein Bruch geschrieben
sind, die Temperatur des Sommers und Winters ausgedrükt,
und man wird finden, dass im cisatlantischen System der Unterschied
zwischen beiden weit geringer ist, als im transatlantischen.

Vom Unterschiede zwischen der nördlichen und südlichen Hemisphäre.

Durch Cooks Reisen ist das Vorurtheil verbreitet, dass die
südliche Hemisphäre kälter sei, als die nördliche, namentlich
weil der Südpol mehr mit Eis belegt sei, als der Nordpol:
allein Captain Weddel, der kürzlich Neu Shetland genauer
untersuchte, fand im Süden davon ein eisfreies Meer, und behauptete
, es sei leichter den Südpol als den Nordpol zu erreichen.
Vergleicht man Spanien und Kalabrien mit Chile und Buenos-ayres
, so ist es in Chili nicht kälter als in Cadix, welche
beide unter 36° Breite liegen. Am Vorgebirge der guten Hofnung
ist die mittlere Temperatur +15,5° R. im Port Jakson in Neu-Holland +15,4°,
in Buenos-ayres +15,8° R. Die grosse Kälte der südlichen Hemisphäre
fängt erst in der Breite von Berlin unter 51° am Cap Horn und
im Feuerlande an. Man hat viele Ursachen des Phänomenes
aufgesucht. Lambert in seiner Pyrometrie giebt an, dass die Irradiazion
oder Bestralung beider Hemisphären zwar gleich
sei, aber der Verlust in der südlichen grösser, weil dort der Winter
8 Tage länger ist. Die Sonne verweilt nämlich 8 Tage länger
in den nördlichen Zeichen. [Prévost sur le calorique rayonnant]
Allein dies ist zu unbedeutend, als dass es Einflus haben könte:
der Hauptgrund ist der Mangel an Kontinenten in der südlichen
Hemisphäre, sie ist eine pelagische, ozeanische, die weniger
Land enthält als die nördliche. Der Unterschied würde noch
viel grösser sein, wenn nicht unter dem Aequator eine Kompensazion
statt fände, welcher in Amerika und in Afrika einen
grossen Landstrich durchschneidet.

Vom Luftkreise im Verhältnis zu den Bergen.

Vor der Erfindung der Aerostaten im Aug. 1782. war uns die Kentnis
der obern Luftschichten nur durch Aufsteigen an den Bergen bekant
. Sonderbar ist es, dass einer der grösten Mathematiker des
vorigen Jahrhunderts Daniel Bernouilli, glaubte: die Temperatur
nehme nach oben zu: er sagt in seiner Hydrodynamik ausdrüklich
, [folgt die Stelle] verleitet durch die Beobachtungen des Pater
Feuillet. So glauben auch die Indianer in Südamerika, dass es auf
den Bergen wärmer sein müsse, und dass der Schnee von den salpetrigen
Salzen herrühre. Dass es aber nach oben zu kälter werde,
zeigt schon Gay Lussac’s Luftfahrt, wo unten in Paris +23° R.
waren, dagegen in einer Höhe, die den Chimboraço übertraf; −5 bis
6° R. Die Alten theilten Bernouilli’s Meinung nicht: Aristoteles
sagt ganz deutlich, dass es immer kälter werde, je mehr
man sich von der Erde entferne: freilich nimt er noch höher
hinauf eine wärmere Aetherschicht an, wie die Alten überhaupt
im Wiederkehren der Extreme sich gefielen: so glaubten
sie, dass es nach Norden hin bis zu den Riphäischen Bergen
zwar immer kälter werde, aber jenseit denselben wieder ein schönes
gemässigtes Klima hersche. So führt Geminus die Meinung an,
dass es unter dem Aequator kalt sein müsse; die Berge
standen ihnen daher nur bis zu einer gewissen Höhe in der kalten
Luft: dann kam eine wärmere Schicht, welche die Gipfel einhülte
, wo man den olympischen Siz der Götter annahm.
Die Kentnis der obern Luftschichten ist besonders wichtig für

die Bildung des Regens, Hagels und Thaues; sie bestimt die
Gränze, bis zu welcher Menschen wohnen können. In Europa haben
wir wenig Hochebnen: die von Spanien hat 2000 Fus Höhe, die
von Bayern nur 1500: unter den Tropen findet man sie von
10000 Fus. Zwar fand der Graf Velden in dem Val di Belta
ein Dorf auf 7100 Fus Höhe, aber dies gehört zu den Ausnahmen.
Über 40° Nordbreite können die Menschen auf einer Hochebne von 6000
Fus nicht mehr leben. Über die Zentralebne von Asien waltet
gewöhnlich ein Misverständnis. Die Gebirgsketten folgen sich
von Süden nach Norden so: Himalaya, Zuml, Bokto Altai:
ich habe den Flächeninhalt nach sehr genauen Karten berechnet
, und gefunden, dass er so gros ist als Neu-Holland. Dieser
Raum wird aber auch von tiefen Thälern durchschnitten. Gérard
auf seinen Reisen 1821 und 22 bestätigt es, dass zwischen Ladak
und Manes auf 14000 Fus Höhe Akkerbau getrieben wird, wo
schon unter dem Aequator ewiger Schnee liegt. Es ist dies eine
Folge der Wärmestralung auf den weiten Ebnen, die es möglich macht,
dass viele Millionen Menschen in diesen Höhen leben können.
Über die Ursach, warum es kälter auf den Bergen als in

den Ebnen sei, hat zwischen den Physikern ein grosser Streit Statt
gefunden. Das Licht durchstreift die Luftschichten, ohne sie zu erwärmen
: sie werden nur dann erwärmt, wenn das Licht durch einen
festen Körper absorbirt wird. Ich gehe daher, mit Wollaston, davon
aus, dass die Oberfläche der Erde als die Quelle der Wärme zu
betrachten sei, und dass mithin die Wärme abnehme, jemehr man
sich nach oben von ihrer Quelle entferne. Wenn man in eine
Eisenbarre nach einer logistischen Reihe Thermometer einsenkt,
und an dem einen Ende eine Quelle der Wärme anbringt, so werden
nach dem andern Ende zu die Thermometer immer weniger zeigen, und
zwar nach einem bestimten Verhältnis. Eben so wird es ein Verhältnis
geben, in dem die Wärme der Erdoberfläche nach oben hin
abnimt. Die Quantität des Wassergases, welches in den untern
Luftregionen schwimt, trägt auch viel zur Absorbzion der Wärmestralen
bei. Laplace erinnert sehr richtig, dass wenn keine
Athmosphäre da wäre: so würde es in 24000 Fus über dem
Meere nicht kälter sein, als am Meere selbst, weil dann nur
die Dilatazion der Wärmestralen in Betracht käme, die man als
Radien eines auf der Erdoberfläche aufstehenden Gewölbes betrachten
kann: ein Radius von 24000 Fus würde sich zum Halbmesser
der Erde verhalten, wie 0,001:1; Leslie glaubt, dass die
Kälte in den obern Schichten von der Ausdehnung der Luft herrühre
: da man gefunden hat, dass die Wärmekapazität der Luft
mit der Dichtigkeit zunimt: eben daher erklärte er die
wärmere Temperatur in den Bergwerken: allein er bedachte nicht,
dass jeder aufsteigende Luftstrom einen niedersteigenden voraussezt
, dass daher für Kälte und Wärme eine Kompensazion,

wenngleich nicht eine ganz volständige, Statt finde.

51. Vorlesung, 11. April 1828

Der Mythos vom Phaeton erwekte bei den Alten die falschen
Begriffe, als ob es nach den obern Luftschichten zu wärmer
wäre: doch haben wir eine Stelle vom Seneca über die relative
Kleinheit der Berge in Verhältnis zur ganzen Erde,
worin er deutlich ausspricht, dass die obere Luft kälter sei.
Plutarch in der kleinen Schrift über die Ursachen der Kälte,
und Theophrast über die Winde: sahen sehr wohl die Wirkung
des Luftkreises auf die Temperatur ein. Strabo erkante den
Einflus, den die Höhe des Bodens auf die Kultur hat: er
bemerkt, dass auf der Hochebene zwischen dem Taurus und Argäus
in Kleinasien kein Oel wächst, obgleich es 4° nördlicher
bei Sinope wieder gedeiht.

Das Licht geht durch Glas, aber nicht die stralende Wärme,
oder doch, nach Laroche’s Versuchen erst bei sehr hoher Temperatur.

Rumford war der irrigen Meinung, dass die Wärme im Wasser
durch Bewegung seiner Theile von unten entstehe: dagegen sprechen
Pictet’s und Leslie’s Versuche: sie erwärmten Wasser, indem sie
eine heisse Metalplatte darüber hielten: hier fand also
eine Bewegung von oben nach unten statt.

Die Temperatur der obern Schichten hängt von der der darunterliegenden
Erdoberfläche ab: daher wird man in einer Höhe von
7000 Fus eine andere Temperatur finden, je nachdem man sich über dem
Meere, über einem hohen Gebirge, oder dem Innern von Afrika
befindet.

Wenn das Meer plözlich um 4000 Fus sänke, so würden
alle Länder an demselben kälter werden, weil sie nun zu Bergen
oder Hochebnen geworden wären: doch würde sich dies mehr an
den Küsten als im Innern äussern.

Bei den Bergen müssen wir 2 Umstände beachten 1, sie
sind die Ursach von Wärme, weil sie bei Tage mehr Wärmestralen
absorbiren: 2, auch von Kälte, indem sie bei Nacht
mehr Wärme ausstralen: daher sind sie bei Tage wärmer, und bei
Nacht kälter, und haben auf ihrer Spize oft hängende Wolken von
niedergeschlagenen Wasserdünsten.

Die Wärmeabnahme von der Erdoberfläche nach oben ist nicht
allein wichtig für die Astronomie, sondern auch für die
Barometerformeln: selbst die besten und neusten sezen bei dieser
Abnahme eine arithmetische Progression voraus, die eigentlich
nicht statt findet: um diese Abnahme zu prüfen, hat man:

1, die Reisen auf hohe Berge, welche aber allein keine grosse
Sicherheit geben würden.

2, die mittlere Temperatur von Orten, die am Gebirge liegen,
welches bei uns meist nur elende Dörfer sind, unter den
Tropen aber liegen Städte von 50–60000 Einwohnern auf 10000 Fus
Höhe. Ich habe zuerst am westlichen Abhange der Anden die
Temperatur aufsteigend von 500 zu 500 Toisen eruirt.
3, die aërostatischen Reisen: die von Biot und Gay Lussac gaben

ein Resultat, das mit dem meinigen übereinstimte, doch ist
man auch hier nicht ganz sicher, weil zufällige Winde in diesen
Höhen die Temperatur verändern können. Sehr gut wäre es,
wenn man Stazionen in der Luft haben könte, und wirklich
hat Parry am Pole durch kleine Drachen die Temperatur erforscht:
auch könte man kleine Luftbälle an Schnüren bis 3000 Fus
in die Höhe gehn lassen, welche grade ein Maximum- und minimum-Thermometer
tragen könten.

4, durch die Wärme der Quellen auf hohen Bergen: doch ist
hier nicht sicher, die Temperatur zu hoch anzugeben, da die Quellen
sehr tief heraufkommen können.

5, man hat auch die Temperatur der Höhlen auf Bergen
vorgeschlagen: dies ist aber trüglich und gänzlich falsch,
weil aus dem Innern eine kalte Luft herausströmt. Fourier
zeigte überdies, dass die isothermen Schichten nach dem
Innern der Erde zu nicht in Bezug auf das Niveau des Meeres
stehn, sondern auf den Bergen höher, in den Flächen
tiefer liegen, nach ihrem Abstande von der Erdoberfläche; ich
habe in Mexiko Bergwerke untersucht, welche auf 12000 Fus
Höhe lagen, und fand in ihnen eine eben so hohe Temperatur
als in andern Bergwerken auf der Ebne.

Die Beobachtungen an den Abhängen der Berge sind sicherer,
als man glauben solte. Trotz der lokalen Perturbazionen wird
der ganze Abhang des Gebirges von dem ganzen Luftmeere gebadet
. Wenn man 700 Fus für 1° R. annimt: so fand ich 32
Punkte am Abhange der Andes, deren mittlere Temperatur
der der entsprechenden Ebnen bis auf 1° R. gleich ist; nur
bei 6 Punkten war der Unterschied 1,5° R. Die Städte in den

Andes welche auf 8000 Fus Höhe liegen, sind gewöhnlich

der Bequemlichkeit wegen, auf kleinen Hochebnen von einigen
Meilen Durchmesser gebaut, und haben deshalb eine etwas höhere
Temperatur als Städte, die in gleichen Höhen am Abhange
des Gebirges liegen, weil die Ebnen mehr Wärme
absorbiren: doch ist der Unterschied äusserst gering. Wenn
die Ebnen sich zu weiten Thälern ausdehnen, so wird auch
ihr Einflus als Ebne auf die Temperatur grösser. Die Wärme-abnahme
an den Kordilleren ist nicht gleich; zwischen 3000 und
7000 Fus ist sie sehr gering: denn hier liegt grade die erste
Wolkenschicht, welche vom Meere aufsteigt, am Gebirge, und
bringt, da sie wie ein Aërostat sich hebt, eine wärmere Luftschicht
von unten mit.

Spricht man die Resultate in Zahlen aus: so mus man
unter den Tropen 700 Fus steigen, damit das Thermometer
um 1° R. falle; nach meinen Untersuchungen. Saussure,
Ramond, Daubuisson bestimmen diese Höhe zwischen dem
45 und 47° Nordbreite im Sommer auf 520 Fus, im Winter auf
700. Laplace fand es sonderbar, dass die Wärmeabnahme
unter den Tropen geringer sei, als bei uns: weil man bis
dahin annahm, auch die Refrakzion sei unter den Tropen
geringer. Nach meinen Beobachtungen und denen von Maskeline
auf Jamaika (die Oltmans in Rechnung brachte)
fand ich, dass die Refrakzion unter 10° ganz gleich sei unter
der Tropen und in der gemässigten Zone, und Laplace gab
nun eine Formel, um aus der Strahlenbrechung die Wärmeabnahme
zu berechnen. Hienach konte man bestimmen
, dass bei der Gradmessung von Schwanenberg, die in einer
Kälte von 24° R angestelt wurde, im Winter die Wärmeabnahme
für einen Grad Réaumur nicht 700 sondern
900 Fus betragen habe. Bei den Barometerformeln mus
man zur Berechnung der Höhe die Temperatur der übereinanderliegenden
Schichten haben, und hier komt die Hypothese
, dass sie in einer arithmetischen Reihe fortschreite
, der Wahrheit noch am nächsten, obgleich es
sicherer wäre, durch sehr genaue astronomische Beobachtungen
und Berechnungen der Refrakzion die Temperatur
zu bestimmen.

Unter den Tropen, wo von Jahreszeiten fast gar nicht
die Rede ist, scheint es am besten die Temperatur
des ganzen Jahres mit der von einzelnen Monaten an
andern Orten zu vergleichen; so ist es volkommen anschaulich
, wenn man sagt: am Orinoco ist die mittlere
Temperatur gleich der des Monats August in Rom; in
dem schönen Klima der Chinarinde, bei Loxa, Popayan pp.
auf 6000 Fus über dem Meere ist die mittlere Temperatur gleich
der des Monats August in Berlin, was uns zwar hier sehr
heis scheinen würde, was aber dort, wo man an so viel höhere
Wärmegrade gewöhnt ist, eine angenehme Kühlung
heissen kann: in Quito, was 8000 Fus hoch liegt, ist die mittlere

Temperatur gleich der des Anfang’s Mai in Berlin; auf den Paramos

(wovon die Etymologie nicht recht klar ist) oder Hochebnen
, wo die Bäume nicht mehr fortkommen, sondern nur
niedriges myrthen-artiges Gestrüp von 3–4 Fus Höhe, wo
die Temperatur in der Nacht oft bis −2° R. herabsinkt, und
die Mönche den Leuten erzählen, sie müsten sich geisseln,
um nicht zu erfrieren; auf dieser Höhe von 11000 Fus
über dem Meere ist die mittlere Temperatur gleich der von Berlin
+7° R., oder wie das Ende des April in Berlin. In
der Tropenzone ist auf 6000 Fus Höhe die mittlere Temperatur
von Kalabrien, unter 46° Nordbreite die von Lapland.

Es entsteht nun die Frage, wie hoch mus man
unter einer gegebenen Breite senkrecht aufsteigen,
um eine beliebige Temperatur zu finden. Hier mus zuerst
die Temperatur der untern Schneegränze bestimt werden, und diese
ist nicht = 0°, wie Leslie meinte, sondern unter dem Aequator
+1,5° R. unter 48° Nordbreite −3; unter 69° Nordbreite (nach
den Beobachtungen von L. v. Buch) −6° R.

Die Höhe der Berge ist schon früh mit den Breitengraden
verglichen worden, und ich müste hier zuerst
den Kardinal Bembo in seiner Ätnareise nennen; auch
Tournefort bemerkte, als er den Ararat bestieg, dass die
Vegetazion sich nach der Höhe über der Meeresfläche ändere
, dass am Fusse die Pflanzen Kleinasiens, auf der mittleren
Höhe die von Frankreich, auf der Spize die lappländische
Flora sich zeigten; obgleich ihn hier die Ähnlicheit
der Formen täuschte. In neuer Zeit hat man
diese Vergleichung sehr genau nach den Temperaturen durchgeführt
, besonders an den ersten 3000 Fus der Alpen.
Im Winter entsprechen 300 Fus Höhe einem Breitengrade
oder 15 Meilen nach Norden. Wenn man daher die
Schneekoppe besteigt, so ist dies soviel, als ob man 17° oder
250 Meilen nach Norden fortgerükt wäre, also von dem Fusse der
Schneekoppe bis Lapland unter 68° Nordbreite. Nimt man die

mittlere Temperatur von Schlesien auf +7° R. an, so ist ein Grad

gleich 600 Fus: mithin wird die Temperatur auf der Schneekoppe
um 8° geringer sein, also −1° R. und dies ist grade
dieselbe Temperatur, welche L. v. Buch zu Enondekies
im nördlichen Skandinavien beobachtete. Im Sommer
verändert sich das Verhältnis, und es gehn auf 300 Fus
senkrechte Höhe nur 10 Meilen nach Norden. Durch diese
Wahrnehmung wurde Decandolle in seiner schönen Schrift
über die Verbreitung der Pflanzen irre geleitet: denn die
Kultur der Pflanzen steigt höher an den Bergen hinauf
als sie sich nach Norden in den Ebnen ausbreitet, weil
auf den Bergen die Luft reiner, und die Intensität der
Wärme grösser ist. Die reinen Sonnenstralen können dort
mehr Hize im Parenchyma der Pflanzen erregen, als
in einer niedrigen mehr mit Dünsten gefülten Region.
In 2400 Fus Höhe wächst im südlichen Frankreich noch
Wein, während er 4° nördlicher nicht mehr vorkomt: hier
entsprächen also, nach der Kultur des Weines 300 Fus
Höhe nur 7 Meilen nördlicher Fortrükkung.

Von der Schneegränze.

Die Schneegränze hat schon früh die Einbildungskraft
der Menschen beschäftigt, indem sie ein sinnlicher Beweis
der kalten Zone über unsern Köpfen ist. Der
Hagel war kein so schlagender Beweis, da man nicht
wissen konte, wodurch die plözliche Kälte entstanden
sein mochte. Einen schönen Kontrast der Landschaft
findet man an der Westseite der Andes, wo Palmen-
und Pisang-blätter sich gegen die Schneemassen projiciren
. Auch erkante man früh an der Schneegränze
die höheren und höchsten Berge, indem sie ein Niveau
macht, das sehr wenig abweicht. Schon vorher, ehe
La Condamine und Bouguer den Chimboraço trigonometrisch
gemessen, und seine Höhe bestimt hatten, wusten die
Umwohner, dass er der höchste Berg sei, weil er seinen
Gipfel am tiefsten in die Region des ewigen Schnees
eintaucht: allein solch’ ein Schlus wäre nur unter den
Tropen richtig, wo eine so grosse Einförmigkeit und Übereinstimmung
in allen Naturphänomenen sichtbar sind. Die
Schneegränze ist hier so beständig, dass der Schnee an dem
einen Berge nicht um 80 Toisen höher liegt, als an dem
andern. Wenn man daher Zeichnungen, wo dies dargestelt
ist, nach unsern Ländern bringt, so finden es die meisten
Beschauer unnatürlich, und glauben, es sei ein Versehn
gemacht worden. Schon in den Pyrenäen würde ein Schlus
nach der Schneegränze nicht richtig sein: denn hier gehn
tiefe Schluchten und Thäler hinab, und bringen den Schnee
in tiefere Regionen, als wo er eigentlich anfangen sollte;
denn hier sind zu viel Lokalperturbazionen vorhanden.

Die Alpen, der Paropamisus, der Kaukasus haben
meist nur an ihren Westabhängen Schnee: daher konten
die Alten nichts über die Schneegränze wissen: auch findet
sich keine einzige Stelle, welche deutlich darüber Auskunft
gäbe. In dieser Hinsicht ist die Entdekkung von Amerika
so sehr wichtig, wovon die gleichzeitigen Schriftsteller,
besonders Acosta, Zeugnis ablegen. Man sah hier zuerst in
dem neuen Kontinent eine Bergkette, welche sich vom 52° Südbreite
bis zum 60° Nordbreite, dem Eliasberge in Kamtschatka,
gegenüber, erstrekte, und überal dieselbe Schneegränze hatte;
die man in den verschiedenen Breiten zu bestimmen bemüht
war. Es ist ein Irthum, der durch den Pater Bartolomeo in
viele Geographien gekommen ist, dass der Descabeçado höher
sei als der Chimboraço: man schlos dies an der Wahrnehmung
, dass der Descabeçado höher in die Schneegränze hinaufreiche
: bedachte aber nicht, dass er unter 35° Südbreite in Chili
liegt, wo die Schneegränze weit tiefer hinabgeht: er ist nicht
über 9000 Fus hoch.

Von den Gletschern und Eisgrotten.

Die Gletscher sind Schnee-eis in grossen Massen, welche sich
in die Queer-Thäler hinab geschoben haben. Wenn man sie genau untersucht
: so findet man, dass es Schnee ist, in welchen Wasser eindrang
, und darin gefror. Ihr Anblik ist der eines bewegten
Meeres, das plözlich erstarte: auf der Oberfläche finden sich
Unebenheiten von der grösten Verschiedenheit. An ihrem obern
Anfange hängen die Gletscher allerdings mit der untern Schneegränze
zusammen, aber mit ihrer untern Seite erstrekken sie
sich oft weit tiefer: in Chamounix findet sich die untere Gränze
der Gletscher schon auf 3000 Fus Höhe. Man hat bemerkt,
dass sie nicht an derselben Stelle bleiben, sondern, wenn auch
nur langsam, vor und zurük gehn. Man glaubte früher, das Vorrükken geschehe
, indem das Schnee-eis gefriere, und sich dabei ausdehne: allein
Escher zeigte, dass das Vorrükken grade im Sommer Statt
finde, wo es nicht friert. Saussure gab davon die richtige Erklärung
. Im Sommer, wo die Erde sich mehr erwärmt, schmilzt
der untere Theil des Gletschers, der auf dem Boden aufliegt,
und fliest ab: dadurch bilden sich grosse Bogen von Eis,
die zusammenstürzen, und dadurch einen Theil des Gletschers
vorschieben.
Auf der Oberfläche der Gletscher bildet sich eine sonderbare

Erscheinung: runde Löcher gehn wie kleine Brunnen tief in
das Eis hinab. Diese rühren von einem eignen Spiele des Wassers
her, das grade wie im Bohrer wirkt. Denken wir uns, dass
auf der Oberfläche des Eises sich eine kleine Lache befindet: so
erreicht das Wasser bei +4° R. das maximum seiner Dichtigkeit,
sinkt zu Boden und wird etwas von dem Eise wegschmelzen: dabei
erkaltet es aber wieder, vielleicht bis −2°, wird dann leichter,
und steigt in die Höhe: erwärmt sich an der Luft und Sonne
bis +4° und sinkt zu Boden; so bildet sich durch dieses
Spiel ein konisches Loch von bedeutender Tiefe.

Die Eisgrotten hängen noch viel weniger mit der Schneegränze
zusammen, als die Gletscher, am Ural findet
man sie viel tiefer. Sie bilden Luftquellen, aus denen eine
sehr kalte Luft strömt, die Saussure im Sommer von +3°
R. fand. Das Eis entsteht durch senkrechte Öfnungen, wo
hinein die kalte Winterluft dringt, und nicht wieder zurük
kann. Man findet Gletscher vom Himalaya bis Grönland
: aber in Peru und Chili habe ich sie nirgends entdekken
können; es ist wahrscheinlich, dass die gleichmässige Tropentemperatur
ihr Entstehn hindert. Nur am westlichen Abhange
des Chimboraço findet sich eine analoge Erscheinung, ein unterirdisches
Eis: wenn man in einer Bimsstein- oder Sand-lage 3–4
Fus tief gräbt: so findet man eine grosse Masse gefrorner
Hagelkörner, 80 Toisen unter der Schneegränze.

Die untere Schneegränze ist eine sehr verwikkelte Erscheinung
: sie ist keiner isothermen Linie von 0° R. parallel, sondern
weicht ganz davon ab; sie hängt auch nicht von der mittleren

Temperatur des Jahres ab: sondern von der Krümmung der isotheren

Linie, der Linie gleicher Sommerwärme; ist also durch
die Jahreszeiten bedingt: die isotheren Linien entfernen sich
noch mehr von den Parallelkreisen, als die isothermen; dies
wird durch ein Beispiel sehr deutlich, wenn man bedenkt, dass
Moskau und der Ausflus der Loire dieselbe Sommerwärme
haben, obgleich sie 11 Breitengrade aus einanderliegen.

52. Vorlesung, 14. April 1828

Die relative Höhe der Schneegränze hat einen grossen Einflus
auf die Verbreitung der organischen Stoffe und die Kultur derselben
, ja auf die ganze Glükseeligkeit der Völker.
Dies sehn wir besonders im innern Asien, wo das hohe Plateau

nördlich vom Himalaya eigentlich mit Eis und Schnee bedekt
sein müste: dennoch wohnen auf demselben mehrere Millionen
von Tübetanern.

So wie wir oben bei der Auseinandersezung der magnetischen
Phänomene gesehn haben, dass sich 3 magnetische Linien
auf der Erde ziehn lassen nach der Deklinazion, Inklinazion
und Intensität jener Kräfte: eben so lassen sich auch dreierlei
Temperatur-linien ziehn: die isothermen, isotheren und
isocheimonen Linien: die ersten verbinden alle diejenigen Orte
auf der Erde, die dieselbe mittlere Temperatur des Jahres haben,
die zweiten alle die Orte, wo die mittlere Temperatur des Sommers
dieselbe ist, und die dritten alle die Orte, wo die mittlere Temperatur
des Winters übereinstimt. Die beiden lezten sind besonders
wichtig für den Akkerbau: denn es kömt bei allen Cerealien
darauf an, dass sie im Sommer eine hinreichende
Quantität von Wärme empfangen, um zur Reife zu kom̃en,
dagegen brauchen andre Gewächse weniger Sommerwärme, sind
aber gegen die Winterkälte sehr empfindlich.

Die Annäherung der Schneeberge drükt die Schneegränze mehr
herunter, und Schneeberge erkälten sich auch gegenseitig: so
hat man in den Pyrenäen bemerkt, dass die Schneelinie nach
innen zu, wo die Schneeflächen gegen einander stehn tiefer ist, als
an den äussern Abhängen. Unter den Tropen, wo alle diese Phänomene
beständiger sind, weil die Perturbazionen gleichsam
nach den Quadraten der Entfernung von der Erdoberfläche abnehmen
, ist auch die Einwirkung der Wärmestralung auf die Schneegränze
nicht so bedeutend.

In den Alpen und Pyrenäen ist die Schneelinie an dem
nördlichen Abhange etwas höher als an dem südlichen;
im Himalaya dagegen ist es umgekehrt: hier geht die südliche Schneegränze
unmittelbar über dem Tempel von Kendall weg, welcher
nach 6 verschiedenen Bestimmungen auf 12000 Fus
Höhe liegt: die nördliche aber dagegen Ladak hin, nach der
chinesischen Tartarei, (welche eigentlich ein Theil von Klein-
Tibet ist) wo sich eine grosse Hochebne von 8000 Fus Höhe findet
(die durch Moorcroft, Weddell und vor 4 Jahren noch
durch den Capitän Gérard gemessen wurde) die nördliche
Schneelinie liegt hier in der ungeheuren Höhe von 15600 Fus
und Waizen wird noch auf 14000 Fus Höhe gebaut. In dem
wenig-zerschnittenen Asien liegt die Schneelinie im allgemeinen
höher, als man nach der Analogie der andern Welttheile
glauben solte, weil das Klima, als ein Kontinentalklima
im Ganzen kälter ist. Parrer und Engelhardt haben
die Schneegränze zwischen dem schwarzen und kaspischen
Meere untersucht; da dort die Sommer heisser sind als
im westlichen Theile des alten Kontinentes, so fängt im
Kaukasus die Schneelinie höher an als in Europa. Nach
Wahlenberg’s Messungen in den Karpathen unter 48° Nordbreite
liegt sie hier höher, als in den Pyrenäen und
Alpen. Ich habe in dem Atlas zu meiner Reise eine Karte
von der ewigen Schneegränze gegeben, worauf sie vom
Aequator bis nach den Polen hin angedeutet ist.

Über die Aequatorialhöhe des ewigen Schnees ist viel
gestritten worden; vor meiner Reise betrug der Unterschied in
den Angaben 800 Fus. Da nun die Schneelinie selbst unter
dem Aequator nicht über 80 Fus variirt:
so kann der Unterschied nur in den unvolkomnen Instrumenten
von Don Juan La Condamine und Bouguer gelegen
haben; sie vereinigten nämlich trigonometrische und Barometer-Messungen
: die Bergspizen wurden von den Hochebnen
aus trigonometrisch bestimt, und die Höhe der Hochebnen

über dem Meere barometrisch.

(oben hies es 80 Toisen?)

Das Mittel aus 20 bis 22 Messungen ist, dass unter dem
Aequator die Schneelinie auf 14660 Fus Höhe anfängt, also
würde der Montblanc mit seiner Spize sie grade berühren.
Zwischen 19° und 20° Nordbreite habe ich die Schneelinie durch Messungen
in Neu-Spanien bestimt, und mit Verwunderung
gefunden, dass sie nur ungefähr um 1000 Fus sinkt; sie begint
bei 13800 Fus.

Zwischen dem 19° und 30° Nordbreite hat man bis jezt keinen Berg
gefunden, auf dem der Schnee das ganze Jahr hindurch liegen
bliebe: vielleicht giebt es deren im Innern von Afrika, aber
man hat sie bis jezt noch nicht messen können. In Amerika
fehlen sie sogar vom 19–40° Nordbreite. Unter 40° gab es lange
keine Messungen: nun hat man aber gefunden, dass in dieser
Breite die Oszillazion der Schneelinie (welch am Pol eine

oskulierende Kurve wird) 2200 Fus beträgt, d. h. um soviel

steht sie im Winter tiefer als im Sommer.

Unter dem 30° Nordbreite im Himalaya: 12000 Fus am südlichen Abhang,
15600 am nördlichen; ein wichtiges Lokalphänomen.

Zwischen 40 und 45° Nordbreite 8400 Fus im Som̃er nach v. Buch und Wahlenberg.

Unter 52° Nordbreite wo Berlin liegt, haben wir zwar keinen Schneeberg
, allein durch das Gesez der absteigenden Wärme und durch
Interpolazion hat man berechnet, dass sie unter 7000 Fus
anfangen würde.

In Skandinavien ist ein grosser Unterschied zwischen dem
Innern des Landes und den Küsten.

Unter 70° Nordbreite im Innern liegt die Schneelinie nach L. v. Buch
auf 3300 Fus Höhe.

Unter 71½° am Ufer liegt sie auf 2200 Fus. Man hat zu diesen
Bestimmungen nicht immer die Berge selbst nöthig, sondern
kann sie durch Rechnung finden. Die Pinus-arten und Birken
nämlich bleiben in diesen Ländern in einem immer gleichen
Abstande von der Schneelinie: wenn also ein wirklicher
Schneeberg fehlt, so mist man die Höhe der Pinus, und addirt
dazu den anderswo gefundenen Abstand von der Schneelinie.

Allein alle diese Angaben gelten nur für bestimte Orte, d. h.
Längengrade, nicht für den ganzen Breitengrad: daher sind die
Tabellen von Leslie, wo in einer Spalte der Breitengrad, in der
andern die Höhe der Schneelinie steht, ohne Nuzen, worauf
schon Brewster aufmerksam gemacht hat. Man kann allerdings
eine isotherme Breite annehmen, sie besteht in dem gleichen
Polarabstande vom Kältepol, wie Brewster sich zu abstrakt
in der Übersezung meiner Schrift von den isothermen Linien
ausgedrükt hat. Es ist immer sehr mislich, dass nicht die
mathematische Anwendung, (die sonst von so grosser Vortreflichkeit
ist) auf empirische Phänomene in eine blosse Spielerei
ausarte, wie wir oben bei dem Laufe der Flüsse gesehn haben, die
man eben so gut durch eine Formel, wie durch eine Karte darstellen
könte, ohne deshalb mit Gewisheit von dem obern Lauf
auf den untern schliessen zu können.

Wo ist die Kurve des ewigen Schnees eine oskulierende Kurve?
d. h. wo berührt sie die Erde? auch dies ist nach den Längengraden
sehr verschieden.

In Spizbergen, unter 82° Nordbreite wo selbst im August Schnee fält.

Am Ende der Baffinsbay: unter 78° Nordbreite.

In dem kleinen Archipel von Neu-Sibirien: unter 76° Nordbreite, also
nur 5° nördlicher als das mit einer recht schönen Vegetazion
prangende Nordkap.

Wo bleibt die obere Schneegränze
?

Von der Seeluft.

Da der Erde mit Wasser bedekt sind, so ist die Luft, welche
darüber hinweht, von grosser Wichtigkeit für uns. Ihre Wärme
hängt von der Absorpzion der Lichtstralen ab, auch Winde und
Strömungen haben Einflus. Von hohen Gebirgen bringen die Winde
eine kältere Luft herab, die auf der schiefen Fläche
leichter heruntergleitet; nicht etwa weil es eine schiefe Fläche
ist, sondern weil am Abhange der Berge selbst Temperaturveränderungen
vorgehn. Als ich in der Südsee am Gebirge
von S. Martha vorbeifuhr, das an der westlichen Küste von Südamerika
, nicht weit von der Landenge von Panama bis auf
18000 Fus Höhe sich erhebt: so fühlten wir, 15–20 Meilen vom
Gestade gegen Abend die kalten Landwinde. Der heisse Harmattan
aus dem Innern von Afrika kann Kälte erregen, welches durch die
Erscheinung zu erklären ist, dass eine sehr trokne Luft von +30° R. auf
eine Thermometerkugel geblasen, das Queksilber um 12 bis 15° herabdrükken
kann. Wir haben das flüssige und starre Meer als Eis und
Wasser betrachtet, und seinen Einflus auf die Temperatur der Luft
bestimt. Auf der Bank von Newfoundland und auf der Bank della
Bivora (Vigora ) südlich von Jamaika habe ich viele Versuche
über die Temperatur des Meeres und der Luft angestelt. Der Golfstrom
, welcher fliegende Fische oft weit nördlich hinaufführt, hat,
wo er seine Richtung von Südsüdwest nach Nordnordost nimt, eine Temperatur,
die 4 bis 5° höher ist als die des Meeres an seinen Ufern: es giebt
auch Ströme kalten Wassers, wie der an der Küste von Chili aufwärts
, der +14° R. hat, während das Meer daneben +21° hat.

Über das starre Meer, als Boden des Luftmeeres, hat Scoresby
viel Untersuchungen angestelt. Die Eisberge hüllen sich manchmal
in Wolken, und machen die ganze Athmosphäre trübe, oft
aber auch, wenn alle wässrigen Dünste sich auf ihnen niedergeschlagen
haben: so ist die Luft umher von einer wunderbaren
Klarheit. Es ist eine Untersuchung der neuern Zeit, wo das
Wasser wärmer als die Seeluft sei. Duperrey und Freycinet haben
hierüber 3 Jahre lang alle 2 Stunden Beobachtungen angestelt, und
gefunden, dass vom Aequator bis 48° Breite das Meer überall
etwas wärmer ist als die Luft. Auch für die Astronomie ist
diese Beobachtung nicht unwichtig: der Weg des Lichtes hängt
von der Dichtigkeit der Schichten ab, die es durchstreift: sind
sie von ungleicher Dichtigkeit, so bekömt der Lichtstral eine
Konvexität, und der Horizont erscheint niedriger: (daher kann
schon ein oft in das Meer getauchtes Thermometer den Schiffern
die Gefahr anzeigen, ob sie auf eine Insel stossen werden)
Die Depression des Horizontes kann 4–5 Minuten, also über 1
deutsche Meile betragen: eine meiner frühesten Arbeiten beschäftigt
sich mit diesem Gegenstande. Hiemit hängt auch das
Phänomen des Mirage, oder Kimmung zusammen (im italienischen
: Fata morgana, im Sanskrit: der Durst der Gazelle) welches
alle Armeen kennen gelernt haben, die durch diese Wüsten gezogen
sind. Noch neuerlich ist es durch Bonaparte’s Expedizion nach
Aegypten bekant geworden: allein schon Nearch kante es zu Alexanders
Zeit sehr gut.

Die höchste Temperatur der Seeluft, (wenn wir uns erinnern,
dass die der Landluft auf +38° R. steigen kann) ist unter den
Tropen, im Vergleich mit jener eine angenehme Wärme von +23 bis
24° R. oft auch nur +20°: im mittelländischen Meere steht sie verhältnismässig
sehr hoch: die höchste scheint das rothe Meer zu
haben. Bis 30° Nordbreite hat die Seeluft eine höhere Temperatur als
die Landluft.

Wir wollen nun noch kurz die 3 Gründe wiederholen, warum
Europa ein milderes Klima hat, als andere Erdtheile, welches
so mächtig zur Entwilderung des Menschengeschlechtes und zum
Gedeihen organischer Körper beiträgt.

1, ist es eine Westküste, welche allemal wärmer sein mus als
eine Ostküste.

2, wenn seine Längengrade von Petersburg bis Madrid gegen den
Aequator verlängert werden, so liegt hier Afrika gleichsam wie
ein warmer Stein.

3, unter allen Kontinenten ist es derjenige, der am wenigsten
Masse gegen Norden, und über sich gegen den Pol hin ein eisfreies
Meer hat, wozu man noch den Golfstrom rechnen könte, der
aljährlich tropische Sämereien an die Küsten von Skandinavien und
Weinfässer nach Schottland bringt, ferner den bequemen Ablauf
der nordischen Polar-eismassen durch das grosse Wasserbekken
des atlantischen Ozeans.

Auf 3erlei Art könte also Europa kälter werden:

1, wenn Afrika, wie das alte Atlantis versänke.

2, wenn das alte Atlantis im Westen wieder aufstiege, und Europa
mithin nicht mehr Westküste bliebe.

3, wenn sich im Norden die Eismassen ansammelten, und dies würde
schon geschehn, wenn der Isthmus von Panama geöfnet wäre;
dadurch würde nämlich der Golfstrom verschwinden, oder wenigstens
nicht mehr an unsre Küsten kommen.

53. Vorlesung, 15. April 1828

Von den 6 Momenten über die luftförmige Hülle der Erde
haben uns besonders die Zyanometrie und Diaphanometrie
beschäftigt, wir kommen nun zum 6ten Moment:
Von der Geographie der Elektrizität.

Dies schliest sich sehr gut an die Lehre von der Temperatur
und der Feuchtigkeitsbildung an. Die Elektrizität giebt Wärme
und Licht, und steht in Wechselwirkung mit dem elektrischen
Zustande der Erde; im starren Erdkörper erscheint sie
als Magnetismus, in der Athmosphäre als elektrische Spannung:
im ersten Falle bringt sie vielleicht mehr Wärme hervor, im 2ten bildet
sie das Erd- oder Polarlicht.

Die Elektrizität kann durch 4–5 Mittel erregt werden, die sich
vielleicht mit der Zeit alle auf Eins werden zurükführen lassen.
1, durch Reibung, und dies ist wahrscheinlich nur eine Temperaturveränderung.
2, durch Dampfbildung. 3, durch chemische Veränderungen
, neuerlich bewiesen durch Becquerels schöne Versuche, der
mit einer Magnetnadel kleine Quantitäten von Säuren entdekte.
4, durch Kontakt, worauf die Erfindung der Voltaschen Säule gegründet
ist. 5, auf eine geheimnisvolle Weise im organischen Leben
verbreitet, in den elektrischen Fischen am meisten. Bei den Gymnoten
von 5–6 Fus Länge, die ich untersuchte, und mit denen es mir
sogar gelang, Pferde zu tödten, hat man es sonderbar gefunden,
dass diese Anhäufung von elektrischer Materie sich unter dem
Wasser findet, welches zu den leitenden Körpern gehört, und nicht
in der Luft, die nicht leitet. Die Einwirkung der Muskeln auf
die Nerven hängt mit dieser elektrischen Erscheinung zusammen.
Die Vögel haben gewis einen ähnlichen Prozes, nur kann er nicht
bei ihnen sich so deutlich äussern, als bei den Gymnoten, wo
die elektrische Materie in der Medullarsubstanz und in einer
grossen Menge arteriellen Blutes angehäuft ist.

Die elektrische Spannung hängt auch mit dem Zustande der
Dünste zusammen, der besonders unter den Tropen sehr wirksam
ist, auch die räumliche Lage der Dämpfe hat Einflus, ob sie
im Luftozean vertheilt, oder zu Wolken gebalt sind. Ich habe
auf grossen Höhen hygrometrische Versuche angestelt, wonach
in der Nähe der Wolken die Luft zum Verwundern
trokken war. Die grosse Quantität von Elektrizität entsteht
nach Gay Lussac’s äusserst scharfsinniger Hypothese dadurch
: dass jedes kleine Bläschen in der Luft eine elektrische
Spannung hat; wenn sie nun zu einer Wolke zusammen
dringen, so bleibt keine Elektrizität mehr im Innern der
Wolke, sondern wird auf die Oberfläche derselben vertheilt: da
manche Wolke ½ Kubikmeile umfast: so läst sich denken, wie
stark diese Spannung auf der Oberfläche sein mus. Daher ist es
begreiflich, wie aus derselben Wolke sie viele Gewitterschläge nach
einander kommen können, einzelne Theile werden entladen, und
durch eine eigne Bewegung der Wolke wieder geladen.

Man ist früh darauf aufmerksam gewesen, dass ein Mangel
an Gewittern in der arktischen Zone herscht, und in bestimten Jahreszeiten
auch unter den Tropen. In Grönland blizt es zwar, aber es
donnert nicht. Scoresby, der sich lange in den Sechziger und Siebziger
Graden der Nordbreite aufhielt, hat nie bei Spizbergen
ein Gewitter bemerkt. Schon in den nördlichen Theilen von Skandinavien
sind sie sehr selten: in der Hudsonsbay dagegen häufig,
doch erstrekt sich diese von 52 bis 64° Nordbreite. In der Barrowstrasse
fehlen sie wiederum: obgleich die Luft dort so mit Dämpfen gesättigt
ist, als es der geringe Wärmegrad erlaubt: allein theils schlägt
sich das Wasser auf den Eisbergen nieder, theils können sich
die Wolken nicht gut von dem Erdkörper absondern, und bilden
dichte Nebel.
Unter den Tropen kann man 2 Zeitabschnitte unterscheiden 1, vom

Dezember bis in den Mai, wo weder Wolken noch Gewitter sich
zeigen, und eine über dem Horizont hinziehende Wolke eben so auffallend
sein würde als ein Aërolith. Während dieser Zeit fand ich
immer positive Elektrizität in der Luft. 2, vom Mai bis in den
Oktober, dies ist die Regenzeit, und in diesen Gegenden der Winter:
auch sind in den dortigen Sprachen: Regen, Winter und Donnerwetter
gleichbedeutend, die bei uns freilich verschiedene Begriffe
bezeichnen. In dieser Zeit sind die Passatwinde nicht mehr
so regelmässig als früher: ich fand von 8 Uhr früh bis 1 Uhr
keine Spur von Elektrizität in der Luft: dann aber, nach dem Durchgange
der Sonne durch den Meridian zeigt sich eine starke
Spannung; beim Gewitter selbst springt sie schnell vom positiven
zum negativen und umgekehrt. Das Gewitter fängt
gewöhnlich 2 Stunden nach dem Maximum der Wärme an,
und bleibt bis gegen Sonnenuntergang: dann heitert sich die
Athmosphäre auf, und in der Nacht zeigt sich keine Spur von
Elektrizität. Ich konte diese Phänomene bis zu einer Höhe
von 14000 Fus verfolgen, und fand, dass sie nur dem Grade,
nicht der Art nach von einander verschieden sind.

Mit dem Wetterleuchten haben sich die Physiker noch nicht
genug beschäftigt. Manche Wolken geben es fast ununterbrochen
, wie phosphoreszirend: niemals aber sieht man es
über 42° Höhe, noch weniger je im Zenith, sondern meist
in 10 bis 25° Höhe über dem Horizont. Die gewöhnliche Hypothese
, dass es von einem fernen Gewitter herrühre, reicht
nicht mehr aus: denn wenn man die Höhe der Wolken auf
6000 Fus annimt: so müste ein Gewitter 23 Meilen weit
im Zenith stehn, um uns unter einem Winkel von 10° zu
erscheinen: da aber bei uns die Wolken meist 3000 Fus
hoch stehn, so müste es nur 5 Meilen entfernt sein
Ferner hat man bemerkt, dass das Wetterleuchten sich
in 12 bis 15 Sekunden wiederholt, beim Gewitter dagegen
die Blize selten unter 30–40 Sek. sich wiederholen. Es
ist eine verbreitete Meinung unter den Tropen, dass, da die
Wolken höher ziehn, der Bliz auch selten die Erde erreiche
: da aber jene Gegenden weit weniger bewohnt sind
als Europa, so kann man nicht so viel Beobachtungen darüber
haben, und die Sache bleibt noch unsicher.

Auf die Blizröhren ist man erst in neueren Zeiten aufmerksam
geworden, seitdem Henser in der Senner Haide in
Westphalen eine gefunden hat. Es sind lange hohle Massen,
die man mit dem Réaumurschen Porzellan vergleichen kann;
sie sind eine ähnliche Verglasung der Sandkörner durch den
Bliz: in Dresden bewahrt man eine von 14 Fus, die abgebrochen
ist: vielleicht hatte sie bis 30 Fus Länge. Neuerdings
fand man eine grosse bei Bahia, und Clapperton hat
einige aus der Wüste nördlich vom See Tschad mitgebracht
, obgleich man bis jezt gar nichts in jenen Gegenden
von Gewittern weis. Einige Naturforscher haben daraus
auf eine grosse Temperatur-veränderung in diesen Orten
schliessen wollen. Dass diese Röhren wirklich vom Blize
herrühren, hat man noch kürzlich in Amrun in
Schleswig eruiren können. Matrosen sahen vorbeifahrend einen Bliz
am Lande einschlagen, als sie ausstiegen, und auf die
Stelle gingen, fanden sie eine porzellanartige Verglasung,
die in das Kabinet von Amrun gebracht wurde. Ihre wahre
Natur und Beschaffenheit wurde zuerst von Chladni erkant
. Eine merkwürdige Erscheinung zeigte sich mir auf dem
Vulkan von Toluca in Mexiko, der sich über 14000 Fus erhebt
: die äussersten Spizen des sehr zerklüfteten Kraters,
die kaum 5–6 Fus in Durchmesser haben, sind verglast
völlig wie die Blizröhren, auch ist der harte Trachytporphyr
durchlöchert, und das Innere dieser Löcher ebenso
verglaset.

Von den Meteorsteinen.

Mit den eben genanten Fulguriten mus man nicht die
Aërolithen oder Meteorsteine verwechseln. Chladni war
der erste, der sie für unabhängige Weltkörper hielt, die im
Raume herumfliegen, daher hätten sie beim Zodiakallicht abgehandelt
werden müssen: insofern sie aber erst beim Eintritt in
unsre Athmosphäre sich entzünden und sichtbar werden: so
gehören sie auch hieher in den Luftkreis.

Steine, die vom Himmel gefallen sein sollen, werden sehr häufig
in der Geschichte erwähnt, am ältesten ist eine Andeutung in
den chinesischen Annalen. Bekant ist der Steinfall von Aegospotamos
, der des Numa, viele Fälle unter den Khalifen, bekant:
dass mongolische Fürsten aus Meteorsteinen sich Dolche und Schwerdter
klingen machen liessen: dennoch wolte niemand an die Sache
glauben, bis Chladni 1794 Licht über diese Erscheinungen verbreitete
. Noch 1751 als das bischöfliche Kollegium in Agram in
Kroazien über 2 Steinmassen, die vor den Augen vieler Menschen
vom Himmel gefallen waren, nach dem Zeugenverhör, eine völlig
beglaubigte, juristische Urkunde darüber abfassen lies, und
die Steine samt der Schrift nach Wien schikte, wolte niemand
etwas davon wissen, ja der Abbée Stütz welcher darüber
schrieb, sagt: er zweifle, dass jemand eine solche Fabel glauben
werde. Ich war selbst in Paris, als Pictet in der Akademie
von Chladni’s Bemühungen und den Steinfällen in Indien Bericht
abstattete, und die ganze Akademie lächelte ungläubig:
aber sonderbar genug, in demselben Monat, 26. April 1803 ereignete
sich in Frankreich selbst einer der grösten Steinfälle bei
Aigues im Dép. de l’Orme, wo über 2000 Steine auf einer
Fläche von 2 Quadratmeilen niederfielen. Biot wurde von der
Akademie hingeschikt, und las ein sehr interessantes Mémoire
darüber, wodurch die Sache konstatirt ward.

Seitdem zweifelt Niemand mehr daran, und man ist aufmerksam
geworden, dass schon in der ionischen Schule sich ähnliche
Ideen vorfanden. Diogenes von Apollonia sagt: Mit den
Weltkörpern bewegen sich nicht-leuchtende Steine, die auf
die Erde fallen. Diogenes Laërtius meint, sie fielen aus der Sonne.
Anaxagoras: die seien von der Erde weggeschleudert, kreisen um
dieselbe und fallen darauf zurük. Dies alles ist schön auseinandergesezt
in H. Ritters Geschichte der ionischen Philosophie.
Man hat auch behauptet, dass bei Mondfinsternissen Steine
fallen. In Syrien ist es Meinung des Volkes, dass sie aus dem
Monde fallen, daher fürchtet man auf einer Nachtreise bei klarem
Mondschein getroffen zu werden; der Stein in der
Kabba von Mekka ist nach Seetzens genauesten Nachrichten
ein Meteorolith; nicht wie jener Spanier behauptet, ein
Basalt mit Feldspathkrystallen. Eine berühmte Masse ist
die, welche 1492, am 7 November: e clará unbe coeloque sereno in Enzisheim
herabfiel, und 270 wog. Kayser Maximilian lies
sie zerschlagen, und ein Stük davon in die Mauer von Enzisheim
einsezen. Pallas fand eine sehr grosse Meteormasse in
Asien 1774, von der eine mongolische Tradizion sagte, sie sei
vom Himmel gefallen, und welche schon 1749 von den Kosakken
gekant war.

Von der Grösse der Massen.

Die gröste zuverlässig bekante fand der spanische Offizier Celis
in Südamerika bei Yotunga in Chacca: sie ist Fus lang,
und Fus breit, und wiegt 300 Zentner eine andere fand
Morney in Brasilien, 7 Fus lang, 2 breit, 3 hoch; wovon Wollaston
Stükke untersuchte. Unsicher ist die Masse von
mehreren 100 Fus Durchmesser, die neuerlich nach der Angabe
der Kantoner Zeitung in China herabgefallen sein soll.
Abel Rémusat fand in den chinesischen Annalen, dass ein
Fels von 40 Fus Höhe vom Himmel herabgefallen sei; auch
dies ist nicht sicher. Nehmen wir aber auch blos den Stein von
7 Fus Länge als den grössesten an, so bleibt immer noch die
Vergleichung mit dem kleinsten Planeten, der Vesta, und den grossen
Sonnen richtig.

Von den chemischen Bestandtheilen.
Es herscht eine grosse Verschiedenheit zwischen den Massen selbst,

in Hinsicht auf ihre Zusammensezung. Die einen enthalten gediegenes
Eisen und Nikkel, die andern erdige, steinartige Substanzen,
wie schwarze Basalte; oft sind auch ganze grobkörnige Gebirgsmassen
herabgefallen. G. Rose, der darüber trefliche Untersuchungen
anstelte, fand eine Masse, dem Labrador ähnlich; 5–6 Massen
waren ganz ohne Nikkel. Ihre Dichtigkeit ist nicht immer
verschieden: die Masse von Allay 1806 war zerreiblich: ähnlich
einem schwarzen Torf, enthielt Kohlenstof, und hatte ein spezifisches
Gewicht von nur 2,0. Man findet aber Massen die 3,0 bis
spezif. Gewicht haben, und dies ist grade die Dichtigkeit der
Planeten, welche diesseit der kleinen Planeten kreisen. Saturn
hat eine Dichtigkeit, die der des Wassers noch nicht gleichkomt:
man könte daher glauben, dass die Meteormassen im Weltraume
uns näher liegen. Chladni führt an, dass man staubartige
Massen hat herabfallen sehn, allein da diese vom Winde können
in die Höhe geführt sein, so ist dies noch unsicher: auch flössen
die Analysen, die man in Italien davon gemacht, kein grosses
Vertrauen ein. Der Stein von Jouvenas ist einer Syenitmasse
nicht unähnlich. Im Äussern zeigt sich eine grosse Übereinstimmung
bei allen Massen: sie haben meist eine glasige schwarze Rinde: da
diese oft zweigartig über die Oberfläche verbreitet ist, und wohl entfernt
den verschlungenen arabischen Schriftzügen ähnelt: so glaubten
einige arabische Schriftsteller, es sei die Adresse der Personen,
welche von den Dämonen getödtet werden solten.

Die chemischen Bestandtheile sind sehr mannigfaltig: man fand:
Eisen, Nikkel, Kobalt und Chrom; Schwefel, Natron und Kali;
Salzsäure mit Sicherheit; Kieselerde, Alaunerde und Wasser, sehr
deutlich: Die Gebirgsarten sind nicht so sicher: der Prozes ist sehr
mühsam, um sie aufzufinden, indessen gelang es doch dem Herrn
G. Rose durch Schlemmen und durch äussere Kennzeichen Olivin und
Pyroxen darin zu entdekken.

Man kann 2 Abtheilungen von Meteorsteinen machen: die erste,
welche viel Nikkel enthält, hat auch viel Talk, aber wenig Kalk;
die 2te die wenig Nikkel wenig viel .

Das Herabfallen geht gewöhnlich so vor sich: bei hellem Tage
sieht man einen leuchtenden Punkt, der sich in Dämpfe hült,
und ein kleines schwarzes Gewölk bildet, aus welchen Lichtflammen
von einer sehr grossen Intensität herausfahren, die dem
Sonnenlicht gleichkommen. (Kurz vor meiner Ankunft in Popayan,
war zwischen 12 und 1 Uhr Mittags eine Feuerkugel über die Stadt hingefahren
, von solcher Helligkeit, dass das Innere aller Häuser zum
Schrekken vieler Personen davon erleuchtet wurde. Man kann sich leicht
denken, welch eine Intensität von Licht dazu gehört, um das Sonnenlicht
unter den Tropen am Mittage zu überstralen.) Man hat die
Höhe dieses schwarzen Rauches und Dampfes messen können, wobei
freilich der Fehler die Hälfte des Ganzen betragen kann, und ihn in
10, 12 bis 15 deutschen Meilen Höhe gefunden.

Die Richtung ist kein Herabfallen: sondern sie geht horizontal
fort, wie ein Projektil, und nähert sich nur almählig der
Erde. Die Geschwindigkeit ist ganz der der Weltkörper gleich.
Man hat sie mit grosser Gewisheit 1771 und 1798 messen können,
bei Feuerkugeln, die über Dublin, Paris und Deutschland fortzogen
: sie beträgt 5–6 Meilen in einer Sekunde (während eine
Kanonenkugel nur 1500 Fus in der ersten Sek. zurüklegt). Schon
hieraus geht hervor, dass schwerlich die Wurfkraft eines Vulkans
sie zu uns senden kann. Ablenkungen von der Richtung
sind sehr selten, kommen aber vor, ja sogar Ricochets, welches
sich bei der grossen Geschwindigkeit dieser Körper recht gut aus
dem Widerstande der Luft erklären läst. Man hört beim Fallen
immer ein Getöse bis auf 18 Meilen weit, das oft dem Kanonendonner,
oft dem Kleingewehrfeuer ähnlich ist. Beim Fall sind die Steine heis,
versengen aber nicht einmal das Gras. Berzelius schlos daraus sehr
scharfsinnig, dass das Innere der Massen durch die Verglasung
nicht gelitten habe, auch fand Herr v. Schreibers in Wien, dass der
Schwefelkies darin unverändert sei: daher gehört die hohe Temperatur
nur der äusseren Masse an. Im Jahre 1810 fiel Meteorstein
auf ein amerikanisches Schiff; (wenn man die Ausdehnung
des atlantischen Ozeans und die winzige Kleinheit des Schiffes
bedenkt: so gehört dies zu den ungeheuersten Zufällen, die man
sich denken kann;) schlug das Verdek durch, schwärzte aber nicht
einmal das Holz, obgleich man ihn sehr heis fand.

Ihr Vorkommen ist völlig unabhängig von den Jahreszeiten,
auch ihre Richtung nicht bestimt: man hat nichts periodisches
dabei finden können, eben so wenig hängen sie mit den Nordlichtern
und Sonnenflekken zusammen, wie man wohl sonst angenommen
hat. Schreibers in Wien warf die Frage auf, wie viel Steinfälle
überhaupt vorkommen mögen, und fand nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung
, indem er, freilich unsicher genug, vom bekanten auf
das unbekante schlos, dass in 2000 Jahren 100,000 Steine herabgekommen
sein mögen: in einem Jahre ungefähr 2500.
Über die Ursachen des Phänomenes hat man 3 Hypothesen: 1,

dass sich die Steine in der Athmosphäre der Erde bilden, indem man
annimt, dass an den äussersten Gränzen der Athmosphäre sich eine grosse
Menge Wasserstof befinde, der durch eine elektrische Explosion zusammengeschmolzen
würde: dies ist unhaltbar: denn in einer Höhe, wo
der Barometerdruk noch nicht 0,01 Linie beträgt, würde eine ganze
Athmosphäre nöthig sein, um einen massigen Aerolithen zu machen
: ferner spricht die Schnelligkeit der Massen dagegen, welche
viel grösser ist, als durch blossen Fall möglich wäre; endlich findet
man durchaus keine Spur von Wasserstofgas, so hoch man auch
in der Athmosphäre gekommen ist: bis zu 1/3000 der athmosphärischen
Luft beigemengt, würde man ihn noch entdekken können. 2, dass
sie aus den Mondvulkanen hergeschleudert werden. Mit Unrecht
hat man diese Meinung Laplace und Olbers zugeschrieben: diese
beiden grossen Astronomen haben nur untersucht, wie gros die
Wurfkraft sein müsse, um die Steine bis zu uns zu bringen. Aber
wahrscheinlich giebt es im Monde gar keine Vulkane, und die
leuchtende Stelle im Aristarch, welche man dafür hielt, zeigt
uns wahrscheinlich nur das reflektirte Erdlicht, welches sogar
verschieden erscheint, je nachdem es von dem dunkeln Meere, oder
von dem hell erleuchten Innern von Afrika kömt. Poisson hat berechnet
, dass eine Wurfkraft von 7100 Fus in der 1ten Sekunde dazu gehört
um die Steine vom Monde auf die Erde zu schleudern: also 4 mal
stärker als eine Kanonenkugel. Laplace fand, dass auf diese Art
ein Stein in Tagen zu uns kommen könne: allein Olbers bewies
mit musterhaftem Scharfsinn, dass Laplace dabei nicht auf die
Translazion des Mondes gerechnet habe, und dass, wenn man diese
in Anschlag bringt, die Steine aus den Mondvulkanen Erdsatelliten
werden würden. Im Jahre 1660 wurde in Mayland ein Franziskanermönch
durch einen Meteorstein getödtet, wie der Physiker
Tortona berichtet, und schon um dieselbe Zeit 1660, sagte Turzago
in einem Mémoire darüber: dass der Stein aus dem Monde gekommen
sei. 3, und dies ist das wahrscheinlichste, dass die Steine im
Weltraume selbst herumfliegen, welches von Chladni zuerst ausgesprochen
wurde: die relativen Grössen im Weltraume sind nichts,
wie wir an der Vergleichung der Vesta mit den Sonnen gesehn haben
. Jene kleinen Meteormassen fallen durch eigne Perturbazionen
bald auf den einen, bald auf den andern Weltkörper,
dem sie sich am meisten in ihren Bahnen nähern. Olbers
hat die Meinung, dass ihre grosse Menge vielleicht von einem
grössern zerplazten Weltkörper herrühre, und dass dies vielleicht
der Fall könne gewesen sein, als die 4 kleinen Planeten sich
gebildet. Lagrange hat kurz vor seinem Tode ein äusserst tiefsinniges
Mémoire darüber herausgegeben.

54. Vorlesung, 16. April 1828

Von der organischen Erdrinde.

Manche Physiker denken sich die Erde selbst als belebt, durch
Erdbeben erschüttert, respirirend in den Vulkanen pp. ich bin dieser
Ansicht fremd, und glaube, dass man das organische im Gegensaz
um unorganischen betrachten mus, indem man unter dem lezten
die magnetisch-elektrischen Kräfte, so wie die Luft- und Wasserhülle
, unter dem ersten die die Pflanzen und Thiere begreift.

Das organische ist für uns nur ein tellurisches: denn was man
von Palmen pp. im Monde hat sehn wollen, ist zu unsicher, um darauf
zu fussen: nicht sowohl wegen der Grösse der Organisazion: denn es
giebt bei uns Gewächse von 250 Fus Höhe: allein da man im
Monde die Grössen nur nach dem Schatten messen kann: so sieht
man leicht ein, dass solche hohen Gewächse viel zu wenig Dikke haben,
um einen hinlänglichen Schatten zu werfen.

Die organische Rinde um unsre Erde ist äusserst dünn; ein
Hauch des Lebens über eine todte Masse ergossen, die 1720 Meilen
im Durchmesser hat, eine sehr geringe Kruste auf dem grossen
unbelebten Kerne.

Wir bemerken, dass im Flüssigen und im unorganischen Erdkörper
die Masse vorherscht, und wenn wir auch annehmen, dass alle Gebirgsarten
aus zerriebenen Krystallen bestehn: so ist doch auch
im Krystall die Präponderanz der Masse nicht zu verkennen;
anders in den organischen Stoffen, hier ist die Masse von der Form
besiegt; wenn im Ozean und in der Luft, wo unablässige wilde
Bewegung herscht, die Ordnung nur als Ausnahme erscheint:
so ist im Pflanzenreiche das Gesez als Regel zu betrachten: wir
können es verfolgen vom ersten Entfalten des Keims, das an eine
bestimte Zeitepoche gebunden ist, bis zum Blühen und Verwelken
der Pflanzen, und die alte Weltordnung der Vergangenheit bürgt
uns für die Gesezmässigkeit der Zukunft, bürgt uns, dass nach
1000 Jahren die Keime sich eben so entfalten werden, wie jezt.
Aber auch in der Betrachtung dieser Einheit werden der Geognost,
der die Lagerung und Bildung der Gesteine nachzuweisen sucht,
und der Physiker, der den Zusammenhang der Naturkräfte mit
dem organischen Leben darzulegen strebt, von dem Eindruk
des gewaltsam-Wechselnden mächtig ergriffen.

Die Weltbeschreibung hat es nicht mit der Anatomie und Physiologie
der Pflanzen zu thun, worum Link, Rudolphi, Lamark
und Delandolle sich so sehr verdient gemacht haben; dies sezt sie
voraus; sondern nur mit der Geographischen Vertheilung in den

Klimaten

; sie behandelt nicht die Pflanzen und Thiere sondern die mit
Pflanzen und Thieren bedekte Erde.

Eine Definizion, wie das Organische sich vom Unorganischen
unterscheide, ist schwer zu finden, und die Bemühungen der
Naturforscher waren bis jezt in dieser Hinsicht nicht glüklich;
man kann eher durch ein Kriterion oder Experiment Wahrscheinlichkeit
erhalten, als durch eine Definizion, und organische Stoffe
solche nennen, welche nur so lange als sie ein Ganzes bilden, dieselbe
chemische Mischung behalten; allein hiebei mus man 2 Bedingungen
nicht ausser Acht lassen: 1, müssen die äussern Umstände
immer dieselben bleiben 2, mus die Trennung der Theile in
jeder Richtung gemacht werden können: denn eine Trennung nach
einer Richtung sehn wir bei den Pflanzen beim pfropfen und
kopuliren; daher herscht im Organischen mehr der Karakter
der Individualität und Einheit, daher sagt man: organische Verbindung
, wenn alle Theile zu einem Ganzen übereinstimmen. Schon
Aristoteles gab im wesentlichen dieselbe Definizion. Damit ist
aber nicht gesagt, dass in organischen Körpern nicht auch chemische
Kräfte wirken solten, nur mus man annehmen, dass sie durch elektro-magnetische
Erscheinungen, die wir nicht kennen, bedingt sind:
denn wir sehn, dass der chemische Prozes angeht, sobald die Theile
sich vom Ganzen trennen. Die einzelnen, auf diese Art bedingten
Kräfte kann man Lebensthätigkeiten nennen, welches auf die magnetischen
und elektrischen Kräfte allein nicht passen würde: doch
ist es nicht zu vermeiden, dass in diesen Begriffen oft Verwirrung
entsteht. Nicht diese Kräfte selbst, sondern das Resultat derselben
nennen wir Leben: das Eingehn in ein andres Mischungsverhältnis
ist der Tod; dieser kann beim Ganzen und bei einzelnen
Theilen stattfinden: so können die holzigen Theile von den Pflanzen
getrent, und sehr lange in ihrem früheren Aggregatzustande erhalten
werden, welches für die Kultur der Menschen von so grosser
Wichtigkeit ist.

Es ist ferner ein Kennzeichen des Organischen, dass in ihm eine
sukzessive Entwikkelung der Theile sichtbar ist, eine Abstammung
derselben von einander, und eine bestimte Dauer oder
Periodizität ihrer Erscheinung. Gewisse Elemente sind ihm
fremd: von den 52 einfachen Körpern, welche die Chemie bis
jezt aufgefunden hat, stöst es manche aus, selbst wenn sie von
aussen hinein gebracht werden; nur sehr wenige einfachen
Stoffe gehn in das Band der organischen Körper ein; Kobalt
und Nikkel hat man noch in keinem organischen Wesen gefunden
. In dieser Hinsicht ist die Lehre von den chemischen Proporzionen
sehr wichtig. Man bemerkt, dass im Unorganischen
sich fast nur Atome der ersten Ordnung finden, im Organischen
dagegen sind sie meist ternäre und quaternäre, und Berzelius
leitete daher den Unterschied der organischen und unorganischen Natur ab.
Beide Organismen können indessen von demselben Reize stimulirt
werden. Ich habe selbst die Versuche gemacht, dass Chlor
oder Salzsäure den Samen der Pflanzen reizt. Wenn ein Samenkorn
der Kresse im Wasser in 37 Stunden einen Keim von
½ Linien trieb: so konte ich es durch Chlor in 6 Stunden dahin
bringen: man hat daher dies Mittel in vielen Gärten angewandt
, um alte Samen zum Keimen zu bringen; eben so wirkt
es auf die Thiere. Opium und Arsenik sind, wie man in neueren
Zeiten gefunden hat, eben so wirksam auf die Pflanzen als
auf die Thiere.
Früher wurde es algemein angenommen, dass alles organische

mit dem Lichte in Verbindung stehe, und Lavoisier erklärte
daher auf eine schöne Art den Mythus vom Prometheus.
Im algemeinen ist es wahr, dass alle organischen Wesen das
Licht lieben, allein es giebt Ausnahmen: man findet unterirdische
Pflanzen und Insekten bis zu einer grossen Tiefe unter
der Oberfläche der Erde. Man glaubte, dass dies in den Bergwerken
eine Folge des Zimmerholzes sei, mit dem diese Geschöpfe
heruntergebracht wären: allein während meines bergmännischen
Lebens fand ich oft solche Pflanzen auf Strekken, wo
gar kein Holz angewandt worden war. Ich war in der Gailenreuter
Höhle gegenwärtig, als ein Theil derselben durch
Schiessen eröfnet wurde, und fand im Innern an den
Wänden eine eigne Lichen-art, die ich auch beschrieben habe,
wie Epheu rankend ausgebreitet. Mögen nun auch die Samen
davon durch das tröpfelnde Wasser herabgekommen sein, so
keimten und wuchsen sie doch dort unten in einer volkomnen
Dunkelheit. Die grüne Farbe scheint nur durch eine Ansamlung
von Wasserstof und Stikstof hervorgerufen zu
werden: so ist es gelungen, selbst bei Lampenlicht die Pflanzen
schwach grün zu färben. Es finden sich auch grüne Pflanzen in
einer Tiefe des Meeres, wo nach Bouguers photometrischen Versuchen
gar kein Licht mehr hingelangen kann. Ich zog selbst
eine Ulva, die ganz grün war, mit dem Senkblei aus einer
Tiefe von 5–600 Fus. Die Rhamnoideen, Malvaceen und Citrusarten
haben in der Frucht einen gefärbten Keim, obgleich die Frucht
gewis dicht genug ist, um kein Licht durchzulassen: die Färbung
scheint hier mit eignen Gasarten zusammenzuhängen.

Etwas ähnliches finden wir bei manchen Thieren, z. B. den
Eingeweidewürmern, von denen Rudolphi über 1100 Arten beschrieben
hat, und was sehr merkwürdig ist, er hat gefunden, dass
viele Spezies in unsern Rehen und Hirschen, in den Gazellen
von Afrika und in den Kängurus von Neu-Holland dieselben
sind. Diese Thiere leben gewis in einem volständigen Dunkel.

In den ersten Anfängen ist das Vegetabilische vom Animalischen
wenig getrent. Man hat lange nicht gewust, wohin man
die Priestleysche Materie rechnen solte, einen grünen Schlamm,
der sich auf den faulenden Wassern bildet. Jezt hat man mehrere
Stoffe darin gefunden, wie Konferven, die man zu den Pflanzen rechnet
, Oszillatorien fadenartige Thiere, die eine eigenthümliche willkührliche
Bewegung haben, Infusorien Lamellinen (von Bory de
St Vincent beschrieben) ein Genus
das Latreille Gymnogenen nent.

Gruppe

Es hat sich daher ein Streit zwischen den Physikern erhoben, ob verschiedene
Wesen der Infusorien sich in eine gerade schlauchartige
Pflanze vereinigen können. Bei dieser grossen Scheidung unter
den Physiologen hatte GiroChantran die Idee, welche
nachher auch von Agardh und Hornschuch angenommen wurde:
dass eine Pflanze nichts sei, als ein Zusammensezung von thierischen
Stoffen, die sich in ihren Anfängen vereinigen und um die
sich eine Haut bildet. Dagegen glauben andre trefliche Beobachter
, wie Turpin, Raspail und Ehrenberg, dass es nicht
Gründe genug giebt, um mit Bestimtheit zu diesem Resultat
zu kommen. Die Hauptursache der Täuschung liegt darin:
dass eines Theils der erste Keim des organischen Lebens abgesondert
existiren kann, dann aber: dass er auch Theile der zusammengesezten
Körper ausmachen kann. G. A. Müller hat auf einem Blatte
eine Zusammenstellung gemacht von Vibrio tripunctatus, welches ein
Thier ist, das man wegen seiner Ähnlichkeit mit einem Schiffe Navicula
genant; und mit der Chantrania, deren Konkamerazionen
mit den Stoffen das Vibrio angefült sind: wenigstens mit so ähnlichen
, dass man sie nicht mehr davon unterscheiden kann. Eben so ist
es mit dem neuen Genus Girodella, welches früher Conferva hies.
Hieraus scheint hervorzugehn, dass die Schläuche er Organismen entweder
eine Komposizion ausmachen, oder einzeln existiren können.

Andre sehr merkwürdige Beobachtungen hat man an einer
Wasserpflanze: Chara flexilis gemacht. Sie enthält Röhren wie Kompartimente
, in denen eigne Bewegung herscht. Kleine Körner
steigen an der einen Seite der Röhre auf, an der andern herab,
ohne sich zu berühren oder zu stören, die leitende Flüssigkeit
in der sie sich befinden, ist ohne Scheidewand. Wenn man
diese Kompartimente unterbindet, so schneidet sich die Lebens-strömung
ab, und es bildet sich eine neue Abtheilung mit
einer neuen Bewegung. Wie lange diese Entdekkung vergessen
blieb, sieht man daraus, dass sie schon 1774 von Corti gemacht,
und ausführlich beschrieben wurde: später wurde sie von
Fontana bestätigt; bei uns machte Treviranus wieder darauf
aufmerksam, und ganz neuerlich Amici in Modena, der
sich viel Verdienst um die Mikroskope erworben hat. Vor
wenigen Monaten hat ein sehr guter Physiologe, Herr Meyer
in Bonn, die Entdekkung gemacht, dass die Kügelchen der Chara
eine eigne Bewegung haben, selbst wenn sie sich von derselben
trenten: etwas ähnliches bemerkte er bei der Valisneria spiralis
. Die Bewegung dieser Biosphären, (wie man die Kügelchen
nent) will man auch an den Blutkügelchen einiger
Thiere wahrgenommen haben. Da ich neuerdings keine Versuche
darüber gemacht habe, so lasse ich die Sache unentschieden.

Herr Professor Schulze in Berlin fand gleichfals im Ficus und

Nerium Oleander eine Bewegung von Kugeln in abgesonderten
Kanälen, welche sowohl Herr Prof. Link, als ich, deutlich wahrgenommen
haben. Carus fand sogar in den Libellen 2 verschiedene
Bewegungen 1, wie in der Chara in demselben Kanale auf-
und absteigend 2, in verschiedenen Röhren auf- und abwärts. Die
Biosphären im Blute sind besonders von Raspaille beobachtet
worden. Dumas behauptet sogar, dass man nur einen
Blutstropfen zu sehn brauche, um nach der Grösse der Kügelchen
zu entscheiden, welchem Thiere er angehöre: doch auch in
der Form sind die Kügelchen verschieden: man findet sie abgeplattet
auch linsenförmig. Das thierische Gewebe, nimt man
demnach an, besteht nicht blos im Blute aus einer geronnenen
und einer gerinbaren Masse. Prochaska und Sömmering fanden
die Kügelchen auch in der Muskelmasse. Bei Gerinnen scheint
sich die Masse in zweierlei Stoffe zu sondern, in Blätchen und
Fasern, je nachdem die Längen- oder Breitendimension vorherrschend
war; beide zusammen bilden das Zellgewebe.

Hieraus geht genugsam hervor, dass man in den Anfängen das
vegetabilische von dem animalischen nicht absondern kann: wir
müssen sagen, dass in den unteren Formen dieser Dualismus
nicht existirt, und sich erst in den höheren Formen zu zeigen
anfängt: denn alle Definizionen, welche man geben kann, um
diesen Unterschied festzustellen, werden durch Ausnahmen
widerlegt. Wenn man sagt, dass eine wilkührliche Bewegung
den Thieren eigen sei: so past dies darum nicht, weil wir
viele Thiere sehn, welche sich nicht bewegen: dagegen bewegt
sich das Hedysarum gyrans nicht blos im regelmässigen Auf-
und Abstieg der Blätter, wenn sie von der Sonne beschienen werden:
sondern auch in der Nacht heben und senken sich die kleinen Blätchen
, welche am Stamme sizen, ohne dass wir einen äussern Grund
dafür finden können. Hedwig fand einen scheinbaren Grund
der Theilung in den Fortpflanzungswerkzeugen, die bei den
Pflanzen abfallend, decidua bei den Thieren bleibend permanentia,
sind: allein er irte darin, dass er die Pflanze als ein Ganzes betrachtete
, während man dies nur von der Blüte sagen solte. Bei
Pflanzen, wo die Geschlechter getrent sind, ist dies am auffallendsten,
hier kann man unmöglich jede Pflanze ein Ganzes nennen. Die
Gemmen mit den männlichen und weiblichen Genitalien sind oft
weit entfernt von einander: daher mus man jede Pflanze als eine
Zusammensezung von mehreren Gemmen betrachten, die ein
Leben für sich haben: blühen, welken, und abfallen. Man hat
einen Unterschied aus der Chemie nehmen wollen, und gesagt,
dass die Thiere Stikstof enthalten, die Pflanzen aber nicht: indessen
kenne wir viele Thiere, welche keinen Stikstof enthalten.
Eben so wenig ist es richtig, dass die Nahrung der Pflanzen
aus dem Unorganischen hergenommen sei, die der Thiere aus den
Organischen: ich erinre nur an die Respirazion, eine Hauptnahrung
der höhern Thierklassen: da von der Mischung und Menge des
Sauerstoffs Leben und Gesundheit derselben abhängt.

Ehrenberg: alles was
sein Volumen vermindern
kann ist
ein Thier, alles andre
sind Pflanzen

Man könte
höchstens sagen, dass bei den höheren Pflanzen und Thieren sich ein
Gegensaz im Verkehr mit dem Luftkreise findet, insofern bei den
Pflanzen Kohlensäure zersezt, bei den Thieren aber hervorgebracht wird.

Die Masse des organischen Stoffes ist weit grösser im Vegetabilischen
als im Animalischen. Wenn man freilich einer Elephantenjagd
auf Zeylon beiwohnte, wo 100 Elephanten aufeinander geschichtet
werden: so dass Hügel von 30–40 Fus Höhe sich bilden;
oder wenn man in den kleinen Strömen, die sich in Südamerika in
die Südsee ausmünden, Heerden von 50–60 Krokodillen herabkommen
sieht, wovon jedes 14–18 Fus lang, und wenn es auf den Füssen
steht Fus hoch ist: so erstaunt man über die Masse des
Animalischen: allein was ist selbst die ungeheure Masse der Mollusken
im Vergleich mit den Urwäldern von Amerika und Indien
, wo viele Stämme 180 Fus Höhe und 5–6 Fus Dikke haben?
so dass, wenn sie gefält werden, man einen Menschen hinter dem liegenden
Stamme nicht sehn kann. Welch’ eine Masse von Vegetabilien
ist als Steinkohle von den unterirdischen Kräften in die Höhe
gehoben. Der Kontinent hat mehr Pflanzen, das Meer
eine grössere Masse von Thieren. Von den 50–60,000 bekanten
und beschriebenen Pflanzenspezies, gehören nur 300–350 zu
den Thalassophyten, und auch bei diesen ist die Anzahl der Individuen
geringer: dagegen findet man die gallertartigen Akalyphen
in ungeheuren Massen im Meere.

55. Vorlesung, 17. April 1828

Die Geographie der Pflanzen selbst verbindet auf das beste die Klimatologie
und Meteorologie mit den organischen Erscheinungen
und ist, ihrer Definizion nach, eine Übersicht der dermaligen Vertheilung
der Pflanzen auf der Oberfläche der Erde; ich sage:
der dermaligen; um sie von der eigentlichen Geschichte der Pflanzen
zu trennen, mit der man sie wohl früher verwechselt. Strohmeyer
betitelt eine kleine geistreiche Dissertazion: de historia
geographica plantarum: doch läst sich dies nach dem lateinischen
Sprachgebrauche sehr gut rechtfertigen; auch Willdenow
verbindet Geschichte und Geographie der Pflanzen. Über
die Geschichte der Pflanzen haben wir fast nur Hypothesen:
allein wir können nach Analogieen schliessen, und nach den
kultivirten oder zahmen die wildwachsenden beurtheilen.

Die Geographie der Pflanzen im engern Sinne ist eine sehr neue
Wissenschaft. Zwar von jeher hat man Wasserpflanzen, Alpenpflanzen
und Wiesenpflanzen unterschieden, aber erst in neuen Zeiten
hat man angefangen, die Stazionen und Habitazionen der
Pflanzen gehörig zu sondern. So verwechselte man nicht selten
das Palmenklima mit dem Tropenklima, während in der südlichen
Hemisphäre bis zu einer Breite, die der von Lyon analog ist,
Palmen vorkommen. Im Persischen unterscheidet man sehr richtig
das warme Land vom kalten Lande, und ebenfals die Pflanzen
, welche auf beiden wachsen. Die Peruaner unterscheiden die
Champayuncas oder die Zone der Chinarinde (Chincona) und
der baumartigen Farrenkräuter, von der Zone der Punas, in
welcher die Pflanzen bis 11000 Fus aufsteigen. Der Kardinal
Bembo schrieb im 16ten Jahrhundert sein kleines Werk: Ätna dialogus,
worin er die nach einander aufsteigenden Pflanzen am Ätna beschreibt
, und vielleicht hierdurch wurde Tourneforts Phantasie
aufgeregt, als er mit dem Dr Gundelsheimer (demselben, der den
hiesigen botanischen Garten gegründet hat) den Ararat bestieg,
und durch die Ähnlichkeit des Aussehns verleitet, in den übereinanderliegenden
Vegetazionsschichten die Floren mehrerer
Länder, zulezt die lapländische erkennen wolte. Dieselben Ideen
äusserte der grosse Linnaeus in 2 Abhandlungen: de telluris
habitabilis incremento und de coloniis plantarum. Cook’s
Reisen trugen, fast ohne es zu wissen, viel zur Geographie der
Pflanzen bei. So glaubte Forster in der südlichen Hemisphäre
dieselben Spezies zu finden, wie in der nördlichen z. B. die Ranunculaceen
: es waren aber diejenige, welche wir weiter unten
mit dem Namen der: ersezenden Arten belegen werden.

Schon Adanson am Senegal hatte ein Gefühl davon, dass
nicht alle Arten in allen Zonen gleichmässig vertheilt sind:
dass z. B. die Umbelliferen fast ganz in den Tropen fehlen pp.
So lange man indessen an künstlichen Systemen hing, konte
man keine klare Einsicht in die Geographie der Pflanzen
gewinnen; und so war es auch mit dem Linnaeischen
System: die Zahl der Staubfäden ist zufällig: man hat daher
angefangen, mehr die Analogie der Form und innern Beschaffenheit
aufzusuchen.

Der Name der Wissenschaft existirte viel früher als sie selbst. Am
frühesten hat ihn der Dr Menzel aus Fürstenwalde ausgesprochen
in einer unedirten Flora von Japan. Später Bernardin de St
Pierre in seinen Etudes de la Nature, wo er diesem Gegenstande
ein eignes Kapitel vol scharfsinniger Bemerkungen widmet.
Giraud-Soulavie unter dem vielversprechenden Titel: Geographie
physique des végétaux de la France méridionale; er ist ausserdem ein
wunderbarer Mann, welcher behauptet dass die Gebirgsarten des
Landes Einflus auf den Karakter der Menschen haben; dass die auf
dem Sandboden wohnenden stupider sein müsten als die auf Kalk
oder Granit wohnenden. Sein Buch bezieht sich nur auf die kultivirten
Pflanzen, ist aber darum merkwürdig, weil er das erste
Profil, freilich nur für Kastanien und Weinbau (was nachher Arthur
Young weit besser ausgeführt hat) und eine sehr vague
Barometerskala daneben.

Zwei Messungen gehören nothwendig zu jeder Pflanze 1, die
Messung der Höhe des Standortes durch das Barometer, 2, die
Messung der Temperatur durch das Thermometer. Es war ein
Hauptzwek meiner Reise, dies durch eine Menge von Beobachtungen
festzustellen. Das Verdienst davon gehört nicht mir, sondern
meinem unglüklichen Reisegefährten Bonpland. Wir haben
6000 Pflanzen zurükgebracht: wovon 3800 neue Spezies, alle nach
Höhe und Temperatur bestimt. Sie finden die Resultate in 2
kleinen Werken von mir, die ihnen vielleicht einmal in die Hände
fallen: de distributione plantarum secundum coeli temperiem
et montium altitudinem; und: de Geographia plantarum:
in neueren Zeiten ist die Zahl der bestimten und beschriebenen Pflanzen
auf 12000 gestiegen; besonders durch die Bemühungen von
Ramond, der in den Pyrenäen sehr viel Barometerbeobachtungen
anstelte; ferner durch einen treflichen Physiker, den ich schon
oft und gern genant habe. L. v. Buch, in der Flora der kanarischen
Inseln und von Skandinavien; durch Wahlenberg’s Arbeiten
über die Alpen, Lapland und die Karpathen, durch
Parrers Beobachtungen am Kaukasus, Decandolle’s im ganzen
südlichen Frankreich, des Dänen Schouw (sprich Sko) der auch
eine kleine Pflanzengeographie in deutscher Sprache herausgegeben
hat.

Man hat in neueren Zeiten zuviel von der Meteorologie in
die Pflanzengeographie gemischt, welche wegen der klimatischen
Verbreitung der Gewächse gleichsam parallel mit ihr geht.
Ich hätte gewünscht, die Geographie der Thiere und Pflanzen gleichmässig
behandeln zu können: allein in der Kentnis der Thiere
sind wir noch nicht weit genug vorgerükt, und müssen uns mit
wenigen Wahrnehmungen begnügen. So machte schon Büffon die
Entdekkung, dass unter den Tropen in der neuen Welt kein Säugethier
der höhern Klassen vorkomme, das dem der alten Welt
gleich sei, und jezt kann man hinzusezen, dass es mit den Pflanzen
eben der Fall sei, wenn man einige Küstenpflanzen und wenige
Gräser ausnimt. Die Pflanzen und Thiere dagegen der niedern
Klassen sind gleichmässig in allen Zonen verbreitet z. B. die Infusorien
. Manche Pflanzen zeigen die Erscheinung des Wanderns oder
Versezens: so ist Oenothera biennis und Erigeron canadense bei
uns wild geworden; eben so wie die Perlhühner, Meleagris auf
Kuba wild geworden sind. Bei den Thieren fehlt es fast gänzlich an
Barometermessungen. Die Insekten, welche beinahe aller
Thierformen ausmachen, sind nach der Höhe zu welcher sie sich
erheben fast gar noch nicht bekannt.

Wir werden in der Pflanzengeographie 6 Abtheilungen machen können:
1, Beantwortung der Frage, wie weit geht die Pflanzendekke auf der

Oberfläche der Erde?

2, Wieviel Arten giebt es auf der Erde?

3, Geographische Verschiedenheit in dem Leben der Pflanzen, und in
der Mannigfaltigkeit des Natur-anblikkes.

4, Verbreitung nach Identität der Pflanzen-arten.

5, –––––- –––– der Zahl. –––––– –––––– –––– Präponderanz
gewisser Familien, und Wiederkehr von bestimten numerischen
Verhältnissen.

6, Störungen, welche die Verbreitung der Pflanzen ändern. Wirkung
des Menschen durch Reisen; Wirkung der Strömungen und
andrer Erdbegebenheiten.

1, Wieweit geht die Pflanzendekke?

Dass das Licht zur Pflanzen-organisazion nicht durchaus nöthig
sei, haben wir oben gesehn: hier mus noch bemerkt werden,
dass nur Agamen oder Kryptogamen allein sich vom Lichte entfernen
, und zwar:

a, nach der Stazion.

b, nach der ganzen Beschaffenheit.
Die unterirdischen Pflanzen sind entweder von der Luft umgeben,

wie im Innern der Bäume, wohin kein Lichtstrahl dringt; unter
den Tropen findet man hohle Bäume von 15 bis 20 Fus nicht Umfang
sondern Durchmesser, in denen man einen wahren Reichthum
eine ganze messis von Kryptogamen antrift; oder von der Erde,
wo sie zwar immer mit der Luft in Verbindung stehn, aber doch
unmittelbar von der Erde umschlossen werden: wie die Trüffel,
Lichen subterraneus und andre, die oft 4–5 Fus in der Erde
sizen. Die Tuber-arten sind die grösten Kryptogamen, welche
wir kennen. Ich sah in Philadelphia Wilde vom Missouri
kommen, welche grosse Trüffelmassen von 6 bis 8 Zoll Durchmesser
wie Brodte an einem Strikke bei sich trugen. Sie versicherten,
dass diese Trüffeln sich getroknet viele Monate halten, und
bezeichnen sie mit einer ähnlichen Benennung wie das Brodt:
ich konte die Sache nicht genauer untersuchen, doch spricht

Herr Martin in seiner Reise ausführlich davon. Eben so kann man

alle Wurzeln als unterirdische Pflanzen betrachten, auch die
Samen können sehr lange Zeit im Innern der Erde im Winterschlaf
versenkt liegen, und nach vielen Jahren wieder zum
Vorschein kommen. Daher entstehn an Orten Pflanzen, die man
früher gar nicht kante. In Wiborg auf Seeland zeigte sich bei der
Austroknung eines Seees: Carex cyperoïdes, das man früher in
Dännemark gar nicht gekant hatte: auch bei der Zerstörung von
alten Druidentempeln soll etwas ähnliches vorgekommen sein.
Manche Seepflanzen haben eine bedeutende Länge: ich fand einen
Fucus pyripherus von 340 Fus Länge, der schräg vom Meeresboden
in die Höhe steigt.

Nach Norden hin findet sich unter 75° Breite noch eine ansehnliche
Zahl von Pflanzen, wenn man bedenkt, wie kalt es in
so grosser Breite des transatlantischen Systems sein mus, wo
die isothermen Linien einen konkaven Scheitel haben. Parry
fand auf der Melville’s insel, deren mittlere Temperatur vielleicht
14° R. beträgt, 60–70 Phanerogamen, worunter Saxifragen und
Andromeden: sogar einen kleinen Baum, Salix arctica, der
zwar nur 3–4 Zoll hoch wird, aber alle Eigenschaften
eines Baumes hat.

Spizbergen scheint bis jezt das an Pflanzen ärmste Land
zu sein. Scoresby fand nur 15 Spezies.

In der südlichen Hemisphäre hat man lange nicht so viele
Beobachtungen. Forster meinte, dass auf dem Sandwichslande, das
er aber nur im Vorbeifahren sah, gar keine Pflanze vorhanden
sei: allein dies ist ein Irthum: denn Weddell fand auf den weit
südlicher gelegenen Shetlandsinseln noch eine reiche Flora, und
eben so Billinghausen auf dem südlichsten Lande, den Peter und
Alexandersinseln.

Steigt man an den Bergen auf, so finden sich Pflanzen in sehr
grossen Höhen. Saussure fand bei seiner Reise auf den Montblanc
die Silene acaulis in 10700 Fus Höhe. Dies ist aber nichts im Vergleich
mit der Andeskette. Hier fand ich beim Aufsteigen auf den
Chimboraço eine Umbilicaria in 17100 Fus Höhe: in Klüften,
welche sich ohne Schnee erhalten. Von den Phanerogamen steigen
die Gentiana und Eudema am höchsten, die ich in 15000 Fus fand.
(Auf meiner Karte komt der Name jeder Pflanze 2 mal vor, zuerst
unten, wo sie anfängt, und dann höher hinauf mit einem Kreuz,
gleichsam wo sie abstirbt.) In diesen Höhen , ist es nicht sowohl
die Kälte, welche die Pflanzen zerstört, sondern die Schneedekke
, welche sie nicht fussen läst, sowohl nach den Polen zu,
als auch an den Bergen aufwärts. In den untern und mittleren
Regionen aber ist es die Temperatur, welche das Leben der Pflanzen
bestimt; während die thierische Organisazion sich zum Theil
ihre Temperatur selbst bereitet. Bei den Pflanzen ist die Respirazion
durch die appendikulären Organe der wichtigste Theil des Lebens:
daher ist bei den Gebirgspflanzen die grosse Trokkenheit Hindernis
ihrer Ausbreitung. Auch bemerkt man, dass die Alpenpflanzen einen
kurzen Stiel und eine grosse Blüte haben, eben so wie kränkelnde
und zu junge Pflanzen leichter blühen, und dann welken, nicht als
ob das Blühen und Früchtetragen an sich sie erschöpfte, sondern weil
es schon ein pathologisches Zeichen ist, dass sie blühen. Das dürre,
harzige, haarige der Alpenpflanzen läst sich sehr gut durch
den verminderten Barometerdruk erklären, der mit der Respirazion
der Pflanzen zusammenhängt. Die Alpenpflanzen dünsten
unter einem geringeren Drukke aus, und werden durch ein reineres
Licht zur Transspirazion gereizt: daher sind sie mehr resinös als aquös.
Aus derselben Ursach kommen die langen Haare: je mehr ein Theil exzitirt
wird, um desto stärker entwikkelt er sich: daher ruft die grössere
Transspirazion der Alpenpflanzen die Haare hervor. Auch die stärkere
Elektrizität trägt dazu bei, welche sich in diesen Höhen findet.
Es sind hierüber schöne Versuche auf Kosten des östreichischen Kaysers
und der Erzherzöge gemacht worden. Nicht so wichtig ist
nach des jüngern Saussure treflichen Versuchen die chemische Beschaffenheit
des Bodens: er hat Pflanzen in Talk-Kalken und Alaunerde
keimen lassen, und gefunden, dass es nicht sowohl auf die chemische
Natur der Erde ankömt, ob eine Pflanze wachsen kann, sondern mehr
auf seine Qualität, das Wasser bei sich zu behalten. Daher ist es
unrichtig, einen spezifischen Unterschied zwischen den Pflanzen zu
machen, die blos auf Kalk, Sand pp. wachsen sollen. Decandolle
zeigte, dass die ächte Kastanie (Pharus Castanea ) nicht blos
auf Kalkboden wächst: sondern auch auf Granit und vulkanischen
Produkten: eben so wie der Buxbaum, der nicht blos auf Kalk fortkomt
, wie man behauptete.

Fagus

Von den Alpenpflanzen wächst das
Rhododendrum ferrugineum und alpinum ohne Unterschied auf
Kalk und Urgebirge.

2, in wieviel Arten kann die Pflanzendekke zertheilt werden?
Dies ist eine der schwierigsten Untersuchungen: denn die Natur ist
unendlich an Varietäten. Gärtner wie Botaniker klagen darüber:
nicht blos: dass die aus dem Samen gezogenen Pflanzen nicht mehr

dieselben sind: sondern dass nicht einmal ein Stekling dem andern
gleich ist. So herschen auf den westindischen Inseln, welche nahe beisammen

liegen, immer kleine Varietäten in denselben Vögelarten, die
in entfernteren Inseln sich noch grösser zeigen. Der grosse Botaniker
R. Brown hat auf meine Bitte einige Untersuchungen hierüber
angestelt, indem er die Pflanzenregister derjenigen Botaniker ,
welche alle Namen leichtsinnig aufgenommen haben, mit solchen verglich
, welche eine grosse Strenge in der Aufnahme von neuen Spezies
zeigen; doch wird dadurch die ganze Menge kaum um oder 1/12
vermindert.

Wissen zu wollen, wieviel Spezies es überhaupt giebt, würde eine
müssige Frage sein, die man gar nicht beantworten kann, sondern
wir können nur fragen, wieviel sind bekant, beschrieben und in den
Herbarien? Nach einer Untersuchung, die ich 1807 mit R. Brown
angestelt habe, fanden wir 38000 Phanerogamen
6000 Agamen oder Kryptogamen,
zusam̃en 44000 Spezies.
Davon kamen auf die Tropenländer von Amerika 13000.

Asien nur 4500.

In Persoon’s bekantem Enchiridion sind 21000 Phanerogamen beschrieben
. Decandolle aber versichert, dass die Zahl der Pflanzen, welche
er verglichen und beschrieben habe, sich auf 56000 belaufe; wir
kommen also 60000 schon sehr nahe. In den neusten Zeiten ist der
Zuwachs an Pflanzen ganz ungemein gros gewesen. Von meiner Reise
brachte ich 6000 Pflanzen zurük. Aus Neu Holland sind 3700 Spezies
gekommen. Brasilien ist in dieser Hinsicht am merkwürdigsten: hier
kante man nach Decandolle im Jahr 1800 nur 500 Spezies: durch
die Reisen von St Hilaire, Martius pp. kent man jezt 17000: allein
in 27 Jahren. Die meisten Reisenden haben dieselbe Quantität, nämlich
ungefähr 6000 Spezies mitgebracht. Burchill, der am Vorgebirge
der guten Hofnung einen Flächenraum wie Frankreich durchforschte,
brachte über 7000 zurük: die gröste Zahl aus einem einzelnen Lande
erreichte der Dr Pohl, er brachte aus Brasilien 8000 Spezies.

56. Vorlesung, 19. April 1828

Neuerdings habe ich wieder eine Zählung mit den Herren Brown
und Decandolle angestelt, welche uns 60–65000 bekante Phanerogamen
gab. Bedenkt man nun, dass das Land nur
der Erdoberfläche beträgt, und zu Millionen Quadratmeilen
angeschlagen werden kann, so kömt 1 Spezies auf 42 Quadratmeilen
: dies ist allerdings sehr wenig: indessen mus man nicht
vergessen, dass deshalb die Zahl der Individuen von derselben
Spezies sehr gros sein kann. In allen Gärten von England,
welche die reichsten in der Welt sind, werden 16000 Spezies kultivirt
, eine ungeheure Zahl, das Viertel aller bekanten Pflanzen.
Weit mehr dagegen haben wir in den Herbarien. Früher galt
ein Herbarium von 9000 Pflanzen für sehr reich; jezt hat

Herr Lambert in England eines von 35000 Spezies zusammengebracht, worunter

30000 Phanerogamen: dies ist die Hälfte aller bekanten
Pflanzen.

Es fält leicht in’s Gedächtnis, wenn man sich merkt, dass es
eben so viel Thiere als Pflanzen giebt, nähmlich 66000 Thiere,
wovon nach Kunth und Latreille 44000 Insekten. Es darf hier
nicht übersehn werden, dass wenn bei den Pflanzen die höheren
Organisazionen die zahlreicheren sind, bei den Thieren dies umgekehrt
von den niedrigen gilt, ja wenn man die 4 unteren Thierklassen
: Insekten, Würmer, Zoophyten und Mollusken zusammennimt
: so machen sie der ganzen Thierwelt aus.
Bei den Pflanzen kömt der Unterschied gegen die höheren Formazionen
auch daher, dass man sich zu wenig mit den
Kryptogamen beschäftigt hat, sie machen nur des ganzen
Pflanzenreichthums aus. In Europa kann man mit R.
Brown 7000 Spezies von Pflanzen annehmen; den Flächeninhalt
zu 155,000 Quadratmeilen berechnet, komt auf 22 Quadratmeilen
1 Spezies. Rechnet man nun noch die Spezies ab, welche Europa
mit Nordamerika und Asien gemeinhat, die sich für Amerika
auf 400, für Asien auf 4000 belaufen, so bleiben für Europa
ganz eigne Pflanzen 1800 bis 2000, welches nur 1 Spezies auf
70 Quadratmeilen giebt.

Decandolle nimt an, dass die Hälfte der existirenden
Pflanzen beschrieben sei, sezt also ihre Zahl auf 120,000: man
kann indes wohl glauben, dass dies zu gering sei, und dass
kaum ¼ der existirenden Pflanzen beschrieben sei. Dies stimt
sonderbar genug mit den Mythus aus der Zendavesta, wo
eine Übersicht aller Thiere, Fische und Vögel gegeben wird:
nicht blos im algemeinen, sondern nach Zahlen: da sagt auch
Zoroaster, dass 120,000 Pflanzengestalten aus dem Stierblute
hervorgegangen seien, die sich von Hiran aus über die
ganze Erde verbreitet hätten.
Es entsteht die Frage, ob die Zahl der Pflanzen in historischer

Zeit zunehmend oder abnehmend gewesen sei? Von Thieren
haben wir Beispiele, dass sie verloren gegangen sind: so die Dronte
ein Vogel fast so gros als der Straus, von dem eine Klaue im
British Museum, der Kopf in Oxford aufbewahrt werden; dass
manche niedern Pflanzen untergehn mögen, ist nicht unmöglich
, aber schwerlich entstehn jezt noch neue aus den höheren
Klassen: doch liegt diese Frage ausserhalb der Gränzen der
naturhistorischen Untersuchung. Zwar giebt es in Otaheiti
eigne Süswasserfische in vulkanischen Bildungen; in den
hohen Seeen von Amerika fand ich mehrere neue Genera von
Fischen, die sich wieder in ganz entlegene Seeen 12–14000 Fus
hoch finden; in Frankreich sind Pflanzen aus einem Flusthale
in das andre übergegangen, obgleich hohe Gebirgszüge dazwischen
liegen. So fand Decandolle, dass der Po und die Rhone
mehrere Pflanzen gemeinschaftlich haben; dann ist es
auch nicht zu läugnen, dass hybride Pflanzen immer noch
entstehn, eben so gut als Thiere: eine Fragaria monophylla,
eine Erdbeere mit einem einzigen Blatte entstand vor ungefähr
40 Jahren in den Gärten von Paris, und hat sich bis jezt dort erhalten
.

Von den Polen nach dem Aequator hin ist die Pflanzendekke immer
dichter gewebt. Noch im Anfange dieses Jahrhunderts glaubte
man mit Brown, dass der gröste Pflanzenreichthum sich
zwischen 28 und 30° Südbreite befinde, weil er (Brown) in Neu Holland
eine sehr grosse Menge von Pflanzen vorfand. Allein schon
vor meiner Reise glaubte ich annehmen zu dürfen, dass die Pflanzenmasse
unter dem Aequator am grösten sei, und jezt hat Brown seine frühere
Meinung aufgegeben. Der Dr Pohl brachte allein 8000 Spezies aus
Brasilien, die er auf einer Area von 18000 Quadratmeilen gesammelt hatte: wenn
man aber bedenkt, dass die Reisenden immer nur auf schmalen Fussteigen
durch die Länder gehn, und lange nicht alle Pflanzen finden
können, welche rechts und links davon im Innern des Landes liegen,
so begreift man wohl, wie reich im Ganzen die brasilianische Flora
sein müsse, da Frankreich mit 11000 Quadratmeilen nur 6000 Phanerogamen
und Kryptogamen hat, obgleich in den südlichen Theilen ein sehr
üppiger Pflanzenwuchs herscht. Brasiliens Lage unter den Wendekreisen
ist die Hauptursache dieses Pflanzenreichthums.

Für die Tropen rechnet man 7500 Phanerogamen.

Für Frankreich, dessen mittlere Temperatur +9 bis 12° R. ist: 3800. Phanerogamen.

Für Deutschland inklusive die Schweiz mittlere Temperatur +7 bis 9°. 3400 Phanerogamen.
nach Suter’s Untersuchungen.

Für Deutschland allein nur 2300.

Die Flora von Berlin ist nicht so arm als man denken solte: sie
enthält nach Herrn v. Schlechtendahl 1000 Phanerogamen und 1200 Kryptogamen
, also zusammen 2200 vegetabilische Formen.

Wirtemberg, ein gesegnetes Land voll Hügelreihen und Thäler hat
nach Schüler nur 1230 Phanerogamen.

Die Flora von Berlin ist darum so reich, weil die Individuen
in nicht grosser Menge vorhanden sind.

In Lapland, wo die Temperatur ± 0° R. beträgt, vom 66 bis 69° Nordbreite
fand Wahlenberg noch 526 Spezies Phanerogamen, und 1100 Spezies
, wenn man die Lichenen und Pilze dazu rechnet.

Island, das für seine Breite ein mildes Klima hat, enthält als
Insel eine kleinere Zahl von Pflanzenformen, unter 63–67° Nordbreite
374 Phanerogamen.

Auf der Melville’s insel fand Captain Parry unter 75° Nordbreite 67 Pflanzen.
Dies ist die absteigende Skala nach dem Pole zu. Betrachten wir nun

die Inselklimate, so finden wir sie sehr arm. St Helena hat nach
Roxburgh nur 50–60 Spezies, und von einigen ist es noch ungewis, ob
sie nicht von aussen her dahin gebracht sind.; S. Tristan d’Acunha
hat nur 55 Pflanzen.

Aegypten, ein schmales Flusthal, hat nach Delille, Ehrenberg
und Hemprich nur 1000 Phanerogamen; Nubien und Dongola
nur 200 Spezies, auch glaubt Herr Ehrenberg, dass künftige Botaniker
kaum noch 100 Arten dazu finden werden.

Südamerika, unter derselben Breite wie Nubien, hat 7–8000 Spezies.
3, Die Frage, ob die geographische Verschiedenheit in Rüksicht auf
die physische Beschaffenheit der Pflanzen, unter den Tropen
grösser sei oder in der temperirten Zone, glaubt man gleich mit
Ja für die Tropen beantworten zu können: allein wir werden sehn,
dass auch bei uns sich grosse Kontraste finden.

Fangen wir von unten an, so sind die kleinsten Pflanzen die mikroskopischen
, und man rechnet jezt nach Mitsch die Vacillarien
und Oszillatorien (die früher zu den Thieren gezählt wurden) auch zu
den Pflanzen; ferner die ganze meteorische Vegetazion im rothen
Schnee, die man früher für eingemischte Glimmerblätchen hielt.
Herr Bauer hält sie jezt für Uredo und Tremella. Es sind kleine Sphären
, aus denen neue entstehn; nicht blos bei einer Temperatur von unter
0° R. sondern bei +15 bis 16° R. können sie sich fortpflanzen. Bauer
fand am Morgen ihre Zahl oft verdoppelt: so haben sie in Paris, London
, Genf Jahr fortgedauert, jezt ist aber nichts mehr davon
vorhanden.

Diese kleinen Vegetabilien bilden einen starken Kontrast gegen
die Palmen der Andeskette, von denen die höchsten nicht in der Ebne
wachsen, wohl aber sonderbar genug auf den Bergen. Ich war so glüklich, mit

Herrn Bonpland dies neue Genus zu entdekken. Es ist die Wachspalme

, welche erst auf 4000 Fus Höhe anfängt. Da die Messungen
mit dem Schatten sehr unsicher sind, so fälte ich einige Bäume,
um genau zu wissen, wie gros sie wären, und fand sie von 180
Pariser Fus Länge. In Neu Holland hat man Melaleuceen von
170–180 Fus gemessen. Noch grösser aber ist die Araucaria,
welche auf den Norfolksinseln 29° Südbreite vorkömt; von der Araucaria excelsa hat
man Stämme gefunden, die die ungeheuere Höhe von 240 Fus erreichten
, also so hoch als unsre Kirchthürme. Aber noch riesenhafter
ist der Baum, den ganz neuerlich, 1826, Douglas gemessen
hat, der mit dem Kapitän Franklin (nicht jenem der nach
der Baringstrasse ging) eine Reise machte. Er fand am Ausflusse des
Columbiarivers, unter 48 bis 50° in Kanada ein Exemplar von einem
Baume, den man zu voreilig Pinus canadensis genant hat, der 15
Fus Durchmesser und 260 Fus Höhe hatte. Die Zapfen von Fus
Länge sind jezt nach England geschikt worden.

Diese grossen Vegetabilien hat man also fast alle in der temperirten
Zone gefunden, dagegen ist die Ausdehnung in die Breite unter
den Tropen am grösten. Bei der Länge finden sich die Kontraste in 2
verschiedenen Zonen: unter 48° Nordbreite Gewächse von 260 Fus Höhe, in
Spizbergen und auf den Melville’s inseln Bäumchen von 2 Zoll Höhe:
(Salix arctica).

Schon Cadamusta im 16. Jahrhundert bewunderte die Dikke der Adansonien
und Boa-bäume, die er in der heissen Zonne antraf. Die Adansonia
digitata welche Goulberry am Senegal untersuchte, hatte 60
Fus Höhe und 34 Fus Durchmesser: sie war hohl geworden: die Neger
hatten aus den freistehenden Stükken Säulen ausgehauen mit
architektonischen Verzierungen, und im Innern des Stammes hielt
das Volk seine Rathsversamlungen. Die Dracaena Draco, der Drachenbaum
auf Orotava, eines der ältesten organischen Monumente
unseres Erdkörpers hat 15 Fus im Durchmesser. Die berühmte Kastanie
auf dem Ätna, welche aus vielen zusammengewachsenen Stämmen besteht
kann man nicht einmal hieher rechnen.

Auch in den Blüten zeigt sich ein auffallender Unterschied. Die
der Umbelliferen sind oft so klein, dass man sie mikroskopisch nennen
könte. Arnold entdekte eine Rafflesia, deren Blüte 3 Fus
im Durchmesser hatte, und 15 wog: sie findet sich an den Wurzeln
von Cistus angustifolins. Horsfield schikte sie nach England
wohl verwahrt in einen Kasten mit Sand eingepakt, wie
Peziza sie troknet dann volkommen, und hat ein schwammiges
Ansehn. Brown zählt sie zur Familie der Cytisus und
Casuarinen. Mit Herrn Bonpland entdekte ich in der Andeskette
die Blüte einer Aristolochia von 16–17 Zoll Durchmesser,
welche die Kinder wie Hüte auf den Kopf gesezt hatten.

Der Karakter der Tropenvegetazion besteht in der Grösse
und in dem Emporstreben der Formen. Wenn wir in Deutschland
70, und in Lapland 11 Spezies von Bäumen haben, die zu einer
gewissen Höhe sich erheben, so giebt es unter den Tropen weit
mehr als die doppelte Anzahl, in einer ungleich beträchtlicheren
Höhe; während unser Schilf kaum die Höhe von 10 Fus erreicht
, so findet man dort Bambusaceen von 50 Fus Höhe. Die
Monokotyledonen, welche den Tropen eigen sind, tragen auch viel dazu
bei, die Vegetazion zu verschönern. Die meisten Bäume erreichen
dort eine bedeutende Höhe; der Ausdruk: Baum ist unbestimt,
bei uns rechnet man alles dazu, was über 15 Fus Höhe erreicht, und
davon haben wir kaum 12 bis 15 Arten in Deutschland. Wenn man
daher von hier nach den Tropenländern von Amerika geht: so erstaunt
man über die Grösse der Vegetazion: aber noch stärker ist der Kontrast
, wenn man von dort nach Europa zurükkömt, und unsre niedrige
Vegetazion erblikt: denn wenige Bäume bei uns überschreiten
die Höhe von 50 oder 60 Fus.

Die Baumartigkeit hängt nicht blos vom Klima ab, sondern
auch von der Beschaffenheit des Bodens. Bei uns in der temperirten
Zone giebt es nur 2 Eichenarten, in Nordamerika unter denselben
Breiten 40, wozu ich mit Herrn Bonpland 25 neue Spezies
aus Neu-Spanien hinzufügte. Alle Malvaceen, die bei uns niedrig
sind, erheben sich dort zu einer grossen Höhe: ihnen gehört die
gewaltige Adansonia an.

Bei den Tropengewächsen zeigt sich der gröste Kontrast in der
Ausdehnung des Parenchyma. Die appendikulären Organe der Bananen
werden so gros, dass eine Person sich volkommen in ein
Blatt einwikkeln kann: dagegen zeigt sich das gröste Zusammenziehn
des Parenchyma in der Colletia, die wir aus Peru mitgebracht
haben, und in den Casuarinen.

Ein Vorzug der temperirten Zone sind die schönen Wiesen, welche
da am besten fortkommen, wo es am meisten regnet, und der
Himmel häufig mit Wolken bedekt ist: kurzer Rasen findet sich
unter den Tropen gar nicht, wo die Sonne einen Theil des Jahres
fast senkrecht ihre Strahlen herabschiest.

Die annuellen und bisannuellen Pflanzen sind wiederum in
der temperirten Zone am häufigsten: sie nehmen nach den
Polen und nach dem Aequator hin ab. Die einjährigen Pflanzen
machen in Lapland 1/60, in Deutschland 1/30 der ganzen
Vegetazion aus.

Der auffallendste Unterschied der gemässigten Zone gegen
die Tropen liegt in der Farbe der Blüten. Über die Blütenzeit
unserer Amentaceen und Coniferen haben wir uns nicht sehr
zu erfreuen: denn sie blühen grün, wie die Blätter der Bäume,
und sind auch sonst sehr unscheinbar; wogegen unter den Tropen
alles mit den herlichsten Formen und Farben prangt, wie Nymphaea
und andere: man kann sagen, dass dort die Lebensfülle grösser
ist als bei uns. Während die Baumstämme bei uns mit kleinen
Moosarten bedekt sind, prangen sie dort mit Achilleen, Panlinien
und anderen schönen Gewächsen: so dass man mehr Pflanzen
mit herlichen Blüten dort auf einem einzigen Stamme vereinigt
findet, als bei uns auf einer Quadratmeile.

Betrachten wir ferner den Unterschied zwischen den isolirt- und
gesellig-lebenden: so sehn wir, dass unter den Tropen der geselliglebenden
weniger sind, wie ich schon früher in meinen Aphorismi
ex physiol. chem. plant. gezeigt habe. In unsern Haideländern bilden
Caluna vulgaris, Erica tetralix und Cenomyce rangiferina
ganze Pflanzenregionen, die Coniferen sind fast der einzige Bestandtheil
unserer Wälder. In Spanien und Italien hört Erica
vulgaris auf, und es fangen an Erica scoparia und Erica arborea zu
erscheinen, anfangs nur sporadisch, dann aber in grösseren Massen
und fast ausschlieslich. In den Kryptogamen findet sich ein
grosser Unterschied der Lebensweise. Dicranum glaucum lebt gesellig
, die Hypna-arten einsam.

Die Frage, woraus ein Wald besteht, die man bei uns sehr leicht
beantworten kann, hat unter den Tropen keinen Sinn: denn die verschiedensten
Formen folgen ununterbrochen auf einander: Die Guttiferae
und Laurus-arten, einige Amentaceen, Croton argenteum pp.
Die Cactus-arten, und besonders die welche man zu den Cerei rechnet:
erreichen eine Höhe von 25–30 Fus, und stehn wie Orgelpfeifen
neben einander: in dem gegenüberliegenden Afrika werden sie durch
die Euphorbien ersezt: so dass ein Schiffer, der an einer der beiden
Küsten landete, schon aus der Pflanzenphysiognomie des Landes
urtheilen könte, in welchem Welttheil er sich befände. Nach den
alten spanischen Gesezen soll jede Festung mit Cactuspflanzungen
umgeben sein, wie z. B. Carthagena, weil diese einen
undurchdringlichen Wall bilden.

Durch die Bambusaceen werden die Tropenländer überall
verschönert: besonders durch das grosse: Arundo Bambus, welches
schon zu Onei Sikritus Zeiten berühmt war, der den Alexander
auf seinem Zuge begleitete. Es giebt Gräser unter den Tropen,
welche 50 Fus hoch werden, und Fus Durchmesser haben.

Nichts ist wichtiger für die Schiksale der Menschen, als die
Gewohnheit der Pflanzen, gesellig zu leben. Die Amentaceen und
Haiden bei uns sind zwar einförmig, aber sie bedekken unsere
Felder mit einer unendlichen Zahl von Individuen, und werden
und in vielfacher Hinsicht nüzlich. In den grossen Steppen dagegen
, wo niedrige Grasarten zusammenwohnen, die sich fast ununterbrochen
von der chinesischen Mauer bis an das kaspische
Meer erstrekken, da wird das Leben der Völker auf andere Weise
bedingt, und die Existenz der Hirtenvölker in Asien möglich gemacht;
welche vom Zustande der Nomaden in das patriarchalische Leben,
und dann zur Despotie übergegangen sind. Auf diese Weise konten
bewafnete Völkerstämme so weit erobernd sich verbreiten: sie führten
ihre Rinder als Proviant mit sich, und hatten in den endlosen
Steppen nie Mangel an Futter zu befürchten.

57. Vorlesung, 21. April 1828

Einige wenige Spezies der Kryptogamen leben sporadisch, die meisten
andern aber gesellig: so wie es einige Arten von Heul-affen,
Alonaten giebt, wo immer ein Mänchen und ein Weibchen zusammen
herumklettern, während andre einzeln umherlaufen, noch
andere in Heerden sich versammeln: bei den Psittaci bemerkt man
dasselbe, von denen einige gregatim leben: auch die Arrasgeschlechter.
Das Zusammenleben der Pflanzen verändert die Zahl der genera
im Verhältnis zu den speciebus sehr oft. Obgleich das Genus eine
künstliche Gruppirung ist: so mus es doch eine gewisse Ähnlichkeit
der Form geben, wodurch man bestimt wird, Pflanzen zu demselben
genus zu rechnen. Unter den Tropen giebt es allerdings mehr Spezies
auf einem bestimten Raume zusammengedrängt, dagegen wird von
den Tropen nach Norden zu der Anblik der Natur in sofern mannigfaltiger
, als die Genera im Verhältnis zu den Spezies sich vermehren:
In Lapland komt auf Spezies (denn man bei diesen numerischen Verhältnissen
auch in Brüchen reden) nur 1 Genus; in Frankreich
mus man 5–6 Spezies aufsuchen, um ein neues Genus zu finden;
unter den Tropen wächst das Verhältnis ungemein, und man
mus vielleicht 200 Spezies aufsuchen, um ein neues Genus zu finden
. Daher findet man beim Bergebesteigen einen scheinbar-grösseren
Reichthum von Pflanzen wegen der grösseren Menge der
verschiedenen Blüten, dafür sind aber weniger Genera da. Für
Deutschland und die Schweiz komt auf 5 Spezies 1 Genus, bei
Berlin auf 2 bis 3 Spezies 1 Genus, und dieser Hinsicht kann man die
Flora von Berlin reich nennen. Wir haben nach Herrn v. Schlechtendahl
420 Genera auf 1000 Spezies Phanerogamen: Frankreich 683 Genera
auf 3600 Spezies.

Die ersezenden Formen in den verschiedenen Klimaten haben oft
eine solche Ähnlichkeit, dass früher die Botaniker davon irre
gemacht wurden. Daher glaubte man, dass Nordamerika viele europäische
Pflanzen habe, obgleich man mit demselben Rechte grade
das umgekehrte sagen könte. So glaubte La Condamine in der Andeskette
europäische Pflanzen zu finden. Die Erdbeere der Anden und die
von Pensylvanien sind so gleichaussehend, dass man sie nur nach
genauer Untersuchung von einander absondern kann. Besonders
auffallend sind manche genera, die nur 2 Spezies haben, welche oft
1000 Meilen von einander entfernt vorkommen: so der Platanus
orientalis und occidentalis: so 2 Spezies von Valisnerien; so der

Chirocarpus, von dem früher 1 Spezies in Ostindien vorkam, die andre

fand ich mit Herrn Bonpland auf der Andeskette, beide sind sich sehr
ähnlich; so die Swenodea wovon eine Spezies in Malabar,
die andre in Mexiko vorkömt.

Sphenoclea

Link führt in seiner Flora portogalensis
die Urtica candata an, welche der Urtica dioïca zum verwechseln
ähnlich ist, eben so die Stachys germanica und russica

4, Verbreitung nach der Identität der Pflanzenarten. Dies ist
ein so reiches und wenig angebautes Feld der Wissenschaft, dass
in den neueren Zeiten die Physiker sehr zwekmässig angefangen
haben, sich mit den beschreibenden Botanikern zu verbinden,
um sicher zu gehn. Da man dies früher unterlies, so entstanden
in manchen Schriften viele vague Ideeen. So behauptete man,
dass unsre gemeinen Pflanzen, wie Solanum nigrum, Portulacca,
Medicago pp. Kosmopoliten seien, und sich überall vorfinden. Dies
ist durchaus falsch. Nicht einmal in dem entsprechenden Klima
von Nordamerika finden sich ganz dieselben Pflanzen, wie bei
uns. Man kann sagen, dass die Spezies nicht Produkte der
Klimate sind, sondern nur ihre Form nach ihnen verändern.
So erheben sich unsre niedrigen Gräser unter den Tropen auf
50 Fus Höhe, und unsre Syngenesisten nehmen ein baumartiges
Ansehn an. Auf der Silla von Caracas, die 9000 Fus hoch
ist, findet sich ganz oben eine Befaria, und 250 Meilen davon
in der Andeskette fängt eine andre Befaria, auf derselben
Höhe an sich zu zeigen. Diese schöne Pflanze geht so hoch hinauf,
dass sie mit ihren purpurrothen Blüten einen Kranz um den
Schnee bildet, etwa wie auf unsern Alpen Rhododendrum
ferrugineum. (Die erste Spezies ist Befaria lilifolia, die 2te

Befaria glauca.)

Es ist nur eine zufällige Benennung, wenn man die Gentianen,
Cerastien, Andromeden europäische Formen nent. Ich fand
ganz dieselben am Chimboraço aufsteigend in der entsprechenden
Höhe, und neuerlich hat man sie auch am Himalaya entdekt
. Dagegen giebt es auch einige endemische Genera: am
Kap der guten Hofnung die Hermannia und Antholyza;
die Cactusarten und Fuchsien kommen allein in Amerika vor;
in Neu Holland die Banksia und (Delia) Thelyra

Auf die ausgeschlossenen Pflanzen bin ich besonders aufmerksam
gewesen, und da ergeben sich sonderbare Resultate: so
giebt es in der ganzen südlichen Hemisphäre keine Rose und
keine Pinusart (für die lezten ist die Araucaria die ersezende
Form.); dagegen sind dieser Halbkugel die Calceolarien eigen,
wovon wohl 50 Spezies vorkommen, die aber in Peru nicht
einmal bis an den Aequator herangehn: So findet sich in ganz
Amerika keine Erica, obgleich die Andromeden und Azalea als
ergänzende Formen auftreten.

In den Graden der Verbreitung herscht grosse Verschiedenheit.
Nur die Pilze und der Schimmel sind sich in allen Zonen
gleich. Ehrenberg fand in der Oase des Jupiter Ammon unsern
ganz gewöhnlichen Schimmel; dagegen ist es schon falsch, dass
unser Sonchus oleraceus überall vorkömt. Unter den Tropen, wo
sich so viele Kryptogamen finden, sind nur einige niedrige
Stufen auch den andern Ländern gemein. Diejenigen welche
wir aus Amerika mitgebracht haben, sind erst von Willdenow,
dann von Agardh untersucht worden, so dass wir völlige Gewisheit
darüber haben. Zu den gemeinschaftlichen Kryptogamen
für Amerika und Europa gehören: Sticta pulmonacea
und Parmelia perforata; Dicranum scoparium
gehört zu den Pflanzen, welche die gröste Verbreitung haben:
man trift es nicht allein in den Thälern von Nepal, in
den Andes und Europa: sondern R. Brown brachte es auch
aus Neu Holland zurük. Ebenso Polytrichum juniperinum.
Von dem Genus Hypnum, welches bei Berlin fast alle Moose ausmacht
, haben wir hier 40 Spezies, von denen sich keine einzige
in den vereinigten Staaten findet. Sehr merkwürdig ist es, dass
an der Süd-Westküste von der Bretagne sich 2 Pflanzen: Sticta
crocata und Fiscia flavicans vorfinden, welche ausserdem nur
in Jamaika angetroffen werden: so dass man auf den Gedanken
kommen könte: der Same sei durch die anhaltenden Südwestwinde
dahingetragen worden.

Wenn die Frage entsteht, welche Pflanzen den beiden Kontinenten
eigen sind: so sehn wir nur sehr wenige: von 1000
Farrenkräutern nur 2 Spezies: Aspidium und Asplenium
Bei den Phanerogamen und Dikotyledonen
etwas mehr; unter den Gräsern kommen 20 Spezies von
Cyperus auch in Amerika vor, die als Beispiel der Ähnlichkeit
angeführt werden können, und nicht mit den Juncaceen zu
verwechseln sind.

Büffon entdekte zuerst das Gesez, dass die Saugethiere und Vogel,
(mit einem Worte: Wirbelthiere) der Tropen bei uns nicht gefunden
werden: die sich gleichsehenden aus dem Kazengeschlecht: Löwen,
Panther, Tiger sind doch wesentlich verschieden. Eben so ist es
mit den Pflanzen der höhern Ordnungen. Dies Gesez bezieht
sich aber nicht auf die vereinigten Staaten. Rhizophora Mangle
(die Alexander auf seinem Zuge um Indus fand) und Avicennia
tomentosa finden sich dort. R. Brown, der gröste Botaniker
unserer Zeit, glaubte früher, dass gar keine Spezies den
beiden Kontinenten gemein sei: man entdekte aber Sphenoclea
zeilanica auch in Surinam, und in Brasilien finden sich einige
Spezies aus Afrika.

Die Identität der beiden temperirten nördlichen Zonen ist
sehr gros: man giebt gewöhnlich an, dass 400 europäische
Pflanzen sich in den vereinigten Staaten finden: theils sind sie
aber nicht genau genug untersucht, theils hinübergebracht;
vielleicht sind nur 180 Spezies gemeinschaftlich, wie Satyrium
viride, Betula Nana und andre. Kaum 8–10 kleine Farrenkräuter
sind uns aus dieser grossen Familie mit Amerika
gemein: dahin gehören: Pteris aquilina und Aspidium
crispum. Die Farrenkräuter machen bei uns der Vegetazion
aus; in den vereinigten Staaten hat man nur 70 Spezies .
Michaud fand in Nord-Amerika 137 Bäume, die über 30 Fus hoch
werden, bei uns in Mittel-europa giebt es nur 45. In den vereinigten
Staaten giebt es gegen 50 Eichenarten, bei uns 2. Dort giebt
es Blätter von 2 Fus Länge, und an der Magnolia macrophylla
Blüten von 3 Fus Länge, in einem Klima, das dem von Danzig
entspricht. In Amerika wird die gröste Schönheit der Vegetazion
durch die Gewächse hervorgebracht, welche folia pinnata, gefiederte
Blätter haben, wie Mimosa, (Strangea) Laurus Passiflora
und die Orchideen die sich von den südlichen Gegenden
nach oben hin verbreitet haben. Bei uns hindert das mittelländische
Meer, welches vielleicht durch einen westlichen
Einbruch des Ozeans entstanden ist, die Verbreitung der nordafrikanischen
Gewächse.

Auch die Identität der nördlichen und südlichen temperirten
Zone läst sich nachweisen, für Schweden und die magellanische
Strasse giebt es nur eine kleine Anzahl von Beispielen
. Unser Aspidium aculeatum, findet sich bei Pritzhagen,
auf dem Atlas und am Vorgebirge der guten Hofnung, aber nicht
in der dazwischen liegenden Tropenzone, in Amerika gar nicht.
Botrychium Lunaria findet sich einzig und allein bei Berlin und
im Feuerlande.

nach Ehrenberg auch in
Aegypten häufig

Adianthum Capillus Venerus nur auf der Insel
Bourbon und bei uns. In Neu-Holland sieht man unser Arundo Phragmites
sogar jenseit der blauen Berge im Innern des Landes, ferner
45 andre ganz gewöhnliche europäische Pflanzen, die aber freilich
durch die Schiffe eingewandert sein können. Von der Oenothera
biennis und dem Erigeron canadense ist schon die Rede gewesen.
Noch auffallender ist aber: Galinsogea parviflora, ursprünglich
eine peruanische Pflanze, die aber bis vor den Thoren von Berlin
wild anzutreffen ist. Herr Cavanillos hat sie vor wenigen Jahren
aus Peru nach Europa gebracht. Bei Montpellier, wo Baumwolle
aus der Levante getroknet wird, finden sich viele orientalische
Pflanzen, wie Psoralea Palestinae und Hypericum crispum
ausgestreut, deren Samen ohne Zweifel mit der Baumwolle
eingesammelt und hinüber geführt wurden.

Wenn auch durch den Akkerbau der Anblik der Natur langweiliger
geworden ist, indem das Vorherschen einer einzigen, wenig
malerischen Form, der mehlreichen Gräser, dadurch herbeigeführt
wurde: so ist die Kultur dieser Gewächse doch von so grosser
Wichtigkeit für das Leben und den geselligen Zustand der Menschen
, dass man sich schon früh mit den Untersuchungen über
das Vaterland der Getraide beschäftigt hat; früher schon Bekmann:
dann aber mit vielem Glükke: Link in den Schriften der Berliner
Akad. und in der Urwelt I, 5, II, 4, wo die Sache mehr philologischgründlich
behandelt ist, als bei den neuern französischen Untersuchungen.

5, Wir kommen nun zu dem wunderbaren Naturgesez über die
Zahl der Arten in den Genera; wodurch es deutlich wird, dass in
der Natur die Formen sich unter einander bestimmen. In den Thierklassen
ist dies derselbe Fall: wenn man die Zahl der Vögel
in einem Lande kent: so kann man mir grosser Gewisheit auf
die Zahl der Fische schliessen, die sich daselbst vorfinden müssen.
So: wenn man die Zahl der Leguminosae hat, kann man die
Junceen und Malvaceen bestimmen. R. Brown war der erste,
der hierauf aufmerksam machte in seinen Untersuchungen über
die 3 grossen Klassen: Acotyledonen, Monocotyledonen und Dikotyledonen
, theils in seinen Schriften über die Flora von Neu-
Holland, theils in der Flora von Kongo, die von Tuckey’s Expedizion
durch Smith zurükgebracht wurde. Ich habe diese Arbeiten fortgesezt
, und fand eine Sicherheit in den Resultaten, die mich in
Erstaunen sezte. Eine andre Frage bleibt es immer, wieviel Spezies sich
in einem Lande finden. z. B. von den 1000 Farrenkräutern, die es giebt:
findet man 300 Spezies in den Tropen von Amerika, 20 in den kälteren
Theilen, also ist das Verhältnis wie 20:300; eine andre Frage
wieder, wie verhält sich eine Pflanzenklasse z. B. die Agamen
zur ganzen Masse der Vegetazion. Da es also 2 Variabeln giebt:
eine der ganzen Masse, eine andre der einzelnen Theile: so hat man
die Methode der Quozienten einführen können;
wenn man aber auch im Stande ist, zu bestimmen, wieviel Genera zu
einer Spezies gehören: so hat dies doch nichts mit der Zahl der
Individuen zu thun. Bei uns bedekt eine Spezies von Haidekraut
in unzählbaren Individuen an 1000 Quadratmeilen, eine Pinusart
mehrere 100 Quadratmeilen. Es ist daher die Quantität der Individuen
und der Spezies genau zu unterscheiden: Wir haben bei Berlin
60 Spezies von Leguminosen, und wenige Juncaceen: dennoch sind
die Individuen bei den lezten überwiegend an Zahl.

Die erste Frage wäre hier: wie verhält sich die Verbreitung
der Kryptogamen zu der der Phanerogamen: allein grade diese
ist nicht genügend zu beantworten, da wir in der Kentnis der
ersten noch nicht weit genug sind: zu solchen Untersuchungen
müssen alle Theile gleichmässig bearbeitet sein. In Frankreich giebt
es mehr Phanerogamen als Kryptogamen: das Verhältnis ist wie 1:2:
also sind 1600 Phanerogamen mehr dort als Kryptogamen: dagegen in Deutschland
mit der Schweiz mehr Kryptogamen; 4300 Kryptogamen 3400 Phanerogamen
; dasselbe Verhältnis, aber in geringerer Zahl findet in
Lapland statt. Überhaupt scheint auf die Kryptogamen die Temperatur
keinen so grossen Einflus zu haben, als auf die Phanerogamen.
Einige Flechten können eine grosse Hize erleiden, besonders wenn
sie auf Steinen von dunkler Farbe sizen, die sich weit mehr erwärmen
als der Sand; ich habe das Thermometer an solche Steine
gehängt, und gefunden, dass diese Flechten den ganzen Tag eine Hize
von 60 bis 62° R. aushalten: die also beinahe der in den thermalen
Quellen gleich komt.

Schon sicherer ist das Verhältnis der Monocotyledonen und Dikotyledonen
. Es ist richtig, dass das erste Aufkeimen der Pflanzenwelt
auf unserm Planeten eine Tropenvegetazion genant werden
kann, insofern man in den darüber gelagerten Gebirgsformazionen
nur Palmen und Bambusaceen findet: dennoch mus der Anblik
der Natur in jener frühen Zeit von dem Anblik der jezigen
Tropen sehr verschieden gewesen sein, wo die Dicotyledonen immer vorherschen
. Dies bestätigt aber den Saz, dass die Vegetazion von den
einfachsten Formen anfing, dass nach und nach die Organe sich
häuften, und die zusammengesezten Formen bildeten.

Unter den Tropen machen die Monokotyledonen der ganzen Vegetazion
aus; in Lapland schon , weil hier die Gräser in der Kälte besser
ausdauern können. Bei uns zwischen 44 und 55° N. B. machen die
Gräser von der ganzen Vegetazion der Phanerogamen aus; eben so:
wenn man bei uns die Zahl der Schmetterlingsblumen mit 18 multiplizirt
: so erhält man die Zahl aller Phanerogamen. Die Malvaceen
sind bei uns nur 1/200. der Vegetazion.

Die Ericineen, Amentaceen, Umbelliferen nehmen vom Aequator
nach Norden und Süden zu.

Unter den Tropen giebt es nur eine Spezies von Umbelliferen
und Cruciferen.

In Lapland giebt es gar keine Malvaceen.

In der temperirten Zone vor Amerika, in Mexiko keine Labiaten.

Wenn man 2 Länder betrachtet, die aneinander gränzen, wie
Deutschland und Frankreich, so bleibt das Verhältnis doch dasselbe.
Schüler in Tübingen hat eine verdienstvolle Arbeit darüber gegeben.
Ich habe vor 10 Jahren Tabellen davon gemacht.
Wenn man sich bei den Thierklassen denken kann, dass z. B. die

Vögel, welche sich von kleinen Körnern nähren, nur in den Gegenden
vorkommen werden, wo Pflanzen wachsen, die diese Nahrung liefern,
dass also das Dasein der Vögel durch das Dasein der Pflanzen bedingt
wird: so ist es doch mit den Pflanzenformen unter sich etwas
anderes: hier werden Formen durch Formen bestimt: gleichsam als
ob eine Spezies in die andre übergegangen wäre. Im Grossen finden
wir diese Verhältnisse bei den Thieren wieder. In Europa giebt
es 400 Spezies Vögel und 80 Säugethiere: also ist das Verhältnis
wie 5:1; und ebenso haben wir in Europa 5 mal so viel Syngenesisten
als Amentaceen. Eben so am Kap. Nach den kleinen
Samlungen von Lacaille, und nach Lichtenstein’s Noten, der so tiefe
zoologische Kentnisse vom Innern von Afrika besizt: ist das Verhältnis
der Säugethiere zu den Vögeln am Kap = 1:4,8 (beinahe 5,0).
Überhaupt giebt es auf der Erde 900 Säugethiere und 5000 Vögel, wir
finden hier ungefähr wieder 1:5.

Diese Betrachtungen müssen uns immer mehr davon überzeugen
, dass die Natur als ein grosses Ganze zu betrachten sei, und
die Methode der Quozienten wird uns die einzelnen Verhältnisse
genau bestimmen lehren.
58. Vorlesung, 22. April 1828

Nachdem wir jezt die Pflanzenwelt absolvirt haben, treten wir in die
Sphäre des thierischen Organismus ein, der mit leicht erkenbaren
Apparaten der Empfindung ausgerüstet, dem Menschen näher steht; weil
er sogar unser Mitleid erregen kann: denn ein Hauptmoment des thierischen
Lebens ist der Schmerz. Wir messen den Schmerz nach dem
Ausdrukke desselben, und haben dann an unserm eignen Schmerze einen
Maasstab. Cuvier hat zwar an einigen Nautilus-arten Augen, Ohren
und andre Organe der Empfindung nachgewiesen: aber doch stehn sie uns
fast so fern als die Pflanzen. Zwar erinnern einige reizbare Mimosen
durch das Zusammenfalten der Blätter an die Reizbarkeit der Thiere:
allein wir können nicht sagen, dass die Mimosen das zeigen, was wir
Schmerz nennen: denn der Schmerz ist das uralte Band, das den
Menschen an die Thierwelt knüpft, so wie das Mitleiden ihn ehrt.

Die Thiere werden durch ihre Nahrung, welche grossentheils aus
dem Pflanzenreiche herkomt, modifizirt, und Linnée sagt sehr richtig
, dass die Existenz der Thierwelt die der Pflanzenwelt vorausseze
: dies beweiset auch der Anblik der Gebirgsschichten: in denen
das erste Aufkeimen der Natur mit den Pflanzen anfängt;
noch vor den Mollusken und dann gleichzeitig mit ihnen sehn
wir in dem thonartigen Übergangsgebirge Bambusaceen und Cactusarten
; im Übergangskalkstein Seetang und Zostera.

Dass manche Pflanzensamen, besonders die gefiederten, durch den Wind
sehr weit getrieben werden können, dass viele durch Meeresströmungen
, wie durch den grossen Golfstrom an entfernte Küsten kommen
können, das sehn wir an den Littoralgewächsen, die an beiden Ufern des
atlantischen Ozeans sich finden: nicht unähnlich unter den Völkern
den Malayen, die sich in Indien auch nur an den Küsten aufhalten
, und die im Innern der Länder gefunden werden.

Die Thiere sind, schon ihrer mehr volkomnen Organe wegen, beweglicher
als die Pflanzen; die gröste Verbreitung derselben sehn
wir bei den Vögeln und Fischen, welche die tropfbar-flüssige und
luftförmige Umhüllung des Erdkörpers bewohnen; sie finden in den
auf- und absteigenden Schichten eine Verschiedenheit des Klima,
die ihrer Organisazion zuträglich ist. Wenn die nördlichen Fische
gegen Süden ziehn: so finden sie in der Tiefe des Meeres ihr kaltes
nördliches Klima wieder. Weniger ist dies mit den Vögeln
der Fall: denn wenn wir auch oben gesehn haben, dass die Temperatur
von dem Meeresspiegel an, nach oben und unten hin abnimt
, so ist die Abnahme nach oben hin, in der Luft lange nicht
so bedeutend, als die im Wasser.
In dem grossen Werke von Cuvier und Valenciennes über die Fische

wird es gezeigt, dass nur wenige Fische von England nach Nordamerika
hinübergegangen zu sein scheinen: sehr viele aber sich von Westeuropa
an Spanien hin bis zum Senegal ziehn, wenigstens sind die Arten
sich sehr ähnlich. Seriola Cosmopolita, eine Art Makrele, hat
von ihrer grossen Verbreitung den Namen: sie findet sich in Europa,
Westindien, Ostindien und auf den Sandwichinseln; Squalus galeus
im Mittelmeer, in Brasilien und am Kap.; Thermodon heptacanthus
in Europa, an der Isle de Bourbon in Westindien, und neuerlich
ist er sogar in Madagascar gefunden worden;

Weniger ist dies mit den Süswasserfischen der Fall; in den
Anden trift man in Seeen von 8–10,000 Fus Höhe eigne Genera an,
Astronepus und Erimophilus; in den Pyrenäen auf 7000 Fus
Höhe fand Ramond eine eigne Art von Fischen, an die er interessante
meteorologische Untersuchungen knüpft: Diese Thiere leben in
einer mittleren Temperatur von höchstens +1° R., und 4 Monate
hindurch ist die Oberfläche des Seees gefroren: sie verdanken ihr
Leben nur der merkwürdigen und wohlthätigen Eigenschaft des
Wassers, dass es bei +4½° R. seine gröste Dichtigkeit erreicht, und
zu Boden sinkt: so dass die Fische unten eine etwas mildere
Temperatur finden.

Die Geographie der Thiere, obgleich sie 2 mal so alt ist als die der Pflanzen
, ist doch nur 40 Jahre alt: aber lange noch nicht so ausgebildet
als die Pflanzengeographie. Das erste Buch von Bedeutung
darüber ist: Zimmermann Geogr. animal. Specimen; welches viel Verdienst
hat eben weil es das erste ist, aber auf zu unsichern Grundlagen
gebaut, weil damals diese Wissenschaft noch ohne den Beistand
der Meteorologie und Physik betrieben wurde. Sehr schäzbare Bemerkungen
sind in den vielen Journalen der Reisenden enthalten,
aber noch niemand hat sie zusammengestelt. Doch müssen genant
werden: Latreille Géographie des Insektes; und Marcel de Serre
Essai sur les animaux de la France méridionale, wo in der Einleitung
sehr ausführlich und schön die Geographie der Thiere abgehandelt
wird.

Wir fragen zuerst: wieweit ist das Thierleben verbreitet, und namentlich
: ist es so weit verbreitet als die Pflanzen? Hier ist das
Resultat, dass es nach oben nicht so weit vordringt als die Pflanzen,
wohl aber nach unten, nur nicht in so grosser Menge. Thermestes
und besonders einige Apteren findet man in den unterirdischen
Pflanzen der Bergwerke. Ehrenberg fand Infusorien im Brunnenwasser
verdekter Brunnen, das aber sehr trinkbar war. Proteus urbinus
lebt in den unterirdischen Seeen in Krain. Wie bei den
Pflanzen finden sich auch viele Insekten von Erde umgeben:
manche graben sich selbst Löcher und Höhlen in den humus, und leben
hier in einer Luft, die beinahe ganz aus gekohlten Wasserstof besteht
, und kaum 0,03 Sauerstof enthält (während die athmosphär.
Luft, 0,21 enthält.) Ich machte viele Versuche dieser Art mit Polyoptern
: ich tauchte sie in Stikstof, dem kaum 0,01 Sauerstof
beigemischt war, und sah, dass sie noch lange fortlebten: auf
diese Weise mögen sie sich in den Bergwerken, wo die Stollen sich
schon geschlossen haben, Jahrhunderte lang fortpflanzen und erhalten
. So erhielt ich neulich aus Freiberg einen gewöhnlichen
Pietzker Corbites barbatula, der sich dort 7–800 Fus unter der
Erde aufhält. In den Anden findet man den Pymelodes Cyclopum
, einen kleinen Fisch, der in unterirdischen Höhlen lebt, und
von den Vulkanen gleichsam destillirt, und nahe an der Schneegränze
todt herausgeworfen wird. Alle diese Fische haben sehr
grosse Augen, von denen man nicht weis, wozu sie in der totalen
Finsternis nüzen.

Es scheint, dass es doch weniger Fische in der Tiefe als
nahe an der Oberfläche giebt. Biot und de Laroche haben im Mittelmeer
Untersuchungen darüber angestelt, und Fische aus 5000 Fus
heraufgeholt, welches die gröste Tiefe ist, in der man je gefischt
hat. Ihre Schwimblase, die bei allen andern reines Stikstof enthält,
war mit fast reinem Sauerstofgas angefült; 0,80 an Gehalt.

Auf die Berge steigt das Thierleben nicht so hoch als das Pflanzenleben
. Marcel führt es an: dass in den Pyrenäen das thierische
Leben schon 2000 Fus vor der Schneegränze aufhört. Es ist natürlich
hier nicht von fliegenden Insekten die Rede, die man auf
der Silla de Caracas, dem Chimboraco, dem Montblanc und fast
allen hohen Bergen findet, besonders Dipteren und Tepulae diese
werden durch die aufsteigenden Luftströme in die Höhe geführt,
können aber nicht daselbst leben. Die Vögel steigen noch höher,
aber nur temporär. Ich sah über dem Chimboraco, wohl in 22,000
Fus Höhe den grossen Kondur schweben: allein dies ist nur der
Fall, wo die Berge sich wie Untiefen auf dem Boden des Luftmeeres
erheben, die Vögel schweben also vielleicht nur einige 1000
Fus über dem höchsten Gipfel, wo noch eine Hofnung der Nahrung
sein kann. Gay Lussac bei seiner aërostatischen Reise befand
sich schon auf 2–3000 Fus Höhe in einer völligen Einöde.
Was die Quantität der Spezies anbetrift, so haben die neueren Entdekkungen

die Thierwelt in’s unglaubliche vermehrt. Wenn von Linnée
bis auf uns die Pflanzenspezies von 10,000 auf 60,000 angewachsen sind,
eben so kante Fabrizius nur 11000 Insekten, während Klug und Latreille
bereits 44000 aufgezält haben. Das Museum in Berlin
erhält allein gegen 30000 Spezies. 1790 kante man 420 Säugethiere
auf der Erde, jezt 900.

Ich will kurz ein Inventarium der ganzen Thierwelt geben, insoweit
sie beschrieben und bestimt ist.

900 Säugethiere: davon auf Europa 80 Landsäugethiere, die Cetaceen
dazu gerechnet, giebt 100.

5000 Vögel: hier walten manche Zweifel über die Varietäten, doch
ist die Zahl eher zu klein. Cuvier behauptet, dass im Museum
zu Paris allein 5800 Spezies von Vögeln sich finden.

700 Amphibien: hier giebt es gewis mehr, weil diese Thiere dem
Menschen so leicht entgehn.

5000 Fische, nach dem grossen Werke, was Cuvier und Valenciennes
herauszugeben angefangen haben. Dies stimt bis auf 12 oder
15 mit den Vögeln überein.

Dies alles sind Thiere mit einem Knochengerüste und Gehirn,
das die Medullarsubstanz zusammengedrängt enthält: bei den
höhern Thierklassen ist das Gehirn zusammengedrängter, als bei
den niedern. Sömmering machte die schöne Entdekkung, dass die
geistigen Fähigkeiten nicht nach der Grösse des Gehirnes an sich beurtheilt
werden müssen: sondern nach seinem Verhältnis zu den übrigen
Nerven: in dieser Hinsicht ist es beim Menschen am grösten: bei
den Thieren dagegen sind die Nerven mehr ausgebildet; bei ihnen
wird der galvanische Prozes, der durch die Medullarsubstanz
und das arterielle Blut hervorgebracht wird, in jedem einzelnen
Gliede bedingt: daher haben die Theile ein längeres parzielles
Leben, wenn sie von dem Körper getrent werden.

Von den Thieren mit Rükkenwirbeln (animaux vertébrés) giebt
es 11600, wovon 10/11 den flüssigen Umhüllungen angehören, wegen
der grossen Menge der Vögel und Fische. Bei den Vögeln finden
wir das maximum, bei den Fischen das minimum der Luftrespirazion
: bei den Vögeln ist überdies die gröste Blutwärme: ein
Huhn hat 33½° R. nach J. Davy, und 176 Pulsschläge in der
Minute. Ein Pferd dagegen 29½° R. Blutwärme, und 56 bis
58 Pulsschläge. Die schwache Respirazion der Fische durch die
Kiemen, ist ein Prozes, durch den der Sauerstof aus dem Wasser
abgeschieden wird. In süssem Wasser beträgt er 0,31, in der
Luft 0,21. In Wasser, welches mit vieler Sorgfalt von aller Luft
gereinigt war, habe ich Fische eben so schnell ersäuft, als ob
sie vergiftet wären, welches Spallanzani geläugnet hatte. Die
Operazion mus unter Queksilber vorgenommen werden. Ich bemerkte
zugleich dass verschiedene Luftgemenge mit verschiedener
Geschwindigkeit in dies ganz luftreine Wasser hinabsteigen, und
sich damit vermischen. Daher komt es, dass die Goldfische, welche
man in Gläsern hat, am Ende das Wasser erschöpfen, d. h. die
Luft daraus absorbiren: dann sieht man, wie sie an die Oberfläche
kommen, um Luft zu schöpfen, ohne welche sie nicht leben
können. Aal-arten können nach ihrer eignen Organisazion
lange Zeit in der Luft leben, wie eine Raze: allein es scheint, als
ob durch das blosse Athmen von Luft ihr Blut vom Sauerstof
so erhizt wird, dass sie daran sterben. Im Wasser ist eine
äusserst kleine Quantität von Sauerstof hinlänglich, um
die schwache Respirazion der Fische lange zu erhalten.

Die Ursach, warum Vögel und Fische der höheren Organisazionen
ausmachen, liegt darin, dass sie den grossen Katastrophen
, die unsern Erdball verändert haben, leichter entfliehen
konten, die Thiere der Veste dagegen sind mehr zerstört worden.
Von den Pachydermen, deren es jezt 17–18 auf der Erde giebt, sind
nach Cuvier, allein 56 Spezies verschwunden.

Am meisten scheint sich die Natur in der Bildung der Insekten
gefallen zu haben, wegen der grossen Menge derselben; 5000
Schaalthiere und Seegewürme, 6000 Zoophyten; im Ganzen:

= 66600 Spezies von Thieren, und zufällig eben so viel Pflanzenspezies
. Die Insekten machen aller Thiere aus: allein es
mus noch weit mehr geben als 44000, wie man aus der Analogie
schliessen kann: wenn im Ganzen 44000 Insekten und 60,000
Pflanzen vorhanden sind: so komt auf jede Pflanze noch nicht 1
Insekt. In der Gegend von Berlin aber, wo wir 2000 Pflanzen haben,
giebt es nach Klug 5000 Insekten: also 2:5. Es fehlen uns also
noch sehr viele Insekten, ehe wir für die 60,000 Pflanzenspezies
das Verhältnis 2:5 erhalten. In den lezten 50 Jahren ist sehr
viel dafür geschehn: dennoch herscht hier die gröste Unsicherheit
in der Zahl der möglichen Formen, welche bei den andern
Thierklassen kaum oder beträgt.

Der Reichthum an Thieren nimt mit der Wärme zu: die
Lebensfülle der Spezies ist unter den Tropen am stärksten.
Die meisten Thiere finden sich zusammengedrängt in Südamerika,
am Himalaya, auf einigen Inseln des indischen Archipels, kurz
da am mannigfaltigsten, wo der Karakter der Landschaft am
meisten individualisirt ist.

Es ist nur ein Vorurtheil, dass das thierische Leben in Amerika
auf einer geringeren Stufe der Ausbildung stehe, als im alten
Kontinent: man schliest dies gewöhnlich daraus, dass im Amerika
die grossen Pachydermen fehlen allein dies ist ganz zufällig,
sie haben früher doch existirt, und sind nur jezt verschwunden,
denn man findet die unzweifelhaften Reste. Ich fand 3 neue
Spezies von Elephanten, (welche Cuvier nach den Zähnen bestimte)
auf den höchsten Bergrükken in Peru, Mexiko pp. auf 6–7000
Fus Höhe, wo die Temperatur unsrer nördlichen Gegenden herscht.
Auch im alten Kontinent ziehn sich seit ein paar Jahrhunderten
die Elephanten gar sehr zusammen, und fangen in einigen
Ländern an, ganz zu fehlen. In Amerika erreichen die Panterartigen
Kazen dieselbe Grösse wie in Asien. In den vereinigten
Staaten giebt es Bisons, die 2000 wiegen. Der President
Jefferson, in einem Mémoire über die Grösse der amerikanischen
Thiere, beschreibt Bisons, welche 9–10 Fus Höhe bis auf den Rükken
haben, also einem Elephanten wenig nachstehn: sie finden
sich in Heerden von 8–10,000 Stük früher zwischen dem Ohio und
Missouri, jezt aber, durch die Kultur nach Westen gedrängt, zwischen
dem Missouri und den Stonymountains.

Diese grossen Thiere sind immer krautfressend, wie Cuvier bemerkt
nach einer wohlthätigen Einrichtung der Natur. Das gröste Krokodil
hat man in Sussex gefunden: es ist 70–80 Fus lang (während
unsre heutigen selten 22–24 Fus übersteigen) und erreicht die
Höhe des Rhinozeros. (Cuvier nante es Yguanodon ) also eins der
fürchterlichsten Thiere, und auch dies ist nach den Zähnen zu schliessen
, ein Grasfresser.

Die Kontraste der Grösse sind bei den Thieren eben so stark als
bei den Pflanzen, und sicherer zu messen. Von den Infusorien Monas
lens und M. Thermo können wir aufsteigen bis zu den Wallfischen;
bei den kleiner Pflanzen ist es immer ungewis, ob es wirklich mikroskopische
Pflanzen giebt, ob es nicht Thieranfänge sind. Die Grösse
der Thiere hängt wieder mit gewissen Bedingungen ihres Organismus
zusammen: so giebt es keinen mikroskopischen Fisch oder Nagetthier
es findet sich hier eine Gränze des maximum und minimum für
jede Form. Früher glaubte man der kleinste Fisch sei der gewöhnliche
Stekling von Zoll Länge; allein Ehrenberg brachte aus
dem rothen Meere kleine Korallenfische mit vor 7–8 Linien Länge,
die man fälschlich für die Brut gehalten hatte, und dem Govins
oder Chatedon beigemessen.

Gobins

Chaetodon

Er machte daraus 2 neue Genera:

Priolepis

Acanthopomus

Spiolepus fasciatus und Acanthocomus Meleagris.

Vergleicht man diese kleinen Fische von 7–8 Linien mit dem Wanderhayfisch
; Squalus maximus, der an 30 Fus lang wird: so hat
man das Verhältnis 1:700.

Der Straus im Verhältnis zu den Trochilusarten oder Kolibri zeigt
keine so grosse Verschiedenheit. Man hat die Grösse der Wallfische
sehr übertrieben; in Lacepède’s treflichem Werke über die Fische
, findet sich noch die Behauptung, dass die Wallfische gegen
300 Fus lang werden. Scoresby, der auf seinen nördlichen Reisen
322 Wallfische getödtet hat, fand nie ein Exemplar, dass über 65
oder 70 Fus lang gewesen wäre; ja er berechnet sehr genau nach
der Quantität des Thrans, dass man auch in früheren Jahrhunderten
niemals längere gefangen habe. Einzelne Potfische oder
Cachelots mögen wohl manchmal die Länge von 92–100 Fus erreichen
. Vergleicht man das kleinste Nagethier von Zoll mit
einem solchen Cachelot: so hat man das Verhältnis von 1:600 (fast
dasselbe wie oben.) Es ist Spielerei, wenn man das kleinste Infusorium
von 1/1600 Linie Länge mit dem Cachelot vergleicht: man bekömt
das Verhältnis = 1:23 Millionen, indessen man sieht daraus,
dass eine unbegreifliche Verschiedenheit in der Masse der Thiere
herscht, die weit grösser ist als bei den Pflanzen.

59. Vorlesung, 23. April 1828

Da alle Naturgeseze sich auf genaue Beobachtungen der Thatsachen
gründen: so habe ich bei der Geographie der Thiere, wo noch
so vieles schwankend ist, immer die Autoritäten angeführt. Wir
sind in dieser Wissenschaft so wenig vorgerükt, dass man fast
nur die Fragen anregen, nicht aber zu Resultaten kommen
kann.

Das thierische Leben geht weiter gegen die Pole als das Leben
der Pflanzen: kleine Nager, Renthiere, Wölfe pp. streifen bis auf
die Melville’s Inseln, wo Captain Parry, während seiner langen
freiwilligen Verbannung daselbst, viele geschossen hat, unter
75° Nordbreite.

Merkwürdig ist es, dass man unter allen Thierklassen bei
den Vögeln allein kein Beispiel von völliger Blindheit
hat: dagegen bei den Nagern, z. B. die Blindmaus: der Maulwurf
: Sorex aureus; Proteus anguineus, die man gewöhnlich
Sirene nent, und welche in den unterirdischen Seeen in Krain
lebt. Rudolphi hat viele Versuche damit angestelt. Von den Fischen
sind blind: Muraena coeca; Silurus coecutiens nach
Lichtenstein: ein blinder Käfer, der Claviger wird in den Ameisenhaufen
samt seiner ganzen Brut von den Ameisen ernährt,
so dass er also die Augen nicht nöthig hat.

In den vorweltlichen Formazionen finden sich die Fische von
dem Kupferschiefer an, bis zu dem terziären Gyps von Paris,
in dem lezten neben den Dikotyledonen.

Hinsichtlich der Grösse oszillirt die thierische Organisazion
in weiteren Gränzen als die Pflanzen. Das oben angegebene
Verhältnis von 1:23,000,000 ist nur dann interessant, wenn
man bedenkt, dass es nur 4 mal kleiner ist, als das Verhältnis
eines 5-füssigen Meteorsteines zum Durchmesser des
Jupiter.

Es ist gar nicht zu berechnen, wie viele Millionen Infusorien
in einer Wassermasse von 10 Kubikfluss sich befinden:
Blumenbach fand nach einer Schäzung, dass die Milch eines
grossen Karpfen 250,000 Millionen Cetarien enthalte.

Cercarien
Wenn die Masse der Urbestien, deren Knochen wir finden, schon

sehr gros ist, so ist auch die noch lebende thierische Organisazion
sehr bedeutend. Lichtenstein führt aus der Reise von Alberti an
(der sich sehr viel mit den Kaffern und ihrem Lande beschäftigte
) dass man dort früher Heerden von 300 Elephanten angetroffen
habe, von denen manche 14 Fus hoch waren. Von einer
Taubenart: Columba migratoria, weis man, dass in Nordamerika
viele Millionen wolkenartig ganze Tage lang vorüberziehn
. Wo sie sich niederlassen, werden die Zweige zerbrochen.
Gewöhnlich schlägt man sie mit Knitteln todt, oft treiben
sogar die Landleute ihre Schweine in diese Gegenden, und
mästen sie mit dem Fleische der Tauben. Fast eben so
gros ist die Menge der Strandvögel am Orenoko und Amazonenflus
. In der Südsee sah ich oft 5–6 Stunden lang
ununterbrochen Züge von Seevögeln wie ein Gewölk über
den Zenith hinziehn. Man hat an den Orten, wo sie vorbeiziehn
ein eignes Düngungsmittel, Guano, genant, das
aus dem Harnstof dieser Vögel besteht, mit Erde und Eisenoxyd
vermischt. Es finden sich diese Exkremente in Schichten
von 25 bis 30 Fus Höhe (und man kann sich denken, welche
Masse von Vögeln dazu gehört, um diese hervorzubringen)
mit vielem Gefieder der Filicopteren und Ardea vermischt;
ich habe Proben davon nach Europa gebracht.

Phoenicopteren

Doch diese ganze Thiermasse ist geringe gegen die Pflanzenmasse
, wenn man bedenkt, dass vom 8° 22° Nordbreite
in Südamerika die ganze Erdoberfläche mit Bäumen bedekt
ist, deren die meisten 5 Fus Dikke haben.

Die Frage, ob nicht eine Thierspezies über den ganzen
Erdkörper verbreitet sei, kann man nur für die niedern
Formazionen, und auch hier nur wahrscheinlich, mit Ja
beantworten. Ehrenberg fand in Afrika unter den vielen
Infusionsformen 14 mit den europäischen ganz über einstimmend
, wie Monas Thermo und M. lens, Vibrio pp.

Lepidoptern

Cardui

Von den Insekten besonders den Epidoptern ist Papilio Carbo sehr verbreitet; unsere
gewöhnliche Sphynx Atropos hat Deppe aus Mexiko
mitgebracht. Von den Säugethieren ist keins auf der ganzen
Erde verbreitet: wohl aber gehn manche Vögel sehr
weit, besonders Sumpfvögel. Nach Lichtenstein werden
Tringa pugnax und andre, in allen temperirten und Tropenzonen
gefunden, nur in den Polarzonen fehlen sie. Cuvier glaubte
, dass Strix flammea, die Thurmeule sehr weit verbreitet
sei, doch scheint die in Mexiko gefundene eine andre Spezies.

Buffon’s Gesez, dass keine 2 Pflanzen und Thiere des alten
und neuen Kontinentes übereinstimmen ist für die temperirte
Zone nicht ganz wahr, wohl aber für die Tropen; doch
machen auch hier die Epidoptern eine Ausnahme, wie z. B.
Sphynx Atalanta und Antiope. In der temperirten Zone
hielt man früher die Bisons und Auerochsen für übereinstimmend
, während man jezt viele Unterschiede zwischen
ihnen gefunden hat. Die Renthiere und Elennthiere sind
beiden Kontinenten gemeinsam, von denen auch Pallas nachweiset
, dass sie über das Eis Wanderungen von einem Erdtheil
nach dem andern machen; vielleicht sind es auch die
Biber, welche in Amerika noch gesellig leben, bei uns aber
zu sehr gedrängt werden, als dass sie zum Bauen kommen
könten; auch die Sumpfotter ist nach Lichtenstein
dieselbe in den beiden Kontinenten. Den Ursus gulo
oder Vielfras hält Cuvier gewis mit Recht für identisch in
beiden Welttheilen, für den Wolf und Fuchs scheint es noch
zweifelhaft.

Nach R. Brown hat Neuholland 20 Pflanzen, welche sich
auch in den brittischen Inseln finden. Falco acer und
Cypselus milva sind nach Lichtenstein für Deutschland und
Afrika gemeinschaftlich; vielleicht auch einige Taubenarten.

Die tropischen Formen verbreiten sich im algemeinen mehr
gegen Süden als gegen Norden; doch in der neuen Welt mehr
gegen Norden als in Europa. Die vereinigten Staaten werden
durch schöne Waldbäume mit grossen farbigen Blüten geschmükt
, während die unsern nur farblose unscheinbare
Blüten haben. Nach Wilson und Karl Buonaparte, 2en nordamerikanischen
Naturforschern gehn Tanagra aestiva und
Fringilla cyanea, die mit so schönen Farben prangen, sehr
nördlich hinauf. Die schwächlichen Trochilus-arten, Kolibri’s
gehn in Kanada bis zu den Seeen, und machen vom März
bis zum Juny eine Reise von 270–280 Meilen. Mackenzie
fand sie bis auf 52° Nordbreite, so hoch als Danzig. Dies ist eine
Folge der Kontinuität von Amerika. Captain King, dem wir die
völlige Umschiffung und Aufnahme aller Küsten von Neu Holland
verdanken, und der jezt den Archipel des Feuerlandes untersucht
, fand Kolibri’s bis 54° Südbreite, woraus man sieht, dass
es nur ein Vorurtheil ist, die südliche Hemisphäre für kälter
als die nördliche zu halten. In Van Diemen-land findet man
baumartige Farrenkräuter in einer Breite, die der von Lyon entspricht
, wo doch an solche Gewächse nicht mehr zu denken ist.
Auf den Kemble und Macquerie-inseln, die erst 1810 entdekt
wurden, giebt es eine eigne Art von Psittacus, unter 55° Südbreite,
der von Lesson in Duperrey’s Reise beschrieben ist.

Von den ersezenden Formen sehn wir ein merkwürdiges Beispiel
bei den Elephanten, von denen man jezt 2 Spezies, den
asiatischen und afrikanischen unterscheidet. Fréderic Cuvier
(der Bruder des grossen) und Geoffroy St Hilaire haben den afrikanischen
nach dem Kranze seiner Zähne: Loxodonta genant.
Seit 1681 war kein afrikanischer Elephant in Europa gewesen,
jezt ist ein junger in Paris, und man sieht, dass die Ptolemäer
und Karthager ihre Streitelephanten nicht aus Asien zu
holen brauchten, denn die afrikanischen sind eben so gelehrig, und zeigen
eben so viel Intelligenz, als die asiatischen.

Vom Rhinozeros giebt es einhörnige in Indien und Java, zweihörnige
am Kap und in Sumatra.

Den Tapir hielt man lange für eine eigenthümliche Form von
Amerika, jezt hat man ihn in Malacca und im Innern von
Sumatra entdekt.

Die Kolibri’s werden in der alten Welt durch die Gattung Suimanga
ersezt; auch von den Straussen giebt es 2 Arten.

Die Schlangen von 18 Fus denn die von 30 Fus sind sehr zweifelhaft
, und es scheint, dass die Schlangen das Maas der Krokodille
nicht überschreiten mit einem schachbrettartigen Felle, die
man gewöhnlich constrictores nent, theilt Cuvier nach ihren
Wohnorten in Boa und Python ein.

In Amerika erhebt sich der Affe nicht über 3000 Fus über dem
Meere, um dort zu wohnen: dennoch findet man ihn oft in ganzen
Banden in 5–6000 Fus Höhe, um zu rauben: doch geht er bald
wieder in die Tiefen hinab.

Der kleine sehr beschwerliche Floh, Pulex penetrans hat seine
bestimte Höhe: er fängt in 8–900 Fus über dem Meere
an, und geht bis 3000 Fus hinauf: höher und tiefer hat man
nichts von ihm zu fürchten: er sezt sich gewöhnlich unter die Nägel
der Füsse: das befruchtete Weibchen schwilt auf, und macht
schmerzhafte Beulen. Die Neger, welche sich nicht in Acht nehmen,
haben oft grosse elephantenartige Füsse.

Papilio Apollo, der in Deutschland sich nur in der Ebne zeigt, kömt
in den Cevennen erst auf 4000 Fus Höhe vor.

Desfontaines, welcher in Tripolis und Marocco eine Flora atlantica
sammelte von 1500 Spezies, hätte 270 davon ebenfals in Südspanien
und in Majorka finden können. Ich sammelte mit Bonpland
in Spanien viele dieser sogenanten afrikanischen
Formen.

In Nordafrika fehlen die Hirsche gänzlich: daher ist es wahrscheinlich
, dass der Durchbruch der Meeres bei den Säulen des Herkules
vor der Zeit erfolgte, in welcher diese Thiere existirten. Von den
Affen, die sich auf den Felsen von Gibraltar aufhalten, ist es
sicher, dass sie von Arabern dort ausgesezt wurden, und sich in
den Klüften vermehrten, doch weis man nicht, in welchem Jahre.

Bei den Thieren sind die Zahlenverhältnisse unbestimter, als
bei den Pflanzen: wenn wir zu den Säugethieren die 128 Spezies der
Vorwelt hinzurechnen, so wird das Verhältnis natürlich ganz anders
werden. Vögel und Amphibien nehmen nach den Tropen hin schneller
zu als Säugethiere: doch müste man die Faunen erst genau
kennen, um ein Resultat anzusprechen. Nur durch die Gleichmässigkeit
der Bedingungen, welche bei den Beobachtungen obwalten,
kann Gewisheit in diesen mathematischen Berechnungen erreicht
werden. Die vielen sous-genres, welche die Franzosen machen, sind
der Wissenschaft eher nachtheilig als förderlich gewesen.

Die reissenden Thieren verhalten sich zu den wiederkäuenden wie 1:3.
Die Pachydermen haben sich seit der verweltlichen Zeit vermindert,
auch viele Insekten sind untergegangen: alle die man im Bernstein findet,
und untersucht hat sind neue Spezies von bekanten Gattungen.
Das Beutelthier in Amerika ist von dem Neu-Holländischen verschieden
. Von dem Schnabelthier in Neu-Holland ist es noch zweifelhaft
, ob es wirklich ein eierlegendes Säugethier sei. Das Känguru
steht auch nicht so isolirt, als die Pflanzen von Neu-
Holland: man findet eine andre Spezies auf den Agroë-inseln
bei Banda. Der indische Archipel hat sehr viele grosse Säugethiere
: dagegen die west-indischen und Südsee-inseln haben
nur kleine Nager von 4–5 Zoll Höhe, und nicht einmal Affen:
doch ist Trinidad ausgenommen, welches ganz dicht von der Küste von
Paria abgerissen zu sein scheint. Der indische Archipel hat Rhinozeros,
Elephanten und Känguru, and ist sicher ein von Asien abgerissenes
Stük Land.

Am weitesten verbreitet von allen Thieren höherer Organisazion
ist der Mensch: denn der Wille vermehrt die Biegsamkeit
der Natur. Die sogenanten Wilden haben die geringste Biegsamkeit
der Natur: daher gebieten die alten spanischen Geseze,
dass man die kupferfarbigen Amerikaner nicht von den Höhen in
die Ebnen und umgekehrt, verpflanzen solle; in den Anden dürfen
sie nicht über einen gewissen hohen Gebirgspas geschikt werden,
weil dies ihrer Gesundheit sehr schädlich ist: man macht oft Umwege
von 10 bis 12 Tagen, um diesem Passe zu entgehn, und doch
herscht oben ein Temperatur wie bei uns im Anfang des Mai. Wenn
man einzelne Neger-individuen ausnimt, so hat die weisse Menschenrace
die gröste Flexibilität der Natur, weil bei ihnen am
meisten das materielle Leben durch das geistige beherscht wird.

Von dem Menschen, und seiner Verbreitung auf dem Erdkörper.

In den einzelnen Elementen der physischen Natur finden sich
wenig Unterschiede vom Menschen zu den Wirbelthieren. Die Quelle
der hohen Blutwärme ist im Menschen geringer, als in manchen
Thieren, und beträgt kaum 30° R. Die einzigen Versuche darüber
sind von J. Davy. Er fand, dass diese 30° R. bei den verschiedensten
Völkerstämmen gleich sind: sie mochten nun gar kein Fleisch
essen, wie die Buddhapriester, oder nur Fleisch wie ein Stamm
auf Zeylon. Die richtige Blutwärme erhält man, wenn man die
Thermometerkugel unter die Wurzel der Zunge hält, und alle Versuche
stimmen bei den verschiedensten Individuen bis auf ¼° R.
überein. Unter den Vögeln kann die Blutwärme von 32° bis 35½° R.
steigen. Die Hühner und Tauben haben ein wärmeres Blut als
die Papageien. Die Amphibien und Fische sind nicht kaltblütig
zu nennen: ihr Blut ist meist 3 bis 4° R. wärmer als das Medium
worin sie sich halten; auch die Insekten haben einige Wärme, wie
man an einigen grossen Epidoptern sehn konte: denen man kleine
Thermometerkugeln unter die Flügel hielt.

Bei den Menschenracen scheint das Klima eine, wiewohl schwache
Veränderung hervorzubringen: wenn Europäer nach Ostindien
gehn, so wird ihr Blut vielleicht um 0,5° R. wärmer.

Der Puls erleidet gar keine Veränderung durch die Höhe des
Standortes, wohl aber durch temporäre Wärme. Herr Roulin, Professor
in Bogotá, machte mit seiner Familie und vielen Dienstboten eine
Reise über das Gebirge, und prüfte von 400 zu 400 Toisen Höhe den
Puls der ganzen Geselschaft, aber sobald man sich nur etwas vom
Steigen erholt hatte, war keine Veränderung zu bemerken, und er fand
dasselbe, was Bonpland auch in Quito wahrgenommen hatte. (Über
Roulin’s Reise Siehe Magendie Journal de Physiologie.)

Wie gros die Hize sei welche der Mensch ertragen könne, zeigen
uns schon die Dampfbäder, in Mexiko Themaskalen genant, doch
hat man auch andre Versuche. Schon 1764 sperte der Naturforscher
Tilet ein Mädchen 10 Minuten in einen Ofen von 105° R. wo Kartoffeln
neben ihr siedeten, ohne dass es ihrer Gesundheit schadete.

In England machten Banks, Solander, Blakstone und der Captain
Phips (nachher Lord Mulgrave, der von seiner arktischen Expedizion
wo er 30° R. in der Kälte ausgehalten, nach England in das Schwizbad
ging) an sich selbst Versuche, und sperten sich mehrere Minuten
in einen Ofen von 102° R. Sie musten in hölzernen Schuhen gehn,
Eier wurden in 15 Minuten hart, und Wasser war im höchsten Sieden:
dennoch fühlten sie diese hohe Wärme nicht: ihre thierische
Wärme wurde nicht um 1,5° R. vermehrt, die Pulsschläge nahmen
aber auf eine unerhörte Weise zu. Wenn man sich in einer Taucherglokke
hinabläst, und auf hohe Gebirge steigt, so verändert sich der
Barometerdruk sehr bedeutend; im ersten Falle habe ich einen Druk
von 60 Zollen, im 2ten von nur 13¼ Zoll ausgehalten ohne Schaden
für die Gesundheit. Bedenkt man, dass der Mensch 40° R. Kälte
und +105° R. Wärme aushalten kann, so ergiebt sich ein Unterschied
von 145° R. Die Eskimaux, welche 5–6 Monate lang eine Kälte
zwischen 30 bis 34° R. haben, sind ein sehr fröhliches Volk, welches
die Flexibilität der menschlichen Natur durch die Willenskraft genugsam
bezeugt.

60. Vorlesung, 24. April 1828

Kein Gegenstand ist mit einer grösseren, man kann sagen, mehr
gehässigen Lebendigkeit behandelt worden, als die Geschichte der
Menschenracen, und man hat Sachen hier hineingemischt, die den
historischen Untersuchungen fremd bleiben solten. In neuer Zeit
ist man auf einen besseren Weg geraten. Die Untersuchungen
über die Völker des innern Asiens haben auch über Europa Licht
verbreitet.

Wenn man früher das Vorgeschichtliche verwechselt hat mit den
einfachen Beobachtungen der Erscheinungen: so werden wir uns
besonders bemühen müssen beides zu trennen, und daher 1, den
blossen Kausalzusammenhang in den Erscheinungen nicht verwachseln
2, mit der physischen Geschichte der Menschenracen; eben so wie Geologie
und Geognosie streng geschieden werden müssen.

Wir haben gesehn, dass die Flexibilität der menschlichen Natur nicht
von der grösseren Blutwärme oder von der Eigenschaft herrührt, sich
eine eigne Temperatur zu bilden, sondern von der Intelligenz, die sich
als Willenskraft ausspricht, und dass die ungebildeten Völker am wenigsten
Biegsamkeit haben. Die Missionare in Südamerika wissen
sehr wohl, wie gefährlich es ist, die Waldindianer in die Ebne zu verpflanzen
: denn es sterben 60–70 Prozent davon. Wenn man sieht,
dass die Neger aus Afrika welche durch die Grausamkeit der Europäer
nach dem neuen Kontinent geschlept werden, hier sehr gut ausdauern
, so liegt dies nicht an der grösseren Flexibilität ihrer Natur
, sondern daran, dass oder ¼ von ihnen auf der Überfahrt
sterben, also kommen schon die an sich stärkeren nach Amerika hin.

Man hat lange geglaubt, dass die Menschen allein Stimmwerkzeuge
zu einer artikulirten Sprache haben. Camper war der Meinung,
dass der Larynx der Affen von dem der Menschen verschieden sei.
Einige wilde Völker behaupten, dass die Affen leise unter sich sprechen,
weil, wenn die Menschen es hörten, man sie zur Arbeit zwingen
würde. Es ist aber gewis, dass sie stumm sind, nicht weil ihr Larynx
anders gebaut ist, sondern weil sie sich nichts zu sagen haben, wie
der geistreiche Verfasser der Monographie der grünen Affen sehr richtig
bemerkt: Rudolphi’s anatomische Untersuchungen haben gezeigt
, dass es nicht an den Sprachwerkzeugen, sondern an der mangelnden
Intelligenz liegt. Es giebt zwar einen Urtypus für jede Klasse von
Pflanzen und Thieren, aber das, was die Menschheit eigentlich karakterisirt
, ist im geistigen zu suchen. Die Merkmale im physichen
sind: das Übergewicht des Gehirns im Verhältnis zur Dünnigkeit
der Nerven, die Bestimmung zum aufrechten Gange; Die Capacität
des Schädels im Verhältnis zur Antliz, der Schädel ist beim
Menschen überwiegend: die Beis-, Kau- und Geruchsorgane sind nicht
so sehr entwikkelt. Bei den Thieren veranlast die grössere Ausbildung
des Unterkiefers das Zurüksinken der Stirn, und dies führt uns
auf die Kampersche Gesichtslinie, die bei den Hellenen, Zirkassiern
und Georgiern (die wir fast nur spielend Kaukasier nennen) 80 bis
85° beträgt. Da alle Völker ihre Lieblingsbildung zu idealisiren
pflegen, so finden sich auch bei den Antiken Gesichtslinien, die nicht
in der Natur existirt haben. Die Gesichtslinie der Neger beträgt
70°, die der Neuseeländer im stillen Meere nach Lesson und Garnaux
65°. Sömmering fand sie bei keinem Affen über 58°, beim
Chimpanse oder Jokko 50°. Dass sie beim Orang Utang 65° betragen
solle, ist ein Irthum.

Als einen karakteristischen Unterschied des Menschen hat man
es angegeben, dass ihm der Intermaxillarknochen fehle, der die
Schneidezähne enthält: allein bei einigen Affen fehlt er auch,
welche statt dessen Suturen haben, grade wie die Suturae spuriae
im Munde des Menschen. Die neuen schönen Untersuchungen
darüber zeigen, dass wo diese Suturen fehlen, sie durch die
Struktur der Lamellen angedeutet werden, wenn man den Knochen
zersägt. Bei den tieferen Klassen treten die Knochen an
die Stelle der Suturen.

Mekel in Halle fand, dass beim Neger die Nerven des 5ten
Paares allemal dikker sind. Diejenigen, welche sich freuen, wozu ich
nicht gehöre, dass die Neger etwas thierisches an sich haben, werden
hier den thierischen Karakter ganz deutlich ausgesprochen finden.

Die mehr ausgedrükte Existenz eines Kinnes, durch das Hervortreten
des Unterkiefers veranlast, ist kein hinlänglich-unterscheidendes
Merkmal für den Menschen; eben so wenig, wie
die regelmässige Anwesenheit des Hirnsandes, der sich auch
beim Damhirsch findet. Auch sie schiefe Lage des Herzens
ist nicht karakterisirend genug. Die grössere Ausbildung der
Nase findet sich auch bei dem Rüsselaffen, Simia rostrata,
der eine sehr entwikkelte Nase hat. De la Metherie behauptete
daher, dass die Affen, wenn sie sich schnaubten, auch eine
Nase haben würden, wie Lamark, dass Sumpfvögel, um sich
nicht zu benezen, so hohe Beine hätten; obgleich diesen paradoxen
Behauptungen etwas wahres zum Grunde liegt, dass nämlich der
häufige Gebrauch der Organe ihre grössere Ausbildung herbeiführt.

Nicht blos lieblos, sondern auch der Untersuchung fremd ist
die von einigen Forschern angenommene Stufenleiter der Humanität
. Meiners in Göttingen nahm gar eine volkomne und unvolkomne
Menschenrace an. Zu der lezten rechnete er die Neger,
und doch giebt es kein Beispiel von anthropofagen Negern, wohl
aber von weissen Racen. So steigt er mehrere Stufen aufwärts
, und komt nach und nach zu sich selbst, der volkomnen
kaukasischen Race.

Zwei Affenarten stehn dem Menschen sehr nahe:

1, der Orangutang, über dessen Existenz lange Ungewisheit herschte
, bis man jezt zu der Überzeugung gekommen ist, dass dieses
sanfte Thier nichts ist als ein junges Individuum eines sehr
bösartigen Affen. Marsden hat gezeigt, dass in den malayischen
Sprachen Orang, verständig bedeutet, und auf den Menschen und
Elephanten angewendet wird; Utang, sylvestre. In neuern Zeiten
hat man sie lebendig nach Europa gebracht: sie haben einen sehr zarten
Körperbau, und werden nur 35–36 Zoll hoch; im Lande selbst mögen
sie vielleicht 4 Fus erreichen. Überhaupt habe ich bemerkt, dass
je mehr man sich den Ländern naht, in denen die Affen wohnen,
um desto mehr hören die Mährchen auf, die man sich wie Jagdgeschichten
von ihnen erzält. Doch sagte man nur in Südamerika
selbst, dass die Affen beim Maisstehlen einen Knoten schürzen
, was den Gebrauch des Daumens vor aussezen würde. Da die
Affen 4 Hände haben, und die gröste Zeit ihres Lebens nicht
gehn, sondern klettern, so entsteht bei ihnen ein Anschein von
Handlungen, denen wir Intelligenz zuschreiben. In England
sah ich einen Orangutang, der krank war, und sonderbar genug,
die Arznei sehr gern trank: als die Medizinflasche umgefallen
war, und auf dem Tische hin und her oszillirte, hielt er seinen
Daumen vor, so lange bis sie stillstand. Tilesius zeigte
zuerst, dass alle Orangutang-Schädel in unsern Museen jungen
Thieren angehören. Cuvier und später Rudolphi (in einem eignen
Mémoire in den Schriften der Akadémie) bewiesen, dass das kleine

zarte Thier mit einem klagenden Ausdruk in den Augen zu einem häslichen

hundsartigen Affen wird. Man hat man auch gefunden,
dass junge Paviane kugelrunde Köpfe haben wie Kinder, aber
nach wenigen Jahren tritt die Stirn zurük. Der Orang-Utang
wird wahrscheinlich zum asiatischen Pongo mit schreklichen
scharfen Zähnen.

2, der Jokko, Simia troglodytes den man in den Kolonien
so weit gebracht hat, dass er bei Tische aufwartet, auch Thee
und Kaffee trinkt. Er ist im Körperbau nicht so sehr dem
Menschen ähnlich, als der Orang-Utang. Der Gibbon hat beinahe
gar keine Stirn, und der ganze Leib ist mit Haaren besezt.

Meiners macht bei seinen Menschenracen noch die sonderbare Eintheilung
in slavische und nicht-slavische Völker, die ersten gehören
zu den unvolkommen Racen.

Ob es eine oder mehrere Spezies von Menschen gebe, ist eine Untersuchung
, die seit 70–80 Jahren am lebendigsten betrieben worden
ist: allein schon Leibnitz hat damit eine andre Untersuchung: die
über die Verwandschaft der Sprachen verwechselt, und dies ist ein
sehr trügliches Kenzeichen. Auch das verdienstvolle Werk: der Mithridat
von Adelung und Vater vermengt diese beiden Untersuchungen welche
ganz getrent bleiben solten. In neuen Zeiten haben die Forschungen
über die Völker zwischen dem Aral-See und der chinesischen Mauer
von Abel Rémusat und 2 Werke von J. Klaproth: Asia polyglotta
und Tableaux de l’Asie pp. viel Licht verbreitet. Für das Sprachstudium
haben Bopp, Schlegel und mein Bruder sehr viel gethan. Über Meder
und Assyrer hat Herr St Martin, der mit Grotefend die Keilschriften
entzifferte, viel Verdienst: einzelne Fragmente seiner Forschungen
finden sich in Balbi’s Sprachkatalog.

Die Griechen unterschieden von den Menschen nur Eingeborne und Eingewanderte
. Herodot kent in Afrika nur 4 Stämme: 2 Eingeborne: die

Libyer im Norden, und die Aethiopen im Süden, und 2 fremde: die

Phönizier und die Hellenen: In Afrika haben aber 3 oder 4 mal Einwanderungen
von weissen Racen Statt gefunden. 1, aus Persien und
Medien, ein Stamm der nachher mit den Numidern und Garamanten
zusammenschmolz. 2, die Hyksos, ein arabischer Stamm; blond und gelblich-weis
, im Gegensaz zu den brauneren Aegyptern: dass sie aus
Arabien und nicht etwa den Nil herunterkamen, zeigt schon der Name
Hirtenkönige, der nur auf die Araber als Nomaden past. 3, die eigentliche
Völkerwanderung im 4–5 Jahrhundert, wo Vandalen sich
in Karthago niederliessen, die sich noch jezt auf den Höhen des Atlas
als Kabilen finden. Im Agricola ist eine merkwürdige Stelle über
die alten Gallier und Britannier: cap. 11. Habitus corporum varii, atque
ex eo argumenta: namque rutilae Caledoniam habitantium comae,
magni artus, Germanicam originem adseverant. Silurum colorati
vultus et torti plerumque crines, et posita contra Hispania,
Iberos veteres trajecisse easque sedes occupasse, fidem faciunt: proximi
Gallis et similes sunt: seu durante originis vi, seu, procurrentibus
in diversa terris, positio coeli corporibus habitum dedit.

Die Idee von der Einheit des Menschengeschlechtes ist erst durch
das Christenthum aufgekommen, das die Menschen einander mehr
genähert hat, und die Behandlung der Sklaven sehr verbesserte.
Als Amerika entdekt wurde, entstand die Frage, ob die dortigen
Menschen, als Waldmenschen thierischer Natur seien: denn es
gab keine Hirtenvölker bei ihnen, wegen des Mangels an Hausthieren
, sie waren nicht darauf verfallen, den Bison, der jezt als Hausthier
benuzt wird, zu zähmen, um seine Milch zu trinken. In
China ist so sehr alle Spur des Hirtenlebens verwischt, dass man

im Innern nicht einmal den Gebrauch der Milch kent. Abel Rémusat und
Klaproth fanden nie die Milch in chinesischen Büchern angeführt. Eben

so ist es in Amerika, und nicht allein aus astronomischen Denkmälern
, sondern auch aus dieser Milchscheu kann man schliessen, dass
in früheren Jahrhunderten ein grosser Verkehr zwischen Asien und
Amerika Statt gefunden habe. Gegen die Ansicht, dass die Amerikaner
thierischer Natur seien, wurden mehrere Bullen der Päpste gegeben
, und die Einheit der Natur vom päpstlichen Stuhle herab proklamirt
. Im 15ten und 16ten Jahrhundert nimt die Sklaverei zu; die Guanchos
von den kanarischen Inseln, die Karaiben und Neger werden
auf die Sklavenmärkte von Amerika geschlept: dadurch die plözlich
gewekte Handelsindustrie einiger europäischen Völker.

Von den beiden Fragen:
ist die 2te rein historisch, und mus eignen Untersuchungen vorbehalten
werden.

1, Welche Verschiedenheit des Körperbaus bieten die Menschen dar?

2, Wie sind sie auf dem Erdboden vertheilt?

Die grosse Verschiedenheit, welche uns der Körperbau der Menschen
darbietet, kann auf 2erlei Art entstanden sein:

a, indem ein Urtypus durch Degénérazion verändert wurde,
dies sehn wir bei den hybriden Pflanzen, der Fragaria monophylla pp.

b, indem mehrere Typen gleichzeitig entstanden sind.

Im ersten Falle ist von Pallas, Prichard und andern angenommen
worden, dass die schwarze Farbe die ursprüngliche sei, nach der
Analogie, dass wilde Thiere lichter werden, wenn man sie in Hausthiere
umwandelt, und nach ihnen wäre die schwarze Menschenrace die
ursprüngliche, und aus ihr die weisse durch Zivilisazion und Kultur
entstanden. Dies Resultat wird unter den weissen Menschen
wenig Beifall finden, eben so wenig als das entgegengesezte unter
den schwarzen Völkern. Denham erzälte mir oft von dem ekelhaften
Eindruk, den seine proeminente Nase im Innern von Afrika hervorgebracht
habe. Die Frauen hatten beim Anblik seiner weissen Gesichtsfarbe
Übelkeiten bekommen: er versicherte mich, dass er
nicht Philosoph genug gewesen sei, um sich darüber hinwegzusezen
, und dass die beständigen Übelkeiten, welche sein Anblik
bei den Weibern erregte, zu den unangenehmsten Erinnerungen
seiner Reise gehöre.

Jedes Volk sucht freilich den Typus der Schönheit in seiner
eignen Organisazion: aber es mus doch einen Urtypus der Schönheit
geben, der auf das Ebenmaas der Theile und den Ausdruk der
Seele begründet, von den Menschenstämmen unabhängig ist, und einem
höheren Ideenkreise angehört. Der schwarzen Farbe fehlt der zarteste
Ausdruk der Seele, das Erröthen; zwar bemerkt man etwas davon bei
den Negerfrauen aus Kongo, es ist aber nur eine schwache Andeutung
. Bei den Negern zeigt sich Frischheit und Gesundheit grade
durch ein tieferes Schwarz. Sobald sie krank werden, bleicht sich
die Hautfarbe.

Der Streit über die Menschenracen kann eben so wenig geschlichtet
werden, als der über die Sprachen und die Schriftzüge: wenn man
Gewalt anwendet, so kann man allerdings alle Sprachen und Schriften
auf einen Urtypus zurükführen: aber Crawfurd fand allein in
der Südsee und im indischen Archipel eine grössere Menge
von Schriftzeichen, als es überhaupt Sprachen giebt. Eben so kann
man alle Sprachen für die Trümmer einer Ursprache halten,
und in allen Wurzeln Ähnlichkeit und Übereinstimmung finden.
Die Vaskische und zeltische Sprache hat man lange für die ältesten
gehalten, ohne einen Grund dafür zu haben.

In einer physischen Weltbeschreibung können wir blos die klimatische
Vertheilung der Sprachen und Menschenstämme berüksichtigen
. Das , was für Christen und Muhamedaner eine Quelle
des Glaubens ist, mus der Naturforschung fremd bleiben.

Wir haben keine Gründe, die Einheit der menschlichen Natur absolut
zu läugnen: vielmehr scheint sie sich durch Übergangsformen
zu offenbaren, so wie es von den verschiedenen Thierklassen, die dem
Menschen überall hin gefolgt sind, und sich mit ihm verändert haben,
den Hunden und Rindern, auch einen Urtypus gegeben haben mus.
Dagegen haben wir oben gesehn, dass in historischen Zeiten die Fragaria
monophylla und eine Art Siringa neu entstanden sind: eben so
weis man noch das Jahr, wo in Pensylvanien Connecticut ein Schaaf mit gekrümten
Vorderfüssen entstanden ist:

Anconsheep. Abh.
v. Humphries

es war ein junger Bock, der geworfen
wurde, und sich nachher fortpflanzte. Diese neue Race ist jezt auch
in England verbreitet, und man hat sie darum gern, weil sie nicht
über die Zäune springen. Everard Home’s Untersuchungen zeigten
die Möglichkeit der Degenerazion menschlicher Typen.

61. Vorlesung, 25. April 1828

Schon das Wort Race muste bei diesen Untersuchungen auf eine Vermengung
hinleiten, da es, von den Thieren hergenommen, den Begriff
der Abstammung involvirt, und man komt in Versuchung, auf Forschungen
dieser Art das Wort des alten französischen Philosophen
Montaigne anzuwenden: der Mensch irret leicht, weil er viel Neugierde
, schlechte Augen, und einen beschränkten Gesichtskreis hat.
Das Zusammentreffen mehrerer Karaktere kann allein zur zwekmässigen
Aufstellung von Gruppen führen, wie man sie jezt in der
Zoologie und Botanik angenommen hat.

Es ist eine eigne Erscheinung, dass die Zeit der Pubertät in den verschiedenen
Zonen selbst bei denselben Völkerstämmen verschieden ist: die Zeit
der Gestazion aber überall genau dieselbe.

Schon die Alten kanten die Vermischung der Racen z. B. bei den
Libyern und Phoeniziern, Eingebornen und Freindlingen, voraus die
Libophoenizier entstanden, ganz wie unsere Mestizen in Amerika.

Alles, was wir über de Abstammung von einem Paare bei allen
Völkern erfahren, bezieht sich auf Lokalmythen, und kann uns nicht
als etwas allgemeines gelten.

Schon die alten Philosophen unterschieden den Urtypus von der
Einwirkung des Klima: est durans origins vis. Tacit. Agricola.
Bei der Verachtung der Alten gegen alle Fremden oder Barbaren, ist
es kein Wunder, dass sie uns in volkomner Unkentnis der fremden
Sprachen gelassen haben.

Es gab ganze Familien mit 7 Fingern. Bilfinger und Maupertuis.

In Ungarn kömt noch jezt ein Hausschwein mit ungetheilten Hufen
vor, von dem schon Aristoteles sagt, dass es in Kleinasien sich finde.
Syringa (chinensis) Marli

Die Siringa Varin zwischen der Syringa persica und vulgaris, entstand
vor 20 Jahren in Rouen im Garten des Herrn Varin, von dem sie benant wurde.

Dass die Typen feststehn, sieht man daran, dass Neger, wenn sie
nach dem Norden kommen, und Weisse, wenn sie nach Süden gehn, alle
ihre Karaktere beibehalten. Die Erzählung von Portugiesen, welche
in Angola schwarz geworden sein sollen, ist eine Fabel. Einige Philosophen
haben die sonderbare Meinung, dass alle Neger mit einer beständigen
Leberkrankheit behaftet wären, wodurch das schwarze
Pigment auf dem Malpighischen Netze niedergeschlagen würde.
Allein Thénard’ und Dupuytren’s Versuche haben gezeigt, dass in
den ikterischen Krankheiten keine Galle abgesezt wird.

ἴκτερος, Gelbsucht.

Dass das Klima keinen vorherschenden Einflus habe, sieht man an den
Pescherä’s des Feuerlandes von kaum 4 Fus Höhe, neben den kolossalen
Patagoniern von 5 Fus 6–8 Zoll, den Karaiben am obern Orinoko, einem
sehr schönen Menschenstamme nicht unähnlich. Die Hottentotten
haben nach Lichtenstein nur 4 Fus Höhe, und leben neben den schlanken
und schönen Kaffern. In Schottland sind die Lowlanders blauäugig
und blond, die Highlanders schwarzäugig wie alle Kelten.

Da wir am meisten auf die Extreme aufmerksam sind, so würden
wir ohne die Neger vielleicht gar nicht auf die Idee von den
verschiedenen Menschenracen gekommen sein. Bei den Thieren sehn
wir, dass genau dieselbe Spezies ganz verschiedene Farben hat, dass also
bei ihnen das Pigment der Haut nicht von der Wichtigkeit ist, wie bei
uns. Die Hauptunterschiede der Racen hat man gesucht:

1, in dem Pigment der Haut.

2, in den Haaren.

3, in der Richtung der Kamperschen Gesichtslinie.

4, in den Sprachen.

Nach dem Pigmente der Haut hat man die Menschen getheilt in
weisse, gelbe, rothe, schwarze. Bei den Griechen, wenn sie nach
Kanopus hinüberschiffend durch Aegypten nach Nubien kamen, muste
die Idee entstehn, dass nach dem Aequator zu die Farbe der Haut
immer dunkler werde. Alexanders Expedizion trug noch zu dieser
Meinung bei; doch warfen Aristobulos und Oneisikritos schon die Frage
auf, warum die östlich wohnenden Inder nicht so dunkel wären, als
die westlichen. Man hat jezt gefunden, dass in Indien einzelne Kasten
schwärzer sind, als die andern, und zwar nicht blos die niederen,
zur Arbeit verdamten: Alexander fand schwarze Ichthyophagen im
Süden von Iran am persischen Meerbusen. Plinius sagt: dass die Menschen
von der Sonne gefärbt werden; Buffon: l’homme porte la
livrée du climat.

Nach den Haaren hat man die Menschen getheilt 1, in solche mit
schlichten Haaren. Dies sind die Amerikaner, wo die Haare beständig
benezt zu sein scheinen, so glatt hängen sie herab. 2, mit lokkigen
Haaren, dies ist die kaukasische Race. 3, mit krausen, wolligen
Haaren, die Neger: allein in allen 3 Stämmen giebt es Ausnahmen.

Nach der Kamperschen Faziallinie glaubte man am besten die
Menschenähnlichkeit der Affen, und die Affenähnlichkeit der Menschen
zurükweisen zu können. Wenn man von den obern Schneidezähnen
eine Linie nach der Stirn, eine andre nach dem Ohre zieht,
so giebt die Grösse des Winkels das Maas für die höhere oder
niedere Stufe der Menschenklasse. Man hat kürzlich einige Köpfe
von Neuseeländern erhalten, deren Gesichtswinkel nur 68–65°
betrug: dies können aber Ausnahmen sein, von denen man nicht
auf das ganze Volk schliessen darf.

Nach den Sprachen glaubten schon die Alten die Völker klassifiziren
zu müssen. Aus dem Herodot ist die Geschichte des Psammetich
bekant, der das Experiment mit den neugebornen Kindern
machte: dar Wort βέκος ist aber nicht phrygisch, sondern semitisch.
Ich beziehe mich auf die Untersuchungen meines Bruders über den
Zusammenhang aller Sprachen auf der Erde in einem noch ungedrukten
Werke.
Es kann uns hier genügen, mit Cuvier 3 grosse Abtheilung anzunehmen

. Buffon machte 7, welche Blumenbach nachher auf 5
reduzirte. Cuvier nimt eine weisse, gelbe und schwarze Race an.

1, bei der weissen Race ist die höchste Zivilisazion des Abendlandes
, die edelsten Werke der Denkkraft, die schönsten Gebilde der
Kunst. In ihr haben sich 3 Religionen gebildet: die Mosaische,
das Christenthum und der Islam. Sie hat die Typen ihrer Schönheit
in den Zirkassiern und Georgiern, früher in den Hellenen.
Der Name: kaukasische Race ist nicht glüklich gewählt. Die
jezigen Bewohner des Kaukasus ausser den Osseten, sind mit
den Lappen und Finnen verwandt, wie die Alanen und Meder.
Die grosse Menge der Völkerschaften im Kaukasus ist nicht etwas
ausserordentliches: denn in jedem Gebirgslande, dass eine grosse Heerstrasse
der Völker bildet, sind einzelne Stämme sizen geblieben.
So giebt es in Mexiko, dem Kaukasus des neuen Kontinentes, 40
verschiedene Sprachen. Wenn in der alten Welt der Völkerstrom von

Osten nach Westen so nahm er in der neuen seinen Weg von Norden nach Süden.

Vom Gilastrom gingen die Azteken aus. Den Übergang über den
Isthmus von Panama können wir nicht historisch nachweisen, wir
können den Zug nur bis Nicaragua verfolgen.
Den Namen Kaukasier kann man nur gelten lassen, wie in der Botanik

den Namen Rosaceen um Citrusarten. Die Einwanderungen aus
Asien gingen nicht durch den Kaukasus, sondern nördlich und südlich
davon weg. Zu den Kaukasiern gehören alle Europäer, die Magiaren, (Ungarn
) Lappen und Tschuden. Einzelne Gruppen lassen sich leichter
herausheben.

In Europa findet sich die kleinste Masse von Völkern, kaum 5 oder 6.

In den slavischen Sprachen hat man jezt Ähnlichkeit mit dem Sanskrit

gefunden: das lettische stamt so unmittelbar daraus her, als
das griechische: dennoch müssen wir Slaven und Kelten unterscheiden
. Vom Westen anfangend, finden wir zuerst die Vasken (Iberer),
Kelten, durch Vermischung von beiden Keltiberier) Germanen, Finnen,
Tschuden (unter denen die Ungarn ein sehr schöner Menschenschlag
sind.) in Italien ein altes Gemisch von Hellenen, Oskern, Tyrrhenern
und Etruskern: endlich Slaven und Letten, die nach Preussen einwanderten
. Siehe Vogt Geschichte von Preussen. Tschuden und Finnen nent
man auch wohl einen uralischen Stamm, weil man nach den alten
Träumereien alles auf die Gebirge zurükführen wolte, auf denen
(bei der aus den sinkenden Wasser abtroknenden Erde,) die ersten
Menschen sich wieder vorfanden. Zu den Tschuden gehören die
Hunnen, welche De Guignes noch fälschlich für die Hiognu hält,
da doch leztere, die sich selbst Tis nennen, von türkischem Ursprung
sind. Diese Hunnen geben uns durch ihre Verheerungen
freilich keine gute Idee von den Tschuden. Dionys. Periegetes
nennen sie zuerst: Οὔνοι. Jornandes sagt von ihnen: oculi eorum,
sicut puncti. Der Bischof v. Clermont, Sidonius v. Apollonia
im 5ten Jahrh. erwähnt, dass sie nasenlos wären. Die Mütter
verdrükken nämlich den Kindern die Nasen, damit das Helmvisier
bequemer übergezogen werden könne. Die Hunnen sind
nicht mit den Mongolen zu verwechseln, auch gränzen sie nicht
einmal aneinander sondern die Türken liegen dazwischen.
Zu den Finnen gehören die Magiaren oder Ungarn, aber wahrscheinlich
mit Türken gemischt, welches allemal die Racen
verschönert hat; in Indien findet man sehr schöne Gemälde
des grossen Moguls. Ferner rechnen die systematisirenden
Philosophen zu den Kaukasiern noch die Türken, Abyssinier,
Inder, Araber und Perser, welches freilich eine sehr weite
Gränze für diese Abtheilung stekt.

62. Vorlesung, 26. April 1828

Zu der kaukasischen Race gehören 440 Millionen Menschen,
wovon ¼ indischen Ursprungs. Die südlichen Araber, dem aramäischen
Stamme angehörend, leiten sich selbst von Kusch, dem
Sohne des Cham ab; wie Hanssen neuerlich in seiner historia
Jemani bewiesen hat. Die Japhetitischen Stämme der Bibel
erinnern an die Japetiden der Griechen.

Die Sprachfamilien von Europa sind nicht zahlreich. Wer
alle europäischen Sprachen lernen wolte, würde doch nur 8 oder
9 ganz verschiedene vor sich haben; oder eigentlich nur 3; nämlich

: 1, das Vaskische (Iberische)

2, den Sanskritischen Stamm.

3, das Finnische.

Man hat gefunden, das die keltischen Sprachen in der grammatischen
Form (welche ein weit besseres Merkmal ist, als
die Wurzeln) mit dem Sanskrit Ähnlichkeit haben.

Will man 9 Sprachen annehmen: so hat man folgende, vom
Westen anfangend:

1, das Vaskische, die Sprache der Eskoaren, wie sie sich selbst
nennen, jezt nur noch 700,000 Köpfe, von denen die Mehrzahl
auf den Philippinen und in Mexiko angesiedelt
sind. Sie scheinen früher das ganze Bekken des Mittelmeeres
umwohnt zu haben, wie man aus vielen Namenähnlichkeiten
schliessen kann. So ist Astura in den pontinischen Sümpfen
rein vaskisch.

Zu den Vasken gehören die Turgetaner, welche eine grosse
leider untergegangene Litteratur besassen.

2, das Keltische oder Galische, dem Kimbrischen verbunden,
wie es noch in Schottland, Irland, Wales von Million
Menschen gesprochen wird.

3, das Germanische von 60 Millionen Menschen gesprochen.

4, das Slavische, von 70–72 Mill. gesprochen: im östlichen
Europa fängt es vom adriatischen Meere und von den
Gränzen von Tyrol an, geht hinauf bis gegen die Ostsee;
durch das nördliche Asien nach West-amerika bis an
die Gränzen der Republik Mexiko.

5, das lettische, von dem tschudischen oder uralischen
Stamme gesprochen, den man fälschlich den germanoslavischen
genant hat. Valer, Vogt und kürzlich v. Bohlen
zeigten den Unterschied zwischen dem lettischen und slavischen.
Das lettische in Preussen wurde früh unterdrükt: schon

1309 gab der Grosmeister Siegmund von Feuchtwangen ein
Dekret, die Sprache auszurotten.

6, das finnische oder tschudische, wird in Rusland gesprochen
, dann von den Magiaren oder Ungarn.

7, das romanische von 75 Millionen Menschen gesprochen, die
man das lateinische Europa nent.

8, das hellenische, es mus hier die neuste Entdekkung angeführt
werden, dass die jezige albanesische Sprache einer
der ältesten griechischen Dialekte ist, dem äolischen am
meisten verwandt.

9, das semitische, wenn man die Sprache der Malteser
mitzählen will, die sehr korrumpirt ist.

Nach neuen Forschungen geben die chinesischen Geschichtsbücher
die Ursachen der Völkerwanderung viel früher an,
als gewöhnlich. 200 Jahr vor Chr. wohnte ein indo-germanischer
Stamm zwischen der chinesischen Mauer, dem
Baikal-see und Kaschgar: sie hiessen U-sün oder
chinesisch Tin-lin, und wurden durch chinesische Gesandschaften
gereizt, auf die Hio-gun oder Hunnen zu
fallen, welche nachher die Völkerwanderung veranlasten, die
sich wie ein Strom v. Ost nach West über Europa wälzte.

Die Kirgisen, ein blonder Stamm, die sich Hakkas nennen
, und bis zu den U-sün hinaufreichen, sind Urheber
der sonderbaren Inschriften zwischen dem Jenisei und
Obi, die mit den Runenbuchstaben Ähnlichkeit haben:
das Volk spricht jezt türkisch, zum deutlichen Beweise,
dass die Stammverwandschaft nicht die Sprache bedinge;
eben so findet man in Transoxiana persisch-sprechende
Bukharen. Noch auffallender ist die Entdekkung von
Abel Rémusat, dass man lange vor Christus im Norden
des Himālăyă in der Gegend von Khoten und Kaschgar
(also bis tief in Mittel-asien) ein so reines Sanskrit
geredet hat, wie in Bēnărĕs.

Zu der zweiten, der gelben Menschenrace zählt man
400 Mill. Menschen. Mongolen, Chinesen, Japanesen und
Malayen. Diese Race hat die grösten Reiche gegründet;
das des Attila, Dgengiskan, Tamerlan, und das jezige chinesische
, nach dem russischen das gröste. Mongolisch und
tatarisch sind identisch, wie man früher annahm, und jezt
wieder nachgewiesen hat, aber in einer Zwischenzeit wurden
von Schlözer und Meiners die beiden Sprachen einander entgegengesezt.
Als die Mongolen im 13ten Jahrh. Rusland und Polen erobert
hatten, und bis Schlesien vordrangen, wurden sie 1241 von
Herzog Heinrich dem Frommen bei Wahlstadt geschlagen.
Damals schrieb der Heilige Ludwig an seine Mutter und
sagte, wenn man diese Tataren nicht: ad tartareos sedes
zurükjagte, so würde alles verloren sein. Durch dieses
Wortspiel kam der Name: Tartaren auf; so wie in
Amerika die Kannibalen aus dem Worte Kariba gebildet
worden sind, weil einige Stämme das r und n verwechseln
: daher spricht der Kardinal Bembo von ihrer:
rabies canina, Menschen zu fressen.

Dgingiskan mit seinen Mongolen hatte auch viele türkische
Völker in seinem Heere, welche die Khanate von Kasan
und Astrakan besezten; darum heissen sie noch jezt Tataren,
und werden erzürnt, wenn man sie Mongolen nent.

Die dritte oder schwarze Varietät findet sich nicht blos im
Sudan von Afrika, sondern auch von den Andama-inseln
bei Zeylon anfangend, durch Haraforas nach dem Innern
von Malakka (Man hat neuerlich gefunden, dass die Papus
von Neu Guinea nur das Littorale bewohnen, im Innern wohnt
ein anderer Stamm, die Erdamenen den Neu-Holländern
nicht unähnlich). Die Bewohner von Van Diemensland sind auch
sehr schwarz.

Man glaubte früher, dass schwarze Haut, Wollhaar und platte
Stirn sich zusammenfänden: allein dies ist gar nicht der Fall.
Die Jolof-neger aus dem Innern von Afrika sind ganz schwarz,
haben aber dünne Lippen und europäischen Nasen. Ich war so
glüklich, einige davon in Amerika zu sehn. Die Fullahs und
Timbos sind so blas, dass man sie mit den Arabern verwechseln
könte, haben aber Wollhaar und gedrükte Stirnen. Die Kaffern
haben europäische Nasen und Wollhaar. Die Neuseeländer,
deren Fazialwinkel nur 68–66° beträgt, sind wenig schwarz, haben
aber Wollhaar, dabei europäische Nasen. Wenn man einen Meridian
, durch die Spize von Neu-Guinea zieht: so ist westlich alles
schwarz, östlich aber wohnen die schönen Malayen.

Die Tuariks und Tibboos im östlichen Theile der Wüste
Sahara könte man für die alten Atlanten halten: sie theilen
sich in Stämme, von denen einige ganz schwarz, die andern
beinahe weis sind. Die Nigritos, welche das Innere der Philippinen
bewohnen, sind vielleicht Malayen.

Sehr unglüklich war es für Lapeyrouse, dass sein Schiff
grade unter der bösartigen schwarzen Race scheiterte, welche
ihn und die ganze Equipage niedermezelte, 10–20 Meilen
weiter würde er auf den Tonga-inseln oder andern die freundlichste
Aufnahme gefunden haben.

Die schönsten Bewohner der Südsee sind die von Neu Karolina
und den Mulgrave’s inseln. Die Schädel, welche man
in Paris hat, sind der mongolischen Race ähnlich.

In Polynesien kann man 3 Racen unterscheiden:
1, die nördliche, schöne Race.

2, die westliche schwarze in Neuseeland.

3, die östliche der Malayen auf den Geselschaft- und Freundschaftsinseln
.

Die Amerikaner sind sehr abgeschlossen, und obgleich diese Race,
welche vom 60° Nordbreite bis nach der Magellanstrasse hin wohnt sich
in viele Unterabtheilungen spalten läst, so haben doch alle
eine gewisse Ähnlichkeit in den grammatischen Formen. Unter
den Amerikanern giebt es sogar Kaukasier, nämlich die
Eskimaux und Grönländer, deren Kinder ganz weis sind, und nur
durch den Schmuz gelb werden.

Blumenbach, dem wir so viel für diese Untersuchungen verdanken
glaubte: die preshaften Polarmenschen: Samojeden,
Lappen und Eskimaux gehörten zusammen: allein sie sind alle
3 verschieden. Die Samojeden wohnen nicht blos im Norden, sondern
auch hinunter bis an die chinesische Gränze. Klaproth
in seiner Asia polyglotta gab ihre verschiedenen Dialekte an;
im Perm-schen Departement findet man weisse und schlanke
Samojeden: daher sind sie vielleicht am ersten den Mongolen
beizuzälen. Eskimaux kamen schon früher nach Europa, und wurden
von einem gallischen Könige dem gallischen Prokonsul Q. Metellus
Celer vorgestelt, als Inder. Den wahren Zusammenhang
fand nicht Malte-Brun zuerst, sondern die holländischen Philologen.

Auch bei den Ureinwohnern von Amerika findet man einen
Unterschied der Farbe. Die Menschenstämme sind so umhergeschoben
, dass die in der temperirten Zone die dunkelsten sind: nämlich
die Mexikaner zwischen 28° und 30° Nordbreite, welche auch schwarze
Bärte haben. Die ganz abgeplatteten Karaiben-schädel in
der Dekas cranium von Blumenbach sind ein Werk der Kunst:
der Kopf der Kinder wird zwischen 2 Bretter geschnürt. Eben
so bildet sich das wellenförmige Muskelfleisch an ihren
Schenkeln, indem man den unglüklichen Kindern lederne Riemen
umlegt. Schon Herodot erwähnt das Modelliren der
Köpfe. Am Norfolksund hat der franz. Capitain Marchand
eine blauäugige Menschenrace gefunden, die nie Gemeinschaft
mit Europäern gehabt. Vielleicht ist sie von den Indo-
Germanen in Asien abzuleiten.
Noch müssen wir von den ungeheuren Habichtsnasen reden, die

sich auf den amerikanischen Denkmalen finden, wogegen die der Familie
des Mithridates auf den parthischen Münzen klein zu
nennen sind. In Guatemala findet sich ein solches Monument,
wo auch die Anbetung des Kreuzes ganz deutlich dargestelt ist. Siehe das
englische Werk: Ancient monuments of Palmeta dessen Kupfer
sehr schön sind, der Text aber voll phantastischer Träume. Coxcox
auf dem Berge Tla-lok, den man dem Noah vergleichen kann, selbst
Eva, die Frau des Fleisches haben diese ungeheuren Nasen, die vielleicht
früher dieser Race eigen waren.

Die hohe Kultur gehört nicht blos der weissen Race zu, die
Mongolen haben Astronomie und technische Künste, so wie
die Chinesen, Inder, Aegypter (die Einwohner von Meroë mögen
schwarz gewesen sein, aber die ägyptischen Mumien, welche man
noch jezt findet, gehören zu den Kaukasiern). Leuchtende
Punkte der Zivilisazion sehn wir in Ostindien, am Euphrat,
in Iran (durch die Pelvi-sprache) in Baktriana (durch die
Zendsprache mit eigener Keilschrift) in Persepolis, (wo bei den
Keilschriften man 3 Sprachen untereinander gefunden hat, von
denen nur eine noch ungewis ist. Die Ziegel vom Thurm zu Babel,
von dem man neuerlich grosse Überreste gefunden, enthalten zwar
Keilschrift, aber nicht in der Zendsprache) in Hellas, bei den Turgetanern
, den Etruskern und Tyrrhenern. Von diesen Kulturepochen
wissen wir, wie von den leuchtenden Himmelskörpern, zwar das Dasein
, aber nicht die relative Entfernung und den Zusammenhang: daher
sind die verschiedenen Alter der Kultur nicht zu bestimmen, und wir
können annehmen, dass nicht sowohl Abstammung als Welt- und
Lokalverhältnisse zur Kultur führen. Bei den Mongolen wo aus
dem Hirtenleben ein stereotyper Despotismus sich gebildet, sehn
wir eine Massenkultur, Bauten von ungeheuren Kanälen, Strassen;
dazu Manufakturen und Fabriken: bei den Hellenen nichts von
alle dem, aber die schönste Blüte der Kultur im einzelnen,
weil den Individuen die meiste Freiheit gestattet war.
ner-eval2html v0.03 (2021-07-04 02:53:39 +0200)